Klang und Licht in der Grazer Innenstadt

Klang und Licht in der Grazer Innenstadt

Klang und Licht in der Grazer Innenstadt

Klang und Licht in der Grazer Innenstadt

Michaela Preiner

„William Kentridge, Notes towards a model opera“ (Foto: ECN)
Stehen bleiben und staunen. Den wummernden Bass im Bauch spüren. Merken, dass man nicht alleine fasziniert ist, sondern auch viele andere Menschen, die sich auf den Klanglicht-Parcours begeben haben. Innehalten und nachdenken und in sich hineinspüren. Die Augen in den Himmel richten und die zarten Klänge wahrnehmen, die zu hören sind, während man dem Aufsteigen und Absinken der neonfarbigen Luftfische (Les Lumineóles von Porté par le vent) zuschaut.
Das sind nur wenige Reaktionen, die man beim Gang von einer Location zur nächsten beim Klanglicht 2019 in Graz erfahren konnte. Je nach Lust und Laune, je nach Tagesverfassung und aktueller Stimmung.
Les Luminéoles, Porté par le Vent (Foto: ECN)
Rein im Laufschritt und ebenso wieder raus aus dem Künstlerhaus, geschoben werden im Hof der Grazer Burg, oder wegen der Menschenmassen gar nicht erst hineinkommen können. Durch die dunkle Herrengasse marschieren und einen Abstecher in die brechend volle Stadtpfarrkirche machen, in der russisch-orthodoxe Chöre zu hören waren, um dann im Landhaushof vor dem leeren Pult des Cellisten Friedrich Kleinhapl zu stehen und den statischen Schriftzug „HUMAN?“ (Sophie Guyot) in roter Leuchtschrift darüber zu lesen. Auch das war Klanglicht 2019 für viele Besucherinnen und Besucher. 

Die Eindrücke der audio-visuellen Rauminszenierungen des Festivals boten dem Publikum jede Menge unterschiedliche Erfahrungen. Dabei spielte es eine große Rolle, wie sehr man sich vorinformiert, aber auch, wie viel Zeit man für seinen Rundgang eingeplant hatte. Eines war allerdings klar: Alle 19 Locations an einem Abend abzugehen machte – selbst wenn man es im Laufschritt geschafft hätte – wenig bis keinen Sinn. Denn das Event, das in diesem Jahr zum 5. Mal stattfand und laut Veranstaltern 100.000 Menschen anlockte, verlangte nicht nur gut zu Fuß zu sein, sondern auch für ganz unterschiedliche künstlerische Zugänge offen zu sein und sich dafür letztlich auch zu entschleunigen. 

Intruders XL, Amanda Parer (Foto: ECN)
In the rain, Yuki Anai (Foto: ECN)
Sunken cathedrals, Kresimir Rogina (Foto: ECN)
Das Programm, das in der Grazer Oper selbst eröffnet wurde, bot völlig verschiedene, künstlerische Beiträge an. Diese waren zwischen den Polen großartig und bombastisch (Opernbespielung der Außenfassade, sowie Licht-Klang-Konzert im Innenraum von Onionlab & Xavi Bové) bis hin zu minimalistisch (Suchscheinwerfer unter der Hauptbrücke von Anna-Maria Bogner), zwischen gigantischem Neo-Kitsch in der Nachfolge von Jeff Koons (Intruders XL – von Amanda Parer – Osterhasen am Schlossberg und Hauptplatz) und hoher Ästhetik mit laufenden, geometrischen Konstellationen entlang der Fassade der Burg angesiedelt (OchoReSotto). Man könnte wohlwollend auch feststellen – für jeden Geschmack war etwas dabei. Das hat seine Berechtigung, wollen sich dabei doch vor allem die einzelnen Häuser der Bühnen Graz so niederschwellig wie möglich dem Publikum öffnen. Und das tat in diesem Jahr nicht nur das Schauspielhaus, wie schon zuvor, sondern auch das Opernhaus selbst.

Mit „Transfiguration – die Verwandlung“ wurde zu den Klängen des Spaniers Zinkman mit einer Auskoppelung der Grazer Philharmoniker eine Lichtshow gezeigt, die den Innenraum zum Hauptakteur der Show verwandelte. Verzahnt mit den neo-romantischen Klängen wurden dabei einzelne, architektonische Highlights wie die Voll- und Halbreliefs an den äußeren Balkonseiten oder auch das Deckengemälde aus dem Dunkel des Raumes gehoben. Die Lichtstrahlen bildeten eine eigene, spannende Raumerfahrung und machten gleichzeitig die musikalisch-rhythmische Struktur sichtbar.

Diese meditative Wirkung stand im krassen Gegensatz zur Installation an der Fassade der Oper, die vom Kaiser-Franz-Josef-Platz aus von tausenden Besucherinnen und Besuchern frenetisch gefeiert wurde. Dabei begann das Gebäude zu atmen, sich auszudünnen und vermeintlich den Blick in sein Inneres freizugeben. Die stürzende und bröckelnde Fassade und die optische Täuschung einer Drehung des Hauses um die eigene Achse waren nur einige Highlights dieser Perfomance, die – schon traditionell – zu den beeindruckendsten der jeweiligen Festival-Ausgabe gehört.

Leicht fassliche Installationen wie jene im Dom im Berg, bei welcher Yuki Anai den Kreislauf des Wassers in zarter, poetischer Weise in Licht umsetzte, standen wesentlich sperrigeren und erklärungsbedürftigeren gegenüber. Die Installation „what if“ der Österreicherin Tina Frank im Eingangsbereich des Künstlerhauses gehörte dazu. Trotz Informationsblatt, in dem das Konzept erklärt wurde, blieb letztlich doch nur ein sehr persönlicher und intuitiver Zugang, der von der menschlichen Durchzugskolonne, die in diesem Raum nicht nur in diesem Jahr wieder festzustellen war, erheblich erschwert wurde.

Wie schon 2018 boten OchoReSotto im Hof der Grazer Burg ausreichend Augenfutter. Mit den am Boden aufgestellten, niedrigen Wasserbecken, wurde ein zusätzlicher Spiegelungseffekt erreicht, der auch das Publikum miteinschloss, was zu sehr reizvollen Fotomotiven führte.

Luxe, Jordan Soderberg-Mills (Foto: ECN)
For iTernity, Katja Heitmann (Foto: ECN)
Luxe, Jordan Soderberg-Mills (Foto: ECN)
//movingShapes, 5x HTBLVA Ortweinschule Graz (Foto: ECN)
Truck, Erwin Wurm (Foto: ECN)
Sehr anspruchsvoll und sowohl politisch als auch ästhetisch auf der Höhe unserer Zeit zeigte sich die Arbeit „notes towards a model opera“ von William Kentridge im Schauspielhaus. Auf drei großen Leinwänden so auf der Bühne platziert, dass die Besuchenden davor Platz nehmen konnten, beeindruckte der südafrikanische Kunst-Star mit einer höchst artifiziellen Sicht auf die Vereinnahmung Afrikas seitens der Kolonialherren aus Europa, aber auch dem aktuellen Versuch der chinesischen Großmacht, in Afrika Fuß zu fassen. Seine Mischung aus Film und Fotomaterial, aus Malerei, Tanz und Archivaufnahmen im Wechsel zwischen Schwarz-Weiß- und Farbgeschehen, löste jede Menge Assoziationen und Diskussionsstoff aus. Besser kann man einen Ort wie das Schauspielhaus, in welchem zeitgenössischer Dramenproduktion breiter Raum gewidmet wird, im Rahmen von Klanglicht wohl kaum bespielen.

