Ein Bürohaus wird zur Klangkathedrale

Die Zentrale der in den letzten Monaten so häufig in der Presse vertretenen Baumaxgruppe der Familie Essl, das Schömerhaus, öffnete am 16. November wieder einmal seine Türen für Fans zeitgenössischer Musik. In Kooperation mit Wien Modern und unter Mitwirkung von Karlheinz Essl jun., der für die musikalische Reihe im Schömerhaus verantwortlich ist, wurde dort „chiaroscuro“ von Manuela Kerer präsentiert. Kerer, die derzeit sowohl an einer rechtswissenschaftlichen Dissertation als auch einer im Fach Psychologie schreibt, nutzte den Raum nicht nur als Kulisse, in der sich die Musikerinnen und Musiker statisch dem Publikum präsentieren. Vielmehr war das Ensemble Platypus unter der Leitung von Jaime Wolfson in ständiger Bewegung. Der Titel „chiaroscuro“ bezeichnet einen Begriff, der ursprünglich in der Kunstgeschichte verwendet wird und das Hell-Dunkel-Spiel in einem Bild bezeichnet. Geschrieben wurde das Werk für das Schömerhaus, in welchem die Komponistin ihre akustischen und optischen Eindrücke des Bauwerkes ebenfalls mitverarbeitete.

Alles ist ständig in Bewegung

Das, was man ansonsten nur von Blasmusikkapellen kennt, die ständige Bewegung während des Musizierens, mutete die Südtirolerin dem Ensemble mit seinen Streichern und Bläsern auch zu. Quer über alle Stockwerke des Hauses verteilt, schleppten sie ihre Instrumente, trippelten oder trampelten auch ohne sie, um ihr Schritte gut hörbar zu machen und wechselten Stockwerke, als wäre es ein Leichtes, dabei auch noch zu spielen und zu singen.

Wolfson musste von mehreren Plätzen aus dirigieren, je nach Sichtbarkeit seines Ensembles, oder er marschierte an gewissen Stellen einfach gleich selbst mit. Musikalisch gesehen reihte Kerer eine ganze Anzahl von Klangphänomenen aneinander und gliederte das Stück durch seine Unisono-Pausen in einzelne Sätze. Gehauchte, stimmlose Geräusche des Chores, kleine Klangfetzten, die wie Madrigalklänge aus fernen Tagen zu uns herüberzuwehen schienen, aber auch volumenstarke Schreie oder langatmige Akkorde, die sich stellenweise im Mikrotonalbereich aneinander rieben und schließlich in Reinheit auflösten, waren von den Sängerinnen und Sängern zu meistern.

Mit der Unterstützung der Bläser und Streicher schuf sie dabei Klangwelten, die ins Gespenstische rückten, aber auch solche, die mit Schmerzensschreien auf die qualvolle Daseinsseite des Menschen verwies. Gewiss, einiges, was da zu hören war und auch die Bewegtheit des Szenarios an sich, kennt man schon länger. John Cage war einer der Vorreiter dieser Musik, die bei ihm aber auch immer aus einem Anteil Improvisationen bestand. Bei Kerer war der Dirigent mit einer Stoppuhr ausgerüstet, die er über sein Handy bediente. Alles an seinem Platz und zu seiner Zeit.

Platons Höhlengleichnis als Ausgangspunkt der Komposition

„chiaroscuro“ basiert auf der Idee von Platons Höhlengleichnis. Tatsächlich aber wirft das Ensemble im Schömerhaus keine Schatten. Höchstens akustische, denn einige Stellen wiederholen sich, wenngleich auch nicht eins zu eins, aber doch wiedererkennbar. Schattiert ist das Werk tatsächlich, erlebt es doch eine Verwandlung von einer zarten, beinahe ätherischen Einleitung bis hin zu einer gewaltigen, die Gehörgänge reizenden Klangsmasse kurz vor Schluss. Unüberhörbar sind sakrale Bezüge, die im nach oben offenen Atrium des Schömerhauses Assoziationen zu einer Kathedrale aufkommen ließen. In starker Erinnerung bleibt der szenische Charakter, für den die Musikerinnen und Musiker teilweise auch versteinerte Mienen aufsetzten. Gerade die Bewegung, durch die ein dreidimensionales Hörerlebnis möglich wurde, wird es schwer machen, das Stück auch auf herkömmlichen Konzertbühnen zu präsentieren.

Mit bewundernswertem Einsatz agierte das junge Ensemble, das trotz aller körperlicher Aktion, die von ihm abverlangt wurde, einfühlsam und präzise zugleich spielte.

Links:

Musik im Schömerhaus
Biographie Manuela Kerer
Homepage von Platypus


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