An Literatur glaube ich nicht

Interview mit dem Autor und Regisseur René Pollesch

René Pollesch (c) Robert Lyons

Sie verfolgen in Ihren szenischen Arbeiten eine nicht-direktive Vorgehensweise bei der Erarbeitung der Stücke und binden die Schauspieler von Anbeginn in die szenische Umsetzung ein. Dabei betonen Sie auch immer wieder, dass Sie Ihre Stücke für Sophie Rois schreiben. In „Ein Chor irrt sich gewaltig“, das im Le-Maillon in Straßburg aufgeführt wurde, ist dies besonders gut spürbar, lebt das Stück ja zu weiten Teilen von der Impulsivität, dem Charme und dem Charisma der Schauspielerin. Wenn Ihre Stücke in Zukunft auch von anderen Regisseuren inszeniert und mit anderen Schauspielerinnen und Schauspielern besetzt werden – können Sie sich das ohne „Qualitätsverlust“ oder präziser ohne Verlust der Authentizität vorstellen?

Unsere Stücke werden nicht von anderen Regisseuren und Schauspielern nachgespielt. Das war uns ganz wichtig, klarzustellen, daß es hier um eine Theateraufführung geht und nicht um eine Blaupause und einen Plan, mit dem weitere Klone hergestellt werden könnten. Nein, es gibt nur diesen Abend. Alles andere wäre in der Tat ein Qualitätsverlust, in jedem Sinne. Literatur nachspielen hat nichts mit unserer Praxis zu tun. Ich hab den Abend nicht „für“ Sophie Rois geschrieben. das heißt, sie war nicht gezwungen ihn „entgegenzunehmen“, wie das sonst Praxis ist, wenn sich ein Autor scheinbar vor Schauspielern verbeugt. Das ist normalerweise eine sehr patriarchale Geste, das Niederknien des Regisseurs vor einer Schauspielerin. Ich habe für alle beteiligten Schauspieler Texte geschrieben und sie sagen an dem Abend, die Texte des ganzen Materials, das ich herangeschafft habe, die sie sagen wollen. Die Texte, die ihnen einen Grund geben, auf die Bühne zu gehen.

Das Stück, das in Straßburg im Le-Maillon gezeigt wurde, arbeitet wie „Mädchen in Uniform“ mit einem ständigen Rollenwechsel der Schauspielerinnen und Schauspieler und nimmt vor allem in großen Teilen Bezug auf typische, man könnte sagen, ikonenhafte Szenen des Theaters oder auch der Oper. Damit reihen Sie sich in den jahrhundertelangen Diskurs über Sinn und Wirkung des Theaters mithilfe des Theaters selbst. Macht es überhaupt noch Sinn, über Sinn und Wirkung des Theaters zu diskutieren?

Wir diskutieren nicht über Sinn und Wirkung des Theaters, wir versuchen aber alles zu berücksichtigen, damit das Theater eine Wirkung hat. Und nicht nur automatisch wirkt, weil alle an die Verabredung glauben. Ich muß dafür sorgen, daß das Theater eine Wirkung hat und darf nicht auf den Konsens vertrauen, daß das Nachspielen der Klassiker schon Wirkung genug ist. Daran glaub ich nicht.

Bleiben wir beim konkreten Beispiel „Ein Chor irrt sich gewaltig“. Sie lassen Ihre Charaktere zum Teil kurze Monologe sprechen, in welchen sie unter anderen philosophisch-ökonomische Fragestellungen, die sich in der jetzigen Phase des Kapitalismus stellen, anreißen, aber nicht mehr. Vom Textumfang her sind das oft nur Einschübe, welche die boulevardesken, parallelen Handlungsstränge unterbrechen. Wie definieren Sie in diesem Zusammenhang Ihre Aufgabe, oder auch Ihre Rolle als Autor?

Es wird in „Chor“ schon eine zusammenhängende Debatte über die Kapitalismuskritik im Theater geführt. Ein paar Sachen werden angerissen, wie z.B. Mindestlohn etc. Aber unsere Kritik an einer theatralen Kapitalismuskritik ist schon geschlossen.

Ihre Arbeiten wurden schon mehrfach im Le-Maillon in Straßburg gezeigt. Haben Sie, als Sie „Ein Chor irrt sich gewaltig“ geschrieben haben, schon gewusst, oder damit geliebäugelt, dass dieses Stück auch in Frankreich gezeigt werden wird? Es hat ja mannigfaltigen Frankreich-Bezug, besonders in der Szene, in welcher in schon ikonoklastischer Art und Weise auf den Croissants herumgetrampelt und mit Baguettes herumgeworfen wird. Hat das Publikum in Straßburg speziell in diesen Szenen anders auf das Stück reagiert als in Deutschland?

Ich war in Straßburg leider nicht dabei. Daß der Abend so frankophil wurde, hat mit Brigitte Cuvelier und Jean Chaize zu tun. Die machten uns auf Moliere aufmerksam und auf die Idee des Films „Das Leben ist ein Chanson“. Danach kamen eben auch die Croissants dazu.


Wenn Sie selbst Ihre Arbeiten betrachten, Ihre eigene Entwicklung entlang Ihrer eigenen Stücke. Würden Sie heute noch alle so stehen lassen?

Im Theater muß ja nichts stehen bleiben. Die Abende von früher gibt es ja nicht mehr. Und an Literatur glaube ich nicht.

Gibt es für Sie einen Vorzug, den das Theater gegenüber der Allmächtigkeit des Fernsehens und des Films aufweisen kann?

Fernsehen und dem Film geht es ja gar nicht mehr gut. Im Moment haben wir es mit einer Allmächtigkeit des Internet. Mit Google und Facebook zu tun. der Vorzug des Theaters ist für mich seine Vergänglichkeit, die es andererseits aber langlebiger macht, als zum Beispiel Film und Fernsehen.

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