Thomas Bernhard prall gefüllt mit Emotionen

Das Volkstheater gibt zwei wunderbaren Schauspielern Gelegenheit, sich in einem 2-Personen-Stück dem Publikum in Wien vorzustellen. Lukas Holzhausen und Rainer Galke brillieren in „Alte Meister“ von Thomas Bernhard.

„Am Abend, nach sechs Uhr, sperre ich keine Verbrecher ein, sondern Kunstwerke, ich sperre den Rubens ein und den Bellotto.“ Der Museumswärter Irrsigler sagt diesen Satz kurz nach dem Beginn des Stückes. Er sagt es zu Reger, einem Besucher des Kunsthistorischen Museums. Über 30 Jahre kommt dieser jeden zweiten Tag dorthin, um auf einer Bank nachzudenken und Ruhe zu finden. Eine Ruhe, die manche als Irrsinn deuten könnten.

Dušan David Pařízek zeichnet für die Bühnenfassung, die Regie und Bühne verantwortlich. In Wien reüssierte er vor rund einem Jahr mit seiner Inszenierung der „Lächerlichen Finsternis“ von Wolfram Lotz am Akademietheater. Nun zeigt er im Haus schräg hinter dem Kunsthistorischen nichts, was im Museum zu finden ist. Und das ist gut so. Obwohl Bernhards Text in einem Saal des KHM spielt.

Der Bühnenraum ist mit weißen Leinwänden bespannt, sodass Irrsigler darauf Overhead-Projektionen vornehmen kann, noch während das Publikum seine Plätze aufsucht. Aber es sind keine Wiedergaben von Meisterwerken der Malkunst, sondern nur X-fach vergrößerte Bildausschnitte, sodass die eigentlichen Bilder dahinter nur erraten werden können. Und auch die Sitzbank ähnelt nicht jenen, die im KHM zum Verweilen einladen, denn sie ist relativ kurz und mit weißem Leder bezogen. Ist das überhaupt ein Saal im benachbarten Museum? Je länger der Abend andauert, umso sicherer ist man vom Gegenteil überzeugt. Denn all die Requisiten, die dort vorhanden sind, bis hin zu einem überlangen Galgenseil, und all die Handlungen, die dort von Reger und Irrsigler gesetzt werden, passen nicht in eine hochherrschaftliche Gemäldesammlung.

Pařízek hat den Text von Bernhard gekürzt und die Rolle des Privatgelehrten Atzingers ganz gestrichen. Das hat zur Folge, dass das Hauptaugenmerk auf die Beziehung zwischen Reger und Issrigler gelegt wird. Die Streichungen nehmen dem Text nicht nur eine bühnenunverträgliche Länge, sie bewirken auch eine Freilegung der Charaktere und deren Emotionen wie mit einem Seziermesser.

Lukas Holzhausen liegt gleich zu Beginn auf der für ihn viel zu kurzen Bank und beginnt das Gespräch mit Rainer Galke. Er, der Museumswärter, wird von Reger für dumm gehalten und muss diese Feststellung, die ihm Reger ins Gesicht schleudert, auch noch widerspruchslos aushalten. Aber, und hier setzt die große Leistung von Parizek bereits ein, bald wird klar, dass das Alphatier Reger ohne Irrsigler, den er im Laufe der Jahrzehnte zu seinem Sprachrohr machte, gar nicht existieren kann. Galke spielt höchst facettenreich den Museumswärter, der mit größter Bewunderung zu Reger aufschaut, vor allem, weil er ihm mit seinem Intellekt nicht das Wasser reichen kann. Aber er spielt vor allem auch einen Mann, der Mitleid mit dem einsamen Reger hat. In jeder einzelnen Minute ist er mit ihm äußerst empathisch, weiß, was dieser als nächstes sagen oder tun wird und versucht im wahrsten Sinne des Wortes mit Händen und Füßen das Schlimmste zu vermeiden. Die menschliche Größe und Wärme mit der er diese Figur ausstattet, geht weit über das hinaus, was sich im Text von Thomas Bernhard ad hoc finden lässt.

