Am 26.3. gab der chinesische Pianist Yundi Li auf Einladung des OPS einen Chopin-Soloabend in Straßburg. Der mit Lang-Lang in einem Atemzug genannte junge Pianist beeindruckte das Publikum, aber auf eine etwas andere Art und Weise als erwartet. Gleich zu Beginn des Abends demonstrierte er mit den fünf von ihm ausgesuchten Nocturnes, die sich alle schön ergänzten und teilweise aufeinander bezogen, welches Verständnis er von Chopin hat. Weder hat Yundi vor, Geschwindigkeitsrekorde zu brechen, noch sucht er krampfhaft nach extremen Ausdrucksmitteln. Vielmehr zeigt er sich einem noblen Understatement verpflichtet, das manches Mal auf den ersten Blick schon etwas zu nobel erscheinen mag. Er geizt in den Nocturnes mit emotionalen Höhepunkten und lässt vieles, was unser Ohr von Chopin kennt, völlig unbeachtet. Im Gegenzug dazu aber arbeitet er wiederum Passagen heraus, die ihm besonders wichtig erscheinen, die jedoch bislang in dieser Betonung noch nicht zu hören waren. Das ist wohl das Alleinstellungsmerkmal des jungen Pianisten, der in Chongquing geboren wurde und schon als Kind sein außergewöhnliches Talent unter Beweis stellen konnte. Er erlernte im Vorschulalter das Akkordeonspiel und begann mit 7 Jahren auf dem Klavier zu spielen. 2000 errang er den ersten Preis beim internationalen Chopin-Wettbewerb in Warschau, der ihn zu seinem Durchbruch verhalf. Im Nocturne aus dem Opus 48 zeigt er einen knochentrockenen Anschlag in der rechten Hand, der ohne jegliches Legato auskommt. Im zweiten Teil dieses Werkes meint man, Yundi würde die Dramatik nicht hören, die in den Noten steckt und versteht erst gegen Ende des Satzes seine Interpretation. Da nämlich verdichtet er alle dunklen Emotionen, die er vorher nicht einmal andeutete, geschweige denn betonte. Gerade in dieser „Überspielung“ der Andeutungen, die sonst ja immer von den Pianistinnen und Pianisten breit ausformuliert werden, ist Yundis eigener Stil ersichtlich. Dass dies Pro- und Kontra-Stimmen hervorruft, liegt in der Natur der Sache. In der Polonaise brillante, dem op. 22 zeigt er über lange Strecken seine ihm ureigene Handhaltung, die eine „Einfingertechnik“ sichtbar werden lässt – Wechsel des Anschlagfingers auf einer Note sind nicht zu finden und die eingezogenen vier Finger, die in diesen Passagen nicht benötigt werden, verstärken den optischen Eindruck des Einfingerhämmerchens. Ein kurioses Detail, als optisches Erkennungsmerkmal jedenfalls wunderbar zu gebrauchen. Yundi Li bricht mit Hörgewohnheiten, da er sich zurückhält, wo man eigentlich das Gegenteil erwartet und über weite Strecken völlig ohne Pathos bleibt. Die vier Mazurken op. 33 lässt er ineinander gleiten und präsentiert sie als ein einziges Werk. Die Sonate Nr. 2 op. 35, die er rasend beginnt, lässt der Melodiestimme im ersten Satz keinerlei romantisierenden Anklang, vielmehr baut sie hier bereits zum nächsten Höhepunkt auf. Im Scherzo wird nach der furiosen Raserei des Beginns abermals Yundis schlichte Größe in der Interpretation deutlich und im darauffolgenden Trauermarsch gestaltet er den Mittelteil so pianissimo, so einfühlsam und Herz anrührend, dass alles, was man zuvor über ihn zu kennen und sagen glaubte, über Bord geworfen wird. Eine Stecknadel hätte man fallen hören können und es gab Menschen im Publikum, die sichtbar gerührt waren. Auch die Schlussläufe des Werkes, in ganz verhaltener Lautstärke gespielt, zeigen Chopin von einer anderen Seite und beweisen gleichzeitig, das Yundi in seinem Spiel eine technische Brillanz erreicht hat, die keiner forcierten Lautstärke bedarf, um zu beeindrucken. Mit der Liszt-Widmung sowie zwei chinesischen Volksliedern, für Klavier transponiert, entlässt er das Publikum mit einem leichten, lyrischen und beeindruckenden Fingerzeig auf seine Herkunft. Yundi Li ist der Pianist aus dem Osten, der dem Publikum neue Klangräume in der westlichen Klaviermusik eröffnet.
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Joseph Beuys
Wien Modern
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