Der Sog des Weltalls

Der Sog des Weltalls

Das Publikum durfte dabei in 70 Minuten eine visuelle Zusammenfassung von der Entstehung des Weltalls – inklusive Urknall-Effekt – bis hin zur Ausbildung unseres Sonnensystems erleben. Begleitet wurde die Video-Animation von 11 Musizierenden unter der Leitung von François-Pierre Descamps.

Für das Konzept und die Dramaturgie war Kristine Tornquist verantwortlich. Mit dem Astronomen und Leiter des Planetariums, Michael Feuchtinger und dem Astronomen Konstantin Kirner, zuständig im Planetarium für Wissensvermittlung, holte sie sich zwei profunde Kenner der Materie an Bord. Gemeinsam schufen sie ein Klang-Raum-Erlebnis der besonderen Art. Das Werk wurde für fünf Stimmen – zwei Countertenöre, zwei Tenöre und einen Bassbariton sowie sechs Instrumentalisten (Trompete, drei Posaunen und zwei Schlagwerker) geschrieben. Die Entstehung des Weltalls und letztlich auch der Erde und des Menschen an sich wurde – musikalisch anschaulich – auch durch einen sich erst im Laufe der Komposition entwickelten Sprachgesang wiedergegeben. Hörte man zu Beginn nur aneinandergereihte Silben, verdichteten sich diese mit der Zeit hin zu erkennbaren Worten und Sätzen.

Häufiger Posaunen- und Paukeneinsatz, ein Glockenspiel, sowie ein großer Schlagwerkapparat verliehen dem bunten Sternenspektakel eine ebenso farbenfrohe musikalische Untermalung. Von dramatisch bis hin zu kostbaren Schwebezuständen, erzeugt von den Stimmen, reichte die klangliche Palette. Obwohl Clemencic ein ausgewiesener Kenner Alter Musik war, griff er in diesem Werk ins volle Kompositions-Repertoire der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Atonales und Dissonantes überwog über lange Strecken, dennoch gelangen ihm zum Teil auch höchst sphärisch gestaltete Momente. Wer wollte, konnte auch Assoziationen zur Orff`schen Carmina-Burana-Klangwelt assoziieren. Raues und Unbehauenes Notenmaterial entwickelte sich zu Differenzierterem und Komplexerem und ließ zugleich Spielraum für eigene Empfindungen.

Einziger Wermutstropfen war die Raumakustik. So wunderbar die visuelle Aufarbeitung mithilfe des modernsten Sternenprojektors der Welt gelang, so fein austariert auch das Ensemble musizierte, das Klangstrahlen, das durchaus in der Komposition von Clemencic vorhanden ist, blieb aufgrund der Akustik, die mehr vom Klang schluckte als preisgab, leider aus. Kopfhörer hätten in diesem Fall wahrscheinlich eine Abhilfe geschaffen. Dennoch eine abermals beeindruckende Produktion des Sirene Operntheaters.

Eine Komödie wider Willen

Eine Komödie wider Willen

Eine Schauspielerin bewegt ihre Lippen zur Musik und tritt ganz bis vor an den Bühnenrand. Im selben Moment fällt der Vorhang, um sich kurz darauf ein zweites Mal zu heben.

War es das schon oder hat sich die Regisseurin kurzfristig doch für einen anderen Beginn entschieden? Eugène Ionesco hätte seine Freude an diesem Einstieg gehabt, nannte er sein Werk „Die kahle Sängerin“ doch auch „Anti-Theater“. Dieses Stück, von ihm nicht als Komödie konzipiert, avancierte jedoch aufgrund seiner Absurdität zumindest zu etwas Ähnlichem. Dass man dennoch sozialkritische Nuancen wahrnehmen kann, ist der Regisseurin Anita Vulesica zu verdanken. Zwar werden die Figuren – Mr. und Mrs. Smith sowie Mary, deren Dienstmädchen – von Beginn an in höchst absurder Manier dargestellt. Während der Herr des Hauses auf vielerlei akrobatische Arten versucht, am Sofa bequem Platz zu nehmen, parliert seine Gattin umständlich über ein Essen bei Freunden, während sie ihre Nägel am Oberteil ihres Kleides schärft, dass man es laut raspeln hört. Mary, das Dienstmädchen, tritt in kunstvoll-absurder Lockenpracht mit dunklem Schnurrbart auf und gibt körpersprachlich mit finsterer Miene zu verstehen, dass man sich mit ihr besser nicht anlegt.

