Regisseur Robert Carsen, der zuletzt an diesem Haus „Platee“ von Jean-Philippe Rameau  mit großem Erfolg inszenierte, traf auch dieses Mal wieder ins Schwarze. Ihm gelang eine Deutung des antiken Stoffes, die es in sich hat.

Agrippina (c) Werner Kmetitsch

Händels Oper rund um die Machtspiele von Claudios Frau Agrippina ist nicht nur ein Augenschmaus und ein Fest für die Ohren. Carsen sorgt mit seiner Regie dafür, dass man meint, die Geschichte hätte sich gerade erst zugetragen. Es ist nicht die Kaiserposition im Römischen Reich, um die gestritten wird, sondern der Chefsessel eines Konzerns im heutigen Italien. Dieser „Thron“, um dessen Besetzung sich alles dreht, ist gleich zu Beginn inmitten eines pompösen Büros zu sehen. Agrippina unterschreibt Akten, die ihr vorgelegt werden. Ihr Sohn Nerone, ein noch schwacher Jüngling ohne große Ambitionen, erscheint im gestreiften Pyjama und schaut sich zuallererst einmal die Nachrichten auf dem Großbildschirm an. Nachrichten, die aus dem eigenen Konzern produziert wurden, wie sich noch herausstellen wird.

Die Besetzung ist dank der heutigen Quantität an jungen Countertenören am Original ausgerichtet. Nerone, Ottone und Narciso sind keine Hosenrollen, sondern werden von jungen Männern, die stimmlich für die Rollen sehr klug ausgesucht wurden, gesungen: Nerone von Jake Arditti, sein Gegenspieler Ottone von Filippo Mineccia. Beide zeigen ihre absolute Stärke im oberen Bereich ihrer Stimmlage. Beide werden, je länger der Abend dauert, umso ausdrucksstärker und voluminöser. Tom Verney, der Narciso, einen der jungen Getreuen von Agrippina gibt, wird von Thomas Hengelbrock im Dirigat sehr subtil unterstützt. Er drosselt bei seinen Arien die Dynamik, um Verneys Gesang nicht zu übertönen. Hengelbrock zeichnet sich darüber hinaus in jeder einzelnen Minute als höchst subtiler Dirigent aus, der sein Orchester unglaublich feinnervig unterstützt. Wie er einzelne Stimmen herauszugeben vermag, andere zu forcieren, wie er jede einzelne Arie im Geist, die Lippen bewegend, mitsingt, oder sich ab und zu zurücklegt, um bei Rezitativen nur dem Klang zu lauschen, hat wirklich große Klasse. Diese überträgt sich eins zu eins auf die Musikerinnen und Musiker des Balthasar Neumann Ensembles, das damit sein zu Recht viel bejubeltes Debüt am Haus gab. Die Originalinstrumente, bzw. historischen Nachbauten, glänzen mit einer tonalen Farbigkeit, die höchst organisch wirkt. Die Tempi gut gewählt, die Dynamik, wie schon angedeutet, extrem differenziert – all das trug zu einem wunderbaren musikalischen Ereignis bei, das von Lebendigkeit nur so sprühte.

Wie immer ist die Besetzung im Theater an der Wien äußerst gelungen, nicht nur was die Countertenöre betrifft. Pallante, neben Narciso einer der beiden von Agrippina Manipulierten, wird von Damien Pass besetzt, der mit einem schönen und klaren Bassbariton überzeugt. Auch Agrippina und Poppea wurden ideal ausgesucht. Patricia Bardon schenkt mit ihrem warmen und kräftigen Mezzosopran der Ränke schmiedenden Agrippina glaubwürdige Konturen. Danielle de Niese ist in ihrer Rolle als Poppea der absolute Star des Abends. Einfach toll, dass sie immer wieder in Wien Auftrittsmöglichkeiten bekommt und diese auch wahrnimmt. Der mittlerweile international gefragte Opernstar ist auch, was ihre schauspielerischen Ausdrucksmöglichkeiten betrifft, ein Ereignis. Jede Geste, aber auch jede Mimik sitzt, macht Spaß, überzeugt. Ganz abgesehen von ihrer wunderbaren, klaren, kräftigen, niemals aber überstrapazierten Stimme. Die Geschmeidigkeit, die sie auch bei den allerkompliziertesten Koloraturen zu Gehör bringt, ist unglaublich.

Mika Kares, auch er gastierte schon mehrfach am Haus, überzeugte nicht nur mit seinem Bass, sondern auch seiner Darstellung Claudios. Groß gewachsen und stimmächtig ist er der Inbegriff eines achtungsgebietenden Herrschers. Dass zugleich aber auch jene Charaktereigenschaften sichtbar werden, die ihn zu einem lächerlichen und leicht zu übertölpelnden Mann machten, verdankt er der gewitzten Regieführung. Wunderbar, wie er mit herabgelassener Hose seiner angebeteten Agrippina hinterherläuft, angsteinflößend, wie er ihr wenige Momente später zeigt, dass er es ist, der gottgleich über jeden und jede herrschen kann. Dass Lesbo, sein Sekretär, ebenso unbeholfene Züge an den Tag legt wie sein Chef Claudio, wird durch die Darstellung von Christoph Seidl – Mitglied des Jungen Ensembles des Theater an der Wien – unterstrichen. Bebrillt und mit Pullunder ausstaffiert, ist er ein geschäftiger Nachrichtenüberbringer, der weder eine Gefahr für seinen Herrscher, noch für die diversen Liebhaber der beiden Frauen darstellt.

