Wie es gewesen sein könnte

Wie es gewesen sein könnte

Wie es gewesen sein könnte

Von Michaela Preiner

Styriarte – „Schubert – Unvollendete“ (Foto: Styriarte)
16.

Juli 2018

Einen außergewöhnlichen Konzertabend durfte das Grazer Publikum im Stefaniensaal im Rahmen der Styriarte erleben.

Der Concentus Musicus gastierte unter dem Dirigat des jungen Musikers Stefan Gottfried. Gemeinsam mit dem Konzertmeister Erich Höbarth und Andrea Bischof (2. Violine) hat dieser nach dem Rücktritt von Nikolaus Harnoncourt die Leitung des Ensembles übernommen. Dass es nach wie vor qualitativ zu den besten der Welt zählt, stellte es an diesem Abend unter Beweis.
Gewidmet war das Programm Franz Schubert, den man sowohl im ersten als auch im zweiten Teil spielte. Mit dem internationalen Bass-Bariton-Star Florian Boesch erklangen nach der Ouvertüre zum Zauberspiel „Die Zauberharfe“ einige atmosphärisch sehr intelligent ausgesuchte Schubert-Lieder mit Orchesterbegleitung. Sowohl Anton Webern als auch Johannes Brahms hatten diese vertont, wenngleich sie leider nicht oft zu hören sind und deswegen viele im Publikum überraschten.

Dem vollen Klang, den Boesch an seiner Seite als Ausgangsmaterial hatte, musste eine ebenso füllige Stimme beigegeben werden. Kein leichtes Unterfangen, bedenkt man, dass normalerweise die Lieder nur mit Klavier begleitet werden und aus diesem Grund das Stimmvolumen bei weitem nicht so groß sein muss. Boesch zeigte jedoch, was es heißt, Schuberts Lieder nicht nur herausragend zu singen, sondern sie von ihrem Grund auf auch zu verstehen. Er erarbeitete sich die Texte so, wie dies ein genialer Schauspieler machen würde, der in einem einzigen Satz imstande ist, die Stimmung mehrfach zu wechseln. Auch Boesch konnte in ein- und derselben Strophe vom zartesten Pianissimo zu Forte aufbrausen vice versa und beeindruckte nicht nur mit seinem herausragenden Bariton, sondern auch mit seiner Gestik und Mimik.

Dabei kam kein einziges Mal ein triefendes Pathos auf, welches andere Sänger gerne benutzen, um den Liedern eine abgehobene Künstlichkeit aufzuoktruieren. Die Interpretation von Boesch in Begleitung des Orchesters, das zum Teil mit Instrumenten arbeitet, die auch zu Schuberts Zeiten eingesetzt wurden, stellte ein so außergewöhnlich beeindruckendes Hörerlebnis dar, dass man ohne Mühe prognostizieren kann, dass es lange Zeit im Musikgedächtnis des Publikums verankert bleiben wird.

Styriarte: „Schubert – Unvollendete“ (Foto: Styriarte)

Der zweite Teil des Abends brachte ein Novum mit sich. Dafür setzte der Concentus musicus zwei Sätze vor den Beginn von Schuberts „Unvollendeter“, die selbst ja nur in zwei Sätzen überliefert ist. Das von Schubert für den dritten Satz vorgesehene Scherzo war von ihm auf nur 20 Takten auskomponiert worden. Die orchestrale Ergänzung und Neufassung nahm der Musikforscher und Dirigent Benjamin-Gunnar Cohrs vor. Als Finalsatz, der anschließend erklang, wollen mehrere Forscher den Zwischenakt zur Schauspielmusik „Rosamunde“ erkannt haben und tatsächlich konnte man, abgesehen von derselben Tonart, einige Parallelen und Verschränkungen zu den vorangegangenen Sätzen wahrnehmen. Das besondere Charakteristikum des Satzes ist eine unglaublich stark ausgeprägte, emotionale Klangdualität. Zwischen schwarz und weiß, lieblich und herrisch, zwischen lyrisch und polternd bewegen sich die Themen in diesem „Unter-Umständen-Finalsatz“ ohne Unterlass.

Wie sehr Franz Schubert mit dieser Komposition die Klassik bereits hinter sich gelassen hatte und bestrebt war, mit neuen Formen dem strengen, formalen Konzept zu entkommen, wurde mit diesem Konzert überdeutlich. Mit den Schlagworten „Emotion vor Konvention“ könnte man in aller Kürze jene kompositorische Idee umreißen, die der Komponist in seiner Unvollendeten zum Einsatz brachte und die seit beinahe 200 Jahren die Hörerinnen und Hörer so außerordentlich begeistert. Die Idee zur Präsentation, die unbekannten Sätze den bekannten voranzustellen, stammte von Alice Harnoncourt. Sie folgte damit dem Beispiel ihres Mannes, der auf diese Art und Weise schon Bruckners „Unvollendete“ mit Cohrs Ergänzungen zur Aufführung brachte.

Dass die Musizierenden des Ensembles mit einer Hingabe und Freude spielen, die in dieser Art sehr selten bei Orchestermitgliedern anzutreffen ist, war an diesem Konzertabend gut zu bemerken. Das lässt die berechtigte Hoffnung zu, dass der Concentus musicus, wenn er weiter Wege wie diese geht, weiße Flecken aus der Musikgeschichte in einer derart hohen Qualität zu präsentieren, auch in Zukunft seine herausragende Stellung nicht nur behaupten wird können, sondern vielleicht sogar auch ausbauen.

