Aus dem Auge des Zyklons

Man muss ganz nahe an die Wände und Vitrinen der Ausstellungsräume des Volkskundemuseums in Wien gehen. Nur so kann man sehen, was auf den kleinformatigen Schwarz-Weiß-Fotos zu sehen ist, die im Auge des Zyklons geschossen wurden. Im Zweiten Weltkrieg an den verschiedenen Fronten des „Deutschen Reiches“.

Privates Fotomaterial aus dem Zweiten Weltkrieg

Mehr als 70 Jahre nach Kriegsende wird nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch für jene, die die Gnade der späten Geburt erleben durften, privates Fotomaterial interessant. Material, das zum größten Teil von Soldaten der Deutschen Wehrmacht bei ihren Fronteinsätzen von ihnen selbst geschossen wurde. Oder von jenen Fotografen, welche die Einsätze begleiteten und von Berufs wegen fotografieren mussten. Von diesen Fotos gab es auch die Möglichkeit, Abzüge zu bestellen, um sich später einmal an die verschiedenen Ereignisse erinnern zu können.

Soldaten fotografieren während des Besuchs von Hitler und Mussolini in Uman/Ukraine am 28. August 1941;
Archiv Reiner Moneth, Norden

Soldaten fotografieren während des Besuchs von Hitler und Mussolini in Uman/Ukraine am 28. August 1941;
Archiv Reiner Moneth, Norden

„Zu Beginn des Krieges wurden sowohl die Soldaten, als auch die Bevölkerung, die zuhause geblieben war, aufgerufen, zu fotografieren und sich gegenseitig diese fotografischen Eindrücke zu schicken.“ Petra Bopp, Kuratorin der Ausstellung, die schon 1995 eine erste Ausstellung über die Wehrmacht erarbeitete, hat die verschiedenen Stationen der Ausstellung begleitet. Bereits in Oldenburg, München, Frankfurt/Main, Jena, Peine, in Delft und in Graz, den Städten, in welchen die Ausstellung bis jetzt zu sehen war, wurde die Bevölkerung aufgerufen, Fotoalben mit Kriegsfotografien aus dem Zweiten Weltkrieg, als Leihgaben zur Verfügung zu stellen. Diese Alben, aber auch solche aus Museen und Archiven, bilden die Basis der Ausstellung.

Zeitzeugen erzählen Unerwartetes

Mit insgesamt 12 Zeitzeugen, also Männern, die ihre eigenen Alben zur Verfügung stellten, konnte die Ausstellungsmacherin sprechen. Drei Interviews sind im Volkskundemuseum in Videos zu sehen. Dass es dafür viel Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen bedurfte, ist klar. „Manche Familienangehörigen haben mir gesagt, dass wir Dinge erfahren hätten, wovon sie keine Ahnung hatten. Das kommt daher, dass wir von außen kommen und ganz andere Fragen stellen“, ergänzte Bopp bei der Präsentation der Ausstellung.

Zu sehen sind auf den Bildern nicht nur Landstriche, Kulturdenkmäler und Menschen in ihrer Heimat oder solche auf der Flucht. Zu sehen sind die Soldaten selbst, mit Kameraden. Aber auch Gefallene oder Erhängte „Feinde“ oder „Kollaborateure“. Eine Fotoserie, betitelt mit „Die Minenprobe“ beginnt mit einer Frau, die bei der Durchquerung einer Furt im Wasser zu sehen ist. „Die Geschichte dieses Fotos ist sehr interessant. Es kam mir in einem Album unter, ohne jegliche Beschriftung, und da das Album anonym war, konnte ich es nicht zuordnen. Da aber das Motiv ungewöhnlich ist, habe ich es mir gut gemerkt.“ Als Bopp bei einem Sammler das gleiche Foto noch einmal fand und auf Anhieb wiedererkannte, hatte sie Glück. Gab es dazu doch eine „Legende“. Ein gedrucktes Papier, das Fotos mit Nummern und Titel versehen hatte, um den Soldaten die Möglichkeit der Nachbestellung zu geben. Der Titel wiederum gab Aufschluss über eine Kriegsverordnung, nach der enge Stellen, Flüsse, Brücken und andere Überquerung von Kriegsgefangenen und Juden zuerst über- oder durchquert werden mussten, um sicher zu gehen, dass sich keine Minen darin befanden.