Der „Truck“ von Erwin Wurm, bekannt aus diversen Museums-Shows fand dieses Mal seinen Platz vor dem Orpheum. Die „sunken cathedrals“ am Freiheitsplatz von Kresimir Rogina, waren nicht, wie man annehmen hätte können, in blauem Licht, sondern nur in pianistischer Klangfülle versunken. „For iTernity“ von Katja Heitmann animierte das Publikum, sich mit selbst gehaltenen Plexiglasscheiben auf die Suche nach dem projektierten Film zu machen und auf der Murinsel wallte künsticher Nebel (ArtificialOwl), um ein holographisches Windspiel zu erzeugen. Mit etwas mehr punktuell eingesetztem Licht wäre der Effekt sicherlich noch spektakulärer gewesen.

Holographisches Windspiel 3.2, Artificial Owl (Foto: ECN)
 

Jordan Soderberg-Mills verwandelte die Schaufenster des Kaufhauses Kaster und Öhler in ein halluzinogenes Erlebnis, das an so manche ästhetische Umsetzung von Lichtbrechung der 60er- und 70er Jahre erinnerte. Dagegen gingen seine überarbeiteten Graz-Fotos in den Werbeflächen an der Straßenbahnhaltestelle am Hauptplatz leider fast unter. Peter Koglers Kunsterweiterung auf schwarz-weiße Schals, abgesehen von seiner Kunsthaus-Haut-Bespielung, stand wiederum diametral der Installation von Gor Chahal in der Stadtpfarrkirche gegenüber. Für eine gute Sicht auf die Projektionen der Gesangstexte an die Kirchendecke musste man sich setzen, was jedoch nur wenige Besuchenden tatsächlich auch taten. Die beiden letztgenannten Beispiele zeigen exemplarisch auf, wie groß der Spannungsbogen der Beiträge zwischen den Polen Konsum und Kontemplation angelegt war.

Die Willensbekundung der politisch Verantwortlichen bei den Eröffnungsreden, Klanglicht zu einem Fixpunkt im Frühjahrs-Event-Geschehen in Graz zu etablieren, lässt auf Fortsetzungen hoffen.

Sie machen uns eine Freude, wenn Sie den Artikel mit Ihren Bekannten, Freundinnen und Freunden teilen.

Der menschliche Körper steht immer im Mittelpunkt

Der menschliche Körper steht immer im Mittelpunkt

Günter Brus • „Wie mit dem Skalpell – Die Aktionszeichnungen von Günter Brus“ (Foto: ECN)

Das Bruseum am Landesmuseum Joanneum in Graz zeigt im Reigen der Ausstellungen anlässlich zum 80. Geburtstag von Günter Brus eine Schau mit vielen bisher noch nie ausgestellten Werken.

Der Titel „Wie mit dem Skalpell – Die Aktionszeichnungen von Günter Brus“ macht klar, worum es geht: Um Zeichnungen, die rund um die Aktionen des Künstlers in den 60er-Jahren entstanden sind. Entweder als vorbereitende oder auch nachbearbeitete Reflexionsmomente, nicht jedoch als Skizzen im klassischen Sinne, welchen danach eine größere Ausführung folgt

Es finden sich auch einige Arbeiten darunter, zu deren Aktions-Ausführung es nicht gekommen war, da diese letztlich gar nicht stattgefunden haben. Bisher hielt sich die Meinung, Brus hätte erst nach Beendigung der Aktionen zu zeichnen begonnen. Die Ausstellung zeigt jedoch, dass für ihn dieses Medium immer schon ein adäquates Ausdrucksmittel war, das er über die Jahrzehnte hin, vom Beginn seines Schaffens an, verwendete. Vieles aus der Anfangszeit ist jedoch heute nicht mehr vorhanden. Das liegt auch daran, dass die Blätter nicht dafür gedacht waren, jemals in einer Ausstellung zu landen. Vielmehr waren es oft nur Gedankenstützen, in welchen die Themenfelder abgesteckt und verarbeitet wurden, die letztlich in den Aktionen ihren Ausdruck fanden.

Die Verletzlichkeit des Körpers als zentrales Motiv

Dass der Körper dabei im Mittelpunkt steht, wird auf den ersten Blick klar. Die Fragilität, das Ausgesetztsein, die Verletzlichkeit – dies zentrale Aussagen vieler Arbeiten. Stilistisch ist ein großer Bogen von realistischen Selbstportraits über michelangeleske Gesten, von Einflüssen der Wiener Giganten wie Klimt und Schiele, aber auch Kokoschka zu entdecken. Je fragmentarischer die Zeichnungen jedoch werden, je radikaler ihre Aussage, umso stärker wird die persönliche Handschrift von Brus erkennbar. Die Auseinandersetzung mit dem Individuum und mit der Macht, aber auch mit der Weiterentwicklung des Körpers ist und bleibt bei ihm zentral.

Was auch sichtbar wird: Brus verwendete Materialien, wie sie auch in der Arte povera zum Einsatz kamen, nur mit einem gänzlich anderen Output. Seine silbrigen und goldglänzenden Papiere, mit denen er einige gezeichnete Figuren ausstattete, sind nichts anderes als Suppenwürfelverpackungen, wie sie heute noch verwendet werden. Aber auch das Papier, auf dem er zeichnete, zum Teil vom Altwarenhändler gekauft, war von minderer Qualität, wie ein Ringordner mit Kriegspapier, den Brus mehrere Jahre lang verwendete.

Über 200 zum Teil noch nie gezeigte Werke

Die große Auswahl – die Schau vereint über 200 Werke – gibt nicht nur einen Einblick in die grafisch-formale Umsetzung geplanter Aktionen, sondern vielmehr in das Denken des Künstlers an sich. Tabulos und scheinbar schmerzbefreit seziert er darin nicht nur Körper- sondern vor allem auch menschliche Befindlichkeitsschichten. Das Penetrieren von Leibern, die Verstümmelung von Gliedmaßen werden solitär gezeigt, ohne Verursacher. Der Kontext erschließt sich nur aus den Aktionen selbst, die Brus fotografisch festhalten ließ. Und aus den Ereignissen, die ihn dazu nötigten, Österreich zu verlassen. Die Beschimpfungen und Bedrohungen, die auf ihn und seine Familie einprasselten, erfahren in seinen Zeichnungen eine grafische Transformation. Seelischer Schmerz wird so zu körperlich nachvollziehbarem, das Empfinden von innen nach außen gestülpt. Nie stehen die Gesichter im Mittelpunkt, nie werden von Schmerz verzerrte Antlitze gezeigt. Brus ist nicht mit einer lustvollen Dekadenz ausgestattet, die er triebhaft kanalisieren muss. Vielmehr sind es tiefgreifende Erkundungen des Fleischlichen und das Nachdenken über Möglichkeiten von körperlichen Veränderungen, die er zu Papier bringt. Sein inneres Auge nimmt darin Posen und Rituale vorweg, die in der Umsetzung dann tatsächlich eins zu eins, oder aber gänzlich anders zur Ausführung gelangten. Denn als Regieanweisungen, denen unbedingt Folge zu leisten ist, sind die Zeichnungen nicht zu verstehen.

