Lass uns übers Auto reden!

Die erste Veranstaltung im Brut unter der neuen Leitung von Kira Kirsch ging am Freitag noch vor der großen Saisoneröffnung über die Bühne. Oder besser gesagt – sie fuhr über die Straßen Wiens vom 1. in den 11. Bezirk. Der klingende Titel „Autoballett“ verriet dabei aber nur die halbe Wahrheit, wenn überhaupt.

Die Schweizer Theatergruppe mercimax, die sich besonders für Formate außerhalb des Bühnenraums interessiert, arbeitete in Wien mit 14 Menschen zusammen, die eine ganz besondere Beziehung zu ihrem Auto haben. Karin Arnold und Jessica Huber, die für die künstlerische Leitung und das Konzept verantwortlich sind, gelang es, dem Publikum eine bunte Mischung von interessanten Leuten vorzustellen. Bevor man aber in die einzelnen Geschichten eintauchen durfte, galt es noch, sich ein Auto für die Hin- und eines für die Rückfahrt auszusuchen, ohne dass man wusste, wer dafür der Fahrer oder die Fahrerin sein würde.

Liebhaberinnen und Liebhaber von starken Motoren hatten die Wahl zwischen einer Corvette Stingray und einer großen Mercedes-Limousine. Freaks, die sich von Nostalgie angezogen fühlen, wählten eine Fahrt im Trabi oder einem ehemaligen Mercedes-Leichenwagen. Meine Wahl fiel auf einen roten Hyundai, ein sehr unauffälliges Auto. Die Besitzerin Laura sucht Menschen, die sich mit ihr das Auto teilen möchten. Ein mittlerweile gängiges Konzept, wenn es darum geht, mit einem eigenen Gefährt mobil zu sein, die Kosten jedoch möglichst gering zu halten. Ohne direkte Kommunikation mit ihr – darum bat sie gleich nach dem Einsteigen – ging es los. Und schon nach wenigen Minuten konnte man ein auf CD aufgezeichnetes Interview mit ihr hören. Darin gab sie Einblicke wie sie zu dem Auto kam, welche Gefühle sie von Zeit zu Zeit überschwemmen und warum ihre Angst vor dem Tod eine kleinere geworden ist.

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Autos – diese Mobilitätsvehikel der Vergangenheit – wie David Jagerhofer, einer der Fahrer und Performer zu Beginn postulierte, sind aufgrund ihrer räumlichen Intimität besonders dafür geeignet, Gespräche zu führen, die in öffentlichen Räumen nicht zustande kommen würden. „Wir liebten und wir stritten uns in einem Auto. Wir fuhren damit ans Meer oder in die Berge und auch unsere letzte Fahrt wird in einem Auto durchgeführt werden“. Gedanken wie diese, aber auch Fragen nach der Zukunft der Mobilität, nach dem Raumangebot, das sich aufgrund fehlender Autos verändert, wurden im Laufe der Fahrt und auf dem Parkplatz hinter dem alten St. Marxer Schlachthof im wahrsten Sinne des Wortes in den Raum gestellt.

Dort wurde man schließlich tatsächlich auch Zeuge eines Autoballettes. Auf einem kleinen Podest stehend hatte man einen guten Überblick über die Choreografie, in der die Autos in Schlangenlinien oder in exakten Reihen aufeinander zu oder voneinander wieder wegfuhren. Das kleine Pas de Deux zwischen dem Trabi und der Mercedes-Limousine kippte die technische Darbietung hin ins Menschliche. David gegen Goliath oder Reich gegen Arm – eine Situation, die auf der Straße im Alltag immer zugunsten des Stärkeren ausgeht – wurde hier herzerfrischend neu aufgestellt.

Der Zufall oder das Glück wollte es, dass uns Hannah in ihrem Mercedes-Kastenwagen wieder zurück zum Ausgangspunkt kutschierte. Trotz der Labung mit einem heißen Tee etwas durchgefroren, war ihre Heizung im zum Wohnmobil umgebauten Gefährt nun richtig willkommen. Das sprachlose, rein auf passive Information ausgelegte Konzept, das auch dieses Mal angeboten wurde, wurde zugunsten einer lebhaften Unterhaltung mit der Autofahrerin rasch ignoriert. Dass man unter der Süd-Ost-Tangente, der mit 27. 000 Autos am Tag meistbefahrenen Straße in Österreich leben kann, erfuhr man bei der Fahrt. Und auch, dass diese alternative Lebensform in Wien politisch nicht wirklich gewollt wird. Dass sich Hannah das Leben in einer Wohnung schwer wieder vorstellen kann und dass sie nicht gewillt ist, Geld für eine feste Bleibe auszugeben in der sie ja doch nichts Anderes als schlafen würde, auch das erzählte sie gerne. Die Aussteiger der 60er Jahre zogen meist auf Bauernhöfe oder nach Indien, aber sie verwendeten auch Autos wie Hannah. Der Unterschied liegt nur darin, dass im vorigen Jahrhundert die Suche nach der Natur dabei noch im Vordergrund stand. Nun ist es gerade das günstige Leben im urbanen Umfeld, das sich Menschen wie Hannah so zurechtlegen.

Die Theaterform, der sich mercimax in dieser Performance verschrieben hat, fußt nur zu einem Teil auf kollektivem Erleben. Wichtiger ist die Eins-zu-Eins-Kommunikation, das Aufbrechen von starren Kommunikationswegen, die im herkömmlichen Theater meist nur in eine Richtung verlaufen. Nicht der Konsum, sondern das gemeinsame Denken, das Sich-Austauschen stehen dabei im Vordergrund und machen anhand des Themas Auto und Verkehr durch eine geschickte Dramaturgie klar, dass wir zwar in ein technisches und soziales Umfeld eingebunden sind, das wir als gegeben annehmen. Aber es macht auch klar, und das ist die Leistung dieser Performance, dass dennoch jede und jeder von uns in einem eigenen Ermessensspielraum dieses Umfeld nutzen und verändern kann. Ein Auftakt, der neugierig auf kommende, unübliche Formate macht, die das Brut in dieser Saison noch anbietet.

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