Von Kuba in die Welt

Von Michaela Preiner

Acosta Danza (Foto: Manuel Vason)

11.

Oktober 2017

Kuba ist für viel bekannt. Für seinen vor einem Jahr verstorbenen Führer Fidel Castro, für seine Zigarren, für Lebenslust aber auch für Irma, jenem Hurrikan, der vor rund einem Monat nach seinem Durchzug Verwüstungen hinter sich ließ.

Was einem nicht zuallererst einfällt, ist die kubanische Tanzszene. Aber die gibt es tatsächlich – und das nicht nur im folkloristischen Bereich. Der wohl prominenteste Vertreter des klassischen Tanzes ist Carlos Acosta. Als Kind wollte er Kubas Michael Jackson werden, sein Vater brachte ihn jedoch zum Ballett, mit dem nicht vorhersehbaren Ergebnis, dass er einer der wichtigsten Balletttänzer der Welt wurde und häufig im selben Atemzug mit Nurejew genannt wird.

Nach der Beendigung seiner Tanzkarriere am Royal Ballet in London hat er es sich zum Ziel gesetzt, die Tanzszene in seinem Heimatland zu beleben und sie auch nach außen verstärkt sichtbar zu machen. Dafür gründete er eine eigene Company, die Acosta Danza, mit der er nun mit seinem ersten Programm auf Tournee in Europa unterwegs ist.

Dabei darf man sich keine Choreografien von Acosta selbst erwarten, denn: „Ich habe zwar drei Choreografien gemacht, aber ich weiß, dass meine Choreografien nicht wirklich wichtig sind.“ Die strenge Selbstkritik, die er mit einer solchen Aussage an den Tag legt, stellt ihn natürlich vor die Herausforderung, seiner Truppe ein eigenes Profil zu verpassen.

Ein Abend – vier Choreografen

Mit der Auswahl von vier verschiedenen Choreografen zeigt er auch deutlich, dass es ihm weniger um eine einheitlich, wieder erkennbare Tanzsprache geht, die er zelebrieren will. Ganz im Gegenteil, möchte er doch eine möglichst große Bandbreite, die im Tanz besteht, auf der Bühne auch zeigen. „Die Tänzer haben heute die Möglichkeit, nicht nur klassisches Ballett zu tanzen. Es gibt auch Hiphop, Tango, zeitgenössischen Tanz – das finde ich einfach wunderbar und all das möchte ich auch zeigen“. Mit dieser Strategie tun sich unter Umständen Tanzkritiker schwer; das Publikum im Festspielhaus St. Pölten jedoch freute sich über dieses Konzept und bedankte den Abend mit heftigem Applaus.

Insgesamt standen vier Stücke auf dem Programm, das als „Debut“ übertitelt war. Mit „Belles Lettres“ in der Choreografie des Amerikaners Justin Peck wurde das Ballett in seiner Neoklassischen Blüte gefeiert. Die Geschichte rund um einen einzelnen Tänzer, der während der Performance immer wieder die Pärchen rund um ihn neu zusammen mischt, lebt von einer ästhetischen, fließenden Tanzsprache, die nur in Ansätzen auf zeitgenössische Bewegungsformen verweist. Richtig zur Geltung kam dabei César Francks Komposition Symphonische Variationen für Klavier und Orchester, die der Choreograf extrem aufmerksam – in einzelnen Stellen sogar Schritt für Schritt – in Tanz umsetzte.

Marta Ortega, Carlos Acosta “Mermaid” – Sidi Larbi Cherkaoui [Choreografie] (Foto: JOHAN PERSSON)

Mermaid – ein Titel mit vielen Bedeutungsebenen

Das absolute Highlight des Abends hielt auch eine Überraschung bereit. Tanzte doch Carlos Acosta selbst ein Doppel mit seiner grandiosen Kollegin Marta Ortega. Die Musik stammte von Woojae Park, Eric Satie und auch Sidi Larbi Cherkaoui, der das Stück choreografisch begleitete.

Darin erzählte er eine Beziehungsgeschichte, in der sich an deren Ende die Frau deutlich emanzipierte. Mit „Mermaid“ war auch ein höchst mehrdeutiger Name gefunden worden. Denn Marta Ortega verkörperte eine junge, betrunkene Frau, die zwar ganz einem zeitgenössischen Bewegungsrepertoire verpflichtet war, aber ihren ersten Auftritt auf Spitze tanzte. Abgesehen davon, dass es einen Cocktail namens Mermaid gibt, ist aus Überlieferungen bekannt, dass sich Seeleute, die sich lange auf dem Meer befanden, Geschöpfe wie Seejungfrauen halluzinierten. Wesen, zu denen sie hingezogen wurden, die sie letztlich aber nicht erreichen konnten.