Besonders berührend ist ein Zyklus, den Brus nach der Geburt seiner Tochter schuf. Mit Gouache weiß gehöht, setzt er den kleinen Körper ebenso in einen kahlen Raum, wie zuvor schon viele andere und bedroht ihn durch spitze Gegenstände wie Scheren oder Reißnägel. Jedoch ist es gerade die Verwendung der weißen Farbe, die sich wie ein Schutzmantel um das kleine Wesen legt und als Geste des Beschützens empfunden werden kann.

Der Direktor des Bruseums, Roman Grabner, verbindet in seinen Führungen die großen Namen der Philosophiegeschichte des 20. Jahrhunderts eloquent mit jenen Ideen, welche Brus in seinen Blättern visualisierte. Die gefühlte und visuell umgesetzte Vorwegnahme so manch später ausformulierter, philosophischer Theorie um Macht, Kontrolle, Machtmissbrauch, Körperveränderung und Körperveinnahmung, die er bei Brus sieht, lässt sich im Nachhinein sehr schön konstruieren. Und obwohl in der Realität der Künstler einen anderen, wesentlich pragmatischeren Zugang verfolgt haben dürfte, der ihn dazu motivierte, seine geschundenen und körperlich veränderten Figuren in mannigfacher Gestalt auf Papier zu bannen, sind diese Gedankenspiele nicht von der Hand zu weisen. Gilles Deleuze wies auf die Parallelität von Kunst und Philosophie ausdrücklich hin und bemerkte, dass beide einem kreativen Schaffensprozess unterliegen, wenngleich die Kunst neue Affekte und die Philosophie neue Begrifflichkeiten produziert.

Ganz abseits jeglicher philosophischer Herangehensweisen berührt die Ausstellung zutiefst. Sie gibt Einblick in ein künstlerisches Gedankengebäude, das sich dem Kern des Menschseins anzunähern versucht. Das sich offenkundig ebenso einer ungeschönten Wahrheit verpflichtet fühlte, die wir nur allzu gerne ausblenden. Sei es Folter und Krieg, sei es ein Dahinvegetieren in Armut und Krankheit oder sei es auch der nahende Tod. In all diesen Seinszuständen ist der Körper weder fotogen noch begehrenswert, noch strahlt er Sexappeal aus. Aber er berührt, berührt zutiefst.

Unsere Empfehlung: Nehmen Sie sich Zeit für die Ausstellung und gönnen Sie sich eine Führung. Gerade die vielen Verbindung zu den Aktionen, die dabei angesprochen werden, sind erkenntnishaft, wenn man die Blätter in diesem Zusammenhang betrachtet.

Die Schau ist im Bruseum der Neuen Galerie Graz noch bis 27.1.2019 zu sehen.

Eine Stadt im Zauber von Licht und Klang

Eine Stadt im Zauber von Licht und Klang

Fotos European Cultural News

Kunst kann etwas bewegen. Nicht nur die Herzen der Menschen, sondern auch ihre Beine. Das bewies das Festival „Klanglicht“ in Graz nun bereits zum 4. Mal. Die Veranstaltung, die von den Bühnen Graz präsentiert und mit dem Label „THE FESTIVAL OF SOUND AND VISION“ gebrandet wurde, ist in mehrerlei Hinsicht interessant. Zum einen steht dahinter eine ganz pragmatische Idee, nämlich das Publikum dort abzuholen, wo es ist – auf der Straße. Spielstätten wie die Oper, das Schauspielhaus, Next Liberty, Dom im Berg und das Orpheum machen dabei optisch und auditiv im öffentlichen Raum auf sich aufmerksam. Zum anderen kommen viele Menschen mit einer zeitgenössischen Kunstgattung ohne jegliche Schwellenängste in Berührung und lassen sich davon begeistern. Dass sich auch der Tourismus der Stadt Graz darüber freut, ist ein positiver Nebeneffekt. An die 100.000 Besuchende hatte das Festival in diesem Jahr  Ende April.

In die Burg musst schauen, das ist super!

Dieser aufgeschnappte Satzschnipsel aus der Menschenmenge wurde so offenbar sehr häufig kommuniziert. Denn was sich „in der Burg“ – genau gesagt – dem Hof der Grazer Burg – abspielte, war gigantisch. So extrem, dass selbst die breite Einfahrt zum Parkplatz der Steiermark-Regierenden mit Menschen völlig verstopft war und zeitweise das Hinein- und Hinauskommen zur Location mühsam wurde. Kein Wunder, denn die Klanglicht-Installation „Arkestra of light: parallel“ von Ochoresotto aus Österreich war tatsächlich eine Wucht, im wahrsten Sinne des Wortes. Vielleicht auch deshalb, weil das Künstlerkollektiv mit Lia Räder, Volker Sernetz und Stefan Sobotka-Grünewald aus Graz stammen und um die Wichtigkeit des Gebäudekomplexes wissen. Mit einem brummenden, die Herzfrequenz im wahrsten Sinne des Wortes packenden Sound und einem gigantischen, geometrisch aufgebauten Lichterkosmos verwandelten sie die historische Architektur in eine surreale Umgebung, in der man die Baumasse zeitweise völlig vergessen konnte.

Klanglicht, Burghof (c) European cultural news

Schauspielhaus und Oper

In direkter Nachbarschaft, im Schauspielhaus, teilten David Reumüller und Muscle Tomcat Machine, die Bühne durch eine gigantische Leinwand. Betreten wurde die Installation „Exposure o.T.“ vom Zuschauerraum her, hinter der Bühne gelangte man direkt ins Freie.

Klanglicht Schauspielhaus (c) European Cultural News

Allein schon dieser Backstage-Eindruck lohnte den Besuch. Auf die mit einem zarten Netz-Muster unterlegte Leinwand wurden mittels Live-Kameras jene Menschen projiziert, die sich auf der Bühne bewegten. Schwarz-weiß-Impressionen, Verdichtungen und Entzerrungen gaben einen Blick frei auf eine andere Wahrnehmungsebene unserer Realität. Der einfache, ruhige Sound-Loop, unterstütze die Konzentration auf das visuelle Geschehen.

