Ivan Stanevs gesellschaftliche Wundbeschau

Ivan Stanev: Mord im Burgtheater (photo: Thomas Aurin)

Auf der Bühne des Burgtheaters ringt Peer Gynt auf einem Schiff gegen den Sturm. In weihevollen Versen unterhält er die Zuseher inmitten von Eisbergen aus Pappmaché. Unter lautem Getöse bricht plötzlich das Schiff und versinkt in den Bühnenfluten. Genau in diesem Moment schießt eine junge Mazedonierin in einer Loge auf einen Landsmann. Mehrere Kugeln treffen ihn aus nächster Nähe tödlich. Das Geschehen ereignete sich 1925 tatsächlich in Wien und geriet nach der ersten medialen Aufregung rund um den Prozess gegen Mencia Karničeva in Vergessenheit. Bei Gericht gab sie als Tatmotiv an Todor Panica getötet zu haben, „weil er kein guter Mazedonier war“.

Dass dieses Attentat in Österreich nicht mehr in der Erinnerung der Menschen, sondern nur noch im gedruckten Gedächtnis der Archive schlummert, zeigt, wie stark die Irritation unter den Zeitgenossen gewesen sein muss, dass eine derart starke Verdrängung stattfand. Als eine „Entweihung des höchsten Musentempels“ – wie es durch die Presse ging – empfanden die Wienerinnen und Wiener diese Tat, ohne jedoch konkret auf die tatsächliche, politische Motivation einzugehen, die dem Anschlag zugrunde lag. Der Bulgare Ivan Stanev inszenierte aus dieser Vorlage aber nicht einfach ein Historienspektakel, sondern zeigte in collageartigen, szenischen Bildern den Bezug zum Hier und Jetzt auf. Seine oft ins Klamaukhafte übersteigerten Szenen, wie zum Beispiel jene, in der sich die Frau des Opfers schreiend mit einer 50 cm langen Zunge über die Bühne rollen lässt, zeigen, dass Stanev sich mit diesem Stilmittel ganz bewusst durch die tragischen Botschaften des Geschehens schlingert. Jeanette Spassova in der Rolle Karničevas erzählt wiederum in kindlich-trotzigem Ton von ihren Vorbereitungen zur Tat oder marschiert wie in einer Musikrevue durch die Straßen Wiens, ohne jeglichen Hinweis auf eigene emotionale Betroffenheit. Neben diesen offenkundigen, plakativen Darbietungen zieht sich jedoch auch ein dichtes Netz an philosophischen und gesellschaftspolitisch brisanten Themen durch die Aufführung, das so fein gesponnen ist, dass es sich erst in der gedanklichen Replik in seiner vollen Ausdehnung zeigt.

Der Autor vernachlässigt dabei weder die moderne Medientheorie mit der Macht der Bilder noch den Bezug zu Samuel P. Huntigtons „Clash of the Civilisation“. Auch die Kritik am historischen Materialismus oder jene an Freuds Psychoanalyse kommen nur als kleine Einschübe im Bühnengeschehen vor, wirken aber fast schon subversiv als nachhaltige Reflexionsbomben. Das Thema des Nationalsozialismus und dessen Verdrängung wird an einer bestimmten Stelle auch nur von jenen Zuschauern entschlüsselbar, die sich in der österreichischen Theatergeschichte des 20. Jahrhunderts auskennen. Die Einblendung eines Monologes der österreichischen Schauspielerlegende Paula Wessely, die während des Naziregimes nationalistisch opportune Filme abdrehte und danach ungeachtet dessen in den Theaterolymp dieses Landes aufstieg, kann nur jenen wirklich aufstoßen, die diesen Skandal, der nie zu einem Skandal wurde, auch wirklich begreifen. Im krassen Gegenzug machte jedoch die filmische Präsenz eines Terroristen das gesamte Publikum betroffen. Er war am politisch motivierten Attentats im Dubrowka-Theater in Moskau im Jahr 2002, bei dem 129 Theaterbesucher starben, beteiligt und legitimierte das Gemetzel mit Allahs Wille. Stanev ergänzte diesen Bekennerfilm mit einen Kommentar der besagt, dass dieser Kampf mit ungleichen Mitteln geführt wird. Denn der islamistische Mörder beruft sich auf eine höhere Gottesinstanz, die ihn auch erlösen wird, wohingegen diese Erlösung und diese Hilfe den Opfern nicht zuteil wird.

Gerade mit der Verschränkung des Attentates von 1925 und dem zeitnahen Beispiel aus Moskau macht Ivan Stanev klar, dass die heutige „Terrorhysterie“ ein ständig wiederkehrender Kampf der Gesellschaft, sowohl mit dem Extremismus als auch mit den unterschiedlichen soziokulturellen Modellen ist. Wer erinnert sich nicht an die Terrorwelle der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts, der Action direct, Brigade rouge oder der deutschen RAF ? Sie alle scheiterten jedoch an ihrem Versuch, die Gesellschaft aus ihrem Status quo des Systems zu bomben. Immer wieder muss deswegen eine Gesellschaft ihre Existenzgrundlage neu definieren. Wenn diese Herausforderung nicht in einem gesellschaftlichen Diskurs mündet, dann kommt es, wie in den Beispielen auf die er sich bezieht, zu extremer Verunsicherung und Überreaktionen in der Gesellschaft.