Dass bei den Smith ein ungleiches Kräfteverhältnis besteht und sie gerne aneinander vorbeireden, wird schnell deutlich.  Dass sie sich dennoch mit ihrem Dasein abgefunden haben, ist offenkundig. Ganz ähnlich geht es ihren Gästen, Mr. und Mrs. Martin.  Auch sie haben in ihrer Zweisamkeit schon bessere Zeiten erlebt. Denn, wie sich bald herausstellt, haben sie sich so gar nichts mehr zu sagen, dass sie sich nicht einmal mehr daran erinnern, sich je gekannt zu haben.

Die Vorstellung der Personen und ihrer absurden Lebenseinrichtungen gerät durch die nicht enden wollenden Wortkaskaden zwischen den Martins ein wenig langatmig. Zwar dürfen Frieder Langenberger und Evamaria Salcher sich nach allen Regeln der Schauspielkunst ins Komödiantische fallen lassen, dennoch ist man sehr erfreut, als ihre Wiederholungsschleifen ein Ende finden. Der Satz – „Jetzt wird’s unterhaltsam – endlich“ kommt keine Minute zu früh. Mit ihm erreicht der Abend seinen ersten theatralen Höhepunkt. Muss doch die Frau des Hauses die steile Treppe erklimmen, um nachzusehen, wer denn an der Türe geklingelt hat. Dabei verliert sie beinahe das Gleichgewicht, um letztlich doch im hoch gelegenen Kämmerlein kurz zu verschwinden. Beatrice Frey irrlichtert als Mrs. Smith herrlich desorientiert auf der Bühne herum und präsentiert hintereinander gleich drei unmögliche Arten eine Stiege hochzusteigen. Dass einige ihrer Sätze schwer verständlich sind – immer dann, wenn sie nicht direkt in Richtung Publikum spricht – ist schade, denn bei Ionescos Text reiht sich Wortperle an Wortperle. Ein kleines Mikro würde hier Abhilfe schaffen.

Ihr Ehemann, Moritz Grove, reagiert zum Teil gereizt auf die banalen Aussagen und Fragen seiner Frau und scheut sich auch nicht, bei einem Wutausbruch richtig loszuschreien. Dass er mit keinem überragenden Intellekt ausgestattet ist, erfährt man in jener Szene, in welcher er die Geschichte von einer Schlange und einem Fuchs erzählt. Dabei erinnert er an den Kabarettisten Piet Klocke, der bei seinen Auftritten kaum einen vollständigen Satz hervorbringt. Die großartig spielende Katrija Lehmann versucht als Dienstmädchen in Männerkleidung der Absurdität der beiden Paare etwas entgegenzuhalten. Zum Zerkugeln, wie sie strengen Blickes von der Treppe rutscht oder mit dem Teppichklopfer Luftgitarre spielt. Großartig, wie sie das Gedicht vom Feuer deklamiert oder ihren Dienstgeber mit dem Staubwedel malträtiert.

Der unerwartete Auftritt des Feuerwehrhauptmannes gibt dem Geschehen einen zusätzlichen Drive. Raphael Muffs klare und deutliche Aussprache, sowie sein bestimmtes, feuerwehrmännisches Auftreten erweisen sich als wohltuender Gegenpol zu den überdrehten Charakteren der beiden Ehepaare. Bravourös löste die Regisseurin jene Szene, in welcher er lautlos zwei Geschichten erzählt. Das Sprichwort „an jemandes Lippen hängen“ erfährt eine eindringliche Visualisierung, so auf- und übereinander gruppieren sich die Smiths und die Martins um den Feuerwehrmann, um ihm besser zuhören zu können. Seine anschließende „Wer-mit-Wem-Verwandten-Erzählung“ und deren fulimant-witziger Schluss ist ganz große Komödie. Der Nonsense-Abgesang (Musik Camill Jammal) von Ionesco wird mit wunderbar kitschigen Pop-Kostümen von Janina Brinkmann umrahmt. Die Videoeinspielung von Roland Fischer, der sich als stimmgewaltige „Kahle Sängerin“ ganz und gar nicht kahl präsentiert, erweist sich als toller Regie-Einfall.

Entgegen der Zerwürfnis-Orgie, mit welcher der Autor sein Stück enden lässt, hat sich Anita Vulesica für einen anderen Schluss entschieden. Dazu erklärt sie im Programmheft: „Ich möchte das Stück nicht mit zwei aggressiven Paaren beenden, die sich anschreien, sondern ich möchte es zum Publikum hin öffnen und von der Bühne Liebe und Mitgefühl hinaussingen lassen.“ Und das tut sie auch nach allen Regeln der Theaterkunst. Wie gut und schnell das funktioniert und wie ansteckend gemeinsame, positive Vibes sein können, zeigen die letzten zehn Minuten. Es ist nicht nur das komödiantische Feuerwerk des Ensembles, sondern vor allem auch das Ende, welches diese Inszenierung für einen gelungenen Silvesterabend prädestiniert. Als solches hat ihn das Schauspielhaus in Graz auch programmiert.