Von der Ästhetik her völlig anders, wenngleich mindestens gleich beeindruckend wie die Installation im Burghof, präsentierte sich die Grazer Oper seinem Publikum. Die auf der Straße vor dem Kaiser-Josef-Platz sitzenden und stehenden Menschen genossen sichtlich, dass der Straßenbahnverkehr an den drei Abenden von Klanglicht eingestellt wurde, um die Sicht auf die Rückseite der Grazer Oper nicht zu beeinträchtigen. „Axioma“ der Gruppe Onionlab aus Spanien erntete nach jeder „Vorstellung“ Applaus. Wer mit 3-D-Brillen ausgestattet war, durfte sich darüber freuen, einige der Sequenzen beinahe haptisch zu erfahren. Wie die Kreativen, die international gebucht sind, die Fassade in Einzelteile zerfallen ließ, wie sich ganze Kuben aus der Wand lösten oder kleine Teilchen den Zusehenden imaginär um die Ohren flogen, war mehr als beeindruckend und höchst unterhaltsam zugleich.

Peter Rosegger alive

Wer in Graz kennt das am Rande des Stadtparks aufgestellte Peter-Rosegger-Denkmal? Seit dem Klanglicht 2018 sicherlich mehr Menschen als zuvor. Denn Michael Bachhofer & Karl Wratschko gelang das Kunststück, DEN steirischen Dichter, gefangen in weißem Marmor, zum Leben zu erwecken. Mit mildem Lächeln, strengem Gesichtsausdruck oder ein wenig verschmitzt sprach er zu seinem Publikum, wobei es die ausgewählten Texte in sich hatten. „Ich bin viele Gesichter“ hieß der Titel dieser Arbeit, in der deutlich wurde, dass sich auch große Geister mit Prognosen irren dürfen, dass einige ihrer Aussagen aber auch prophetisch sind und – sehr tröstlich – sich im Laufe eines Lebens Ansichten auch ändern können. Die wunderbare Überblendung des steinernen Gesichtes mit lebendigem Videomaterial machte Lust, Denkmäler, egal wo immer sie aufgestellt sind, auf diese Weise neu zu betrachten. Dabei könnte man wesentlich mehr über jene Menschen erfahren, die in Europa zum Teil nur mehr aufgrund ihrer marmornen Konterfeis auf öffentlichen Plätzen bekannt sind. Denk-mal bekam bei Bachhofer und Wratschko einen gänzlich neuen Interpretationsansatz und zählte zu den originellsten Installationen dieses Jahres.

Der Schlossberg von innen und von außen

Der Österreicher Winfried Ritsch und Rombout Frieling aus den Niederlanden bespielten den Dom im Berg mit ihren Arbeiten „Pianometalspace // Soundlinks“ und „Motion Scape“. Einem Raum-Licht-Klang-Gesamterlebnis, das mit robotischem Klavierspiel gekoppelt wurde. Zu beneiden waren jene, die auf den Wippen von Frieling chillen und entspannt den Blick über die Domkuppel streifen lassen konnten. Alle anderen wurden von beflissenem Wachpersonal höflich daran gehindert, sich eine kleine Ruhepause am Boden sitzend oder an den Seitenwänden lehnend, zu gönnen.

Ganz anders hingegen erlebte das Publikum das Szenario bei der Schlossbergtreppe. „Scala lucida“ von Teresa Mar bot einen anderen Blick auf den Schlossbergfels, über den sich der sogenannte „Kriegssteig“ windet. Er wurde in den Kriegsjahren zwischen 1914 und 1918 von Pionieren und russischen Gefangenen errichtet. Unterschiedliche eingefärbt und ebenfalls mit Sound unterlegt, lösten sich die einzelnen Natur- und Architekturformationen zum Teil optisch völlig auf. Schade, dass die Lichtstärke zu wünschen übrig ließ und der starke Farb-Effekt, der im Programmheft abgebildet worden war, nur gemindert wahrzunehmen war.

Der Landhaushof als Labyrinth

Mit pinkfärbigen Leuchtstäben, scheinbar aus dem Nichts über den Hof des Landhauses schwebend, beeindruckte der Niederländer Wouter Brave. „Floating light“ war der passende Titel. Die Berührungen der Stäbe, die zwangsläufig von den Menschen beim Durchqueren des Raumes ausgelöst wurden, bewirkten ein ständiges Pendeln in unterschiedliche Richtungen. Wer die Sandsack-Installation ›Bodycheck/Physical Sculpture No. 5‹ von Flatz auf der Documenta IX erlebt hat, durfte sich eines kleinen Flashbacks erfreuen. Drückten damals 60 kg schwere, zylindrische Objekte spürbar auf jene Besuchenden, die sich einen Weg durch das Labyrinth bahnen wollten, waren es im Landhaushof periphere, kaum wahrnehmbare Berührungen, die man am eigenen Körper spüren konnte. „Timber“ der Studio Percussion graz lieferten dazu Live-Beats, die jedoch nicht mit dem Tanz der Klangstäbe gekoppelt waren.

Künstlerhaus und Murinsel

Die in Graz geborene Künstlerin LIA arbeitet seit Mitte der 90er Jahre in Wien auf dem Gebiet der Software- und Netzkunst. Ihre höchst ästhetische Arbeit „Silver Ratio“ ließ das Künstlerhaus im Stadtpark nicht nur innen, sondern auch außen in Blau-Weiß-und Schwarz leuchten. Dabei gelang ihr eine neue Wahrnehmung des Haupteinganges und des Eingangsbereiches, der sich durch seine Verglasung in drei Richtungen hin zum Stadtpark öffnet.

Vor allem auditiv interessant war die Installation „Transience“ von Philip Ross & Joep le Blanc aus den Niederlanden. Le Blanc schuf dafür ein Klangereignis, in welchem er Wassergeräusche in seinen Soundparcours einfließen ließ. Dadurch konnte man den Eindruck gewinnen, das Geschehen unter der Murinsel, das Fließen und die Berührungen des Wassers mit der Architektur zu erleben.

Mariahilferkirche

Ohne Sound wurde das Äußere der Mariahilferkirche von der in Graz aufgewachsenen Azra Aksamija bespielt. In ihrer roten Projektion über dem Eingangsbereich entwickelten sich nach und nach nicht nur architektonische Symbole von Graz wie der Uhrturm, das Schloss Eggenberg oder die Murinsel. Wie von zarter, unsichtbarer Hand legte sie ein imaginäres, illuminiertes Stickmuster um diese herum und verband so „lokales und migriertes Wissen“. Wobei festzustellen ist, dass rote Kreuzsticharbeit nicht nur auf dem Balkan, sondern auch in Graz und der gesamten Steiermark zu einem wichtigen, kulturellen Erbe gehört, das sich nach und nach jedoch langsam verabschiedet und nur mehr punktuell tradiert wird.

Im Inneren der Kirche erklang Oliver Messiaens „Quatour pour la fin du temps“, gespielt von Kur Mörth, Pauli Jämä, Fuyu Iwaki und Gergely Mohl. Ganz der Funktion des Gebäudes entsprechend, bot sowohl das Äußere als auch der Innenraum der Kirche kontemplative Momente und die Möglichkeit zu einer Verschnaufpause oder einem ruhigen Ausklang des Klanglicht-Rundganges.

