Macht und Lust als untrennbares Paar

Mette Ingvartsen – 21 pornographies (Foto: © Jens Sethzman)

Mette Ingvartsen, eine der bekanntesten, aktuellen Tanzperformerinnen in Europa, gastierte bei der Sommerszene in Salzburg mit ihrem neuen Solo-Programm „21 pornographies“.

Es gibt Stücke, deren Titel einen Rebus darstellen. Nicht so im Fall der jüngsten Produktion der dänischen Tänzerin und Choreografin, die damit das Thema Sexualität abschließen möchte, das sie in den letzten fünf Jahren mit unterschiedlichen Stücken wie z.B. „Seven pleasures“ auf die Tanzbühnen Europas brachte. Es waren insgesamt 21 Inspirationen, die sie direkt oder auch indirekt in diese Arbeit einbrachte, was  zwar beim Zuschauen nicht nachgezählt werden kann, aber dennoch eine Logik in der Titelgebung aufweist.

In „21 pornographies“ erkundet Ingvartsen verschiedene, pornografische Erscheinungsformen, die sich vor allem aufgrund der historisch bedingten, sozialen Gegebenheiten und Strukturen unterschiedlich darstellen. Ihren Reigen eröffnet eine Erzählung aus Marquis de Sades „Die 120 Tage von Sodom oder die Schule der Libertinage“, in welcher sie selbst als Erzählerin agiert und zugleich in mehrere Rollen schlüpft. Das Publikum ist, so wie beim Lesen des Buches selbst, aufgefordert, das Kopfkino zuzuschalten, das dabei jedoch durch einige explizit vorgeführte Szenen von Ingvartsen unterstützt wird. Aber es bleibt nicht bei der Trennung von Tänzerin und Zuschauenden. Vielmehr switchen letztere schon bald in die Rolle der angeführten Akteure und werden zu Voyeuren wie der Amtsrichter, der Präsident oder der Herzog, die ihre sexuelle Lust an jungen Mädchen und Knaben gegen deren Willen ausleben. Niemand fühlt sich bemüßigt einzugreifen, als eine der Jugendlichen dazu gezwungen wird, Exkremente zu schlucken. Die unter den Sitzen versteckten Mozartkugeln, die nach dieser Szene dem Publikum offeriert wurden, werden je nach Gemüts- und Empathielage der Menschen gerne, gar nicht oder mit Ekel verspeist. Auch wenn der Shit zuvor nur ein imaginierter war – die Vorstellungskraft macht einigen die Salzburger Schokoladespezialität unkonsumierbar.

Der Anfangsplot kann als Statement für das Kommende gelesen werden, auch wenn Ingvartsen darin noch viele weitere Charaktere verkörpert, die freiwillig oder unfreiwillig zu pornografischen Vorlagen degradiert werden. Es gibt keinen Auftritt, in dem es ihr nicht um die Sichtbarmachung von Macht und der Auslebung von moralisch fraglichen Leidenschaften bei sexuellen Handlungen geht. Dabei macht sie auf jene, den Menschen innewohnenden Phänomene aufmerksam, die Handlungen hervorrufen, in welchen Lust und Gewalt ein untrennbares Paar bilden, das abseits des normativen Sexualverhaltens steht.

Neben anderen verkörpert sie eine junge Frau, die in einem Filmstudio nackt tanzt oder sich dort in einem Becken mit Schokolade räkeln muss. Vorbild dafür waren die ersten, dänischen Pornofilme, die Anfang der 70er Jahre gedreht wurden. In der Geschichte eines nekrophilen Aktes an einer älteren Toten, der in einer Pathologie stattfindet, lässt sie Bilder von einem Grenzbereich des Menschlichen aufkommen, der für gewöhnlich ganz ausgeblendet wird. Besonders intensiv gestaltet sie die Visualisierung einer Frau, die sich mit einer schwarzen Kapuze und ausgestreckten Armen über dem Kopf in einer Endlosschleife zu martialischen Klängen, die an Maschinengewehrsalven erinnern, dreht. Dabei hält sie eine Leuchtstoffröhre in Händen, die auf extrem ästhetische Weise ihren Körper in seiner ganzen Plastizität zur Geltung bringt.

„Macht ist ein Teil der Pornografie“, erklärte sie bei ihrem Publikumsgespräch nach der Vorstellung. Tatsächlich ist es dieses allerletzte, so extrem wirkmächtige Bild, welches ihre Aussage eindringlich unterstützt. Spür- und hörbar war, dass dabei einige aus dem Publikum an die Grenzen des Erträglichen beim Zusehen geführt wurden. Der intensive, aufputschende Beat, der Einsatz von Stroboskop-Blitzen und die endlos erscheinenden Drehungen ergaben ein Amalgam, dem man sich lustvoll hingeben oder das zur Pein werden konnte.

Die Performance, nach einem kurzen Intro nackt absolviert, wartet mit einer Reihe von Bildern auf, in welchen ihr Körper zum Teil entpersonalisiert erscheint. In diesen Momenten steht er sinnbildlich für all jene Menschen, die ähnliches erlebt oder erlitten haben, oder die daraus auch einen Lustgewinn zogen und ziehen. Die Emotionen, die ausgelöst werden, reichen von Ablehnung oder Staunen bis hin zu voyeuristischer Lust oder auch Ekel. Schicht um Schicht legen sich im Laufe der Vorstellung  eine Deutungsebene nach der anderen übereinander und ergeben letztlich ein dichtes Gedankenkonstrukt, dem das schonungslose Zurschaustellen von Mette Ingvartsens Nacktheit konträr gegenübersteht.

Eine höchst ästhetische und körperlich fordernde, aber auch kontroverse, weil extrem offene und schonungslose Arbeit, die vom Publikum bei der Sommerszene in Salzburg enthusiastisch aufgenommen wurde.

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