Die „Bürger*innenbühne“ am Schauspielhaus in Graz lässt über „Wendepunkte“ nachdenken.

Die „Bürger*innenbühne“ am Schauspielhaus in Graz lässt über „Wendepunkte“ nachdenken.

Die erste dieser beiden Produktionen – „Wendepunkte – eine Bürger*innenbühne über lebensverändernde Ereignisse und das alltägliche Glück“ – darf man als sehr gelungen bezeichnen. Das Stück zeigt auf, was Theater heute spannend macht. Ganz abseits von großen Stoffen, die man von einem Haus wie dem Schauspielhaus in Graz erwartet, macht diese Inszenierung deutlich, dass es Geschichten aus dem Leben von Menschen sind, die, spannend aufgearbeitet, das Publikum fesseln und ins Theater bringen können.

Wendepunkte (Foto: Johanna Lamprecht)

Wie der Titel schon andeutet, handelt es sich bei diesen Geschichten um einschneidende Erlebnisse, oder auch zum Teil um Erdachtes, das von den Schauspielenden in Soloauftritten erzählt wird. Es sind Geschichten über eine nervenaufreibende Betreuung von Kindern in einem Sommerlager, über den schweren Weg aus der Alkoholsucht, über den Wechsel des Berufes, eine schwere Krankheit, die einen normalen Tagesablauf nicht mehr zulässt, über das Leben vor und nach einer Geschlechtsanpassung oder auch die Erzählung einer aktuellen Flucht aus der Ukraine.

Alles, was man vorgespielt bekommt, weist kluge, theatrale Momente auf. Die junge, ukrainische Regisseurin Natasha Syvanenka verwendet dafür auch clever eingesetzte musikalische Untermalungen, bis hin zu einem unerwarteten Soloauftritt. Damit, aber auch mit der Nutzung des Raumes – der nicht in seiner Tiefe, sondern seiner Länge bespielt wird, schafft sie eine Atmosphäre, die über reine Erzählungen hinaus geht und so nur im Theater zu erleben ist.

Renate Eichberger, Alina Fedorova, Aylin Maviengin-Kozak, Florian Gamillscheg, Johannes Haid und Verena Albertz beeindrucken mit ihren Auftritten und bilden ein Ensemble, wie aus einem Guss. Einige ihrer Gedanken dürften viele aus dem Publikum aus eigenem Erleben bekannt vorkommen. Wie mehrere, gegeneinander streitende Meinungen, die sich in einem auftun, wenn man eine wichtige Entscheidung vor sich hat.

Anderes wiederum ist Neuland, wie die Verwendung des Substantivs „Geschlechtsanpassung“ für eine dementsprechende Operation und all jene Herausforderungen, mit denen Menschen dabei konfrontiert sind.

Ein literarisches Gustostückerl dabei ist die Neuinterpretation des „Vater unser“, in der der Wunsch des Individuums zur Selbstbestimmung zur zentralen Aussage wird. Die Aufzählung eines trockenen Alkoholikers, der Schritt für Schritt errungenen Ziele bis dahin, letztlich ganz vom Alkohol loszukommen, lässt erahnen, welch gewaltige Leistung dahintersteckt.

Die Überforderung eines jungen Menschen, der erstmalig erlebte, was es heißt, auf Kinder aufzupassen, die ganz und gar nicht zu bändigen sind, löst so manche Erinnerung an die eine oder andere misslungene Erziehungsmaßnahme aus, die man selbst erlebte oder auch auslöste. Was es heißt, aufgrund einer Erkrankung seine Tage am WC verbringen zu müssen, die Auflehnung gegen dieses am eigenen Leib erfahrene „Unrecht“ und der Ausbruch daraus – auch das wird in Wendepunkte anschaulich und kunstvoll zugleich thematisiert.

Mit Alina Fedorova rückt der Krieg in der Ukraine ganz nah ans Publikum. Die Lebensschilderung der jungen Sängerin berührt vom ersten Moment an. Aber es ist nicht nur das Vergangene, das ihren Auftritt so emotional macht. Es ist ihre nach wie vor prekäre Situation, von der niemand ihrer Kolleginnen und Kollegen, aber auch niemand im Publikum sagen kann, wie sie sich weiterentwickeln wird, die betroffen macht.

