Eine dunkle Bühne mit einem Boden, der in geometrische, schwarz-weiße Streifen gegliedert ist. Eine Tänzerin und ein Tänzer. Ein monolithischer, großer, hochgestellter Quader in der linken Bühnenhälfte, der zu schweben scheint. Christian Rizzo, Tänzer, Choreograf und bildender Künstler, schuf mit dem Setting für sein neues Stück „ad noctum“ bei Impulstanz den Rahmen für ein Gesamtkunstwerk, in dem Tanz, Musik und bildende Kunst zu gleichem Recht kommen.

Kerem Gelebek, aus der Türkei gebürtiger Tänzer, teilt mit Rizzo seine Liebe zur bildenden Kunst. Beide haben sich vor ihrer Tanz- und Choreografiebegeisterung damit beschäftig. Mit Julie Guibert bildet Gelebek in Rizzos Inszenierung, die er mit dem ICI-CCN Montpellier verwirklichen konnte, schlicht ein Traumtanzpaar. Zu Recht hat Rizzo die beiden auf einer Bühne vereint, denn die Harmonie, die sich in ihrem Tanzausdruck findet, besticht nicht nur durch die Choreografie. Vielmehr sind sich die beiden völlig ebenbürtig. Es ist ein Paar unserer Zeit, in dem es keine offen zur Schau getragenen Geschlechterrollen gibt. Dennoch muss weder Gelebek seine Männlichkeit noch Guibert ihr Frausein negieren.

ad noctum © Marc Coudrais

Die Choreografie, unterbrochen durch unzählige, nur wenige Sekunden dauernde Pausen, in welchen es stockdunkel im Saal ist, ist ein einziger Fluss. Darin schwimmen so bunte Schritt-Fischlein namens, Tango, Line-Dance, langsamer Walzer, Jive, Rock` n roll und viele andere mehr. Sie blitzen für wenige Momente auf, um bald wieder ihre Farbe zu ändern und ihre Gestalt zu verwandeln. Dabei hilft ihnen eine warme Strömung, die zeitgenössischer Tanz genannt wird. In ihr finden sich Drehungen mit ausgestreckten Armen und gleichzeitiges Beugen, kleine Sprünge, Läufe quer über die Bühne. Kaum meint man, sich von dieser Strömung weiter tragen zu lassen, taucht das nächste bunte Fischlein auf und zeigt seine elegante Gestalt.

Das Leben hat viele Szenen

Doch Rizzo zeigt nicht nur eine formvollendete, geistreiche und mit einer bewundernswerten Leichtigkeit ausgestattete Choreografie. Er schiebt zwischen die einzelnen Auftritte auch kurze Szenen ein, in welchen das Paar nicht tanzt. Vielmehr werden darin Momente erkennbar, in welchen die Beziehung der beiden aufgezeigt wird. In einer Szene sitzt Guibert abgewandt von ihrem Partner, der ein langes Solo tanz, während dessen er immer wieder zu seiner Partnerin blickt. In einer anderen Szene ist er es, der am Boden sitzt, den Rücken zum Publikum gekehrt, während sie ihre wunderbaren Kreise und Pirouetten über die Bühne zieht. Mehrfach versuchen sie, sich gegenseitig Halt zu geben. Mehrfach gehen sie, scheinbar zutiefst von Trauer erfasst, zu Boden. In einem kurzen Auftritt trägt Gelebek seine Partnerin wie leblos über seine Schulter gelegt. In einem anderen wendet sie sich schließlich von seinem regungslos am Boden liegenden Körper ab. Es ist keine durchgängige Geschichte, die hier erzählt wird, sondern es sind Momentaufnahmen aus vielen, unzähligen Geschichten, die das Leben schreibt. Damit bietet Rizzo vielen Menschen die Gelegenheit zur Identifikation und zeigt zugleich die Vielfalt von emotionalen Zuständen auf, die eine Beziehung in ihrem Verlauf kennzeichnen.

Eine Skulptur als Hauptdarsteller

Neben den beiden Hauptfiguren gibt es noch einen anderen Bühnenstar. Es ist Rizzos übermannsgroßer Quader, der, je nach Beleuchtung, seine Gestalt wechseln kann. Einmal präsentiert er sich mit einer durchsichtigen, grauen Haut, ein anderes Mal ist er in seinem Inneren mit vielen Scheinwerfern ausgestattet. Dann wieder verzieht sich dichter Nebel ganz langsam von seinem Boden bis an seine Decke, in welcher er auf unerklärliche Weise verschwindet. Computeranimierte Lichtranken und ebensolche geometrische Muster in Schwarz und Weiß beleben ihn genauso wie die weißen Schemen eines Tanzpaares, die bald nach ihrem Auftauchen zu winzigen, kleinen Püppchen schrumpfen und ins Nichts verschwinden.

Rizzo gelingt mit diesem „Auftritt“ eine perfekte Verschmelzung eines Kunstobjektes im Rahmen einer Bühnenperformance. Dennoch wird der Lichtskulptur ausreichend Aufmerksamkeit zuteil. Nach vielen Seiten interpretatorisch offen, erhält sie ihren Reiz auch durch den Sound von Pénélope Michel und Nicolas Devos. Dieser baut sich von einem simplen Geräusch-Layer – zu Beginn der Vorstellung – zu einer vielschichten Rhythmuswolke auf. Dass dieser Sound ganz und gar nichts mit den Tänzen zu tun hat, die in der Choreografie erkennbar werden, wirkt unglaublich reizvoll.

Ein Abgesang mit einem Hoffnungsschimmer

Als das Ende des Stückes gekommen scheint, schafft Christian Rizzo noch einen Turnaround. Dafür treten Guibert und Gelebek in weißen Kostümen auf, die Assoziationen zum Triadischen Ballett, zum Ku Klux Klan und zu einem Weißclown zulassen. Langsam, ganz langsam bewegen sie sich zu Arvo Pärts Arrangement für Stimme und Orgel, das er zu Robert Burns Gedicht „My heart`s in the highland“ schrieb. Burns, einer der bedeutendsten, romantischen, schottischen Schriftsteller, wurde 2009 in einer Fernsehumfrage zum wichtigsten Schotten auserwählt. In seinem Text beschreibt er das Abschiednehmen von seiner geliebten Heimat.

Ein Abschiednehmen zeigt sich auch im allerletzten Tanz auf der Bühne, bei welchem aus Julie Guiberts Kostüm sogar Rauch aufsteigt. Die surreale Szene, völlig abgekoppelt vom zuvor Gesehenen, versetzt das Publikum in eine andere Welt und eine andere Zeit. Schwebend zwischen der Vergangenheit und einer unbestimmten Zukunft berühren die beiden Tanzenden mit ihrer Sanftheit, ihrem Gleichklang und ihrer offenkundigen Liebe zueinander die Herzen des Publikums. Das Weiß ihrer Kleidung setzt einen kräftigen Kontrapunkt zu jenem Schwarz, welches das Publikum bis dahin so häufig ummantelte. Und es verbreitet Hoffnung. Worauf, das bleibt den Betrachtenden selbst überlassen.

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