Beim Schweigen wird viel geredet

Beim Schweigen wird viel geredet

von | 13. November 2021 | 2021, Theater

Michaela Preiner

13.

November 2021

Man kann es sich im Leben leicht machen und man kann es sich im Leben schwer machen. Manches aber, was vermeintlich schwer aussieht – ist für denjenigen, der es macht, offenbar ein Kinderspiel.

Diesen Eindruck hinterließ Dávid Paška mit seinem Regie-Abschlussstück „Das Schweigen“ an der MDW. Die Autorin, Nathalie Sarraute (1900-1999), gebürtige Russin, verbrachte die meiste Zeit ihres Lebens in Paris. Dort schuf sie Essays, mehrere Romane und Theaterstücke. „Das Schweigen“ wurde 1964 als Hörspiel produziert und ist hierzulande wenig bis gar nicht bekannt. Nicht zuletzt deswegen, weil der Text im Grunde wenig Handlung vorzuweisen hat. Eine Runde von Menschen kommt zusammen und bemerkt, dass einer unter ihnen nichts redet. Sein Name jedoch ist der einzige, der genannt wird – Jean Pierre.

Dieses Nicht-Sprechen – ein No-go in unserer allseits geschwätzigen Gesellschaft – bringt die kleine Gruppe völlig aus dem Konzept. Sie ist ja zusammenkommen, um miteinander zu reden, sei es auch nur über Belangloses. Hauptsächlich reden und sich austauschen, scheint ihre Maxime zu sein.

Dass „Schweigen“ für das Radio produziert wurde, macht Sinn. Der Raum, in dem es spielt, ist nicht definiert, die Zeit, die dabei vergeht, auch nicht. Das Alter, die Herkunft der Sprechenden genauso wenig wie ihre beruflichen oder familiären Hintergründe. Das zeigt, dass Sarraute das Thema extrem abstrakt durchdekliniert hat. Das Stück könnte man als einen Sprachparcours bezeichnen, bei der man wie ein Luchs aufpassen muss, um den Faden nicht zu verlieren. Außer – es findet sich in einer Inszenierung wie jener von Dávid Paška wieder.

Wer sich „Das Schweigen“ als Abschlussprüfung im Regiefach aussucht, muss Mut haben – oder unglaublich naiv sein. Zweiteres ist auszuschließen, denn wie Paška seine Inszenierung umgesetzt hat, ist bewundernswert.

Er setzt sie zum einen in einen theatralen Kontext. Gesprochen wird vor – unter und hinter der Bühne – womit klar ist: Das Häufchen von Menschen, das sich hier zusammengefunden hat, gehört zum Theater. Damit gelingt dem Regisseur der Twist, den Text aus dem Nirwana in eine Gegenwart zu holen, die ganz seine und die seiner Kommilitoninnen und Kommilitonen ist, den Studierenden der MDW. Dafür gibt es 100 Punkte.

Außerdem eröffnet er Sarrautes Text mit einem eigenen Prolog und später einem eigenen Einschub. Dafür lässt er drei Bühnenarbeiter zu Beginn des Stückes auftreten. Sie haben die Aufgabe, die Stühle für eine Konzertvorführung auszurichten. Dabei geraten sie aus Übermut in eine Stimmung, in der sie – offenbar von der Muse geküsst – dazu übergehen, selbst als Schauspieler zu agieren. Sie tun das in drei Sprachen. Französisch, Spanisch und Polnisch und selbst, wenn man nichts von dem was sie sagen, singen und deklamieren versteht, weiß man, was gemeint ist. Der Klamauk, den sie dabei in Gang setzen, ist unglaublich lustvoll und öffnet innerhalb kurzer Zeit die Herzen im Zuschauerraum. Die Irritation, die sich dabei anfänglich einstellt – legt sich bald, nicht zuletzt aufgrund der herrlichen Situationskomik, die dabei geboten wird. gibt es weitere 100 Punkte.

Nachdem das „eigentliche Ensemble“ die Bühne betreten hat, dauert es nur kurz, bis sich eine Figur herausschält, die zum „Sprecher“ aller wird. Tilman Tuppy übernimmt diese extrem herausfordernde weil unglaublich textlastige Rolle und brilliert darin von Anfang bis zum Ende. Es gibt keinen Satz, der vom Ausdruck her nicht richtig über die Rampe kommt. Keine Geste ist zu viel, keine zu wenig. Ihm zuzusehen bedeutet, einem jungen Mann zuzusehen, der auf der Bühne zur Höchstform aufläuft. Man leidet und man lacht mit ihm, man staunt, wird im Handumdrehen aggressiv und beruhigt sich genauso rasch auch wieder. Dies alles dank seiner intensiven Einfühlsamkeit in den Text. Gerne hätte man hier einer Probe zugehört, um das Zusammenspiel des Regisseurs mit dem Schauspieler mitzubekommen.

Umgeben ist Tuppy von Katharina Rose, Ella Morgen, Seide Noffke und Ruben Sabel. Sie bilden gemeinsam eine studentische Rotte, die Tuppy immer wieder dazu anstößt, das Schweigen von Jean-Pierre zu brechen. Nils Hausotte hat in dieser Rolle tatsächlich nur wenige Worte zu sprechen, sieht sich aber permanent dem Drängen, aber auch der Aggressionen der anderen ausgesetzt.

Etienne Halsdorf, Matthäus Zaborszyk, Julien Colombet, der als Gast das Studierenden-Ensemble erweiterte, geben die drei eingangs schon erwähnten Bühnenarbeiter, die an einer Stelle über das Theater selbst philosophieren. Über das Publikum, das immer das gleiche sei, über Spielstätten außerhalb des Theaters, welche Leute komplett überfordern würden, die nicht theateraffin sind. Eine im Hintergrund der Bühne stattfindende Orgie interessiert die drei Arbeiter in keiner Weise, was darauf rückschließen lässt, dass sie – wie alles was hier gezeigt ist – reines Theater ist und nichts als Theater. Wir vergeben an dieser Stelle weitere 100 Punkte.

Abgesehen von der intellektuellen Brillanz des Textes, ist es die Verortung des Geschehens im Theaterraum selbst, welche diese Inszenierung auszeichnet. Die daraus resultierenden Fragen, sind zeitgeistig und werden – auch ganz aktuell –  aus unterschiedlichen Perspektiven immer wieder anders beleuchtet. Das gibt der Vorstellung einen zusätzlichen Twist, mit dem Dávid Paška klar macht, dass er ganz und gar versteht, in welcher Rolle er, aber auch alle anderen in dieser Theaterinszenierung stecken. Das dieser Befund nicht gerade nicht theoretisch abgehandelt wird, sondern ganz und gar lustvoll eingebettet daherkommt, erhält weitere 100 Punkte.

Julius Leon Seiler ist für das abwechslungsreiche Bühnenbild verantwortlich, das mit einigen technischen Finessen aufwartet, Maria-Lena Poindl für die Kostüme mit hohem, aktuellem Modefaktor. Wie viele Hundert Punkte jetzt auch immer vergeben wurden – jeder einzelne ist gerechtfertigt. Auf die weiteren Theaterstationen von Dávid Paška darf man gespannt sein. Es wird sich wahrscheinlich lohnen, sich einen Google-Alert mit seinem Namen einzurichten.

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