Die Stimmung, die in Graz an diesen Abenden an den insgesamt 17 Locations spürbar wurde, war außergewöhnlich. Tausende von Menschen machten sich gelassen, aufmerksam und zugleich  höchst kommunikativ auf die Spurensuche nach Licht und Klang. Viel mehr kann Kunst im öffentlichen Raum kaum bewirken.

Naziterror und die Gerechten unter den Völkern

Naziterror und die Gerechten unter den Völkern

Naziterror und die Gerechten unter den Völkern

Von Michaela Preiner

„Die Gerechten – Courage ist eine Frage der Entscheidung.“ (Foto: European Cultural News)
17.
März 2018
Lucia war bei dem Einmarsch der Hitler-Truppen in Österreich 9 Jahre alt. Ihre jüdische Abstammung hätte ihr und ihrer Mutter beinahe das Leben gekostet. Nur mithilfe des besten Freundes ihres Vaters überlebte sie die Zeit der Judenverfolgung in Wien. Reinhold Duschka versteckte die beiden zuerst in seiner Werkstatt und die letzten Monate vor Kriegsende in einem Kohlenkeller-Verschlag eines Wohnhauses, in dem sie nicht einmal miteinander sprechen durften, um nicht entdeckt zu werden.

Angelica war 12, als sie die Gestapo aus dem Gymnasium abholte, weil sie als Jüdin nicht weiter zur Schule gehen durfte. Nach einer Odyssee über Salzburg, das sie mit ihrer Familie Hals über Kopf verlassen musste, nahm sie der beherzte Pfarrer Johann Linsinger in Großarl mit ihren beiden jüngeren Geschwistern und ihren Eltern auf. Er versorgte die Familie Bäumer mit neuen Papieren und beherbergte sie als „ausgebombte Wiener“ bis Kriegsende.

Reinhold Duschka und Johann Linsinger sind zwei Personen von insgesamt 112, die in Österreich den Titel „Gerechte der Erde“ tragen. Einen Titel, der vom israelischen Komitee der internationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem an nicht jüdische Personen vergeben wird, wenn diese nachgewiesenermaßen jüdischstämmige Menschen während des 2. Weltkrieges vor dem Tod uneigennützig und unter Einsatz ihres eigenen Lebens retteten. Im Volkskundemuseum ist nur bis Ende März dieser Thematik eine Ausstellung mit dem Titel „Die Gerechten. Courage ist eine Frage der Entscheidung“ gewidmet.

In ihr werden nicht nur die Gerechten Österreichs aufgezeigt. Auch die übelsten Mörder, die dieses Land in der Nazidiktatur schalten und walten ließ, bekommen Gesicht und Namen. Bis man zu den Biographien der Gerechten gelangt, muss man erst ein Spalier dieser Nazischergen durchschreiten, kann dabei ihre Namen und ihre Funktionen lesen und erfährt, welche Verbrechen sie begingen.

„Die Gerechten – Courage ist eine Frage der Entscheidung.“ (Foto: European Cultural News)

Die Ausstellung beinhaltet auch kleine Objekte, Fotos und persönliche Andenken an jene, die sich mit ihrer Zivilcourage selbst in Lebensgefahr brachten. Sie fordert die Besuchenden aber auch auf, sich unter eine überdimensionale Polizeikappe zu stellen, in der schlagwortartig Gedanken und Wortfetzen aneinandergereiht wurden, die das „Innere eines Kopfes“ wiedergeben, in dem Recht gegen Unrecht imaginär einen Kampf austragen. Ein Propagandafilm, eine Aufnahme von Hitlers Fahrt durch Wien am 14. März 1938 und Plakate, an Litfaßsäulen montiert, geben die Stimmung wieder, die in jenen Jahren, politisch betrieben, das Volk vergiftete und die Menschen zu Mittätern werden ließ. Eine Reihe von Videofilmen lassen Zeitzeugen zu Wort kommen.

Eine besondere, gelungene Ausstellungsarchitektur zeigt von innen heraus hell erleuchtete Würfel in einem abgedunkelten Raum. Auf ihnen sind Fotos und Texte über jene Gerechten angebracht, die sich gegen das Gesetz stellten und ihre Überzeugung von Nächstenliebe tatsächlich lebten. Auf diese Weise treten diese Personen wie Lichtgestalten auf, die im wahrsten Sinne des Wortes hellstes, menschliches Licht in das Dunkel einer Zeit brachten, das durch seine grausamen Taten humanistisch unermesslich finster geworden war.

Um in den Kreis der Gerechten aufgenommen zu werden, müssen mehrere Zeugen eidesstattlich Auskunft über das Verhalten dieser Menschen ablegen, was bis heute schwierig ist. „Von über 20 Mitschülerinnen habe ich nur zwei animieren können, diese eidesstattlichen Erklärungen abzugeben“, erzählte die heute 86-jährige Angelica Bäumer bei einem Podiumsgespräch anlässlich der Ausstellungseröffnung . Das Zögern der anderen oder ihre glatte Ablehnung zeigen, wie tief auch heute noch die Ressentiments gegen die jüdische Bevölkerung angesiedelt ist oder wie sehr ein Sich-Bekennen mit der Angst vor einem sozialen Druck von Andersdenkenden abgelehnt wird.

„Wir brauchen auf unser Land nicht stolz sein“, O-Ton von Michael John, Kurator der Ausstellung. „112 Gerechte in ganz Österreich ist wirklich nicht viel. Die Mehrzahl davon kam aus Wien. Aus Linz und Graz ist überhaupt niemand dabei. Einige stammten aus kleineren Städten, manche auch vom Land.“ So unterschiedlich wie die geographische Verteilung ist, so unterschiedlich ist auch die soziale Struktur der Lebensretter und Lebensretterinnen. Von Intellektuellen bis hin zu Bauersfamilien, von Handwerkern bis hin zu Polizisten, von Schauspielerinnen bis hin zu Fabrikbesitzern spannt sich der Bogen.

„Die Gerechten – Courage ist eine Frage der Entscheidung.“ (Fotos: European Cultural News)

Die Biografien der Gerechten aus Österreich sind darüber hinaus in einem überdimensional großen Folianten, der in der Ausstellung aufliegt, angeführt. Ein Teil dieser Personen wurde für ihre Hilfe verurteilt und noch während der Naziherrschaft ermordet. Wie tief die Trauer auch heute noch in ihren Familien verankert ist, zeigte eine kleine Geste eines Besuchers am Eröffnungsabend. Er legte seine Hand sanft auf das Foto eines Gerechten, der im Buch der Österreicherinnen und Österreicher verewigt wurde und hielt für einige Augenblicke in einem verinnerlichten Gedenken inne.

„Wer einem Menschen das Leben rettet, rettet die ganze Welt“ ist im Eingangstext zur Ausstellung zu lesen. Es ist jener Talmudspruch, der im Ring eingraviert wurde, den Oskar Schindler von den Juden erhalten hatte, die den Nazihorror überlebt hatten.

