Ein großer Theaterstoff

Ein großer Theaterstoff

Bei dieser Vorstellung ist alles anders, nichts so, wie man es als geübter Theaterfan kennt. Das „Back to Back Theatre“ das 2012 mit „Ganesha Versus the Third Reich“ bei den Festwochen zu beeindrucken wusste, gastierte wieder in Wien. Aufgeführt wurde die Inszenierung im Theater an der Wien. Dort wurde das Publikum nicht wie sonst auf die Zuschauerplätze gebeten, sondern gleich auf die Bühne.

Der Zugang erfolgte durch die langen, verwinkelten Flure über eine Türe, durch die man sich erst durchzwängen musste – einer aufblasbaren Konstruktion sei Dank. Und schon war man mitten drin im eigenen Geburtsvorgang, dem bald darauf die Erschaffung unserer Welt folgen sollte. Das Publikum, ausstaffiert mit Kopfhörern, durfte ganz nah am Geschehen der Welterschaffung beiwohnen.

Lady eats apple (Foto: Nurith Wagner-Strauss)

Als Hauptdarsteller agiert – wie kann es anders sein – Gott, der erst einmal zu tun hat, all die Gattungen zu erschaffen, bis endlich der Mensch an die Reihe kommt, Adam und Eva. Von ihm gewarnt, wie es in der Genesis nachzulesen ist, essen die beiden von der verbotenen Frucht – einer Erdbeere! sic! – die Vertreibung aus dem Paradies folgt auf dem Fuße. Der bis dahin schwarze Vorhang, der alles verdunkelte, fällt – und wie nach dem Urknall und plötzlich erscheint alles hell und weiß – durch einen nun weißen Vorhang, der alles über- und umspannt. Aber noch sind wir lange nicht im Hier und Jetzt angekommen.

Dem Regisseur Bruce Gladwin gelingt mit der nun anschließenden Szene ein Schachzug. Denn er setzt nach der Paradiesvertreibung sofort Erzählungen über Nahtoderfahrungen. Die zuvor dunkle Umgebung und das blendende Weiß, das die Nacht ablöst, das alles passt gut zu der Gedankenvolte, in der die Vertreibung aus dem Paradies  mit einer Nahtoderfahrung gleichgesetzt wird. Aber auch bei diesem Status bleibt es nicht, auch dieser Zustand ist einer, der sich verändert.

Lady eats Apple (Foto: Nurith Wagner-Strauss)

Nachdem auch der weiße Vorhang gefallen ist, öffnet sich der Blick auf den Zuschauerraum des Theaters. Dort arbeiten nun auf den oberen Rängen Adam und Eva und alle anderen aus dem Ensemble und putzen im Schweiße ihres Angesichts die Reihen. So oder so ähnlich stand es ja auch im Alten Testament. Nun, nach all der intelligent vermittelten Mythologie leider doch in unserer Welt angekommen, wird dem Publikum viel über den Alltag jener Personen vermittelt, die mit ihrem mentalen Handycap die Hauptrollen spielen. Ihr Traum, Auto zu fahren, bleibt ihnen verwehrt. Sich selbst aber zu ernähren, mit dem eigenen Willen zu arbeiten, funktioniert. Die körperliche Nähe, die sie gegenseitig suchen, wird geradeheraus angesprochen. „Zeig mir deine Genitalien“, fordert an einer Stelle Sarah Mainwaring ihren Partner auf, der sie anschließend auch einlädt, mit ihm nach Hause zu gehen, denn dort gibt es zumindest eine Couch. Sie tun dies, obwohl ihnen zuvor gesagt wurde, dass ihre Beziehung nicht passend ist. Welch wunderbare Selbstbestimmung hinweg über alle gesellschaftlichen Regeln und Konventionen.

In einem dramatischen Finale, bei dem auch die Rettung „zu den Wiener Festwochen“ gerufen werden muss, werden die Schauspielerinnen, die Schauspieler und das Publikum unbarmherzig mit dem Tod konfrontiert. Mit dem eigenen und dem der anderen.