Das selbe kann für die Figur des Musikwissenschaftler Reger festgestellt werden. Man muss das Buch zwischen den Zeilen lesen oder, wie offenbar der Regisseur es konnte, eine große Empathie mit diesem Menschen entwickeln, um jene Nöte hervorzustreichen, die den Mann an den Rand des Selbstmords bringen. Holzhausen gibt Reger jene Ecken und Kanten, die intellektuelle Figuren bei Bernhardt aufweisen. Kein Fünkchen Selbstzweifel nagt an ihm, menschliche Regungen scheinen ihm, bis auf cholerische Anfälle und Ekelgefühle vor der Dummheit der Menschen, fremd. Bis er an einen Erzählpunkt anlangt, an dem er mit seinem Denken nichts mehr ausrichten kann. Der Tod seiner Frau geht ihm so nahe, dass er, als er darüber spricht, die Contenance verliert, in Tränen ausbricht und wie ein Häufchen Elend einsam auf der Bank sitzt.

Trotz der charakterlichen Tiefenschau bleibt jedoch vor allem im ersten Teil des Abends für die beiden Schauspieler jede Menge Gelegenheit, ihr komödiantisches Talent auszuleben. Wie in jener Szene, in welcher Irrsigler Reger willfährig mit drei Zigaretten gleichzeitig im Mund einraucht, um ihm das Gefühl zu geben, ganz im Nebel zu sitzen. In wilden Gerangeln, in welchen Irrsigler den Museumsbesucher davon abhält, mit einer Schere auf die Kunstwerke einzustechen, balgen sich die beiden quer über den Bühnenboden. Es bleibt aber nicht verborgen, dass es sich dabei nicht um einen unvorhergesehenen Zerstörungsakt handelte, denn Irrsigler hatte die Schere zuvor Reger selbst in die Hand gedrückt. Auch das Abklopfen, als es Reger unter der Last von Irrsigler zu viel wird, scheint ein eingespieltes Ritual zu sein. Genauso wie der Gang zum Strick, an dem sich der Witwer erhängen will. Bis hin zu jener Sekunde, in der er frei über dem Boden baumelt und dann vom Museumswärter gerettet wird, spielen die beiden einen Ablauf durch, der minutiös abgestimmt ist.

Auch reicht Irrsigler Reger just in jenem Augenblick schwarze Lackpumps, in welchen dieser sich seiner Anzughose entledigt. Nun sitzt er da, in Hemd und Sakko, mit bloßen Beinen und in Frauenschuhen. Ein halber Mann nur mehr, dem seine bessere Hälfte abhandengekommen ist. Ein eindringliches Bild, in dem das Gefühl, nicht mehr ganz zu sein, hoch emotional vermittelt wird. Das Ende, das nicht vorweggenommen werden soll, lässt darauf rückschließen, dass sich das Geschehen auch ganz abseits vom Museumssaal zugetragen haben könnte. Was bleibt, ist die Umkehrung der Verhältnisse. Der Mächtige wird zum Abhängigen, der Unterworfene zum wirklich weisen, mitfühlenden Menschen.

Eine Interpretation von Pařízek, die aufgrund der Entwicklungen der Figuren äußerst logisch erscheint. Seine ganz persönliche Herangehensweise macht Mut, dass die Werke von Thomas Bernhard auch zukünftig junge Regisseurinnen und Regisseure in ihren Bann ziehen werden. Ganz abgesehen von tagespolitischen Themen, die der Autor darin auch verarbeitete, bleiben Kerncharaktere, die eine zeitlose Allgemeingültigkeit besitzen. Dies anhand des Werkes „Alte Meister“ aufgezeigt zu haben, ist Dušan David Pařízek nicht hoch genug anzurechnen. Auch wenn Puristinnen oder Puristen über die Abänderung des Textes und die inhaltliche Drehung schimpfen mögen. Theater ist dazu da, immer wieder neue Blicke auf Werke zu werfen, die ohne diesen frischen Wind bald in der Schublade verstauben würden. Auch wenn sie zu ihrer Entstehungszeit gehypt wurden.

Ein wunderbarer Theaterabend, prall voll gefüllt mit hoher Schauspielkunst, einer Menge von Regieeinfällen mit ganz subtilen Hinweisen, viel Unterhaltung und jeder Menge Potenzial weiterzudenken. Eine absolute Empfehlung.

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