Um Leben zu retten, braucht es aber Courage. Eine Courage, von der wir Nachgeborenen nicht wissen, ob wir sie zu jener Zeit tatsächlich aufgebracht hätten. Was wir aber machen können, ist, heute gegen jene Ungerechtigkeiten anzukämpfen, die seitens der Gesellschaft und der Politik rund um uns tagtäglich geschehen. Auf die Frage, was denn die heute 86-jährige Angelica Bäumer an ihre Mitmenschen  von ihrer Erfahrung weitergeben möchte, antwortete sie ohne zu zögern: „Helfen Sie den  jungen, männlichen Flüchtlingen, die ihr Land ohne ihre Familien verlassen mussten. Unterstützen sie jene Familien, die alles zurücklassen mussten und nun, ihrer Sprache beraubt, in einem fremden Land wohnen, in dem sie auf die Hilfe der Bevölkerung angewiesen sind.“

Es ist eine Mahnung, die beschämt. Denn eine Gesellschaft wie unsere, die in einem Land lebt, welches 2017 im Ranking der reichsten Länder der Welt Platz 16 einnahm und dessen politische Führung vehement darauf drängt, die Integration in den Schulen zurückzufahren, Flüchtlinge „konzentriert“ zusammenzufassen und ihnen die Mindestsicherung zu kürzen, ist auf dem besten Weg, sich in eine Richtung zu entwickeln, in der Widerstand gegen die Mächtigen und das Eintreten für die Schwächsten der Schwachen wieder zur Courage mutiert.

„Die Gerechten – Courage ist eine Frage der Entscheidung.“ (Foto: European Cultural News)

Die Ausstellung „Die Gerechten. Courage ist eine Frage der Entscheidung“ läuft nur bis inklusive 31.3. Das Volkskundemuseum hat in dieser Zeit seine Öffnungszeiten verlängert und bietet allen Besuchenden zu dieser Ausstellung einen Gratis-Eintritt an. Ein umfangreiches Vermittlungsprogramm für Schulklassen und Gruppen, sowie öffentliche Führungen ergänzen die Ausstellung.

Sie machen uns eine Freude, wenn Sie den Artikel mit Ihren Bekannten, Freundinnen und Freunden teilen.

Kraft und Vergänglichkeit

Kraft und Vergänglichkeit

Das Untere Belvedere zeigt die Ausstellung „Die Kraft des Alters“. Wörtlich nehmen sollte man den Titel jedoch nicht, denn neben einer ganzen Anzahl von Kunstwerken, die alte Menschen noch in höchster Virilität zeigen, gibt es auch viele, die sich mit der Vergänglichkeit und dem Tod auseinandersetzen.

Eigentlich könnte man die Ausstellung in zwei ganz voneinander getrennten Teilen zeigen. Einen, in welchem Zeichnungen und Gemälde präsentiert werden, die kurz vor und nach der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstanden. In ihnen werden alte Männer meist in Portraits mit würdevollen Bärten dargestellt, alte Frauen sind, so sie sozial höher gestellt waren, eingehüllt in feinem Tuch, stoisch sitzend und lesend wiedergegeben. Aber einige Bilder, wie die eindrucksvollen, gezeichneten Selbstportraits von Paula Modersohn-Becker, die sie im vorgerückten Alter schuf, zeigen, dass Alter auch beschwerlich sein kann und oft mit Einsamkeit verbunden ist. Viel von der Kraft des Alters ist in diesem Ausstellungskonvolut, das von der Kuratorin Sabine Fellner, ausgesucht wurde, nicht spürbar.

Erst die Gegenüberstellung von zeitgenössischer Kunst eröffnet jenen Blickwinkel, welcher der Ausstellung ihren Titel gab. Von den 174 Werken von 105 Künstlerinnen und Künstlern stammt der größere Teil von zeitgenössischen Kunstschaffenden. Das Medium Fotografie sticht hier quantitativ besonders hervor, neben Installationen, Zeichnungen und Gemälden gibt es aber auch einige Videos.

„Die Kraft des Alters“ (Foto: Johannes Stoll, © Belvedere, Wien)

Eines der berührendsten ist eine Kurzfassung des Filmes „Omsch“ von Edgar Honetschläger, das dieser 2013 seiner 101 Jahre alten Nachbarin Pauline Schürz widmete. Darin fing er nicht nur die Lebensumstände in ihrer Wiener Wohnung ein, sondern ließ ihr – bemerkbar in einer ruhigen Kameraführung mit lang andauernden Einstellungen – genügend Raum, ihre Gedanken zu formulieren. Einsamkeit aber auch das Thema Hektik und Zeit werden dabei genauso thematisiert wie die Freude der alten Dame an der Anteilnahme des jungen Künstlers an ihrem Leben. Einziger Wermutstropfen dabei ist die Präsentation im Marmorsaal, der aufgrund seiner hallenden Akustik denkbar ungeeignet für diese intimen, filmischen Momente ist.

Das Thema Alter wird in der Ausstellung in sechs unterschiedlichen Komplexen betrachtet, die sich jedoch nur durch das Lesen der Saaltexte wirklich erschließen. „Ewige Jugend / stolzes Alter“, „Vergänglichkeit“, „Einsamkeit / Verbundenheit“, „neue Freiheit“, „Muße und Erinnerung“.
Wohltuend fällt auf, dass nicht nur die Anzahl der weiblichen Künstlerinnen und der männlichen Künstler sehr ausgewogen ist. Auch in den Darstellungen werden beide Geschlechter behandelt.

Gleich zu Beginn nimmt Alfred Hrdlicka den geschlechtsbedingten Männerwahn ins Visier. In seiner Zeichnung „Der goldene Winkel“ steht das männliche Glied – ganz nach dem stilistischen Vorbild des Vitruvianischen Menschen von Leonardo da Vinci – im Mittelpunkt der Komposition. An der Wand gegenüber beeindrucken Fotos der 1947 geborenen Martha Wilson, in welchen sie mithilfe von Fotos ihr eigenes Altern nicht nur humoristisch, sondern auch extrem gesellschaftskritisch aufzeigt.

Joyce Tenneson, Christine Lee, 2002 (© Joyce Tenneson)

Wenige Schritte davon entfernt, entdeckt man das Plakatsujet der Ausstellung. Es zeigt Christine Lee im Alter von 67 Jahren, fotografiert von Joyce Tenneson. Das Foto war zugleich Titelbild des Buches „Wise Women“ der Künstlerin, in welchem sie Frauen zwischen 65 und 100 Jahren portraitierte. Die Sepia-Färbung, in welche die Bilder getaucht sind, verknüpft die Wahrnehmung automatisch mit dem Beginn des vorigen Jahrhunderts und gibt somit einen ganz subtilen, zusätzlichen Hinweis, auf das höhere Alter der Fotografierten.

