Fernsehsendungen, bei welchen Bücher vorgestellt und besprochen werden, gehören zu Dauerbrennern im ansonst so schnelllebigen medialen Business. Das literarische Quartett war ein Paradebeispiel für ein solches Format.

Nun gibt es ein wesentlich Zeitgemäßeres, eines, das sich eine Frau ausgedacht hat, der man getrost den Beinamen Literatur-Missionarin geben kann. Sie hat ihren Beruf nicht nur entsprechend gewählt, sondern ist darüber hinaus ständig auf der Suche nach altem und neuem Lesenswertem und wird nicht müde, ihre Entdeckungen einem breiteren Publikum bekannt zu machen.

Anna Maria Krassnigg nutzt dafür den Salon5 im Brick-5 in der Fünfhausgasse 5 in Wien. Mittlerweile ist der Salon5 längst aus seinen Kinderschuhen entwachsen und hat das Glück in seinem 6. Bestandsjahr ein unglaublich treues und interessiertes Publikum „sein Eigen“ zu nennen. Die Regisseurin zieht für die Literaturvermittlung alle Register und nutzt jede Möglichkeit, die sich ihr dabei bietet. Sie brennt vor allem für zeitgenössische Schriftstellerinnen und Schriftsteller aber auch solche des 20. Jahrhunderts und weiß geschickt ihren Enthusiasmus aufs Publikum überschwappen zu lassen.

Mit der letzten großen Produktion „Kinder von Wien“ spielte sie bei hoher Auslastung während der Wiener Festwochen ein Stück von Robert Neumann, einem in Wien fast in Vergessenheit Geratenen, der es tatsächlich Wert ist, wieder entdeckt zu werden.

Nun hat sich Krassnigg aber ganz abseits von kostenintensiven, schwerfälligen und aufwendigen Theaterproduktionen etwas ganz Neues einfallen lassen, um ihr Publikum zusätzlich mit ihren Literaturviren zu infizieren. „LiteraTurnhalle“ so nennt sich das neue Format, das am 29.10. seine Premiere feierte. Unter diesem Generaltitel werden noch zwei weitere Abende gestaltet, in welchen Krassnigg mithilfe einzelner Mitwirkender ihres Ensembles unbekannte Bücher präsentiert. Dabei schlüpft sie selbst in die Rolle der Moderatorin und baut in einer zarten, feinen Regie rund um die Hardfacts eine szenische Umsetzung, in welcher auszugsweise so richtig Appetit auf das jeweilige literarische Werk gemacht wird.

Den Auftakt zu dieser spannenden Serie machte die Vorstellung „Triptychon der Künste“ in der drei Bücher von Wilfried Steiner präsentiert wurden. Bekannt ist der Schriftsteller einem größeren Publikum aber eher als künstlerischer Leiter des Posthofs in Linz, verantwortlich für die Sparten Tanz, Theater, Comedy und Literatur.

Der großzügige Raum im Brick-5 – die ehemalige Turnhalle des jüdischen Sportvereins „Makkabi XV“ – von dem auch der Serientitel „LiteraTurnhalle“ abgeleitet wird – war von der Bühnenbildnerin Lydia Hofmann in einen zauberhaften, atmosphärischen Raum verwandelt worden, in dem man sich fühlte, als säße man in einem altvertrauten Wohnzimmer. Die junge Kreative sorgte nicht nur für das besondere Raumfeeling, sondern verwöhnte die Gäste auch kulinarisch. Jede einzelne „Buchinszenierung“ wurde von ihr mit drei kleinen Speisen in den Farben Schwarz-Weiß-Rot begleitet und Aufmerksame werden auch bemerkt haben, dass sich sogar das Outfit von Hofmann bei jedem servierten Gang farblich veränderte. Eine kleine, feine Geste mit unglaublicher Wirkung. Vom ausgelösten Wohlfühlfaktor ganz zu schweigen. Bücher vorzustellen, bedeutet bei Anna Maria Krassnigg aber nicht selbige vor eine Kamera zu halten und mehr oder weniger geistreich darüber zu schwadronieren. Bücher vorzustellen bedeutet im Format „LiteraTurnhalle“ vor allem eines: Szenisch einzutauchen in ein neues Universum. Menschen, die darin vorkommen, eine Stimme zu verleihen und die Zuseherinnen und Zuseher mit einem Einstieg ins jeweilige Geschehen so anzufixen, dass ihnen danach der Kauf der jeweiligen Bücher zur Suchtbefriedigung dient.