Im übertragenen Sinn galt das bei diesem fulminanten Werk auch für Carlos Acosta. Er half am Beginn des Stückes der jungen Frau vielfach auf die Beine, musste sie schließlich aber ihrem eigenen Schicksal überlassen. Zumindest war er durch seine Hilfestellung zu einem hohen Maß daran beteiligt, dass sie am Schluss, ohne ihre Ballettschuhe, ein herrliches Solo tanzen konnte, in welchem sie rundum glücklich und befreit wirkte.

Choreografisch fuhr Sidi Larbi Cherkaoui, dessen Fractus V in der vergangenen Saison im Festspielhaus St.Pölten zu sehen war, mit allem auf, was gut und zugleich auch schwierig ist. Zu sehen waren tolle Hebefiguren, aber auch solche, bei welchen sich die Tänzerin mit ihren langen, muskulösen und zugleich zarten Beinen an Costa festhielt, eine ganze Reihe von Bewegungen, die an akrobatische Bodengymnastikauftritte verwies, eine Szene, die ausschließlich am Boden „getanzt“ wurde, Schwebefiguren, Drehungen, synchrone Partien. Kurz zusammengefasst: Von diesem Tanz konnte man nicht genug bekommen, vielmehr süchtig danach werden.

Von Marta Ortega war auch zu erfahren, dass sie sich, nach vielen Jahren klassischem Ballett, dem zeitgenössischen Tanz widmen wollte, da sie sich darin freier ausdrücken kann. So war ihr Entsetzen groß, als sie erfuhr, dass sie in diesem Stück gleich zu Beginn wieder ihre Spitzenschuhe anziehen musste. Man könnte fast meinen, Sidi Larbi Cherkaoui hätte tatsächlich einen Teil ihres Lebens in dieser Choreografie verarbeitet. Ein junge Kubanerin aus dem Publikum dankte ihrem Idol Carlos Acosta nach der Aufführung und meinte, dass es das schönste Stück gewesen sei, das sie je auf einer Tanzbühne gesehen hätte.

Acosta Danza “Twelve” Jorge Crecis [Choreografie] (Fotos: JOHAN PERSSON)

Acosta Danza “Belles-Lettres” Justin Peck [Choreografie] (Fotos: JOHAN PERSSON)

Sport trifft Tanz

Mit „Twelve“ präsentierte sich die Truppe in einer Choreografie des Spaniers Jorge Crecis. Sein Herz hängt am Sport genauso wie am zeitgenössischen Tanz und so verwunderte es nicht, dass er die Company im Drill-Outfit eines militärischen Umfeldes mit Springerstiefeln auftreten ließ. Plastikflaschen, die von innen gelb beleuchtet werden konnten, dienten dabei als Sportgeräte. Abgesehen von einigen Abweichungen in der Synchronizität arbeitete sich das Team höchst sportlich durch diese Arbeit, in der die Grenzen zwischen Akrobatik und Tanz schwimmend verliefen.

Die zwei Seiten des menschlichen Seins

In „Imponderable“ – was übersetzt so viel wie unvorhersehbar bedeutet – bewegten sich die Tänzer und Tänzerinnen zwischen zwei Welten. In der Choreografie des Spaniers Goyo Montero prallte das Gefühl von Gemeinschaft hart auf das von Menschen, die ihre Egotrips ausleben. Im Wechselspiel von Licht und Dunkel wurde man Zeuge von einer Menschengruppe, die gemeinsam für ihre Freiheit kämpft, aber auch von disparaten Gestalten, die wie Zombies im Dunkel entweder aggressiv agierten oder wie ferngesteuert wirkten. Montero lässt dieses Stück düster ausklingen und arbeitet, wie auch schon Sidi Larbi Cherkaoui mit extremen Lichteffekten.

Acosta Danza Impnderable” Goyo Montero [Choreografie] (Foto: JOHAN PERSSON)

Mit „Debut“ der Company Acosta Danza ermöglichte Brigitte Fürle, künstlerische Leiterin des Festspielhauses St.Pölten, der jungen Truppe einen stark akklamierten Auftritt in Österreich. Wer Fürles Arbeit ein wenig verfolgt, darf hoffen, dass Carlos Acosta nicht zum letzten Mal in St.Pölten gastierte, ist es ihr doch ein Anliegen, langfristige Beziehungen zu jenen Künstlerinnen und Künstlern aufzubauen und sie nicht wie einmal aufflackernde Sternschnuppen zu präsentiern.

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