Neben Selbstbildnissen von Max Liebermann und Oskar Kokoschka findet sich auch ein imposantes Foto in Übergröße von Shirin Neshat. Es trägt den Titel „Bahram (Villains) „und stammt aus der Serie The Book of Kings. Neshat, Persona non grata im Iran, bezog sich in dieser Serie auf den Arabischen Frühling und portraitierte darin Männer und Frauen, zum Teil mit Bemalungen, die wie Tattoos wirken.

Die Vielzahl der ausgestellten Objekte erlaubt auch völlig subjektive Ausstellungserlebnisse, wie anhand der hier besprochenen Arbeiten aufgezeigt wird.

Drei Bilder und fünf Fotos des 2011 verstorbenen Roman Opalka zeigen in einem kleinen Nebenraum den höchst persönlichen Zugang des französisch-polnischen Künstlers zum Thema Zeit und Vergänglichkeit. Opalka schuf ein in sich geschlossenes Werk, in dem er über Jahrzehnte Leinwände mit fortlaufenden Zahlenreichen in weißer Farbe beschrieb, die Zahlen beim Malen aussprach, seine Stimme dabei auf Tonband aufnahm und den Hintergrund des neuen Bildes kontinuierlich aufhellte, sodass die Bilder an seinem Lebensende fast ganz weiß sind und die Zahlen darauf nur mehr schwer lesbar erscheinen. Jeden Tag fotografierte sich der Künstler zusätzlich in derselben Position und hielt auch damit sein eigenes Altern fest.

Einem so komplex durchdachten Zugang stehen andere gegenüber, die vor allem mit ihrer handwerklichen Präzision auffallen. Ron Mueck, englischer Bildhauer mit deutsch-australischen Wurzeln, arbeitete in den 80er-Jahren als Marionettist für die Sesamstraße und die Muppet Show. Berühmt wurde er durch seine hyperrealistischen, gigantischen Menschenskulpturen. In der Ausstellung ist er mit der Arbeit „Man in a Sheet“ aus dem Jahr 1997 vertreten. Einer kleinen, auf einem hohen Podest sitzenden Männerfigur, die gebeugt, ganz in weißes Tuch gehüllt ist. Nur das Gesicht mit feinen Bartstoppeln vermittelt den Eindruck eines alten Mannes, der sich offenbar in Meditation ganz aus dem Weltgeschehen ausgeklinkt hat. In diesem Werk verkehrt sich völlig jene Intention, die der Künstler mit seinen übergroßen, figürlichen Skulpturen erreicht, denn der kleine, beinahe zerbrechlich wirkende Mensch strahlt auch eine gehörige Portion Hilfsbedürftigkeit aus.

Die deutsche Collagekünstlerin der Body Art, Annegret Soltau (geb. 1946) hat auf beeindruckende Weise in ihrer Arbeit „generativ – Selbst mit Tochter, Mutter und Großmutter“ vier Generationen der weiblichen Linie ihrer Familie festgehalten. Angefangen von ihrer Tochter bis hin zu deren Urgroßmutter, vereinte sie alle nebeneinander, nackt, in stehender Position. Die Oberkörper tauschte sie jedoch in Collagetechnik aus, sodass die älteste Frau den Busen des Urenkelin trägt und umgekehrt. Mit zusätzlichen, grafischen Überarbeitungen, die wie grobe Narben wirken, verstärkt die Künstlerin das Moment des ohnehin sichtbaren, körperlichen Verfalles.

Vom österreichischen Fotografen Harry Weber (1921 – 2007) wird ein kleines, aber umso beeindruckenderes Foto gezeigt. Das „Paar im Altersheim“, in Lainz 1960 aufgenommen, zeigt ein Ehepaar in bodenlangen, gestreiften Morgenmänteln. Die Frau, neben ihrem Mann sitzend, knöpft diesem fürsorglich seinen Mantel zu. Nicht nur, dass die liebevolle Geste in Zusammenhang mit dem Alter der Personen sehr berührt. Es ist auch der Umstand, dass beide offensichtlich „Anstaltskleidung“ tragen. Weiß man um die Geschichte des Fotografen selbst, der als Jude unter den Nazis nach Palästina fliehen musste, 1946 nach Österreich zurückkehrte und für den Spiegel, Stern und den Gruner & Jahr-Verlag arbeitete, erhält dieses Foto eine zusätzliche Bedeutungsebene.

Das große Plus der Ausstellung „Die Kraft des Alters“ besteht nicht darin, ein einziges, bestimmtes Narrativ über den letzten, menschlichen Lebensabschnitt vermitteln zu wollen. Vielmehr beeindrucken die vielen künstlerischen Zugänge und Positionen, die das Altersphänomen von so unterschiedlichen Seiten beleuchten.

„Die Kraft des Alters“ läuft noch bis 4. März im Unteren Belvedere. Weitere Infos auf der Homepage.

Gefangen in der Endlosschleife

Gefangen in der Endlosschleife

Gefangen in der Endlosschleife

Von Michaela Preiner

„L´aringa – Der Hering“ (Foto: Alfredo Barsuglia)
06.
November 2017
Ein kleiner, heller Raum im Dachgeschoß eines Hauses in der Spiegelgasse war Austragungsort einer mit dem Publikum interaktiven „performativen Installation“. Ursula Blickle stellt das kleine Apartment seit einiger Zeit für kuratierte Performances und Ausstellungen zur Verfügung.

Alfredo Barsuglia, in Wien längst kein Unbekannter mehr und durch seinen „Social Pool“ auch bereits international einem großen Publikum im Kunstbetrieb aufgefallen, nutzte die Einladung, seine neueste Arbeit „L´aringa – Der Hering“ dort zu zeigen. Vier Performende – zwei Frauen und zwei Männer – vier Lampen, ausgestattet mit Ein-Aus-Schaltern, ein Rollator und der Nachbau einer Wohnungstüre samt angrenzender Wand, eine Bodenmatte mit einer kleinen Tafel und Kreidestiften, eine Badewanne, halb mit Wasser gefüllt und ein Revolver – das waren die Komponenten mit denen Barsuglia sein Szenario aufbaute.

Zwei Frauen und zwei Männer

Jeder Person waren festgelegte Handlungen und Texte zugedacht, die durch das Publikum mit dem Betätigen der verschiedenen Lichtschalter in Gang gesetzt wurden. Im Laufe der Performance wurden die einzelnen Charaktere erkennbar. Eine junge Frau, die sich an die Kinder- und Jugendzeit in einem schönen Haus erinnert, ihr Vater, ein Sänger, der gelähmt seine Wohnung nicht mehr verlassen kann, eine zweite Frau, die zwei Schüsse aus einer Pistole abgibt und ein Mann, der, obwohl er nicht in Schussrichtung steht – offenbar von den Kugeln getroffen – immer und immer wieder zu Boden sinkt.