Ein Abend zum Nachdenken, Schmunzeln und Staunen, zum Dazulernen und Zurücklehnen. Was soll Theater noch mehr bieten?!

Bunbury – Das Ende hat es in sich

Bunbury – Das Ende hat es in sich

Ein Ensemble, das Freude am Spielen hat, ein Bühnenbild, das von der Nebensache zur Hauptbedrohung wird, ein Kostümbild (Bühne und Kostüme Elisabeth Weiß), in dem man Schwarz-Weiß-Denken darf und eine höchst intelligente Regie mit einem Twist, den man zwar erahnen kann, aber dennoch so nicht erwartet – all das sind die Zutaten zu einem gelungenen Abend in Graz, der dennoch die Gemüter spaltet.

Die Komödie von Oscar Wilde, seine letzte literarische Arbeit, bevor er wegen seiner Homosexualität verurteilt wurde und zwei Jahre unter der Auflage schwerer körperlicher Zuchtarbeit im Gefängnis verbringen musste, wird am Schauspielhaus nicht nur in humoristischer und kurzweiliger Art und Weise vermittelt. Sie weist auch einen besonderen Tiefgang auf, welcher in vielen Inszenierungen komplett fehlt. Auf lange Strecken wird jedoch mit den üblichen, höchst bewährten Mitteln des komödiantischen Schauspiels gearbeitet. Dies ist zum einen eine unglaubliche Freude am Spiel, die man beim gesamten Ensemble beobachten kann. Sie ist derart ansteckend, dass man mehrfach eine innere Stimme hören kann, die einem zuflüstert, wie großartig es doch ist, live in einem Theater sitzen und diesen Profis zuschauen zu können. Ein Bonmot jagt das nächste, ein rhetorischer Geistesblitz wird vom nächsten abgelöst. Andri Schenardi in der Rolle des Algernon und Frieder Langenberger als John alias Ernst bilden von Beginn an ein Freundespaar, das zwar auf den ersten Blick nach Regeln lebt, welche die Gesellschaft vorgegeben haben. Bald schon aber weiß man, dass sich jeder der beiden einen eigenen Fluchtweg aus dieser Enge geschaffen hat. Einen Fluchtweg in Auszeiten, die ihnen viel näherstehen als das, was sie Tag für Tag sich und anderen vorspielen müssen.

Schon der erste Auftritt vermittelt eine vage Idee dessen, was sich im Laufe des Geschehens entwickeln wird. Algernon tritt vor den Vorhang und bewegt seine Lippen zur musikalischen Einspielung von „Two men in love“. Mit zarten Gesten, und wenigen, bedachten, rhythmisch stimmigen Schritten wird man in eine noch nicht verhandelte, noch nicht gespielte, aber schon vorausgedachte Liebesgeschichte gezogen. Wer den Text versteht und genau hinhört, weiß, der ganz in elegantem Schwarz Gekleidete, ist in einen Mann verliebt. Eines der bekanntesten Sprichwörter in Bezug auf Liebe – „Gegensätze ziehen sich an“ – wird nach Öffnen des Vorhanges zelebriert. Betritt doch „Ernest“ ganz ihn Weiß die Bühne und beginnt im selben Augenblick mit Algernon ein Wortgefecht. In diesem Moment ist das Gefühl verschwunden, dass sich hier zwei finden sollen, die gegen die gesellschaftliche Konvention des ausgehenden 19. Jahrhunderts auftreten.

„Bunbury“ (Foto: Lex Karelly)

Zu Beginn ist der komplette Bühnenraum freigegen, welchen die Schauspielenden auch in seiner Tiefe nutzen. Dort wird es – wie schon in Inszenierungen am Schauspielhaus zuvor – für das Publikum schwieriger, das Gesprochene gut zu hören. In diesen Momenten wünscht man sich zugeschaltete Mikros, um sich weniger beim Hören anstrengen zu müssen. Erst als die beiden Männer den Ort des Geschehens wechseln, sie fahren beide unabhängig voneinander in das Landhaus von Ernest, wird ein Bühnenprospekt eingezogen. Auf ihm ist – ganz in der Manier von Zeichnungen des 19. Jahrhunderts – ein Garten zu sehen, den der Butler, Alexej Lachmann, mit einer großen Gartenschere und Luftschnitten bearbeitet. Seine weiße Rüschenpumphose und sein rotes Wams ergeben mit der weißen darunter gezogenen Strumpfhose und seinen langen Haaren das Bild eines Clowns. Oft unbeteiligt am Geschehen, ist er dennoch im Bühnenhintergrund sitzend zu erkennen und vermittelt beständig den Eindruck: Das, was ihr hier seht, ist nichts anderes als eine Kasperliade.

