Nur noch Alpenmilch, Noisette und Vollmilch!

Nur noch Alpenmilch, Noisette und Vollmilch!

von | 19. Juni 2019 | Theater

Michaela Preiner

„Wie geht es weiter“ – aktionstheater ensemble (Foto: Gerhard Breitwieser)

19.

Juni 2019

Sie sind einfach großartig. Schon beim Einzug in jene Arena, die sich Bühne nennt, kommt Freude beim Publikum auf, handelt es sich doch um mehr oder weniger „alte Bekannte“. Michaela Bilgeri, Maria Fliri, Andreas Jähnert, Thomas Kolle, Fabian Schiffkorn und Benjamin Vanyek treten mit umschatteten Augen, beigen Spitzenkleidern und ebensolchen Shirts auf und machen in wenigen Augenblicken klar, dass die Energie, die jetzt von ihnen ausgesendet werden wird, eine hochexplosive ist.
Der Regisseur Martin Gruber bleibt bei den Produktionen des aktionstheater ensemble seinen Schauspielerinnen und Schauspielern treu. Kein Wunder, ist es doch eines seiner Grundprinzipien, gern mit Menschen zu arbeiten,  die er schon länger kennt. Manche sind schon Jahrzehnte dabei, wie Susanne Brandt, andere wieder bleiben kürzer. – Das entwickelt sich individuell und ist nirgends festgeschrieben. Die Kerngruppe des zwischen Vorarlberg und Wien vazierenden Theaters besteht aus ca. 30 Personen, die wechselweise in den unterschiedlichen Produktionen auftreten.
Das jedoch mit hohem Wiedererkennungswert. Denn schließlich ist auch ein beträchtlicher Teil dessen, was in den Stücken angesprochen wird, Erlebtes, Erfühltes oder Erdachtes der Truppe und nicht nur eines einzigen Masterminds. Und so kommt es, dass man den Eindruck erhält, jene Menschen, die auf der Bühne stehen, schon nach wenigen Vorstellungen gut zu kennen. Vor allem auch, weil alle „Typen“ – im positiven Sinn – sind. 

Sie erzählen von ihren Marotten, ihren Ängsten oder ihren Schwächen, ihren Vorlieben und Wünschen und spiegeln dabei viel von jenem Zeitgeist wider, in dem wir uns alle befinden. „Wie geht es weiter – die gelähmte Zivilgesellschaft“, diese Neuproduktion, die im WerkX im Juni Premiere feierte, verhandelt eine ganze Menge an Themen, die vielen von uns unter den Nägeln brennen. Oder brennen müssten. Angefangen von Afrika – „Afrika ist ein RIESENTHEMA!“ – so Bilgeri mehrfach, über prekäre und luxuriöse Wohnverhältnisse bis hin zu reuelosem Schokoladegenuss und politischen, braunen Sümpfen in Österreich spannt sich dieses Mal der Themenbogen.

„Wie geht es weiter“ (Foto: Gerhard Breitwieser)
Den wahren künstlerischen Touch erhalten Grubers Arbeiten aber erst durch die Kombination mit der Musik (dieses Mal Kristian Musser) und dem teilweisen Einsatz von Choreografien. Diese halten alle Beteiligten laufend in Bewegung. Bis auf eine Ausnahme. Benjmin Vanyek fällt oft aus dem Gemeinschaftsraster. Während die anderen beim Hantieren mit alten Autoreifen zu schwitzen beginnen oder sich synchron drehen und parallele Tanzschritte vollführen, kann es immer wieder passieren, dass er dabei ganz außen vor bleibt.

So sehr sich die anderen darum bemühen, erfolgreich und angepasst zu sein, so sehr sie versuchen sich selbst zu optimieren und dabei jedoch regelmäßig scheitern, so sehr stellt Vanyek einen Antipoden dar, dem das alles schnell zu viel, zu laut und zu blöd ist. Er beschäftigt sich mit der Langsamkeit des Lebens, oft auch mit dem Nichtstun, für das er viel Zeit braucht und – er ist jene Figur in den aktionstheater ensemble-Aufführungen, bei der klar wird, wie irrsinnig unsere hektische Welt und unser Verhalten angelegt sind. Dabei bietet er eine wunderbare Projektionsfläche für Wünsche, die sich der strebsame Mensch nicht einmal im stillen Kämmerchen zu denken getraut: Ein ruhiges Leben führen, sich mit sich selbst beschäftigen und auch sich selbst genügen – eine paradiesische, aber in unserer geldoptimierten Welt schier unausführbare Vorstellung.

In dieser jüngsten Aufführung sind es zwei Aktionen, die das temporeiche, verbal Diskursive, das kennzeichnend für dieses Theater ist, sprengen. Es sind die heftigen Schmuse-Attacken von Michaela Bilgeri mit zwei ihrer Kollegen, während derer jedoch das erzählerische Geschehen ungebremst weiter läuft. Und dann ist da noch der minutenlange Schrei von Benjamin Vanyek nach seiner Mutter, untermalt mit einem ohrenbetäubendem Hard-Rock-Sound.

Ausgelöst wurde diese Aktion, bei der er schweißdurchtränkt und schokoladeverschmiert vor allen anderen am Boden sitzt, durch seine vorherige Erzählung. In dieser schilderte er, wie seine Mutter löwenhaft, wenngleich auch „etwas übertrieben“ darum kämpfte, die Wohnung nach einem Mietrückstand für sich und ihre vier Kinder nicht zu verlieren.

Der anschließende, exzessive Schokoladegenuss – nur mit Alpenmilch, Noisette und Vollmilch wohlgemerkt – löst bei ihm wie in einem Backflash ein Sehnsuchtsgefühl aus, das viele kennen. Es sind Momente wie diese, die betroffen machen und von welchen man weiß, dass das, was hier auf der Bühne geschieht, stellvertretend für das Publikum passiert, das nur stumm sitzt und schaut.

Bilgeri knutscht für all jene, die sich vielleicht gar nicht mehr daran erinnern können, wie sich intensiver Körperkontakt anfühlt. Benjamin Vanyek brüllt sich die Seele aus dem Leib für alle, welche den Wunsch, wieder mutterumsorgt Kind zu sein ebenso hinausbrüllen möchten, es aber aus raisonablen Gründen niemals tun würden.

"Wie geht es weiter" (Fotos: Gerhard Breitwieser)
Martin Gruber zitiert in seinen Interviews immer wieder gerne das antike, griechische Theater, wohl wissend, dass gerade die kathartischen Elemente darin Erfolgsfaktoren waren. Was heute bei vielen Theaterleuten verpönt ist, schleust er mit Szenen wie die beiden letztgenannten, ganz frech durchs Hintertürchen ein und erweckt dabei unglaubliche Emotionen und Reflexionsanstöße.

Kopf, Emotion und dazu eine große Portion Humor – gespeist aus der Unzulänglichkeit von uns allen und dem nicht erklärbaren Wahnsinn unserer Welt – sind Fixpunkte in den aktionstheaterensemble-Inszenierungen. Auch die sichere Wiederkehr dieses Triumvirats macht den Erfolg dieses Theaters aus, dessen Fangemeinde wächst und wächst und für dessen Vorstellungen man früh genug Karten kaufen muss, um einen Platz zu bekommen. To be continued – am besten mit Ende nie – ist ein frommer Wunsch – den man ja noch träumen wird dürfen.

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