„Lady Eats Apple“ präsentierte sich als eine ruhige Mischung aus mythologischer Erzählung und heutigem Alltagsgeschehen. Der Fokus auf Menschen mit besonderen Bedürfnissen artete in dieser feinfühligen Produktion überhaupt nicht in eine sensationsgeile oder mitleidheischende Nummer aus. Vielmehr vermittelte das Stück die Idee, dass ein Leben trotz intellektueller Beeinträchtigung eines sein kann, in dem niemand versteckt werden muss und Respekt und Aufmerksamkeit diesen Menschen gegenüber sie in ihrer Lebensqualität enorm bestärken können.

Das Paradies ist verloren, aber es liegt an uns selbst, was wir während unserer eigenen Lebensspanne aus unserer Welt machen.

Migration und Hühnersuppe haben viel miteinander zu tun

Migration und Hühnersuppe haben viel miteinander zu tun

Als Agora wurde in der griechischen Antike nicht nur der zentrale Marktplatz einer Stadt bezeichnet. Sie war auch der Ort, an dem Gerichtsverfahren stattfanden und sich vor allem die Athener Bürger zum Dialog versammelten, um dort politische Entscheidungen zu treffen. Heute haben unsere Parlamente die Stelle der Agora übernommen, jedoch so, dass immer mehr Bürger das Gefühl haben, dass die Agora, wie sie sich im 19. und 20. Jahrhundert herausgebildet haben, nicht mehr adäquat ist.

Das kann man sowohl an den Stammtischen als auch in den akademischen Diskussionen über Postdemokratie, Liquid Democracy oder anderen partizipativen Modellen hören.

Agora im Schauspielhaus Wien (Foto: Luca Fuchs)

Die Idee, die Agora zurück in die Öffentlichkeit zu holen, ist seit mehreren Jahren integraler Bestandteil der darstellenden Kunst geworden. In Wien gezeigt wurde – unter anderen – bei den Festwochen 2014 das Gerichtsstück „Please Continue (Hamlet)“, welches eine Gerichtsverhandlung simulierte, in der das Publikum in die Rolle der Geschworenen schlüpften. Wie man daraus erkennen kann, starteten Experimente zum öffentlichen, politischen Diskurs, nicht erst in diesem Jahr bei den Wiener Festwochen.

Ein Format von Milo Rau und Robert Misik

Für das diesjährige Programm haben Milo Rau und Robert Misik die Idee der Agora für das Wiener Publikum mit zum Teil theatralischen Mitteln konzipiert. Im Schauspielhaus im 9. Bezirk, das man nicht gerade als den zentralsten Ort Wiens bezeichnen kann. Dennoch nutzten zahlreiche Bürger und Bürgerinnen an insgesamt sieben Spielabenden die Gelegenheit, sich aktiv am Meinungsaustausch über verschiedene politische Themen zu informieren und auch zu artikulieren.

Zu Beginn und auch am Schluss wurde das Diskussionsgeschehen mit je einer Szene eingerahmt, in welcher Vassilissa Reznikoff, Simon Bauer und Steffen Link, Ensemblemitglieder des Schauspielhauses, die Vox populi wiedergaben. Breit gefächert, von Stammtischparolen bis hin zu persönlichen Statements, die den Rückzug aus jeglichem politischen Engagement signalisierten, reichte hier die Palette.

Diskussionsimpulse kamen von interessanten Gästen

Robert Misik – Agora im Schauspielhaus Wien (Foto: Luca Fuchs)

Die Grundidee von Robert Misik war, mit möglichst vielen Menschen ins Gespräch zu kommen und der Frage nachzugehen, in welcher Gesellschaft wir leben wollen.

Dafür hatte er für jeden Abend andere Gäste aus Publizistik, Politik und Gesellschaft eingeladen, mit kurzen Impulsvorträgen die Diskussionsthemen anstießen. Der Abend des 7. Juni war von der Integrationsdebatte geprägt, da Melisa Erkurt, Journalistin bei „dasbiber“ einen Input aus ihrer persönlichen Erfahrung als Migrantin aus Bosnien in den 1990er Jahren vorgab.