Ähnlich verhält es sich mit den Kostümen der Frauen. Lady Bracknell (Evamaria Salcher) agiert im opulenten, schwarz-weiß-gestreiften, züchtig geschlossenen Kleid mit einem ausladenden Cul de Paris. Das Kleid ihrer Tochter, Gwendolen Fairfax, (Lisa Birke Balzer) ganz in Weiß gehalten, weist am Oberteil nur je zwei schwarze Streifen auf und zeigt, je nach Bewegung, auch ihre langen, schlanken Beine. Der höhere Schwarz-Anteil im Kleid der Mutter lässt die Interpretationsmöglichkeit zu, dass sie, im Gegensatz zu ihrer Tochter, schon etliche Erfahrungen mit den Schattenseiten des Lebens hinter sich hat. Das Weiß von Gwendolens Kleid hingegen ist noch von keiner Trauer und Bitterkeit eingefärbt. Cecily (Maximiliane Haß), das Mündel von Ernest, trägt freche weißte Punkte im schwarzen Oberteil und an den Strümpfen und einen überdimensionalen Tüllrock, der an einigen Stellen schon reichlich ramponiert ist. Ihre Erzieherin, Miss Prism (Katrija Lehmann), tritt im strengen Hahnentrittmuster auf und strahlt, ausstaffiert mit einer großen Brille, ad hoc eine ordentliche Portion Strenge aus.

Von großer Dramatik gestalten sich die Auftritte von Lady Bracknell. Barocke Klänge von Vivaldi verweisen auf ihre adelige Herkunft und die Traditionen der Upperclass, die – das zeigt sich in jeder Aussage von ihr, um jeden Preis hochgehalten und verteidigt wird. Oft wird vom Deutschen ins Englische und wieder umgekehrt gewechselt. So richtig ungemütlich für die Männer aber wird es, als Gwendolen Ernest erläutert, dass sie sich auch deshalb so auf eine Ehe mit ihm freuen würde, da für sie nichts so wichtig sei sein Name. „Ernest/Earnest“ bedeutet im Englischen nicht nur mit „ernst“, sondern auch „aufrichtig“. Dasselbe erfährt wenig später auch Algernon von seiner Wunschkandidatin Cecily und so nimmt die Handlung gehörig an Fahrt auf. Der eine, der eigentlich John und nicht Ernst heißt, muss sich rechtfertigen, warum dies so ist und der andere, der gerne Ernst heißen würde, um mit diesem Namen in den Ehestand zu treten, hat schon den Pfarrer (Frederik Jan Hofmann) bestellt, um sich in einer Taufe diesen Namen geben zu lassen.

Wie sehr auch die Handlung von links nach rechts und von oben nach unten springt, wie sehr die beiden jungen Männer sich auch abmühen, um die guten Partien, die beide Frauen sind, zu heiraten – stellt sich doch die Frage, wo da die Liebe bleibt. Jenes Gefühl, das zu Beginn des Stückes noch so stark spürbar war, als Algernon vor dem Vorhang sein Innerstes nach Außen kippte. Die Volten, welche das Geschehen schlägt, bis hin zu einem köstlichen Vampir-Auftritt von Miss Prism, geben kaum preis, was Oscar Wilde hier meisterhaft verschleierte. Erst als Algernon und John erfahren, dass sie nicht nur Freunde, sondern tatsächlich Brüder sind, bricht ein Damm.

Entgegen der herkömmlichen dramatischen Auflösung, in der die Frauen ihre Männer heiraten dürfen, wird das Gefühl der zuletzt Genannten derart stark, dass sie sich umarmen und eine lange Kuss-Szene folgt. Wie versteinert oder eingefroren stehen alle anderen in einer Reihe hinter ihnen. Sie scheinen nicht wirklich zu fassen, was sie gerade zu sehen bekommen. Und so mag auch der eine oder andere Übersprungs-Lacher im Publikum zu deuten sein, der diesen hochemotionalen Moment unpassend begleitet. Nicht nur, dass sich die beiden Männer ihre Liebe und Zuneigung mit großer Vehemenz öffentlich eingestehen. Sie kratzen auch an dem Tabu des Inzest – was wohl auch die Reaktion ihrer Umgebung zeigt. Unterlegt ist die Szene mit FKA Twigs „Cellophane“  – einer Liebesballade, die im Text darauf verweist, dass auf der Beziehung, über die sie singt, ein gesellschaftlicher Druck liegt. Die Menschen sähen sie lieber allein und voneinander getrennt. Ein Umstand, der auch auf die beiden Männer zutrifft und den auch Oscar Wilde so erlebt hat.

