Vor 153 Jahren schrieb Eugène Labiche die Komödie: Die Affäre Rue de Lourcine, in der ein gewisser Langlumé und sein alter Schulkollege Mistingue das Publikum zu Lachsalven hinrissen. 2009 gelingt dem jungen Regisseur Felix Rothenhäusler eine Neuinterpretation, ganz abseits von üppigem Theaterdonner mit häufigem Szenen- und Requisitenwechsel. Rothenhäusler reduziert sein Lustspiel von den beiden Bürgerlichen, die nach einer durchzechten Nacht und aufgrund einer Verwechslung sich einbilden, im Suff ein Kohlenmädchen erschlagen zu haben, sowohl kostüm- als auch bühnenbildreduziert. Eine Bühne ohne Bühnenbild, nur mit einem größeren, niedrigen Podest und ein großer Lautsprecher, aus dem ein minimaler Gitarrensound das rasche Hintereinanderauftreten aller Beteiligten begleitet, reicht aus. Ein Regiekniff, der in ähnlicher Abwandlung gerne bei zeitgenössischen Dramen angewandt wird, in welchen es allein um die Sichtbarmachung innerer, psychischer Zustände geht. Rothenhäusler wendet dieses Konzept jedoch auf ein Stück an, in dem es normalerweise von Requisiten und Umbauten nur so wimmelt. Ob es sich um das große Doppelbett handelt, in welchem der Freund von Monsieur Langlumé morgens zu seiner und Langlumés großen Überraschung aufwacht, das Tabaksdöschen, in dem sich anstelle von Tabak ein Spitzenhäubchen befindet, oder das üppige Frühstück, das Madame dem Freund ihres Mannes nur widerwillig serviert – alles ist allein in der Vorstellung des Publikums, aber nicht auf der Bühne selbst präsent. Dass dies gut funktioniert – Korrektur – ausgezeichnet funktioniert, ist aber nicht nur dem spritzig, witzig und dennoch teilweise tiefschwarzem Text von Labiche zu verdanken, der in der deutschen Übersetzung von Elfriede Jelinek eine leichte österreichische Sprachfärbung angenommen hat. Es funktioniert vor allem aufgrund der schauspielerischen Leistungen. Die permanente Anwesenheit aller Charaktere auf der Bühne, die sich noch dazu fast ständig in Bewegung befinden, erfordert neben dem gut durchdachten Regiekonzept vor allem auch eine starke Bühnenpräsenz, die Claudius Franz, Isabell Giebeler, Johannes Kühn, Sebastian Moske und Matthieu Svetchine abliefern. Beim „festival premières“ in Straßburg wurde in dieser Inszenierung einmal mehr deutlich, welche Zutaten benötigt werden, um gutes, zeitgenössisches Theater zu machen, das mit historischen Stoffen arbeitet: Eine große Portion Mut und Kreativität vom Regisseur und die dementsprechende Umsetzung seitens der Schauspieler. Eigentlich nichts Neues, aber dennoch etwas Seltenes.
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Joseph Beuys
Wien Modern
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