Dabei beschrieb sie ihre Gefühle als Pubertierende, die neben den üblichen Problemen heranwachsender Jugendlicher zusätzlich von der Ablehnung und Ausgrenzung durch die Mehrheitsgesellschaft in Wien geprägt waren. Die Beeinflussbarkeit und Offenheit für Anerkennung in dieser Lebensumbruchsphase, aber auch für jede Art von Radikalisierung, zeigt sich ihr heute in den vielfältigen Schulprojekten an sogenannten Schwerpunktschulen, in denen sie mitwirkt.

Die anschließende Diskussion war sichtlich vom Willen zum Zusammenleben und der Frage geprägt, was die Zivilgesellschaft tun könne, um die Migration gelingen zu lassen. Als Mittel der Wahl kristallisierte sich, quer durch beinahe alle Beiträge, der persönliche Kontakt zu Migrantinnen und Migranten als Schlüssel eines guten Miteinanders heraus. Erich Fenninger (Bundesgeschäftsführer der Volkshilfe) und Andreas Minnich (ÖVP Wirtschafts- und Kulturstadtrat aus Klosterneuburg) brachten ebenso ihre Erfahrungen und persönlichen Erlebnisse mit Flüchtlingen in die Diskussion ein und fundierten manch ein Gefühl mit Fakten, was der Veranstaltung sichtlich guttat.

Stefan Petzner alias Spin-Doctor des Abends

Über politische Taktiken und Machtspiele gab Stefan Petzner als Spin-Doktor Auskunft und zeigte auf, dass Ausländerinnen und Ausländer für jeden Wahlkampfmanager ein dankbares Thema sind, da man mit ihnen alle Ängste, Sorgen und Nöte kanalisieren kann. Sein Rezept gegen eine weitere Aufschaukelung von Angst: Man müsse mehr positive Geschichten von zivilbürgerlichem Engagement liefern. Storytelling für die eigene Sache müsse stärker in den Vordergrund treten, denn den vielen negativen Geschichten könne nur mit mehr positiven Integrationsbeispielen ihre verheerende Wirkung genommen werden, so die Meinung des Ex-Wahlkampfmanagers der FPÖ und BZÖ.

Die Hühnersuppenanekdote

Wir wirkungsvoll dies sein kann, zeigte eine Hühnersuppenanekdote auf, die sicherlich allen an diesem Abend Anwesenden in Erinnerung bleiben wird. Dabei erzählte eine Großmutter, wie sich ihr der eklatante Unterschied zwischen der arabisch geprägten Kultur und unserer westlichen an der Behandlung einer simplen Hühnersuppe zeigte. Und dass es letztlich nicht darauf ankommt, das Trennende in den Vordergrund zu stellen, sondern vielmehr darauf, den anderen zu verstehen und letztlich auch dessen Handlungsweisen versucht zu tolerieren. Ganz nebenbei bestätigte diese Marokkanisch-Österreichische Küchengeschichte die These des anwesenden Moderators, Coachs und Psychiaters August Ruhs, dass bei jeder und jedem von uns auch ein ablehnender Teil gegenüber dem Anderen in der Brust schlägt. Die Art, wie mit diesem Schatten umgegangen wird, macht den Unterschied, ob plumper Rassismus und Ausländerfeindlichkeit entsteht, oder ob ein reflexiver, rationaler Umgang mit diesem Thema vorherrscht.

Agora ist ein Format, welches das Bedürfnis nach Teilhabe und Mitbestimmung im demokratischen Prozess unterstützt. Wenn sich Spitzenpolitikerinnen und -politiker die Zeit nähmen, diese Veranstaltungsreihe zu besuchen und ihre Lehren daraus zu ziehen, dann wäre dies sicher ein Schritt in die richtige Richtung, die österreichische Diskussionskultur im öffentlichen Raum zu fördern. In sachlicher, unaufgeregter und äußerst respektvoller Form wurden die Meinungen, Standpunkte und auch Fragen präsentiert, und um Lösungsansätze gerungen. Es bleibt zu hoffen, dass sich dieses Format tatsächlich stärker außerhalb der Kunstszene etabliert und sich die Zivilgesellschaft häufiger in möglichst vielen Agoren zum Meinungsaustausch trifft.

