21 waagrecht und 15 senkrecht

Unausgefüllte Kästchen in einem Kreuzworträtsel waren eine Herausforderung für eine Neunzigährige aus Nürnberg. Dass sie damit völlig unerwartet zum Fast-Medienstar wurde, hatte sie aber nicht geplant. Ihrer Umsicht ist es zu verdanken, dass trotz Interviews bislang weder der vollständige Name noch ein Foto von Frau Hannelore K. im Netz zu finden sind. Jener rüstigen Ex-Zahnärztin, die im Neuen Museum Nürnberg fehlende Suchbegriffe in ein Bild von Arthur Köpcke eintrug. Nicht ahnend, dass sie damit das Kunstwerk beschädigte. Verstand sie doch den Titel des Kreuzworträtsel-Kunstwerkes „insert words“ als Aufforderung, dies auch tatsächlich zu tun.

Immer dann, wenn in den Medien über eine spektakuläre „Kunstvernichtung“ berichtet wird, erhitzen sich die Gemüter. Fühlen sich vor allem jene im Aufwind, die ohnehin schon immer wussten, dass Kunst, die nicht als solche zu erkennen sei, gar keine sein kann. Im Fall von Köpckes Rätselbild liegt die Sache aber anders.

Seit dem Urinal und dem Flaschentrockner von Marcel Duchamp wissen wir, dass nicht nur das Werk alleine bestimmt, ob es der Kunst zuzuordnen ist oder nicht, sondern auch wo und wie es präsentiert wird. Hängt ein Bild – wie in diesem Fall – also in einem Museum an der Wand, kann man davon ausgehen, dass Fachleute es für Kunst erachten. Auch wenn Laien dies oft nicht verstehen können oder auch wollen.

Insofern ist der Akt der alten Dame ein sehr mutiger. Denn Kunst, die im Museum hängt, und das ist wirklich keine Neuigkeit, hat einen gewissen monetären Wert und darf allein schon deswegen nicht beschädigt werden. Andererseits hat die Kunst längst Grenzen überschritten und die Einladung, mit dem Publikum zu interagieren, ist keine Seltenheit mehr. Der Titel des Bildes „insert words“ kann unter diesem Gesichtspunkt ohne Weiteres als direkte Aufforderung verstanden werden, Hand anzulegen und die fehlenden Worte einzutragen. Dafür spricht auch, dass Arthur Köpcke, der bereits 1977 nur 49-jährig verstarb, ein Fluxus-Künstler war. Also jener Kunstrichtung angehörte, für die das Ephemere, das Flüchtige, das Vergängliche in der Kunst ein wesentlicher Bestandteil war.

Der Künstler kann nicht mehr dazu befragt werden, ob nun die Vervollständigung seines Bildes statthaft oder nicht war. Aber eine Ausstellungskritik von Petra Kipphoff in der Zeit aus dem Jahr 1988 könnte dies sogar nahe legen. Der Kunstmarkt an sich hat aber seine Regeln und folgt man diesen, so stellt die Beschriftung des Bildes einen Eingriff von außen dar, der einen Akt darstellt, der nicht vom Künstler gesteuert oder gewünscht war und somit auch nicht ausgeführt werde hätte dürfen.

Ganz knifflig wird es aber, wenn man sich den angeblichen finanziellen Schaden genau anschaut. Das Museum kolportierte eine Summe von einigen Hundert Euro. Eine Restauratorin könne das Bild mit dieser Summe wieder in seinen ursprünglichen Zustand versetzen, wurde an die Öffentlichkeit kommuniziert. Bedenkt man aber, dass dieser Fauxpas medial rund um die Welt ging, ja sich in unglaublicher Geschwindigkeit über die Sozialen Medien noch zusätzlich verbreitete, so darf man mit Fug und Recht behaupten, dass gerade dieses Bild durch diese Aktion einen beträchtlichen Wertzuwachs erhalten hat. Es gelingt selten, einen verstorbenen Künstler oder eine Künstlerin des 20. Jahrhunderts, die nicht durch eine große Retrospektive gewürdigt werden, mit einem Schlag innerhalb und außerhalb des eigenen Landes so bekannt zu machen. Wenn so ein Coup dennoch klappt, dann nur unter beträchtlichem finanziellem und zeitlichem Einsatz. Dafür geht dies aber auch immer mit einem Wertzuwachs der Werke einher. Ich muss keine große Prophetin sein, um das auch in diesem Falle zu prognostizieren. Dazu kommt noch, dass die Zeit des Fluxus im Moment, ganz unabhängig von diesem Ereignis, ohnehin vermehrt in den Fokus der Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker gerät. Das hat etwas mit der Tatsache zu tun, dass zeitgenössische Kunst meist erst im Abstand von mehreren Jahrzehnten wissenschaftlich gewürdigt und aufgearbeitet wird.

Dass Köpcke ein Fluxuskünstler war, wissen jetzt auch Menschen, die bislang von Fluxus noch nie etwas gehört haben. Und wer weiß, vielleicht findet sich nun auch rascher jemand, um das gesamte Werk von Arthur Köpcke näher zu untersuchen und zu veröffentlichen. Auch das würde sich wiederum auf den Marktpreis positiv auswirken. Der Leihgeber des Bildes, der ehemalige Galerist René Block sieht die Angelegenheit nicht nur gelassen, sondern realistisch. In einem Interview mit der Zeitschrift Monopol äußerte er sich folgendermaßen: „Und etwas Gutes hat der Fall: Noch nie wurde so viel über Arthur Köpcke geschrieben.“

Von diesem Standpunkt aus gesehen folgte für ihn auf den ersten Schreck eine Wohltat. Denn ohne den munteren Bekritzelungs-Eingriff würden auch heute nur Eingeweihte das Kreuzworträtsel-Bild von Arthur Koepcke kennen.

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