Die Dramaturgin des Stückes, Elisabeth Tropper, verweist im Programmheft darauf, dass Oscar Wildes letztes Stück, wenn man seine Biografie einbezieht, die gesellschaftliche Ächtung homosexueller Männer und vieles, was er in diesem Zusammenhang erlebt haben mag, in verbrämter Form aufzeigt. Tatsächlich kommt es auf die Leseart an, auf den Switch der Interpretation, die diese Aussage plausibel und das Stück unglaublich aktuell machen. Nicht nur, dass Homosexualität in vielen Ländern dieser Erde noch gesetzlich verboten ist und in einigen mit Todesstrafen geahndet wird. Auch in unserer westlichen Gesellschaft benötigen homosexuelle Männer und Frauen unglaublichen Mut, sich zu outen und so zu leben, wie sie gerne möchten. „Bunbury“ bietet eine Menge Diskussionsstoff, zugleich aber auch höchstes Theatervergnügen, das man sich nicht entgehen lassen sollte.

Frankensteins Kreatur am Fuße der Feste Salzburg

Frankensteins Kreatur am Fuße der Feste Salzburg

Beinahe als Geheimtipp zu bezeichnen ist das Schauspielhaus, von dem aus man auf die Rückseite der Feste Salzburg blickt. Obwohl es das größte freie Theater mit einem fixen Ensemble ist, wird es erstaunlicherweise überregional nicht wirklich stark wahrgenommen. Zu Unrecht. Denn es bietet eine große Vielfalt an Produktionen mit derzeit 10 Premieren pro Saison. Für die zweite Inszenierung in dieser Saison, „Frankenstein“, zeichnet Jérôme Junod, derzeitiger Spielleiter und Chefdramaturg, verantwortlich. Seinen Einstand feierte er am Haus im vergangenen Jahr mit „König Arthur“, einer eigenen Neufassung des historischen Stoffes. Aufgrund eines Lockdowns wurde diese beachtenswerte Produktion leider nur wenige Male gespielt. Nun schrieb er eine eigene Bühnenfassung des Stückes von Mary Shelley, das im Jahr 1816 entstand und verpasste ihm einen ganz speziellen, neuartigen Drive.

Die Erzählung darf man sich metaphorisch wie eine russische Matroschka-Puppe vorstellen – als Stück, im Stück, im Stück. Nacheinander entwickeln sich unterschiedliche Erzählstränge, die ihren Ausgang und ihr Ende bei Roberta Walton nehmen. Diese – reichlich mit einer männlichen Dominanz ausgestattet – ist eine Abenteurerin reinsten Wassers, die mit einer kleinen Besatzung auf ihrem eigenen Schiff zum Nordpol gelangen möchte. Petra Staduan verkörpert nicht nur diesen weiblichen Freigeist, sondern ebenso großartig auch die zum Tode verurteilte Justine im Büßeraufzug, sowie die rebellische Agatha, welche die Ungleichheit zwischen Arm und Reich anprangert. Als Walton ist sie beinahe durchgängig auf der Bühne präsent und lauscht den Erzählungen des jungen Victor Frankenstein.

Dieser, von ihr aus der nordischen Eishölle gerettet, berichtet ihr über seine Jugend- und Studienjahre an der Universität in Ingolstadt unter der Dominanz von zwei schrulligen Professoren. Diese unterstützten ihn bis zur absoluten Selbstaufgabe in seinem Bestreben, aus toter Materie eine lebendige zu machen und einen künstlichen Menschen zu erschaffen. Antony Connor und Olaf Salzer haben in diesen herrlich angelegten Rollen die Lacher auf ihrer Seite. Ihr komödiantisches Talent beweisen sie auch als Matrosen und wechseln ebenso gekonnt in die ernsten Charaktere des Vaters von Frankenstein und eines blinden Revolutionärs.

Wolfgang Kandler verkörpert den wissbegierigen, jungen Wissenschaftler, der schon bald erkennen muss, welch Unglück er mit der Erschaffung seiner „Kreatur“ über sein und das Leben seiner Familie gebracht hat. Magdalena Oettl in der Rolle von Elisabeth, seiner Verlobten, umrahmt die Erzählung auch als eine von Junod neu eingeführte Person, Margaret Saville, einer Gesellschaftskolumnistin, die eine erstaunliche, charakterliche Entwicklung erleben darf. Paul Andre Worms‘ Hauptcharakter, Henry, Jugendfreund von Victor Frankenstein, ist nicht nur von der Figurenanlage, sondern auch optisch sein ganzes Gegenteil. Fröhlich und lebenslustig, hilfsbereit und offen, wird er von Frankensteins Monster dennoch aus Rachedurst ermordet.

