Private und globale Desaster – und trotzdem wird gelacht

Private und globale Desaster – und trotzdem wird gelacht

von | 16. Oktober 2020 | Theater

Michaela Preiner

„Bürgerliches Trauerspiel“ (Foto: © Gerhard-Breitwieser)

16.

Oktober 2020

Jeder halbwegs intelligente Mensch, der sich einer künstlerischen Tätigkeit widmet, egal welcher Art, kommt wohl irgendwann an den Punkt, das eigene Treiben im sozialen Kontext zu hinterfragen. Martin Gruber, Leiter des aktionstheater ensemble, hat dies bei jedem Stück zu seinem Credo erhoben. Dennoch ist sein neuestes eine ultraharte Abrechnung mit dem Theater. Und damit auch mit dem, was er und sein Ensemble macht.
„Bürgerliches Trauerspiel“, nennt sich die letzte Produktion, die trotz Covid-Beschränkungen permanent ausverkauft war und ein Trauerspiel, möchte man meinen, ist es auch, was sich derzeit auf unserer Welt abspielt. Die karge Ausstattung – nie wirklich im Mittelpunkt bei den Inszenierungen von Gruber – ist dieses Mal trostloser als trostlos. Hohe Gitterkörbe auf Rollen, als ob sie von einem großen Warenlager entstammten, das aber offenbar nicht mehr gebraucht wird. Darin nichts, was auch nur irgendeinen Kaufanreiz bieten würde. Einzig eine bunte Torte mit grellem Zuckerguss sticht ins Auge – essen mag man das chemisch wirkende Ungetüm aber auch nicht.

Mit der Sängerin Nadine Abado an der linken Bühnenseite, dem Drummer Alexander Yannilos an der Mittelwand und dem Gitarristen Christian Musser rechts neben der Bühne sind lebendige Menschen anwesend, ganz im Gegensatz zu vielen Theateraufführungen, in welchen die Musik aus der Konserve kommt. Die Drei produzieren rockige Klänge genauso wie psychedelische, bei denen man gut wegdriften könnte, wäre da nicht das Geschehen auf der Bühne, welches man beobachten muss.

„Bürgerliches Trauerspiel“ (Foto: © Gerhard-Breitwieser)
Beim ersten Auftritt zelebriert Thomas Kolle genussvoll mehrfach das Übertreten der Covid-Abstandslinie zum Publikum hin – mit seinem Zehenspitzerl. Dass es bei dieser Light-Protest-Variante bleibt, verwundert nicht. Schließlich spiegeln Grubers Stücke stets jene Befindlichkeiten, die er bei einem Großteil seines Publikums erkennt. Kolle darf von Anfang bis zum Schluss den exhibitionistischen Sunny-boy markieren und verliert auch während der düstersten Textpassagen seiner Kollegin Michaela Bilgeri, sowie seiner Kollegen Horst Heiß und Benjamin Vanjek nie sein Strahlemannlachen.

Werden zu Beginn von allen noch Heile-Welt-Geschichten präsentiert, verdüstert sich im Laufe der Performance das Geschehen hin zu Erzählungen von tristen Verhältnissen und Paarkrisen, die sich während des Lockdowns veritabel ausgewachsen haben.

Dass die Vorarlbergerin nicht das erste Mal in einem Stück des aktionstheater ensemble darauf hinweist, dass sie der „Chefredakteur vom Falstaff“ nach dem Rezept ihres sensationell guten Gulasch´ gefragt hat, betont subtil die familiär angelegte Publikumsbeziehung. Wer von uns kennt sie nicht, jene Geschichten, die bei Familientreffen immer und immer wieder von denselben Personen erzählt werden?! Das darf dann auch bei dieser Theaterfamilie nicht anders sein.