Satire trifft auf Aufklärer

Satire trifft auf Aufklärer

Thomas Maurer, Robert Palfrader und Florian Scheuba alias „Wir Staatskünstler“ präsentieren vom 27. bis 31. Mai im Rabenhof ihre Halbzeitbilanz 2017.

Das Trio zeigt dort laut Selbsteinschätzung „den härtesten Stoff, den Satire in Österreich zu bieten hat“.

An Themen mangelt es in der österreichischen, europäischen und internationalen Politik sicherlich nicht. Und bei so manch einem Auftritt von Politikverantwortlichen ist man sich ohnehin nicht sicher, ob dies nicht schon Satire pur ist, was manche Damen und Herren auf dem politischen Parkett so von sich geben.

Gleich zu Beginn stand ein ORF-Bashing und der dezente Hinweis auf die politische Einflussname und die neue Funktion des Channelmanagers auf dem Programm. Die allseits bekannte Drohung aus der Kindheit: „Wenn du nicht brav bist, dann kommt der schwarze Mann und holt dich“, mutiert laut dem Trio im ORF zu: „Wenn du nicht brav bist, dann kommt der Channelmanager; der rote oder blaue oder doch wieder der schwarze!“ Danach wurde das Thema Eurofighter und die Firma EADS unter die Lupe genommen, aber auch Wiener Wohnen und der Wiener Baustadtrat Michael Ludwig bekamen ihr Fett weg.

Einen breiten Raum nahm die Erwin-Pröll-Privatstiftung und Niederösterreich an sich ein. Wie einst Asterix und Obelix im „Haus das Verrückte macht“ erging es den 3 Staatssatirikern auf der Suche – nicht nach dem Golden Schatz – sondern der Erwin Pröll Privatstiftung in der Landesregierung in St. Pölten. Ein wahrlich sehenswertes Abenteuer, welches mit mehr Zeitraffer-Aufnahmen die Absurdität dieser Unternehmung noch deutlicher gemacht hätte. Dass die Stiftung just 2 Tage nach ihrem Besuch aufgelöst wurde, sei nur als Randbemerkung aufgeführt. Wer wissen will, was es mit dem niederösterreichischen Personenkult und den dazugehörigen öffentlichen Gebäuden, Straßen und Plätzen auf sich hat, darf sich auf ein wunderbares Bauwerk freuen, das nach Johanna Mikl-Leitner benannt ist.

Nach dem routiniert abgespulten ersten Teil mit vielen, aber doch vorhersehbaren Lachern und einer Spiellust, die sich zumindest am Premierenabend in Grenzen hielt, ging es mit einem Special Guest am Podium weiter.

Mit Florian Klenk, Chefredakteur des Falter und österreichischer Vorzeigeenthüllungsjournalist, ging es durch alle Skandale der letzten Jahre. Dass dem Publikum in diesem Teil immer wieder das Lachen im Hals stecken blieb, gefiel den Herren Palfrader, Maurer und Scheuba nicht wirklich; ob der Thematik waren die Publikumsreaktionen aber nur allzu verständlich. Angefangen von Karl-Heinz Grasser über Erwin Pröll bis hin zur Causa Euro-Fighter lieferte der Journalist des Jahres 2016 jede Menge an Dokumenten, die Korruption in vielen Fällen untermauern.

Vor allem beim Verhalten der Justiz und deren Argumentation bei Verfahrenseinstellungen bleibt in der Reflexion eigentlich nur blankes Entsetzen über die Zustände in Österreich übrig. Zwar hielt sich dabei der Neuigkeitswert in Grenzen, allerdings ist der kompakte und fundierte Überblick all dieser Vorkommnisse doch so erschreckend, dass man den Glauben an den Rechtsstaat und die Demokratie Österreich fast verlieren könnte. Allein der zweite Teil des Programmes ist schon den Weg ins Rabenhof Theater wert.

„Wir Staatskünstler“ ist noch bis zum 31. Mai jeweils um 20 Uhr im Rabenhof Theater im 3. Bezirk zu sehen.

