vor 2 Jahren veröffentlicht

Ein Störenfried im sozialen Ungefüge

Das Gemeindekind im Schauspielhaus: Eine gelungene Inszenierung, die aufzeigt, wie gut komponierte, zeitgenössische Musik in der Verschränkung mit einem aktuellen und intelligent geschriebenen Stoff zu einem sehens- und hörenswerten Ganzen verschmilzt.

„Das Gemeindekind“, frei nach Ebner-Eschenbach, neu interpretiert von Anne Habermehl, entpuppt sich als Hybrid zwischen Theater, Oper, konzertanter Aufführung und dem historischen Genre des Singspiels im Schauspielhaus Wien.

Er ist 15. Seine Mutter sitzt im Gefängnis. Warum, weiß man nicht so genau. Gerüchte kursieren. Sein sprachlicher Ausdruck ist beschränkt. Alleine wohnen kann er noch nicht. Er ist kein Kind mehr, aber auch nicht erwachsen. Wer soll sich nun um ihn kümmern?

In Marie von Ebner-Eschenbachs Roman „Das Gemeindekind“ erleidet Pavel ein Schicksal, das sich von einer Fremdbestimmheit und Ausgrenzung hin zu einer autonomen und selbst gewählten Lebensführung entwickelt. Eingebunden in dörfliche Strukturen des 19. Jahrhunderts, erscheint  uns der Text heute rein historisch. Die Hausautorin des Schauspielhauses in der Saison 2014/15, Anne Habermehl, hat sich dieses Stoffes angenommen und ein Libretto verfasst, das von Gerald Resch vertont wurde. Uraufgeführt wurde das Stück im Schauspielhaus als letztes einer Reihe, welche das zeitgenössische Musiktheater in dieser Saison in den Mittelpunkt des Interesses stellte. Im Untertitel trägt es die musikalische Ergänzung Singspiel.

Genau genommen hätte es auch ins Konzerthaus gepasst oder ins Theater an der Wien. Denn die einfühlsame, intelligente und oft ins Ohr gehende Musik des Wiener Komponisten steht gleichrangig neben Habermehls Text. Ein hybrides Stück, das zwischen den einzelnen Gattungen permanent oszilliert. Und gerade deswegen so spannend ist.

Habermehl belässt das Geschehen in der kleinen tschechischen Gemeinde, in die auch Marie von Ebner-Eschenbach es einband, versetzt es ins Heute und streicht einige Figuren. So fehlt zum Beispiel die Schwester Pavels, die von der Gutsherrin auf ihre Kosten ins Kloster gebracht wird und dort letztendlich an Auszehrung stirbt. Aber auch der Vater, Urheber allen Übels und viele weitere Nebenfiguren, kommen bei Habermehl nicht vor. Dennoch ein kluger Schachzug, denn die Handlung muss sich im Musiktheater auf ein Minimum verknappen, wollte man nicht dem Publikum mehrere Stunden zumuten. Der Lehrer, der in der Romanvorlage ein kauziger, alter Mann und selbst nicht ins Gemeindeleben integriert ist, ist bei der Autorin weiblich. Katja Jung schlüpft in die Rolle von Frau Habrecht, die sich rückwärtsgewandt an die gute alte Zeit im Kommunismus erinnert. Als alles besser war, die Gemeinschaft noch eine Gemeinschaft und das Leben ganz klar im Jahresablauf getaktet erschien. Barbara Horvath gibt ihre Gegenspielerin Virgilova, die mit ihr um die Beherbergung von Pavel rittert. Nicht, weil sie, wie ihre Kontrahentin, einen sozialen Auftrag dazu fühlt, sondern weil sie das von der Gemeinde dafür zur Verfügung gestellte Pflegegeld gut brauchen kann. Klar arbeitet Habermehl die unterschiedlichen Charaktere und Motivationen der beiden Frauen heraus. Vinska, die Tochter von Virgilova, wird von Franziska Hackl dargestellt. Eine junge Göre, aufmüpfig gegen alle, aber auch gegen Peter, den sie in Ebner-Eschenbachs Version eigentlich abgöttisch liebt. Der Text macht klar, dass Pavel nur ein Kind von vielen ist, das auf der Straße lebt. „In Tschechien kommst du auf Platz 43!“ wird ihm drohend gesagt, als ihm der Einzug bei einer der beiden Frauen schmackhaft gemacht werden soll.

