Achtung, Lachen erlaubt!

Wie sehr die Vorstellung eines „Konzertes“ das Verhalten des Publikums beeinflusst wurde wieder einmal bei einer Aufführung von Werken des „Marcel Duchamp der Musik“ – John Cage – deutlich. Trotz vielfach aufblitzenden Humors des kompositorischen Revolutionärs in den Arbeiten seiner „Songbooks“ überwog in der Reaktion der Anwesenden offenkundig angestrengtes Nach-Denken.

SongBooks von John Cage im Tanzquartier Wien (Foto: (c) Felix Classen)

Nach wie vor – so konnte man an dem Abend lernen – fällt es dem geübten Kulturkonsumenten schwer, seine Erwartungshaltung an einen Konzertabend über Bord zu werfen, seinen Eindrücken zu vertrauen und während einer Vorstellung auch einmal herzhaft über das Geschehn zu lachen. Das Tanzquartier Wien beherbergte im Proskpekthof des Semperdepots am 12. April ein choreographisches Projekt, das als Ausgangsbasis einige Werke der 1970 veröffentlichten Songbooks aufwies. Dabei agierten 10 Künstler und Künstlerinnen in einer Auftragsarbeit der Akademie der Künste, Berlin, anlässlich des Programms „A year from Monday – 365 Tage Cage der Akademie der Künste“. Darin zeigte sich, dass die Arbeit von John Cage nach wie vor als zukunftsträchtig bezeichnet werden kann, zugleich aber auch schon ihre Jährchen offenbart, die sie auf dem Buckel hat.

Dieses Paradoxon ist mehreren Umständen geschuldet. Es kommt einerseits darauf an, inwieweit man mit den Ideen von John Cage vertraut ist. „Neulinge“ werden beim Zugang zu dieser Arbeit sicherlich ihre Eingangsschwierigkeiten haben, „alte Hasen“ hingegen aufgrund ihres Kenntnisvorsprunges andere Reflexionsmöglichkeiten aufweisen. Darüber hinaus basieren gerade die Arbeiten in den Songbooks auf so vielen theoretischen Überlegungen, dass jede Zeit ihre eigenen Interpretationsweisen finden kann und so das Werk imstande ist, sich zeitgeistig mühelos anzupassen. Die „Antiquiertheit“ besteht zum großen Teil aus der Tatsache, dass Publikumsirritationen im Konzertbereich heute keinen Neuigkeitswert mehr haben und man schon allein deswegen die Entstehungszeit der Stücke relativ leicht zeitlich korrekt einordnen kann.

Die Möglichkeit, sich für eine Vorstellung einzelne Stücke dieser Anthologie auszusuchen, die Besetzung individuell zu gestalten und auch in der Umsetzung einen großen Freiraum zu genießen, machen jeden Abend zu einem einzigartigen Erlebnis.

Es liegt nicht an der Qualität dieses Werkes, sondern vor allem an der künstlerischen Umsetzung, die einen „Songbook“-Abend ge- oder misslingen lassen. Schon alleine das Semperdepot als Aufführungsort zu wählen, war eine kluge Entscheidung, der noch viele weitere folgen sollten. So beeindruckte Anna Huber, die sich gleich mehrere Soli auserkoren hatte, mit einer stringenten Tanzperformance, die sich bis in den Umlaufgang des 1. Stockes erstreckte. Von einfachsten Gesten, wie dem Zerbrechen von trockenen Ästen, über komplexe Bewegungsmuster, in welchen sie ihre Arme in den Mittelpunkt des Geschehens setzte, bis hin zu statischen Posen reichte ihre Performance – optisch gut nachvollziehbar durch das grelle Orange ihrer Bluse und Schuhe.

Ana Laura Lozza und Lee Meir hingegen zogen wohl die meiste Publikumsaufmerksamkeit auf sich. Alleine ihr „Spielort“ – in der Mitte der Halle angesiedelt – fokussierte die Blicke der Anwesenden. Über die gesamte Länge des Abends setzten sie abwechselnd verbalisierte Textanleitungen um, bei welchen sie verschiedene Begriffe körperlich darzustellen hatten. Eine Darbietungsform, die man aus der Gestalttherapie schon seit den 70ern gut kennt. Der Unterschied dazu lag lediglich in der nicht therapeutisch ambitionierten, abstrakten Ausführung, die starke dadaistische Züge aufwies. Bewundernswert dabei war nicht nur die Kondition der beiden Tänzerinnen, sondern auch ihr Konzentrationslevel, den sie durchgehend aufrechterhielten.

Die insgesamt drei Auftritte des stimmlosen Chores, der lediglich Respirationsgeräusche verstärkte, die jedoch nach einem strikten Metrum performt wurden, steigerten sich zu einem Absurdistan made by John Cage. Und dies hauptsächlich aufgrund der skurrilen Kostüme im letzten Teil – falsche Pelzmäntel, schwarze Strümpfe und High Heels – auch für den „Chorleiter“. Seltsam, dass dem Publikum kein Lacher entkam. Auch nicht bei weiteren Aktionen, in denen Türen geschmissen, kleine Wigwams aus Schaschlikspießen und Taschentücher gebaut wurden, oder zwei Windmaschinen die Kleidung einer jungen Frau ins Wirbeln brachten, ganz nach Anleitung des Großmeisters der zeitgenössischen Musik des 20. Jahrhunderts.

Das Interessante oder auch Besondere dieses Abends war die Tatsache, dass sich alle einzelnen Aktionen und Performances im Laufe der Vorstellung von unabhängigen Stücken zu einer Gesamtperformance vereinigten. In dieser hatte jede einzelne künstlerische Darbietung ihre Berechtigung und erschien, wie bei einer guten Choreographie oder Regie, zur richtigen Zeit am richtigen Platz. Nicht zuletzt war dies dem Einsatz des Cellisten – noid – zu verdanken. Vom Tanzquartier für diese Produktion beauftragt,  verlieh er der Aufführung einen realen konzertanten Charakter und agierte gleichzeitig als Generalbass, der dem so unterschiedlichen Geschehen eine feste Klammer zur Verfügung stellte.

Wie so häufig bot diese rundum gelungene Cage-Interpretation auch reichlich Gelegenheit zu psychologischen und sozialen Studien des Publikums, was schon für sich eine Betrachtung wert wäre. Zuspruch an dieser Stelle auch für die kreative Leistung, diese Aufführung im Rahmen des Festivals Scores N° 5 – zum Thema CHÀOS zu zeigen.Wie sehr die Vorstellung eines „Konzertes“ das Verhalten des Publikums beeinflusst wurde wieder einmal bei einer Aufführung von Werken des „Marcel Duchamp der Musik“ – John Cage – deutlich. Trotz vielfach aufblitzenden Humors des kompositorischen Revolutionärs in den Arbeiten seiner „Songbooks“ überwog in der Reaktion der Anwesenden offenkundig angestrengtes Nach-Denken.

SongBooks von John Cage im Tanzquartier Wien (Foto: (c) Felix Classen)

Previous

Next

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.

Pin It on Pinterest