Dieses tritt bis auf die allerletzte Szene in schwarzen, anliegenden Hosen mit einem großen, schwarzen Kapuzenpullover so auf, dass man sein Gesicht kaum erkennen kann. (Kostüme Antoaneta Stereva) Hussan Nimr agiert als Frankensteins Kreatur permanent in Bewegung, mit dunkler Drohstimme und macht seine unnatürliche Herkunft durch seine tierisch entlehnten Fortbewegungen deutlich. Er macht sich auf allen Vieren aus dem Staub, er klettert behände auf Gerüste und steht meist gesenkten Hauptes, während er seine Geschichte zu erzählen versucht. Es ist die Ambivalenz dieses Charakters und vor allem auch das Erkennen, warum er selbst zum Monster geworden ist, was stark berührt und der Geschichte im Schauspielhaus in Salzburg ihre ganz eigene Färbung gibt. Bernhard Eder begleitet das Geschehen musikalisch live sowohl stimmlich als auch an der E-Gitarre und den Electronics und verleiht diesem dadurch zusätzliche emotionale Momente.

Junods „Frankenstein“-Interpretation setzt an erster Stelle nicht auf Horror-Effekte und die Erzeugung von Gänsehaut. Vielmehr beeindruckt diese durch ein fein herausgearbeitetes Psychogramm eines Außenseiters, dessen größtes Manko seine Einsamkeit ist, die er durch Rachegefühle zu sublimieren versucht und dadurch zum Massenmörder wird. Ein gelungener Theaterabend in einem Herbst, in dem es weltgeschichtlich leider nur so von Monstern wimmelt.

Ohrenfutter vom Feinsten

Ohrenfutter vom Feinsten

Und so konnte Anfang Oktober eine Woche lang das 25-jährige Jubiläum des Radiokulturhauses gefeiert und am 15. des Monats das abschließende Festkonzert veranstaltet werden.

Extra dafür wurden zwei Auftragswerke erteilt. Eines ging an den Komponisten und Musiker Wolfgang Mitterer.  An der Schuke-Orgel des großen Sendesaales spielte er selbst sein Werk „11 songs for two machines“. Schon im Titel wird klar, dass er neben der Orgel zwei elektronische „Maschinen“ – Computer wäre wohl der deutsche Ausdruck – hängen hatte und bediente. Aufgrund seiner Bewegungen konnte man erkennen, dass diese direkt links und rechts neben ihm angeordnet waren und er so leichten Zugriff auf die „Maschinen“ mit den darauf abgespeicherten Samples hatte.

Gleich zu Anfang wurde eine der Charakteristiken der Komposition erkennbar. Nach einem rhythmisch nervösen Beginn in allen Registern schoben sich immer wieder kurze Klangcluster, die den Eindruck von wild gewordenen, kleinen Kobolden erweckten, dazwischen. Immer wieder wurden diese, verstreut über das ganze Werk, hörbar. Abgelöst wurde der erste musikalische Eindruck – und auch das wiederholte sich in Abwandlungen – von lang gezogenen Akkordfolgen, die mit menschlichen Stimmen eine ungewöhnliche Färbung erhielten.

Mitterer nutzte aber auch die klanglichen Möglichkeiten der Orgel selbst aus und wechselte nach einem breiten und tief gebautem Klangraum in den Diskant, in welchem er Erinnerungsmomente Bach’scher Orgelthemen einstreute. Wie so oft in seinen Kompositionen wurde auch in dieser ein Flattergeräusch und ein Plätschern hörbar, an den sich abermals ein wildes Clustergeschehen anschloss, das ganz unerwartet von einem Dur-Akkord eingefangen wurde.

Es sind diese plötzlich auftauchenden klanglichen Wendungen, die der Komposition ihren eigenen Charakter verleihen. Immer wieder aber auch der Wechsel zwischen einem musikalischen Geschehen, das außer Rand und Band geraten zu sein scheint und beruhigenden Momenten, die dem Ohr und dem Kopf wie Beruhigungspillen erscheinen, die einem keine Orientierung bieten, aber zumindest eine vorgaukeln. Gut erkennbare melodische Linien wurden immer wieder von wilderen Klangfetzen abgelöst, zarte Klanggebilde ergänzten ansteigende Tonreihen und gegen Ende der Komposition setzte Mitterer mehrfach kleine Kaskaden in der rechten Hand gegen ein breites, fast überbordendes Soundgeschehen.