Elend, Elend nichts als Elend

Elend, Elend nichts als Elend

In den Stücken von Maxim Gorki geht es um bittere Armut, Ausgrenzung und Elend. Klaus Mann benannte ihn als den Autor, der bittere Armut nicht nur beschrieb, sondern selbst auch erlebt hatte. In extremer Armut aufgewachsen, war es nur folgerichtig, dass er sehr schnell zum Revolutionär in der Sowjetunion wurde. Im Alter wurde Gorki von der KPdSU hofiert und zum „proletarischen Dichter“ ausgezeichnet. Die Idee des litauischen Theatermachers Oskaras Koršunovas geht davon aus, klassische Texte dramaturgisch neu umzusetzen und neuen Texten eine klassische Inszenierung zu verpassen. Dabei ist es ist ihm wichtig, das Publikum so stark wie möglich einzubinden. Dies geschieht auch im Stück Dugne / Nachtasyl, indem er das Ensemble ganz nah an die Zuschauerreihen setzt und Alkohol austeilen lässt. Zusätzlich darf sich ein junger Mann in der dritten Reihe über die Zuwendung von Nastja freuen, die sich ihm über die comfort-zone hinaus nähert, dennoch ist man froh, wenn man an diesem Abend nicht weiter behelligt wird.

Das Stück Dugne/Nachtasyl, welches Koršunovas und seine Schauspieltruppe schon vor 5 Jahren kreierte und das nun von Marina Davydova für die diesjährigen Festwochen in Wien auf den Spielplan gesetzt wurde, kreist wie bei Gorki selbst um Not, Elend, Suff und Hurerei.

Ausstattung und Bühne sind spärlich. Ein Dia-Projektor wirft Bilder der wunderschönen, litauischen Landschaft an die Wand. Nachtasyl-Zitate sind auf einem Laufband zu lesen und stimmen ein auf das Kommende. An einer weißen Tafel sitzen, das Publikum erwartend, die acht Hauptprotagonisten des Abends und betrachten eingehend die Ankommenden. Bevor man Gorki schließlich im Original zu hören bekommt, stellt der Regisseur einen Prolog mit Texten voran, die nicht im „Nachtasyl“ vorkommen. Erst danach folgt Gorkis Text, jedoch im Wesentlichen nur jener des 4. Aktes. Die sich um den Tisch versammelt haben, diskutieren lange Zeit über Luka, den Pilger, der längst weitergezogen ist, allerdings einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Die Sinnlosigkeit allen Seins, über welche die Trinker nachdenken, wird in mehreren Facetten philosophisch durchgespielt und gleichzeitig Alkohol konsumiert, was das Zeug hält

Der „Schauspieler“, gespielt von Darius Gumauskas, hat seinen großen Auftritt im Original eigentlich in einer Szene aus dem 2. Aufzug. Er will sein Lieblingsgedicht rezitieren und muss feststellen, dass er vor lauter Suff und Alkoholkonsum dieses, für ihn so bedeutende Werk, vergessen hat. Diese Szene ist zwangsläufig völlig aus dem Kontext gerissen, denn im Text von Gorki will Gumauskas sein Gedicht Luka, dem Pilger, vortragen, der die letzte Hoffnung für die AsylbewohnerInnen zu sein scheint. Die nach Außen verlegte Hoffnung, die Erlösung, die von jemandem anderen erwartet wird und die nicht durch eigene Anstrengung zustande kommt, bleibt auch bei Koršunova nur ein Wunsch.

