Eigentlich meinen wir alle etwas ganz anderes

Alles fängt ganz harmlos an. Ein junges Paar spricht miteinander darüber, wie es seine Freunde dazu überreden wird, ihnen Geld zu geben. Finanziell am Ende, müssen sich Franziska (Barbara Horvath) und David (Simon Zagermann) gewaltig zusammenreißen, um diesen Canossagang anzutreten. Karsten – Dozent für Sozialanthropologie und Marianne, die als Volkswirtin arbeitet, leben in einer schmucken Wohnung und haben sich erst kürzlich auch eine kleine „Datscha“ zugelegt. Von den finanziellen Nöten ihrer Freunde wissen sie nichts. Und werden diesen Umstand auch bis am Ende des Stückes nicht erfahren.

Ein Kammerspiel der schwarzen Art

Bastian Sistig schrieb das Kammerspiel „Was es bedeutet baden zu gehen“ für vier Personen und erhielt damit 2012 den Publikumspreis für das Autorenprojekt stück/für/stück am Wiener Schauspielhaus. Nun gelangte es unter der Regie von Sebastian Schug, der auch für die Bühne verantwortlich ist, zur Aufführung. Die Intention des Autors war es, ein Gespräch von Menschen wiederzugeben, das unter der Oberfläche etwas beherbergt, was jedoch nie ausgesprochen wird. In diesem Fall ist es der Selbstmord von Franziska und David, sollte ihr Plan, sich an dieser Stelle Geld zu verschaffen, nicht aufgehen. Doch davon wird das Publikum erst in den allerletzten Minuten erfahren.

Zuvor jedoch liefert Sistig, 1990 in Berlin geboren, ein wahres Feuerwerk an schnellen, spritzigen, witzigen und bissigen Dialogen ab. Boulevardtheater vom Feinsten, ist man fast geneigt zu sagen. Wäre da nicht, ja wäre da nicht diese Bedrohung, die beinahe im Minutentakt zunimmt. Und mit ihr die Gereiztheit der Figuren. Schon wenige Augenblicke nach der Begrüßung kommt es zu den ersten Zusammenstößen zwischen den beiden Frauen. Ein verbales Aufeinanderprallen der Männer folgt alsbald, bis schließlich jeder mit jedem und jede mit jeder miteinander im verbalen Ringkampf steckt. Dabei hat Steffen Höld als weltfremder Akademiker eine dankbare Rolle, die er mit Bravour spielt. Sein Karsten bleibt so lange er kann wissenschaftlich-überheblich-korrekt. Erst als ihm Franziska seinen Alkoholkonsum vorhält, rastet er richtig aus. Barbara Horvath stichelt als Franziska wo immer sie nur kann und bringt mit einer kleinen Andeutung Karstens Ehefrau ganz aus dem Gleichgewicht.

Der Text von Sistig zeigt deutlich, wie indifferent Sprache ist und wie sehr ihr Verstehen ausschließlich vom Adressaten abhängt. Gerade in emotional aufwühlenden Situationen wird es sprachlich eng, wenn das, worüber eigentlich gesprochen werden soll, tatsächlich nicht gesprochen wird. „Nach Geld fragen wird immer schwierig bleiben…ich bin kein Mensch für sowas“ bringt David seine Not schließlich auf den Punkt. Er formuliert dies jedoch nicht gegenüber seinen Freunden. Vielmehr werden die wirklich erhellenden Sätze entweder nur in Selbstansprachen, maximal von Ehepartner zu Ehepartner geführt. Und das, während die jeweils anderen in eine Art „Gefrierzustand“ verfallen. Die Zeit scheint dabei angehalten. Noam Chomskys Generative Transformationsgrammatik, in ihrer sprachlichen Komplexität schwer verständlich, wird durch Sistigs Text wunderbar anschaulich. Sebastian Schug legt als Regisseur viel Wert auf eine metaphorische Körpersprache. So erhält zum Beispiel das immer wieder vorkommende Zusammenrücken der vier Personen, das Schulter-an-Schulter-Stehen, eine eigene Aussagekraft. Werden dabei doch die beiden Habenichtse von ihren Freunden buchstäblich in die Zange genommen. Ein kluges Bild, das gut ausdrückt, wie man sich fühlt, wenn man rhetorisch in die Zange genommen wird. Sein Bühnenbild beschränkt sich auf eine Sperrholzwand, die den Bühnenraum nach vorne extrem verengen und den Akteurinnen und Akteuren wenig Spielraum bieten. Dieser Minimalismus wird lediglich durch feine Musikuntermalungen gemildert, wie sie in Lounges zu hören ist. Sie ertönen immer dann, wenn Selbstreflexionen angesagt sind, wenn dem Kampf nach außen eine gedankliche Pause im Inneren entgegengesetzt wird.

Ein flottes Spiel aber die offene Frage nach dem Warum

Simon Zagermann wechselt mühelos zwischen lässiger und aggressiver Attitüde und lässt sich keinen Augenblick in seine finanziell so schlechten Karten blicken. Bei Barbara Horvath und Myriam Schröder in der Rolle der Marianne steht ein Zickenkrieg, der nicht zuletzt auf Eifersucht basiert, im Vordergrund. Horvath agiert dabei souverän sarkastisch, ausgestattet mit einem Mundwerk, dass einem die Angriffe nur so um die Ohren fliegen lässt. Schröder hingegen zeigt jenen Frauentypus auf, der ab einem gewissen Punkt einfach aufgibt und anmerkt, dass sich sowieso niemand für sie interessieren würde.

Die Begründung des bitteren Endes, in dem klar wird, dass David und Franziska Selbstmord begehen werden, überlässt Sistig zum größten Teil dem Publikum. Wenngleich das Programmheft den theoretischen Unterbau – angesiedelt im Versagen von Menschen im neoliberalen Kapitalismus – ansatzweise liefert. Eingedenk der Tatsache, dass sich der Großteil des Publikums keine Begleittexte mit nach Hause nimmt, kommen diese Querverweise letztlich auch bei den Wenigsten wirklich an. Ein meisterhaft gespieltes Quartett, dessen Text ein wenig mehr Erklärungsfutter vertragen hätte und dessen Regie ein wenig mehr in die Vollen greifen hätte können.

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