Agrippina (c) Werner Kmetitsch

Agrippina (c) Werner Kmetitsch

Die Regie ist dort besonders eindrucksvoll, wo sie die Aktionen der Beteiligten bewusst übertreibt. Nerone verschenkt seine angeblichen Almosen nicht an richtige Bedürftige, sondern an Statisten aus seinem Unternehmen, die während seiner Geldverteilaktion von den TV-Kameras in Großbild eingefangen werden. Poppea wird von Agrippina von Kopf bis Fuß mit Nobelmarken wie Armani, Prada oder Gucci eingekleidet, wobei ihr die Intrigen schmiedende Agrippina mit schwarzen Ballerinas keine Freude bereitet. Die um eine Generation jüngere Poppea hat die männerbetörende Ausstrahlung von High Heels längst erkannt und würde lieber barfuß gehen, als das brave Mädchen in absatzlosen Schuhen mimen. Carsen scheut sich auch nicht, Agrippina in einer Szene am Pool als Nymphomanin darzustellen, die auf einer Sonnenliege zum Mittelpunkt einer Gangbang-Nummer wird. Naiv, wer diese Szene nicht so interpretiert.

Der absolute, humorige Höhepunkt findet schließlich in Poppeas Schlafzimmer statt, in welchem Nerone und Ottone sich vor Claudius verstecken und im Eiltempo auf allen Vieren vor seinen Blicken über die Bühne hoppeln. Was für ein herrlicher Spaß, der schon im Libretto dieser Szene angelegt ist. Es sind jedoch die allerletzten Sekunden, die einem in der Inszenierung den Atem rauben. Robert Carsen schafft es, mit einer geschickten Lichtregie und wenigen, raschen Aktionen auf der Bühne, in die Zukunft von Agrippina, Claudio und Poppea zu blicken. Dass Nerone dabei in ein hysterisches Lachen verfällt, ist nur folgerichtig und macht zugleich all das, was zuvor als Happy End angelegt war, mit einem Schlag zunichte. Die Ermordung der Personen geschieht während der Feier zur Ernennung Nerones zum Nachfolger von Claudio. Die jungen Bodyguards, ausstaffiert mit Springerstiefeln, Muscle-Shirts und Pistolenhalftern, entpuppen sich als gedungene Schergen, die ihr Handwerk verstehen.

Gideon Davey, für die Ausstattung verantwortlich, schafft mit seinen hohen, kühlen, zugleich aber auch edlen Räumen für das passende Surrounding. Die pompöse Architektur der 30er bzw. 40er Jahre in Italien feiert hier eine Wiederauferstehung. Fragmente des klassizistischen “Palazzo della Civiltà” in Rom, für Mussolini nach dem Vorbild des Kolosseum erbaut, verwandeln sich auch hier in das Zentrum der Machtelite. Eine Wand, die in die Bühnentiefe fährt, während dahinter ein projiziertes Haus herangezoomt wird, schafft Bewegung, während das Ensemble auf seinen Plätzen verharrt. Der Swimmingpool ist mit seinen Wasserspiegelungen so naturalistisch angelegt, dass darin auch vermeintlich auf- und abgetaucht werden kann. Höchst ironisch, wie sich dieses Bild mit Ottones innigem und zartem Lamento vermischt, in dem er zu Beginn die lieblichen Quellen besingt, die sich durch die Gräser winden. Poppeas Schlafzimmer wird von einer riesigen Bettlandschaft beherrscht, die meterhohen Vorhänge im richtigen Moment via Fernbedienung zugezogen. Die Umbauten finden allesamt hinter dem Vorhang statt, was den Sängerinnen und Sängern währenddessen die Möglichkeit gibt, auf dem Proszenium nah am Publikum ihre Arien vorzutragen und kleine Tänzchen zu wagen, in welchen sich barocke mit zeitgeistigen Schrittkombinationen vermischen.

Es ist nicht ein bestimmtes Merkmal, das diese Inszenierung so lustvoll und denkwürdig macht. Ungezählte, originelle Regieeinfälle, ein beeindruckendes Bühnenbild, die gute Besetzung, sowie die herausragende musikalische Gestaltung ergeben ein Gesamtpaket, das man unbedingt noch rasch buchen sollte: Wenn man überhaupt noch Restkarten bekommt.

Am 29. März gibt es die Möglichkeit, die Agrippina via Live-Stream aus dem Theater an der Wien zu verfolgen. Nähere Infos hier.

Pin It on Pinterest