Der Regisseur bezeichnet im Begleitheft Luka sogar als Antipoden zu Samuel Becketts Godot. Während bei Godot aber alle auf einen Gott warten, wird den Beteiligten bei Gorki sehr schnell bewusst, dass Gott endgültig tot ist, so die Interpretation des Litauers. Aus dieser Idee wird auch verständlich, dass die Szenerie dem letzten Abendmahl sehr ähnelt. Der letzte Retter ist gegangen und man ist sich selbst und seinem Elend überlassen, das ist die Metabotschaft, die diese Produktion vermittelt und in Zeiten wie diesen leider wieder berechtigt ist. Die Hoffnungslosigkeit und die Abstiegsängste sind allgegenwärtig, nicht nur in Ländern wie Litauen. Koršunovas geht lediglich einen kleinen Schritt weiter, als wir es für gewöhnlich im Alltagsleben tun. Er stellt die bis dato meist Ignorierten und Ausgeschlossenen, jene vom Rand der Gesellschaft mitten auf die Bühne und lässt sie selbst diskutieren.

Der Versuch einer Theaterreality-Show ist ein gängiges Mittel in der heutigen Theaterlandschaft. Bei Dugne / Nachtasyl will der Funke aber nicht so recht überspringen. Zu heiter und ausgelassen wird gefeiert, zu wenig nimmt man den SchauspielerInnen ihre Rolle ab, um wirklich die Hoffnungslosigkeit und Aussichtslosigkeit ihrer Situation zu verspüren. Die Distanz zwischen Publikum und SchauspielerInnen wird, trotz mehrfachen Einbindens der Zusehenden, nicht wirklich aufgehoben. Es mag sein, dass dies auch an der Sprachbarriere liegt, denn auf Übertiteln mitlesen zu müssen, erzeugt zwangsläufig einen anderen sensorischen Aufmerksamkeitslevel als dem Geschehen direkt mittels des gesprochenen Wortes verfolgen zu können.

Es ist nicht zu leugnen, dass es auch heute wieder eine rasante Armutszunahme und damit einen Anstieg von Menschen gibt, die förmlich aus der Gesellschaft fallen. Im Gegensatz zu all jenen, welche die Zunahme von Outcasts in einer Stadt zwar bemerken, aber nicht in die Aktion gehen um zu helfen, bietet der Theatermacher mit diesem Abend zumindest jede Menge Input, um über dieses gesellschaftliche Phänomen nachzudenken.

Es spielten:
Dainius Gavenonis, Rasa Samuolytė, Darius Gumauskas, Julius Žalakevičius, Rytis Saladžius

Rassismus, Gentrifizierung und soziale Ausgrenzung

Rassismus, Gentrifizierung und soziale Ausgrenzung

Der ungarische Theater- und Filmemacher Kornél Mundruczó und sein Proton Theatre, in Wien seit einer Festwochen-Produktion 2012 keine Unbekannten mehr, beschäftigen sich dieses Jahr, ebenfalls wieder auf Einladung der Festwochen, mit dem Thema Rassismus, Gentrifizierung und soziale Ausgrenzung. In seiner eher bedächtigen Inszenierung von „Látszatélet / Scheinleben“ beleuchtet er das Leben zweier Frauen und ihrer Familien in prekären, sozialen Situationen in Ungarn.

Zu Beginn sieht man mehr als 20 Minuten auf einer Leinwand, die den Blick auf das Bühnenbild noch verwehrt, nur das Gesicht von Lorinc Ruszó, sehr sensibel und authentisch von Lili Monori gespielt. Sie befindet sich in einem Streit-Gespräch mit dem Geldeintreiber Mihály Sudár. Es geht, oberflächlich betrachtet, um offene Mietschulden und doch nützt Mundruczó die Szene, um die Lebensumstände von Ruszó näher zu erklären. So erfährt man auch, dass der Sohn schon längst die Familie verlassen hat und der Ehemann vor zwei Tagen verstorben ist. Nun ist die Frau eine alleine lebende Romni und so dem neuen Eigentümer mehr oder minder schutzlos ausgeliefert. Während des Gespräches erleidet sie einen Herzinfarkt und verstirbt schließlich im Krankenhaus. Nicht unschuldig daran ist die telefonisch alarmierte Rettungsmannschaft, die rasch erklärt, dass der Bezirk, in dem die Frau lebt, keine Priorität bei der Versorgung hat. Bis hierher erzählt Mundruczó eine „normale“ Geschichte über die Gentrifizierung von ganzen Stadtteilen, die beinahe auserzählt wäre, wenn er nach dieser Szene nicht die ganze Wohnung einmal auf den Kopf stellte und dabei um 360° drehen ließ.