Eine effektvolle Beleuchtung ließ ihn und sein Instrument während seines Spiels theatralisch erscheinen, was einen zusätzlichen, sinnlichen Effekt beisteuerte. „Zeitgenössische Musik muss man sehen“ postulierte einst der ehemalige Leiter des Festivals „musica“, Jean-Dominique Marco in Straßburg. Und tatsächlich galt dies in besonderem Maße auch für „11 songs for two machines“.

Franz Koglmann mit seinem Ensemble (Foto European Cultural News)

Aber nicht nur für dieses. Auch die Komposition „ZIEFF – Notes on a Genius“ von Franz Koglmann, die im Anschluss zur Uraufführung kam, erhielt an diesem Abend durch ein besonderes, visuelles Moment ihre zusätzliche Adelung. Der Komponist und Jazzer bezieht sich in dieser „Suite“ mit neun Sätzen und einer abschließenden Gedicht-Vertonung auf den amerikanischen Jazz-Komponisten Bob Zieff. Wie in der Konzertankündigung zu lesen war, „zog Zieffs Musik, die bei aller kompositionstechnischen Komplexität vor allem durch ihre Eleganz besticht, und die herkunftsmäßig nicht nur in Jazztraditionen der Nachkriegszeit, wie Miles Davis „Birth of the Cool“-Nonett, sondern auch in der Wiener Schule eines Schönberg und Alban Berg verankert ist, Franz Koglmann in ihren Bann.“

Und tatsächlich weist seine Komposition eine außerordentlich große Fülle an Einfällen auf: Man vernimmt Atonales und eine kurz aufblitzende Mikrotonalität genauso wie herkömmliche Dur-Moll-Sequenzen, man erkennt lateinamerikanische Rhythmen, genauso wie Free-Jazz-Anklänge. Die neun Sätze der Suite tragen die Titel: “Chet’s Cat’s Heels”, “Waltz for Bob”, “April in Vienna”, “Der Jüngling”, “Miles at Minton’s”, “Nachts”, “Franz Schuh”, “I Am a German Girl”, “Near Blue”, “Sad Walk” – Gedicht von Robert Creeley, Rezitation: Colin Mason.

Eingeleitet und verbunden wurden sie alle durch Gerhard Laber an den Percussions, der vieles improvisieren durfte und sichtlich sehr großen Spaß dabeihatte. Seine Spielfreude war es auch, die emotional stark ins Publikum überschwappte und dem Live-Auftritt eine ganz besondere Note verlieh. Immer wieder jedoch formierten sich die Musiker zu Terzetten, Duetten oder auch Quartetten und folgten genau notierten Anweisungen. Es gab Wechsel zwischen kammermusikalischen Partien mit zart ausformulierten Themen, die wenig später von einem anderen Instrument paraphrasiert wurden oder ein Pizzicato, das vom Cello über die Oboe in die Percussion-Instrumente sprang.

Vorsichtig Tastendes, dunkel Eingefärbtes machte einem jazzigen, vital pulsierenden Part mit Unisono-Momenten Platz und verschwand danach hinter einem abermaligen Percussionvorhang. Ein rhythmisch stark akzentuiertes Cellothema, das von den anderen Instrumenten aufgenommen wurde, setzte gegen Ende des Werkes ein starkes Wiedererkennungszeichen und ein kurzer, von allen Instrumenten getragener Einschub vor dem Gedichtvortrag, erinnerte stark an jene Momente vor einem Konzert oder einer Opernaufführung, in welcher die Musizierenden ihre Instrumente stimmen. Der zutiefst lyrische Moment des Poems, das über das Altwerden und Verschwinden eines Menschen erzählt, der sich darüber auf einer Parkbank Gedanken macht, blieb nach dessen Ende beeindruckend lange im Raum hängen, bevor der verdient heftige Applaus einsetzte.

Mario Arcari am Englischhorn, Sandro Miori ausgestattet mit einem Sopran- und Tenorsaxofon sowie auch einer Altquerflöte, Attila Pasztor am Cello und Gerhard Laber an den Percussion-Instrumenten hatten an diesem Abend das große Privileg, dieses komplexe und farbenreiche Stück von Franz Koglmann zu spielen, der selbst den Flügelhorn-Part übernommen hatte. „ZIEFF – Notes on a Genius“ darf man als gelungene Jubiläumsgabe bezeichnen. Als solche ist zu hoffen, dass sie rasch Einzug in das herkömmliche Orchesterrepertoire finden wird.

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