Brutal. Hart. Großartig.

Lustig ist das Zigeunerleben, varia! Mit einem bitterbösen und sarkastischen Unterton in der Stimme singt die alte Pessi, Mutter einer vielköpfigen Sintifamilie, das bekannte Volkslied, das den Zustand von vagabundierenden Zigeunern romantisch verklärt. Sie singt es in jenem Moment, als während des Zweiten Weltkrieges klar wird, dass ihre Familie akut vom Naziregime bedroht wird.

Im Stück „Der Boxer“ von Felix Mitterer, das im Theater in der Josefstadt seine Uraufführung erlebte, beschreibt der Autor glasklar und analytisch psychologisch durchdacht, die Lebens- und Leidensgeschichte von Johann „Rukeli“ Trollmann und seiner Familie. Basierend auf Tatsachen, erlebt darin Rukeli den Aufstieg zum Deutschen Boxmeister im Halbschwergewicht, die Aberkennung seines Titels, seine und die Verfolgung seiner Familie und erleidet schließlich kurz vor Kriegsende den Tod in einem KZ. Den erfreulichen Aufstieg zum Boxkönig darf das Publikum zu Beginn nur kurz genießen. Was danach folgt, ist harter Tobak. In einem konzisen, aber enorm aussagekräftigen Bühnenbild (Florian Parbs), in welchem schwarze, an Stahlketten von der Decke hängende Sandsäcke den Raum zeitweise stark akzentuieren, spielt sich das Drama um den Überlebenskampf in einem totalitären Regime vor den Augen des Publikums ab.

Die Diskrepanz zwischen dem Ort, der auf der Bühne dargestellt wird und dem plüschverbrämten Zuschauerraum könnte nicht größer sein. Da braucht es schon eine große Portion von spielerischer Überzeugungskraft und eine fesselnde Regie, um den Abstand zwischen Bühne und Parkett schmelzen zu lassen. Beides ist bei dieser Inszenierung in vollem Maß vorhanden. Die Regisseurin Stephanie Mohr begleitet das emotional so aufwühlende Geschehen mit der notwendigen Distanz, die kein einziges Mal in den Kitsch abgleitet. Zugleich modelliert sie die Figuren emotional stark aus dem sie umgebenden Wahnsinn der Rassenverfolgung. Offene, rasche Umbauten werden durch eindringliche Soundeffekte begleitet, die ausgefochtenen Boxkämpfe durch Schläge auf die Sandsäcke markiert und der körperliche Verfall des jungen Boxers und seines Bruders durch lehmverschmierte Kleider und Gesichter deutlich unterstrichen.

Dabei unterstützt sie das großartige Ensemble, allen voran Gregor Bloéb in der Rolle des anfangs so lebensprallen Rukeli. Trotz eines eingeklemmten Nervs, dieses Handicap war in keiner Sekunde spürbar, tänzelte und sprang er auf der Bühne als wäre das Boxen für ihn ganz selbstverständlich. Ernst Dörr (Kickboxweltmeister 1989) zeichnet für die Boxchoreografie und das Coaching von Bloéb und seinem Kontrahenten Reinhard Wolf (Raphael von Bargen) verantwortlich. Des Weiteren als herausragend – und das ist an diesem Abend schwer objektiv zu bestimmen, da die Leistungen aller auf höchstem Niveau angesiedelt waren – ist Elfriede Schüsseleder zu nennen. Ihre Interpretation einer starken Frau und Mutter geht vor allem in jener Szene unter die Haut, in der sie Dr. Robert Ritter, Leiter der Rassenhygienischen Forschungsstelle aus der Hand liest. Die sekundenlange Stille, die dabei eintritt, fesselt und vermittelt jene Faszination, die von hellsichtigen Menschen wie ihr ausgeht. Dominic Oley verkörpert den nach außen sich empathisch gebenden, im Inneren jedoch rücksichtslos grausamen, nur auf sein Fortkommen bedachten Mediziner so, dass einem Angst und Bang ob seiner emotionalen Eiseskälte werden kann.

Peter Scholz gibt den mit der Familie befreundeten Polizisten Heinz Harms, der Rukeli, wo er kann, beschützt, aber andererseits immer zu wenig Rückgrad hat um sich gegen die brutale Macht seiner Vorgesetzten zur Wehr zu setzen. Mitterer arbeitet an dieser Figur glasklar jene Machtmechanismen heraus, die Menschen dazu bringen, anderen gegenüber Gewalt auszuüben. Sich selbst der nächste sein und fressen oder gefressen werden sind Parolen, denen in Momenten wie den gezeigten ,wenig entgegengesetzt werden kann. Der große Gegenspieler Rukelis, knallhart, egomanisch und skrupellos von Raphael von Bargen gespielt, macht zu Ende des Stückes seine Motivation klar, die ihn dazu antrieb, Rukeli zu verfolgen und ihn immer wieder im KZ in den Ring steigen zu lassen. Am Schluss wird aber er auch zu den Verlierern gehören.

Keiner und keine in diesem Spiel ums nackte Überleben geht siegreich aus dem sadistischen Gemetzel hervor. Die letzte Szene, in der der tote Boxer von seiner ebenfalls verstorbenen Familie abgeholt wird, lässt zumindest noch den winzigen Hoffnungsschimmer an ein Jenseits zu.

Hilde Dalik, Ljubiša Lupo Grujčić, Matthias Franz Stein als jüngster Bruder „Stabeli“, der zum Schrecken aller die Familiengeige verkaufen musste, sowie Martin Niedermair komplettieren das Ensemble, jeder für sich eine Idealbesetzung.

„Der Boxer“ ist ein Stück, das zeigt, wozu Menschen in gewissen Situationen fähig sind. Es reißt allen kulturellen Errungenschaften die Maske vom Gesicht und – das sollte im Vordergrund diskutiert werden – es verleiht stellvertretend mit dieser Familiengeschichte allen Sinti und Roma ein Gesicht, die in der Nazidiktatur ihr Leben lassen mussten. Ein schwarzes Kapitel Menschheitsgeschichte, das bis heute noch viel zu wenig aufgearbeitet wurde.

Brutal.Hart.Großartig. Das ist die Kurzdefinition dieser Inszenierung. Wer immer kann, soll sie sich nicht entgehen lassen.

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