Ivan Stanev arbeitet multimedial, lässt Zeitungsausschnitte aus dem Jahr 1925 einblenden, filmisches Dokumentationsmaterial als Kulisse herhalten oder aber auch die Hand des Pianisten, der das ganze Stück über live begleitet, auf einem Bildschirm über dem tatsächlichen Geschehen einblenden. Somit gelingt ihm eine weiterreichende Ausstaffierung der historischen Erinnerung. Aber er zeigt auch die Macht der Bilder auf, die teilweise mehr fasziniert und stärker ist, als die zeitgleich sich vor unseren Augen abspielende Realität. Was über den großen Bildschirm läuft, wird anders wahrgenommen, als der Akt an sich, selbst dann, wenn wir ihm persönlich beiwohnen. Ein in der Medientheorie bekanntes Phänomen, das viele Gefahren in sich birgt.

Auch die philosophischen Fragen nach der Realität des Theaters sind Kernthemen des Stückes. Inwieweit können „publikumswirksame“ Anschläge als Theater der Realität gelten? Als ein Akt, der trotz all seiner Dramatik für die Zuseherinnen und Zuseher dennoch in den Bereich einer „Vorführung“ abdriftet? Wo genau verschwimmen die Grenzen zwischen Theaterfiktion und Realität? Wie ist dem Terror zu begegnen, der sich durch die Macht der Bilder in Windeseile verbreitet? Ivan Stanev wirft mehr Fragen auf, als er beantwortet und das wohl, weil die gesellschaftlich konsensualisierten Antworten bislang nur spärlich ausfallen. Er ist damit Repräsentant einer kulturpessimistischen Grundhaltung, mit der er aber nicht alleine dasteht. Sie begleitet – als eine Grundströmung – unser aller Leben in den westlichen Zivilisationen und spiegelt sich deswegen auch besonders stark auf der Bühne wieder. Neben Spassova beeindruckten auch alle anderen Schauspielerinnen und Schauspieler. Luise Berndt, Andreas Frakowiak, Fabian Gerhardt, Anna Charim, Martin Olbertz, Bonn Park und stefanpaul am Klavier schafften den Spagat zwischen historischer Aufführungspraxis und zeitgenössischer Theaterpräsenz und trugen das komplexe Stück wie auf einem Präsentierteller durch den Abend. Was im Le-Maillon gezeigt wurde, harrt noch seiner Erstaufführung in Österreich – darauf darf man besonders gespannt sein.

La radiographie sociétale d’Ivan Stanev

Ivan Stanev: Mord im Burgtheater (photo: Thomas Aurin)

Sur la scène du théâtre Peer Gynt lutte à bord d’un bateau contre la tempête. Il distrait le public en vers encensés qu’il prononce en plein milieu d’icebergs en carton pâte. Le bateau se rompt brutalement en faisant un vacarme épouvantable et sombre dans les flots scéniques. A ce moment très précis, une jeune femme macédonienne tire dans une loge sur un compatriote. Il est mortellement atteint par plusieurs balles. Cet évènement s’est effectivement produit au Burgtheater (théâtre national de Vienne, Autriche) en Autriche en 1925. Après une courte période d’excitation au moment du procès à l’encontre de Mencia Karniceva, cette affaire était vite oubliée. Au tribunal, la jeune femme prétendait avoir tué Todor Panica parce que celui-ci était un « mauvais » macédonien.

Le fait que cet attentat n’a laissé des traces que dans les archives et non pas dans la mémoire des autrichiens est la preuve qu’à l’époque de l’évènement l’indignation a du être à son comble, pour qu’un tel refoulement ait été possible par la suite. La presse a relaté à cette époque, que les viennoises et viennois ont perçu ce crime comme une espèce de profanation d’un temple de l’art, sans pour autant s’intéresser de plus près aux véritables causes politiques qui ont motivé cet acte criminel.

La mise en scène du bulgare Ivan Stanev s’appuie sur ces faits. Mais il a crée une pièce qui n’est pas seulement un spectacle historique mais qui montre à l’aide d’images scéniques présentées tel un collage la relation avec ce qui ce passe ici et maintenant.