Einen besonderen Beitrag zum Lebenselend leistet Benjamin Vanjek. Die Erzählung seiner Vergewaltigung während seiner Zeit beim Bundesheer wird durch das Zeigen seiner dabei erlittenen Zahnlücke ins unerträglich Bedauernswerte gesteigert. Diese Zahnlücke, die er von zwei Männern geschlagen bekommen hat, die ihn während der Penetration durch einen Dritten festhielten, wird zum Corpus delicti, das er höchstens durch Implantate loswerden könnte, aber davon ist gar nicht die Rede.

„Bürgerliches Trauerspiel“ (Fotos: © Stefan Hauer)
„Bürgerliches Trauerspiel“ (Fotos: © Gerhard-Breitwieser)
„Bürgerliches Trauerspiel“ (Fotos: © Gerhard-Breitwieser)
Diese theatralische Aktion, die Präsentation des geschundenen Gebisses, lässt keinen Zweifel an der Authentizität der Geschichte aufkommen. Und dennoch bleibt eine gehörige Portion Zweifel. Wir sind doch am Theater, oder?

Noch während man über die ungeheuerliche Tat nachdenkt und Michaela Bilgeri damit herausrückt, dass ihre so wunderbare Beziehung gar nicht mehr so wunderbar ist – noch während Horst Heiß erzählt, dass aus der Idee einer gemeinsamen Quarantäne mit seiner Frau nichts wurde, ganz im Gegenteil, er jetzt getrennt lebt – noch während Benjamin Vanjek verzweifelt stumm versucht, einen Kurzzeitlover aus den USA am Handy zu erreichen – kommt die Rede auf all jene Covid-Gewinner, die in den letzten Monaten Milliarden erwirtschafteten. Milliarden mit Fonds und Aktien, die die Welt um keinen Deut besser machen, einige Erdenbewohner aber so unglaublich reich, dass man sich nicht einmal die Summen ihres Reichtums mehr vorstellen kann.

Das „Über-die-Bühne-Irrlichtern“ von Benjamin in einem grauen Frauenkostüm aus dem 19. Jahrhundert und sein Hinweis, wie gern er Schnitzler mag, wenn er nur auch richtig, mit Kostümen aus seiner Zeit auf die Bühne gebracht würde, wirkt gegen die Erwähnung der unmoralischen Finanztransaktionen völlig deplatziert und verweigert dem Theater im Handumdrehen seine Legitimation.

Deplatziert mag sich Martin Gruber mit seinem Tun auch tatsächlich vorkommen und sich die Frage stellen: Macht es Sinn, hier eine Kasperliade abzuziehen, während es die Welt draußen in Stücke zerreißt? So schwarz, so düster wie im „Bürgerliches Trauerspiel“ war der Text der Truppe noch nie. So hoffnungslos und ohne Zukunftsperspektive auch nicht.

„Bürgerliches Trauerspiel“ (Foto: © Gerhard-Breitwieser)
Und doch muss man Gruber und seinem Team zurufen: Macht weiter, auch wenn ihr glaubt, auf einem Vulkan zu tanzen und jeden Moment abstürzen zu können. Ein Theater wie das eure brauchen wir, um zu erfahren und zu spüren, dass wir alle miteinander mit denselben Problemen kämpfen. Wir brauchen euch, um uns wieder vor Augen zu halten, dass wir uns alle miteinander ein schönes Leben wünschen, obwohl einige Tausend Kilometer weit weg vielleicht Menschen verhungern und wir nichts dagegen tun.

Wir brauchen euch, um uns eine Erholungspause von dem drängenden Irrsinn des aktuellen Alltags zu gönnen, der uns im Würgegriff zu haben scheint. Wir brauchen diese Art von Vorstellungen aber auch, um im gemeinsamen Erleben auch eine Kraft zu spüren, dass es anders gehen könnte. Dringender nötig als heute haben wir Theater wie dieses in den letzten Jahrzehnten wahrlich nicht gehabt.

Deswegen: Bleibt dran und beugt euch nicht, auch wenn sie mit ihren Milliarden vermeintlich alles bestimmen können was sie wollen.

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