Márton Ágh ist für das hervorragende Bühnenbild verantwortlich, das in allen Phasen des Stückes überzeugt. Das durch die Drehung entstandene Chaos und die Unordnung ist eine anschauliche Metapher auf unruhige, chaotische Zeiten, in denen sich für viele das Leben auf den Kopf stellt und es keine festen Bezugspunkte mehr gibt. Rasch wird klar, dass die Makler und Vermieter immer Opfer finden, die dringend eine Wohnung benötigen, so wie die junge Frau Veronika Fenyvesi. Mihály Sudár trifft als Makler und Geldeintreiber auf diese alleinerziehende Mutter, die in einer On-Off-Beziehung lebt und Opfer von häuslicher Gewalt ist. Wie in vielen Fällen, ist es ihr jedoch nicht möglich, sich von ihrem gewalttätigen Freund zu trennen. Der Regisseur arbeitet mit der Einspielung von SMS-Meldungen, an denen man die Gewaltspirale und die Aussichtslosigkeit des Flüchten-Wollens von Fenyvesi nachvollziehen kann. Dass die junge Alleinerzieherin Schwierigkeiten hat, ihren Sohn ausreichend zu ernähren, erklärt einen Teil ihrer Abhängigkeit.

Die Geschichte von Istvan Ruszó (Zsombor Jéger), Ausgangspunkt der Inszenierung, der sich seit seinem Auszug aus der elterlichen Wohnung Silveszter nennt, wird nur am Rande gestreift. Seine reale Biographie war Ausgangspunkt zu dieser Inszenierung. Es wird schnell klar, dass er alles versucht, um nicht als Roma erkannt zu werden. Er versucht seine Herkunft nicht nur zu verleugnen, sondern ihr gänzlich zu entkommen. Aber hell gefärbte Haare und auch eine aufgehellte Haut ändern schließlich nichts an der Roma-Falle, in der er lebt. Die versteckte bzw. offene Diskriminierung der Roma in Ungarn wird auf subtile Art thematisiert und zeigt, wie hartnäckig und tradiert Vorurteile und Ausgrenzung auch im 21. Jahrhundert noch manifest sind. Eine detailliertere Herausarbeitung der Befindlichkeit von Silveszter wäre dramaturgisch wünschenswert gewesen, so kam der Schluss extrem abrupt und unerwartet. Der junge Mann kommt in die Wohnung seiner verstorbenen Mutter und findet dort nur den ca. 11-jährigen Sohn von Veronika Fenyvesi vor, die dort schon eingezogen ist, allerdings für ein Treffen mit ihrem Freund den Sohn alleine zurück gelassen hat. Das Stück endet schließlich mit dem Hinweis auf den Mord eines Roma-Jugendlichen in einem Bus, der von Istvan verübt wurde. Eine psychologisch einfühlsamere Erarbeitung dieses Charakters hätte zu mehr Verständnis und vielleicht auch mehr Empathie führen können.

So fesselte die Geschichte trotz ihrer realen Vorlage nicht wirklich. Vielmehr wurde damit nur eine Kurzzeit-Betroffenheit evoziert. Ein Stück mit einem großen Thema, bei dem aber aufgrund einer mangelhaften Dramaturgie viele echte Reflexions-Chancen vergeben wurden. Zugleich zeigt die Inszenierung auch, dass es nicht immer möglich ist, zeitgenössisches Theater 1:1 in einem anderen Land, und sei es auch nur wenige Kilometer von der Grenze entfernt, umzusetzen. Es ist möglich, dass Látszatélet in Ungarn anders rezipiert wird, denn 2005, als der Jugendliche ermordet wurde, war das Ereignis dort in allen Medien präsent. Dieses Vorwissen, eingebettet in ein anderes soziales Umfeld als es in Wien anzutreffen ist, ergibt ein nicht zu unterschätzendes, anderes Mind-Setting.

Es spielten: Dáriusz Kozma, Annamária Láng, Lili Monori, Roland Rába, Zsombor Jéger
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