Les différentes scènes traitées avec une exagération certaine, rappellent le burlesque. Un exemple est celle où la femme de la victime roule avec une langue longue de 50 cm en hurlant sur la scène. Stanev ce sert de ces moyens stylistiques pour se faufiler à travers les messages tragiques de l’action. Jeanette Spassova dans le rôle de Karniceva de son coté raconte les préparatifs du crime dans un ton enfantin et boudeur. Elle parade dans les rues de Vienne comme une meneuse de revue sans aucun signe d’émotion. Mais parallèlement à ces prestations ostentatoires existe un maillage de sujets philosophiques et politico-sociétaux d’actualité d’une telle finesse que celui-ci ne se montre dans toute son envergure que dans la réplique mentale.

L’auteur ne néglige ni la théorie des médias concernant le pouvoir des images, ni la référence au « Clash of the Civilisation », l’œuvre de Samuel P. Huntingon. La critique du matérialisme historique ou de la psychanalyse de Freud n’interviennent qu’en petites touches dans ce qui se passe sur la scène, mais elle fait l’effet d’une bombe de réflexion à retardement. Le sujet du national-socialisme et son refoulement collectif à divers endroits ne dérange que la partie du public qui connait l’histoire du théâtre autrichien du 20e siècle. La diffusion d’un monologue par exemple, prononcé par une véritable légende parmi les actrices autrichiennes, Paula Wessely, ne dérange que ceux qui comprennent le scandale qui n’a jamais éclaté : Wessely a tourné des films favorables au régime Nazi. Cela n’empêche qu’elle a pu continuer son ascension à l’olympe du théâtre sans encombre.

Un contraste saisissant était la présence filmique d’un terroriste qui a participé en 2002 à l’attentat au théâtre Dubrowka à Moscou. 129 spectateurs ont trouvé la mort dans ce carnage qui a été justifié comme étant la volonté d’Allah. Tout le public s’est senti concerné. Stanev a complété ce film d’aveu par un commentaire qui explique en quoi ce combat était inégal : D’un coté, l’assassin musulman se réfère à une volonté supérieure, divine, qui par ailleurs le délivrera, mais de l’autre coté, cette délivrance et ce soutien sont refusés aux victimes.

En établissant une connexion entre l’attentat de 1925 et celui de Moscou, beaucoup plus proche de nous, Ivan Stanev démontre que la peur hystérique du terrorisme n’est autre qu’un combat récurrent de la société contre l’extrémisme et les différents modèles socioculturels. Qui ne se souvient pas de la vague d’attentats d’action directe, des brigades rouges ou de la RAF allemande des années 70 du siècle dernier ? Mais ils ont tous échoué dans leur tentative de faire sortir la société de son statuquo par la force des bombes. C’est à cause de cet immobilisme, qu’une société doit sans cesse redéfinir sa base d’existence, encore et encore ! Les exemples que cite Stanev montrent que si ce défi ne débouche pas sur un discours sociétal, la société sur réagit et devient extrêmement fragile.

Ivan Stanev fait un travail « multimédia » : Il fait projeter des coupures de presse de l’année 1925, des films documentaires font office de décor et même la main du pianiste qui accompagne toute la pièce en direct est visible sur un écran au dessus de ce qui se passe sur scène. Ceci lui permet d’étoffer largement la mémoire historique. Mais il démontre aussi le pouvoir de l’image, qui par moment fait plus d’effet que l’action qui se déroule en même temps sous nos yeux. Ce qui est montré sur écran géant est perçu différemment que l’action elle-même. Même si nous y assistons personnellement. C’est un phénomène bien connu par la théorie des médias qui comporte beaucoup de dangers.

Les questions philosophiques qui concernent la réalité du théâtre sont un autre thème central de la pièce. Dans quelle mesure, des attentats produisant un effet sur le public peuvent-elles être considérées comme « théâtre de réalité » ? Comme une action qui malgré son coté dramatique pour les spectateurs et spectatrices glisse du coté du spectacle ? Où se situent véritablement les frontières entre fiction de théâtre et réalité ? Comment contrecarrer la terreur qui se propage à l’aide des images à la vitesse du vent?

Les questions que pose Ivan Stanev sont plus nombreuses que les réponses qu’il apporte. Probablement, parce que les réponses consensuelles de la société sont rares jusqu’ici. Il est le représentant d’une position culturelle pessimiste. Mais il n’est pas le seul. Cette position – comme une sorte de mouvement de fond – accompagne notre vie, nous qui faisons partie d’une civilisation occidentale. Et c’est pour cette raison qu’elle trouve un tel écho sur la scène.

Aux cotés de Spassova, tous les acteurs et actrices étaient impressionnants. Luise Berndt, Andreas Frakowiak, Fabian Gerhardt, Anna Charim, Martin Olbertz, Bonn Park et stefanpaul au piano ont réussi le grand écart entre la tradition de représentation historique et la présence contemporaine théâtrale : Ils ont porté cette pièce complexe comme sur un plat de présentation tout au long de la soirée. Ce qui a été montré au «Maillon » ce soir attend toujours sa première en Autriche – et celle-ci on peut l’attendre avec impatience !

Texte traduit de l’allemand par Andrea Isker

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