Aufruf und Fotografierverbot

Das Foto kann stellvertretend für viele gelten, denn das Geschehen, von einem erhöhten Standpunkt aus fotografiert, zeigt nur unter Kenntnis des Sachverhaltes das wahre Grauen dahinter. Stand am Anfang noch der Wunsch, auch seitens der Parteiführung, den Krieg fotografisch umfassend zu dokumentieren, wurde es mit Fortschreiten des Krieges den Soldaten verboten, zu fotografieren. Ein Verbot, das aber zu spät kam. Längst hatten die Eingerückten auch jene Gräueltaten auf ihre Filme gebannt, welche die Deutsche Armee bei ihrem Einmarsch und Rückzug in die verschiedenen besetzten Länder auch an der Zivilbevölkerung begangen hatten.

Sowjetische Soldatinnen, vermutlich vor einem Verhör. Sowjetunion, ohne Datierung. Album anonym, Archiv Reiner Moneth, Norden

Sowjetische Soldatinnen, vermutlich vor einem Verhör. Sowjetunion, ohne Datierung. Album anonym, Archiv Reiner Moneth, Norden

Die Titel lassen erahnen, wie die Feindpropaganda bis hin zum letzten Mann wirkte. „Flintenweiber“, so despektierlich ist ein Foto betitelt, das weibliche Soldatinnen der Roten Armee zeigt. Nebeneinander, in Reih und Glied an einer Wand stehend, blicken sie entweder zu Boden oder ernst in die Kamera. Man kann sich sehr gut vorstellen, dass ihnen eine schwere Zeit bevorstand und weiß nicht, ob sie überlebt haben.

Bopp erzählte auch, dass es Familien gab, durch die ein Riss ging, als sie erfuhren, dass Fotos aus der Vergangenheit eines Familienmitgliedes – meist eines Vaters oder Großvaters – den Weg an die Öffentlichkeit fanden. Ein Zeichen, wie brisant das Thema bis heute geblieben ist und wie sehr es noch einer umfassenden Aufarbeitung bedarf, um zumindest die Enkel- und Urenkelgeneration nicht nur aufzuklären, sondern letztendlich diese durch die Aufarbeitung des Materials mit der Vergangenheit ihrer Vorfahren auch zu befrieden.

Neben den schon angesprochenen Motiven gibt es in der Ausstellung aber auch Fotos aus einem Lager in Ägypten und einem aus Russland. Raritäten, denn diese Lager durften nicht fotografiert werden. Die Herkunft vieler Bilder ist ungeklärt. Viele Fotoalben von Sammlern und Archiven können ihren einstigen Besitzern nicht mehr zugeordnet werden. „Bei unserem Projekt stehen auch die Fragen im Vordergrund: Wie ging man mit den Alben in den Familien um? Wie ist der heutige Blick auf dieses Material?“, erläuterte die Kuratorin ihren Forschungsansatz. Dieser kann nur dann befriedigend bearbeitet werden, wenn die Bevölkerung dabei mithilft und Fotos bringt. Der Aufruf, Alben aus Familienbesitz zu bringen und zur Verfügung zu stellen, gilt nun auch für Wien. Das Material, das sich die Ausstellungsmacher erhoffen, soll dann in einer Abschlussausstellung Anfang nächsten Jahres diese Sammlung ergänzen.

Die Ausstellung, die eine Kooperation mit „eyes on“, dem Monat der Fotografie Wien ist, ist noch bis 19.2.2017 im Volkskundemuseum zu sehen.

Weitere Informationen auf der Homepage des Volkskundemuseums oder bei „eyes on“.

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