Es gibt Theater, das unterhält und dann gibt es Theater, das in Atem hält. Zu Letzterem zählt die Produktion Ode maritime, die am TNS (Theatre National Strasbourg) gezeigt wurde. Normalerweise ist in einer Kritik zu lesen, wie das Stück interpretiert wurde, wie die Schauspieler waren, wie die Kostüme und das Bühnenbild sich präsentierten. Bei Ode maritim muss man einen anderen Weg gehen. Es gab nicht mehrere, sondern nur einen Schauspieler. Dieser trug kein Kostüm, sondern eine schwarze Hose und ein schwarzes Shirt – Alltagsbekleidung, hunderttausendfach gesehen. Das Bühnenbild bestand aus einem reduziert nachgebauten Pier, einem hölzernen Steg auf 8 metallenen Pfosten, zu dem eine kurze Metalltreppe hinaufführte. Mehr nicht. Theater der existenzialistischen Art also, und das auch noch spannend?, könnte man fragen. Und wie! Unter der Regie von Claude Régy gelang Jean-Quentin Châtelain eine Interpretation der Ode maritime von Fernando Pessoa, die nicht nur auf die Weite der Meere und in ferne Länder blicken ließ, sondern vor allem in die tiefen, dunklen Gefilde seines Seelenmeeres abtauchte. Jean-Quentin Châtelain vollbrachte eine schauspielerische Glanzleistung. Zwei volle Stunden verblieb er, ohne auch nur einmal dabei seinen Stand zu verändern, in derselben Position am vordersten Ende des Steges, direkt ins Publikum blickend. Er rezitierte Pessoas Text mit allen Nuancen, die ein Schauspieler aufbringen kann. Begonnen mit einer tiefen, sonoren Stimme voll Volumen, die ihn in den Trancezustand dieser Rolle brachte, weiter über eine furiose und fast atemlos gepresste Tirade, in welcher er seine sexuellen Obsessionen zum Ausdruck brachte, bis hin zu den zarten, mit weicher Stimme intonierten Kindheitserinnerungen. Fernando Pessoa, der portugiesische Schriftsteller, dessen umfangreiches Werk erst nach seinem Tod entdeckt wurde, spannt in diesem Werk einen großen gedanklichen Bogen, beginnend von der Betrachtung der am Meer vorüberziehenden Schiffe, hin zu den Abenteuern der Piraten und ihren Gräueltaten, unter denen ihre Opfer leiden mussten, um genau dort auch in die Untiefen seiner eigenen, geschundenen Seele abzutauchen. „Bindet mich an einen Mast und zerstückelt mich“ schreit Châtelain in höchster Erregung und offenbart damit Pessoas dunkelste Abgründe. Unterstütz werden alle emotionalen Befindlichkeiten durch eine wunderbare Lichtgestaltung. In Rot getaucht, sieht man in Gedanken das Blut spritzen, das Gesicht Châtelains zur Teufelsfratze verfremdet. Mit hellem Grün und kühlem Blau hingegen werden jene Passagen unterstrichen, in denen der Darsteller Pessoas kindliche Gedanken wiedergibt, als er als kleiner, 4jähriger Junge nach dem allabendlichen Lied seiner Tante allein in seinem Zimmer verblieb. Allein mit seinen Gedanken, die ihn zu erdrücken schienen und denen er machtlos ausgeliefert war. Pessoa spricht davon, dass der konstruierte Steg, von dem aus er die Schiffe beobachtet, die Wirklichkeit sei. Das bedeutet zugleich, dass all das, was er sich an Gedankenkonstrukten überlegt, seine Gefühle und seine Ängste hingegen, eine andere Wirklichkeit darstellen. Eine Wirklichkeit, die nur subjektiv empfunden wird, aber nicht objektivierbar ist. Die deshalb mit Schmerz und Leid individuell umgehen muss, ohne objektivierbare Gegenargumente aufgreifen zu können. Der Konflikt Gesellschaft – Individuum, bei Pessoa dramatisch ausgetragen, hat tatsächlich bis heute nichts an Brisanz verloren. Wenngleich unsere heutigen wissenschaftlichen Erkenntnisse sehr wohl von einer objektiveren Erfassung der persönlichen Empfindungen ausgehen, so sind doch unsere Gefühle nach wie vor individuelle. Wir sind von Glück berauscht, oder von Unglück nieder gedrückt, aber wir können uns – im Gegensatz zu Pessoas Zeit , psychologische Hilfe und Unterstützung holen, die mannigfach angeboten wird. Was dabei aber auf der Strecke bleibt, ist der poetische Umgang und die Gedankenspiele eines Wortfakirs wie Pessoa, der mit seiner Sprache Register öffnet, von deren Existenz wir bisher nicht einmal eine kleine Ahnung hatten. So beeindruckend Jean-Quentin Châtelein die Ode an die See auch vorbrachte, die wahre Leistung konnte man erst ganz zum Schluss der Vorstellung ermessen. Dann nämlich, als der Schauspieler ganz langsam und in Etappen ins Hier und Jetzt zurückkehrte; zurückkehrte aus der Welt der Ängste, Sehnsüchte und Obsessionen, die Pessoa vor uns ausbreitete, um doch letztendlich an der objektiven Realität der Zwänge zu resignieren, die uns Menschen auferlegt ist.
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Joseph Beuys
Wien Modern
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