Peter (Florian von Manteuffel) und Pavel (Thiemo Strutzenberger) bleiben hingegen jene Kontrahenten, die sie auch in der Originalfassung sind. Strutzenberger spielt den jungen Fremdkörper in der Gemeinde als naiven Außenseiter, der sich in den gesellschaftlichen Normen überhaupt nicht zurechtfindet. Aber er ist nicht laut aufmüpfig. Vielmehr hinterfragt er mit einer gewissen Bauernschläue so manche Entscheidung der Erwachsenen und legt dabei seinen Finger immer die Wunde. Er folgt dabei in einer kleinen Szene zu Beginn einem zauberhaften Regieeinfall von Rudolf Frey, in der er seine krakelige Handschrift, die er der Lehrerin vorführen soll, mit kleinen Fußbewegungen im braunen Erdreich imitiert. Und als Ausflucht aus seinen trostlosen Lebensumständen wünscht er sich, ins Universum wegzufliegen und erst wieder zurückzukommen, wenn alle tot sind. Der Regisseur reduziert den Handlungsradius der Beteiligten auf ein Minimum und rückt die Musik dadurch verstärkt in den Vordergrund. Dennoch haben einige der Szenen eine enorme Kraft, wie jene, in der Peter von der Dorfgemeinschaft gepeinigt und drangsaliert wird. Resch schuf dazu eine Musik, die gemäßigt beginnt und sich zu einer furiosen, gewaltdurchtränkten Klangattacke hin entwickelt, in welcher alle Beteiligten außer sich geraten. Ein hörbar gewordener Blutrausch, den das Ensemble Phace und die Schauspielerinnen und Schauspieler mit Verve interpretieren. Von Manteuffel verleiht Peter jene psychologische Komponente, die ihn gegen Pavel nicht nur als Rivalen, sondern als eiskalten und gewalttätigen Charakter erscheinen lässt. Habermehl schafft es in ihrer Interpretation, die sozialen Zusammenhänge und das Gefüge der Gemeinde stark in den Vordergrund zu stellen. Dabei wird das Gemeindekind zu einer Art Katalysator vorhandener negativer Befindlichkeiten, die schließlich brutal ausbrechen.

Historische Musikgattungen in einem frischen Outfit

Die hervorragenden Musikerinnen und Musiker des Ensemble Phace sind die ganze Zeit über auf der Bühne sichtbar und fungieren dadurch als Teil der Gemeinde, zumindest jedoch als Mitwisser. Resch schreibt zwar jedem Charakter ein gewisses Instrument zu, gibt sich aber auch die Freiheit, hier keine absolute Stringenz durchzuziehen. Mit seinen eingebauten Landlern, Walzern und einem einprägsamen Kanon verwendet er historisch-musikalische Gattungen, die hervorragend in die rurale Umgebung passen. Auch Duette und Terzette baut er so geschickt um Habermehls Text, dass nicht mehr klar ist, wer hier wem die Vorlage lieferte. Dennoch klingt nichts Altbacken, aber auch nichts nach quälender Atonalität. In kunstvoller Weise verschränkt er den Beginn mit einem kleinen dissonanten Akkord mit dem Schluss, in welchem dieser wieder auftaucht. Im letzten Lied trauert der Chor über das Land, das ihm abhanden gekommen ist. Ein musikalisches Gustostückerl, das sich beim Nachhausegehen als Ohrwurm erweist. Die clevere Stimmführung von Resch ermöglicht es den Beteiligten, ihre eigenen Stimmlagen optimal zu nutzen und ohne Klimmzüge die Stimmbänder zu überdehnen oder anders auszureizen zu müssen. Dennoch eine große Herausforderung für Schauspielerinnen und Schauspieler, aber bravourös umgesetzt und in hohem Maße gelungen.

Das Bühnenbild von Vincent Mesnaritsch reduziert sich auf einen einzigen, offenen Raum, der durch Neonröhren nach oben begrenzt ist und auf dessen Boden eine dicke Schicht dunkle, braune Erde aufgeschüttet ist. Es entspricht in seiner Zurücknahme der Regieführung. Anne Habermehls Gemeindekind ist ein Zustandsbericht einer Dorfgemeinschaft, die keine Gemeinschaft mehr ist. Die Alten träumen von der Vergangenheit, die Jüngeren möchten endlich mehr Geld verdienen und die jüngste Generation sucht ihr Heil in der Disco und im Konsum elektronischer Geräte. Die Ausgeschlossenen sind selber schuld und werden nur als Störfaktoren begriffen. Pavels Flucht ist nur konsequent, wenngleich für ihn selbst verstörend. „Mein Herz das glüht, schmilzt nicht raus aus mir. In mir bin nur ich.“ Seine Einsamkeit trägt er mit sich, egal wo er auch hinläuft.

Eine gelungene Inszenierung, die aufzeigt, wie gut komponierte, zeitgenössische Musik in der Verschränkung mit einem aktuellen und intelligent geschriebenen Stoff zu einem sehens- und hörenswerten Ganzen verschmilzt.

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Anne Habermehl
Gerald Resch

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