Geburtstage können auch zur Plage werden

Was er selbst davon hält, aber auch wie es zu seinen Kompositionen für ein Klaviertrio kam, erfuhr das Publikum anlässlich eines Jeunesse-Konzertes mit dem Boulanger-Trio im Gläsernen Saal des Musikvereins.

Die drei jungen Musikerinnen starteten am 27. Jänner mit der „Boulangerie“ in Österreich eine kleine Konzertreihe. Birgit Erz (Violine), Ilona Kindt (Violoncello) und Karla Haltenwanger (Klavier) haben sich dieses besondere Format ausgedacht, mit dem sie normalerweise in Berlin auftreten. Dafür spielen sie Klaviertrios und laden jeweils einen Komponisten ein, von dem mindestens ein Werk präsentiert wird. Dieser wird aufgefordert, auch die Auswahl der anderen Stücke mitzubestimmen. Und am Ende des Konzertes gibt es – wie es sich für eine Boulangerie gehört – auch noch eine kleine lukullische Überraschung.

In Wien gab Ihnen Friedrich Cerha die Ehre seiner Mitarbeit und Anwesenheit. Mit seiner Einladung gestalteten die drei Damen zugleich den Auftakt zu den Feierlichkeiten anlässlich seines Geburtstagsjubiläums. Auf dem Programm standen Mozarts Klaviertrio KV 542 aus dem Jahr 1788. Der zweite Programmpunkt war das Adagio aus dem Kammerkonzert in einer Fassung für Violine, Klarinette und Klavier von Alban Berg. Dafür unterstütze Daniel Ottensamer mit seiner Klarinette einfühlsam die aus Hamburg gebürtigen Musikerinnen. Schon in diesen beiden Werken wurde klar, dass sich das Trio trotz seiner Jugend auf ein sehr aufeinander eingestimmtes Musizieren versteht. Haltenwanger nahm sich am Klavier in der Dynamik sehr zurück, um nicht mit einer zu dominanten Stimmgestaltung aufzuwarten.

Boulanger-Trio (c) Irene Zandel

Boulanger-Trio (c) Irene Zandel

Birgit Erz an der Violine überzeugte durchgehend. Ohne Angst vor expressiven Soli schafft sie die richtige Balance an Zurücknahme und Forcierung der Geigenstimme. Schön zu sehen auch, wie sie sich mit Haltenwanger und Kindt im überaus sympathischen Blickkontakt selbst an der Musik während des Spiels freuen kann. Das selbe gilt für Ilona Kindt, die ihre Stärke vor allem in den Cerha-Kompositionen ausspielen durfte.

Sie waren tatsächlich das Highlight des Abends. In einer lockeren Gesprächsführung, die von allen drei Frauen gleichermaßen absolviert wurde, betonte der Komponist, dass ihm vor allem das zweite der drei Stücke für Klavier und Cello, die er 2013 komponierte, besonders am Herzen läge. Er hätte darin nämlich den Charakter eines auf seine Akkuratesse stolzen Beamten wiedergegeben. Kein Wunder, dass bei den Pizzicato-Tönen, die zugleich auch noch gedämpft gespielt werden, viele Menschen im Publikum schmunzelten. Und tatsächlich drängte sich auch das Attribut „rechthaberisch“ beim Hören dieses Satzes auf, nicht zuletzt, weil Cerha den harschen Tönen auch kurze, sanfte dagegensetzte, die im Charakter an einen Bittsteller erinnerten, der mit seinen Einwänden gegen den herrischen Besserwisser nicht aufkommen kann. Sowohl im elegischen ersten, als auch raschen und dynamischen letzten Satz war jene Gleichheit der Stimmen zu spüren, die Cerha in der Kammermusik so wichtig sind.

Die fünf Stücke für ein Klaviertrio, die am Schluss der musikalischen Darbietung standen, kamen durch Anregung von Claus-Christian Schuster vom Altenberg-Trio zustande. Mit vielen Farben ausgestattet, wartet dieses Werk mit einer höchst facettierten Behandlung der einzelnen Instrumente auf. Außerdem hat jedes Stück seine ganz besondere Stimmung. Auch hier ist im zweiten Satz eine ungewöhnliche Hörerfahrung eingebaut. Das Thema, zuerst in Cello und Violine vorgeführt, wird vom Klavier ganz trocken übernommen. So als ob sich die Pianistin noch während einer Übungsphase zum Stück befände, wird sie von den Streicherinnen ganz leise hierbei unterstützt. Der dritte Satz führt drei überaus geschwätzige Instrumente vor, die sich zu einer großen Aufregung hochschaukeln, um sich anschließend wieder zu beruhigen. Wunderbar, wie das Klavier dabei gegen Ende etwas „nach humpelt“ und damit der Stimme einen eigenen Charakter verleiht. Das Flirren und Schweben des vierten Satzes und der Übergang zu einem exakten Rhythmus, der an das Schlagen einer Pendeluhr erinnert, machte erneut klar, dass Cerha in diesem Werk eine höchst illustrative, musikalische Sprache verwendete. Mit dem wilden, letzten Satz, der sich in seinem Mittelteil beruhigt, um dann – zuerst tröpfelnd, dann abermals intensiv – wieder ekstatisch aufzuschwingen, endete der musikalische Teil des Abends.

Wer mehr hören möchte, dem ist die vor wenigen Tagen erschienene CD des Trios mit Werken von Friedrich Cerha zu empfehlen.

Friedrich Cerha bei einer Jurysitzung für einen Kompositionspreis Juni 2015 (c) Jeunesse

Friedrich Cerha bei einer Jurysitzung für einen Kompositionspreis Juni 2015 (c) Jeunesse

Friedrich Cerha ließ es sich anschließend nicht nehmen, von ihm selbst verfasste Gedanken zu Geburtstagen vorzulesen. In überaus humorvoller Art und Weise schilderte er darin die willkürliche Entstehung unserer Zeitrechnung, die Ungewissheit unseres eigenen Geburtsdatums aber auch so manch kuriose Jubiläumsgeschenke, wie einen elektrischen Nasenhaarstutzer. „Eigentlich habe ich mir gewünscht, mit meiner Frau um den 85. Geburtstag zu sterben, angesichts der anstrengenden Geburtstagsfeierlichkeiten zum nächsten Jubiläum“, erklärte Cerha mit der Ergänzung: „Ich glaube jetzt aber, dass es gar nicht so schwer werden wird“. Wir gratulieren ihm von unserer Seite aus und wünschen ihm in seinen kommenden Jahren noch viel Kraft, um weitere, interessante Werke zu schreiben. Und die ein- oder andere Plage einer großen Geburtstagsfeier.

Das Boulanger-Trio setzt seine Boulangerie am 29.2. mit Michael Jarrell, sowie am 6.6. mit Johannes Maria Staud abermals im Musikverein fort.
Weitere Informationen finden Sie auf der Website der Jeunesse.

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