Die Versuchsanordnung, auch so könnte man das Geschehen bezeichnen, lebt von der Interaktion des Publikums. Wenn von diesem ein Lichtschalter bedient wird, beginnt auch die Szenerie zu leben, die sich unter diesem Lichtschalter befindet. Wenn alle Lichter ausgeschaltet wurden, bleibt der gesamte Raum einfach dunkel und still. Wären alle Lichtschalter gleichzeitig angeschaltet, dann würde jede Person die ihr zugedachte Rolle parallel zu den anderen spielen. Die Grundidee dahinter ist, einen Spiegel unserer Gesellschaft aufzuzeigen, die sich oft nicht bewusst ist, dass eine kleine Handlung eines Einzelnen ungeahnte bis weitreichende Folgen haben kann. Diese Idee wird durch mehrere andere Bedeutungsebenen zusätzlich ergänzt.

„L´aringa – Der Hering“ (Foto: Alfredo Barsuglia)

Ist das Theater oder Performance oder was?

Barsuglia spielt zugleich auch mit der bewussten, künstlerischen Grenzüberschreitung. Die Performenden agieren als tableaux vivants, wenn sie mit ihrer Geschichte am Zug sind, verharren aber in regloser Position, wenn sie unbeleuchtet bleiben. Durch die Zuseherinnen und Zuseher werden sie wie Roboter aus- und eingeschaltet. Schon bald wird deutlich, die ständigen Wiederholungen der Szenen, in kleinen Details dennoch jeweils abgewandelt, erzeugen das Gefühl, sich in einer Endlosschleife zu befinden, beziehungsweise in die psychischen Endlosschleifen von Menschen hineinzublicken, die in ihren Traumata gefangen, sich ständig wiederholen müssen. Tino Sehgal, der derzeit wohl international bekannteste Performance-Erneuerer, verfolgt in seinen – nur mündlich tradierten Arbeiten – ein ähnliches Konzept. Auch bei ihm wird das Publikum aktiv miteinbezogen, auch bei ihm gibt es vorweg eine durchdachte Regie, auch bei ihm findet sich das Element der Endlosschleifen.

Was unterscheidet Barsuglias Arbeit „L´aringa – Der Hering“, um ein Beispiel von seinen Werken zu nennen – von Sehgals? Es ist zum einen eine offensichtliche, handwerkliche Komponente, die Barsuglia ins Spiel bringt. Ob die mit Holz verbrämte Badewanne oder eine aufgestellte Wand mit Türe – Barsuglia geizt nicht mit Anschauungsmaterial. Auch in seinen temporären Arbeiten in Kunsthallen und Galerien zeigt er jeweils ein höchst professionell gestaltetes „Bühnenbild“, auch wenn sich darin kein Leben mehr abspielt. Der Künstler legt bei vielen seiner Rauminszenierungen selbst Hand an, aber wo er Hilfe braucht, arbeitet er mit spezialisierten Handwerkern zusammen. Er lerne dabei nicht nur ständig etwas dazu, wie er in einem Interview einmal festhielt, sondern er genieße es auch, dabei aus der Kunstwelt auszutreten und mit Menschen zusammenzuarbeiten, die nicht aus diesem Genre kommen.

„L´aringa – Der Hering“ (Fotos: Alfredo Barsuglia)

Tanz, Performance, Musik und bildende Kunst

Der zweite Unterschied zu Sehgal ist, dass Barsuglia sein „Publikum“ mit auf Reisen, oftmals mit kriminalistischem Background, mitnimmt. Einzelne in Szene gesetzte Puzzlesteine können dabei zu einem Ganzen im Kopf zusammengesetzt werden. Die auf Italienisch gesungene Arie, die der Vater, vorne übergebeugt auf seinem Rollator sitzend immer wieder vorträgt, erschließt sich nicht allen. Auch dieses Moment ist bewusst gewählt, erlaubt aber der Sprache Unkundigen einen größeren Interpretationsspielraum. Der Kunstkonsum, der ganz nebenbei passiert, geschieht so, dass man fast vergessen könnte, dass die Arbeit im Kunstkontext verankert ist. Dabei stellen sich natürlich eine ganze Reihe von Fragen. Zu welcher Kunstgattung sollte man nun eine performative Installation wie       „L´aringa – Der Hering“ zählen? Die szenische, durchkomponierte Aufführung liegt nahe beim theatralen Bereich. Mit dem Bariton Stefan Zenkl, der einen Teil der Leidensgechichte des Vaters singend wiedergibt, wird die Grenze zum Musiktheater überschritten. Mit Alex Deutinger, der in vielerlei Arten von Kugeln getroffen zusammensacken darf und Sara Lanner, die den Revolver bedient, weist der Weg in die Tanz- und Performanceszene. Barbara Grahsl wiederum ist Schauspielerin. Alleine schon diese Besetzung zeigt, dass es Barsuglia darum geht, viele unterschiedliche Kunstfelder miteinzubeziehen. Eine Vorgehensweise, die sich vor allem im zeitgenössischen Tanz sehr gut beobachten lässt, in der bildenden Kunst jedoch noch weit weniger anzutreffen ist. Weit entfernt ist der Künstler auch von jeder Art von Geheimniskrämerei, die den Markt anheizt. Sehgal verbietet Foto- und Videoaufnahmen, gibt selten Interviews und will seine Performances in den Institutionen, in welchen sie aufgeführt werden, nicht verschriftlicht wissen. Barsuglia liebt den Kontakt mit dem Publikum. „Am besten funktioniert dieses Stück, wenn die Menschen, gleich wenn sie den Raum betreten, in dem es stattfindet, ein Glas Wein in die Hand bekommen und sich dann ganz frei zwischen den einzelnen Szenen bewegen können“ – O-Ton Barsuglia. Auch, dass gerade das Publikum ein bestimmendes Element ist, von dem der Ausgang der Performance maßgeblich abhängt und sich nicht wirklich vorhersehen lässt, ist bewusst angelegt. Momente, wie jener, in welchem in der Spiegelgasse eine plötzliche Finsternis herrschte und niemand den Lichtschalter für lange Sekunden bedienen wollte, sind die spannendsten überhaupt und nicht vorhersehbar. Ad hoc stellen sich dabei wieder neue Fragen: Wie lange ist es einer Gruppe von Menschen möglich, inaktiv zu bleiben? Wird die Stille und Dunkelheit als beklemmend oder inspirierend empfunden? Was bedeutet der Akt des erneuten Licht-Einschaltens in so einer Situation? Ist es die Erlösung, die ein einzelner einer Gemeinschaft angedeihen lassen kann oder vielmehr ein Gewaltakt, den manche, wie in diesem Fall, als zu früh ermpfinden? „L´aringa – Der Hering“ erwies sich in Wien als offenes Kunstwerk, das sich trotz aller vorgegebener Regieanweisung so wandelbar ist, dass es bei jeder neuen Afführung zu neuen Gedankenkostellationen anregen kann. Grund genug, sich die Performance bei einer der nächsten Gelegenheiten noch einmal anzusehen  und an den Lichtschaltern wieder aktiv zu werden.

Sie machen uns eine Freude, wenn Sie den Artikel mit Ihren Bekannten, Freundinnen und Freunden teilen.

Pin It on Pinterest