Perfide, wirklich ganz perfide

„Pension Europa“ des Aktionstheater Ensemble in der Inszenierung von Martin Gruber – Wiener Uraufführung im Werk X-Eldorado

Die Bühne – schneeweiß. Wände und Boden – schneeweiß. Die Plastiksessel darauf – schneeweiß. Nur an der Stirnwand sind die Vornamen der Schauspielerinnen in großen, schwarzen Lettern zu lesen. Michaela, Susanne, Aisha, Alev, Isabella, Kirstin. Das sind die sechs weiblichen Champions, die anlässlich der Wiener Uraufführung von „Pension Europa“ in einen eiskalten Bühnenring steigen und dort ihren Kampf gegen alltägliche Widrigkeiten beginnen. Wo gut gespielt wird, braucht es kein Bühnenbild. Die Damen des Aktionstheater Ensemble kommen zu Recht ohne aus.

Der Text, der auf Interviews basiert und den Claudia Tondl zusätzlich poetisch anreicherte, ist sowohl zum Totlachen – als auch zum Totweinen. Je nach Betrachtungsweise und je nachdem, auf welcher Seite man steht. Bilgeri, Brandt, Eisa, Irmak, Jeschke und Schwab – so die Nachnamen der Akteurinnen – performen einen aberwitzigen Sprachparcours, bei dem sich das Publikum an vielen Stellen wiederfindet aber oft auch ertappt fühlt. Was genau passiert beim Haarefärben? Welche ist die beste Position beim Fotografieren – bei der die wenigsten Speckröllchen zu sehen sind? Bis dahin ist alles noch Schenkelklopftheater, das wirkt. Das Publikum johlt vor Lachen ob der zur Schau gestellten weiblichen Unzulänglichkeiten. Aber dann kommt die Geschichte über die verstorbene Schwester und die Zurückweisung der Mutter. Da stockt der Atem. Man könnte eine Stecknadel fallen hören. Bis von der Bühne der erlösende Satz kommt: „Alles gelogen, das hab ich mir nur ausgedacht!“ Wie jetzt, was jetzt? Ist das, war hier geboten wird ein Abbild unserer Realität, wie wir sie tag-täglich abseits des Theatersaals erleben oder doch nur Theaterwirklichkeit? Wurde tatsächlich eine männliche Liebschaft in Ägypten zurückgelassen oder sind die Geschichten einfach nur wunderbar erfunden?

Eine Theaterschaukel der besonderen Art

Die Truppe taucht gekonnt eine Wahrnehmungsschaukel an, die so rasant zwischen den Polen „oh ja, so ist es“ und „nein, das kann nicht wahr sein“ hin und her schwingt, dass einem schwindelig werden kann. Und sie beackert ein großes Feld, aus dem plötzlich unterschiedliche Versatzstücke auftauchen. Politische – „bei uns ist revolutionstechnisch ja schon lange nichts mehr los“, persönliche – „ich schaue so gern die Fernsehserie, bei der der Vater der Pastor ist“, oder auch gesellschaftsrelevante „I´m a bloody fucking Austrian girl“. Dabei wird lustvoll in jede Klischeepfütze und in jeden Vorurteilsmorast gesprungen, dass der Humor nur so spritzt. Wer Antennen hat, die auf die wahrlich schrecklichen Ausgangsmotive ausgerichtet ist, die dahinter stehen, kommt jedoch auch voll auf seine Kosten. Political correctness ist dabei – dem Aktionstheater Ensemble sei Dank – ein Fremdwort. Pension Schöller hieß ein Lustspiel aus dem 19. Jahrhundert, das Hugo Wiener in den 70er Jahren für die Wiener Kammerspiele adaptierte. Darin hielt ein soignierter Herr die Bewohner einer Pension irrtümlich für geisteskrank. In „Pension Europa“ wird dem Publikum ein Sammelsurium von Befindlichkeiten vorgeführt, die in ihrer Absurdität jener der Pension Schöller in nichts nachhinken. Mit dem Unterschied, dass die Absurdität ihre richtige Schärfe leider durch die tagesaktuellen Schreckensnachrichten erhält.

Ob Theater etwas bewirken kann, wie es an einer Stelle postuliert wird, sei dahingestellt. Dass man dieses jahrtausendealte Medium jedoch gehörig auf die Schippe nehmen kann, wurde am Aufführungsort – dem Werk X-Eldorado am Petersplatz – ausgiebigst vorexerziert. Imaginäre Theatervorhänge, theatralische Workshops, um das Betteln professionell zu erlernen, Selbstgeißelungen mit viel Theaterblut und eine Gesangsdiva, die unbeeindruckt von allem ihre Arien schmettert, als gäbe es daneben kein Sprechtheater – all das macht klar: Hier wird das eigene Tun seziert. Hier wird dem Publikum gezeigt, auf welche Spiele es sich einlässt, wenn es sich in eine Vorstellung begibt. Martin Gruber, der für die Regie verantwortlich ist und das Aktionstheater nun bereits seit 25 Jahren leitet, lässt die Damen ungeschminkt und in hautfarbener Unterwäsche auftreten. Sich bis auf die nackte Haut auszuziehen bedeutet in diesem Zusammenhang zu spielen, so wie man ist. Blank, ohne Beschönigung. Aber es sind nur die Körper, die hier unverhüllte Wirklichkeiten zeigen. Das, was gesprochen wird, hat doppelten Boden. Die Verwirrungsstiftung funktioniert auch in diesem Zusammenhang perfekt. Perfide, perfide ist so das Spiel vom Beginn bis zum lyrischen Schluss. Da darf dann jener Regen fein niederprasseln, den das Aktionstheater 25 Jahre lang bühnentechnisch nie zustande brachte. Eine feine Metapher, wie Beharrlichkeit gegen jede Widrigkeit am Ende doch zum Ziel führen kann.

Humor ist die Lust zu lachen, wenn einem zum Heulen ist. Diesen Satz prägte einst der deutsche Kabarettist Werner Finck. Das Aktionstheater Ensemble hat diese Weisheit auf der Bühne zu prallem Leben erweckt. Sehenswert!

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