In einer anderen Zeit und in einer anderen Welt

American Lulu von Olga Neuwirth als Gastspiel der Komischen Oper Berlin im Theater an der Wien

Was wäre, wenn alles anders käme? Gedankenspiele, wie ein Leben anders verlaufen wäre, wenn an gewissen Stellen andere Entscheidungen getroffen wären, diese gedanklichen Experimente kennt wohl jeder Mensch. Was aber wäre, wenn man in eine bestehende Oper eine andere Wendung einbaut oder besser noch, wenn man die bestehende Oper überhaupt uminterpretiert? Diese Frage stellte sich Olga Neuwirth anlässlich eines Kompositionsauftrages der Komischen Oper Berlin. „American Lulu“ wurde eine Neuauflage von Alban Bergs bekanntem Werk. Allerdings  setzte die Komponistin den Plot ins Amerika der 50er und 70er Jahre und schuf dazu, das erklärt sich eigentlich von selbst, eine neue Musik. Nach der Uraufführung vor zwei Jahren in Berlin erfolgte nun die Österreich-Premiere am Theater an der Wien.

Lulus Gegenspielerin Eleanor wird zur heimlichen Hauptfigur

Was aber neben all dem Genannten noch zusätzlich beeindruckt ist, dass Neuwirth mit Eleanor, Lulus Freundin, eine Figur schuf, die dieser mühelos den Rang abläuft. Ihr Name wurde ihr in Anlehnung an die Bluessängerin Billie Holiday verliehen, die mit bürgerlichem Namen Elinor Harris hieß. Neuwirth schrieb dieser weiblichen Lichtgestalt eine Musik auf den Leib, die alle Kennzeichen von einem jazzigen und erdigen Blues aufweist. So ist die Selbstbestimmung von Eleanor auch musikalisch deutlich gegenüber allen anderen Protagonisten erkennbar. Ihr Part gestaltet sich beinahe kontrapunktisch zu jenem von Lulu. Diese klingt – bis auf ein herausragendes Duett mit dem jungen Jimmy – ständig getrieben und gehetzt, mit wenig Wohlklang, dafür aber mit einer ganzen Menge an schwierigen Passagen, für die es großen Mut zur Interpretation braucht. Marisol Montalvo als Lulu trägt Neuwirths musikalisch kantige Züge. Im Gegensatz zu Eleanor, die von Della Miles gesungen wurde, kann sie ihr Leben, in dem sie als Getriebene aber auch als Treibende selbst rastlos unterwegs ist, nicht selbstbestimmt gestalten. Selbst in ihrem Glitter-Tanzkostümchen verbreitet sie keine Streichelweichaura, sondern agiert mit Wut, Trotz und dem Willen, die Lebenserfolgsleiter mithilfe von Männern nach oben zu erklimmen. Della Miles agiert mit üppiger Afro-Perücke und warmem Timbre trotz all erlittener Enttäuschungen und der Liebesverweigerung von Lulu überlegt, ja überlegen. Könnte man ihren Bruch mit Lulu kurzfristig noch als Niederlage interpretieren, wird zumindest am Ende der Oper klar, dass diese Niederlage auch etwas mit einer selbstbestimmten Entscheidung zum eigenständigen, unabhängingen Weiterleben zu tun hat.

Regie und Videoeinspielungen greifen in die Vollen

Kirill Serebrennikov, russischer Starregisseur, war auch für das Bühnenbild und die Kostüme zuständig. Tatsächlich wirkte dies alles wie aus einem Guss. Edward Hoppers berühmtes Gemälde „nighthawks“ stand Pate bei seinem schwarz-weiß gehaltenen Bühnenbild, das er in vielerlei Abwandlungen an diesem Abend zum Einsatz brachte. Lulus Männerparade agierte dort meist in Gruppen auftretend, mit Trenchcoat und Hut. Wenngleich sich die einzelnen Personen so gut wie nie austauschten und näher kamen. Im letzten Aufzug sitzen Lulus ehemalige Liebhaber wie Vögel nebeneinander auf Barhockern und erscheinen ihr mit ihren teils offen zur Schau getragenen Macken wie ein Albtraum. Sozial aufgestiegen, mit Blick über ein großstädtisches Lichtermeer, hindert sie ihre Gefühlskälte und ihre Vergangenheit daran, ihren Luxus und ihr Leben genießen zu können.

Einen wesentlichen Beitrag zum Gelingen des Abends leistete auch Gonduras Jitmoirsky, der eindrucksvolle Videosequenzen beisteuerte. Ob bei den Umbauten der einzelnen Aufzüge, oder als große, eigenständige künstlerische Beiträge zwischen die gesanglichen Partien eingefügt. Seine Bilder sind eine starke Entsprechung zu Neuwirths Musik, die an keinem einzigen Punkt beliebig wirkt und immer wieder mit Überraschungen aufwartet. Das letzte brachiale Bild, das Lulu erstochen in ihrem eigenen Blut zeigt, bleibt zwar nur kurz sichtbar, ist aber umso einprägsamer.

Johannes Kalitze und das Orchester der Komischen Oper Berlin erlebten im Theater an der Wien ein freundliches bis nahezu enthusiastisches Publikum.

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