Martin Schwanda schlüpfte sowohl in die Rolle des sitzen gelassenen Arthur Valentin als auch von Siegmund Freud und evozierte beim Publikum just in jener Szene lautes Gelächter, in welcher er das Trennungsgespräch von Valentin mit seiner Frau wiedergab. In einem herrlichen „Pas de deux“ mit Anna Maria Krassnigg eröffnete sich jener seelische Abgrund, in den der Protagonist blickte, als er die Hiobsbotschaft der Trennung erhielt. Entnommen ist die Szene aus dem Buch „Bacons Finsternis“, in welchem sich Steiner der Kunst der Malerei widmet. Horst Schily brillierte kurz darauf mit einer überaus virtuosen Bildbeschreibung, garniert mit persönlichen Empfindungen von Arthur Valentin, in welcher es dem Autor gelang, Malerei so anschaulich und furios zugleich zu beschreiben, dass man auf der Stelle ein starkes Verlangen hat, das beschriebene Bild selbst zu betrachten. Zu allem Überfluss treibt den Antiquariatsbesitzer Valentin nach einer langen Lethargie ein Ungeist an, der dazu führt, dass sich aus der Liebesentzugsgeschichte ein veritabler Krimi entwickelt.

Mit dem Titel „Der Weg nach Xanadu“ spürte Steiner einer literarischen Fährte nach und lässt seinen Hauptprotagonisten, Prof. Alexander Markowitsch, einem Literaturprofessor, eine emotionale Hochschaubahn erleben. Kirstin Schwab verkörperte an diesem Abend ebenfalls mehrere Figuren aus Wilfried Steiners Büchern, wobei sie als intelligente Studentin Markowitsch in wenigen Szenen an diesem Abend völlig aus der Fassung brachte. Eine geschickte Lichtregie und wenige Handgriffe an den Outfits der Beteiligten machten die sekundenschnelle Verwandlung von einer Gestalt in die nächste möglich und auch gut nachvollziehbar.

In der letzten Rolle mimte Schwab eine Schriftstellerin, deren Werk am Theater aufgeführt werden soll und für dessen dramaturgische Umsetzung ein gewisser Herr Pinetti zuständig ist. „Die Anatomie der Träume“ – das jüngste Buch von Wilfried Steiner, wurde an diesem Abend schon vor seinem Erscheinen 2014 präsentiert und man darf sich schon auf ein Feuerwerk an Informationen und kreativen Ideen rund um Siegmund Freud und seine illustren Patienten freuen. Horst Schily als Gustav Mahler war es vergönnt sozusagen aus erster Hand die Werkzeuge der Psychoanalyse zu erleben und evozierte mit Martin Schwanda als weltberühmter Therapeut vor dem geistigen Auge des Publikums einen Spaziergang, bei dem es mehr auf die Introspektion des Komponisten als den Naturgenuss ankam.

Nach diesen so kurzweiligen und zugleich extrem bereichernden Dramolettchen kam auch der Autor selbst zu Wort. Nicht nur mit einem Foto auf dem Buchdeckel, sonder leibhaftig stellte er sich den Fragen von Anna Maria Krassnigg, der es gelang, Wilfried Steiner für die Zuseherinnen und Zuseher „greifbarer“ zu machen. Seine Rolle am Theater kam dabei ebenso zur Sprache wie sein Schreibrhythmus und die Wortmeldung des Kabarettisten Werner Brix, setzte dieser Begegnung noch eine kleine Krone auf. Dass er lange nicht gewusst hätte, dass Steiner auch Schriftsteller sei, meinte er bei einem kurzen Einwurf. Dass er aber, seit er seine Bücher gelesen habe, den Theatermann Steiner als jemanden zu schätzen gelernt hätte, in welchem sich ein unglaublicher Kosmos befände, der für ihn eine enorme Bereicherung darstellte. Live-Statements wie dieses gibt’s im herkömmlichen Buchpräsentationsformat nicht, was einen zusätzlichen Pluspunkt für die LiteraTurnhalle ergibt.

Wichtig zu erwähnen: Es ist ratsam, für die beiden nächsten Vorstellungen rasch Karten zu besorgen. Das Platzangebot ist beschränkt – ermöglicht aber gerade dadurch ein unwiederbringliches, exklusives Literaturerlebnis.

Zur Entdeckung von Robert Neumann lädt Krassnigg am 1. und 2. November. Wer Martin Schwanda in seiner Paraderolle des Hochstaplers „Lord Chesterton“ erleben möchte, dem sei dieser Termin wärmstens empfohlen.

Und ab dem 20. November steht die Vorstellung von „Zerline“ von Hermann Broch auf dem Programm. Hier agiert Schwanda nicht nur in einer szenisch eingerichteten Leserolle, sondern Krassnigg schiebt auch noch eine Produktion aus ihrer Regie-Klasse des Max Reinhardt-Seminars nach, die für den Salon5 inszeniert wurde.

Die LiteraTurnhalle wird sich in dieser Saison mit Sicherheit als ein „must-see“ für Wiener Lesewütige etablieren – das steht nach dem ersten fulminanten Durchgang fest.

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Wilfried Steiner

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