Auf der CD, die in diesem Herbst mit diesem Programm erscheinen wird, wird das Scherzo und das Trio an die beiden bekannten ersten Sätze angeschlossen werden. Damit wird eine „vollendete Unvollendete“ zu hören sein, die, was in Österreich zu erwarten ist, Diskussionen auslösen wird. Etwas Besseres kann klassischer Musik gar nicht passieren.

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Beethoven als Hoffnungsträger einer besseren Zukunft

Beethoven als Hoffnungsträger einer besseren Zukunft

Beethoven als Hoffnungsträger einer besseren Zukunft

Von Michaela Preiner

Styriarte – „Fidelio“ (Foto: Werner Kmetitsch)

14.

Juli 2018

Mit der konzertanten Aufführung von Beethovens Fidelio in der List-Halle bekannte das Styriarte-Team seine uneingeschränkte Solidarität mit Flüchtlingen in unserem Land.

„Historische Musik aufzuführen macht nur dann Sinn, wenn es einen aktuellen Bezug dafür gibt“, erklärte der Dramaturg Thomas Höft vor dem Konzert und verwies damit nicht zuletzt auch auf Nikolaus Harnoncourts Kunstverständnis.

Doch nicht nur die Aktualität, die Höft bei diesem Fidelio herstellen wollte, war ausschlaggebend für die multimediale Aufführung. Vielmehr auch das Gebot des Saales, in dem das gesprochene Wort wesentlich schlechter wahrgenommen wird als der Gesang mit einer Nachhallzeit von 3 Sekunden. Aus diesen Gründen war nach einer Möglichkeit gesucht worden, die Dialoge zwischen den Hauptcharakteren zu vermeiden. So machte man sich auf die Suche, ob es ähnliche Geschichten, wie jene von Leonore, der Ehefrau des eingekerkerten Florestans aus dem Libretto, gibt, die sich in unserer Zeit ereignen. Geschichten von Mut und Flucht, von Befreiung und Standhaftigkeit.

Fündig wurde man bei verschiedenen Flüchtlingshilfsorganisationen. Männer und Frauen, die es nach Österreich geschafft haben und sich in unterschiedlichen rechtlichen Flüchtlingsstadien befinden, vom anerkannten Flüchtling bis zu solchen, die vor der Abschiebung stehen, erzählten dafür kurz ihre Odysseen und Leidenswege. Diese Aufzeichnungen wurden zwischen die musikalischen Nummern eingebaut. Thomas Höfts Stimme aus dem Off gab vor jeder Videoeinspielung kurze Infos über die Menschen und ihre Schicksale und schuf so nachvollziehbare Überleitungen vom Geschehen auf der Bühne zu den jeweiligen Kurzfilmen.

Für so manch eine und einen im Publikum war dies schwer verdauliche Kost. Andere wiederum, wie in der Pause zu erfahren war, lehnten die Vorgangsweise aus ästhetischen Gründen ab. Glücklicherweise jedoch war beim Endapplaus von dieser Einstellung überhaupt nichts mehr zu spüren. Denn sonst hätte man die Erkenntnis zitieren müssen, dass Kulturkonsum, Menschlichkeit und Intelligenz nicht zwangsläufig Hand in Hand einhergehen.

Die Bühnen- und Kostümbildnerin Lilli Hartmann schuf sowohl für den Chor als auch für die Solistinnen und Solisten eine Bekleidungsvariante mit Jeans und blauen Hemden. Ein Bezug zu autoritären Regimen, in welchen alle gleichgeschaltet werden, zugleich aber auch die Einladung, diese Oper niederschwelliger zu transportieren, als dies normalerweise der Fall ist. Auch das Orchester inklusive seines Dirigenten – dem unglaublich stilsicher und lebhaft agierenden Andrés Orozco-Estrada – hielt sich an den Dresscode und spielte ebenfalls in Jeans und blauen Oberteilen.

Styriarte – „Fidelio“ (Foto: Werner Kmetitsch)

Styriarte – „Fidelio“ (Foto: Werner Kmetitsch)

Berückend gleich von Beginn an war die ausgefeilte Dynamik, die der Dirigent seinen Musikerinnen und Musikern entlocken konnte. Der rasche Wechsel zwischen laut und leise innerhalb weniger Takte brachte Beethovens Partitur so richtig zum Schillern. Auch der Einsatz von historischen Instrumentennachbauten war deutlich hörbar. Neben den mit Darmsaiten bespannten Streichern war dies am meisten wohl bei den samtigen Hörnern der Fall. An einer der kritischsten Stellen, an der eine kurze Bläser-Trio-Passage erklang, lieferte eine der Stimmen eine unüberhörbare Schieflage ab. Dieses musikalische Hoppala machte die Schwierigkeit der Spielbarkeit, die sich bei Naturhörnern gänzlich anders gestaltet als bei modernen Instrumenten, deutlich und zugleich den Musikgenuss zu einem höchst menschlichen. Einem, der so nur live im Konzertsaal zu erleben ist und klar macht, dass auch die Musikerinnen und Musiker bei ihrer Berufsausübung fehlbare Menschen sein können, wie wir alle es sind.

Als ein herausragendes Merkmal der Styriarte-Produktionen ist die treffsichere Besetzung zu nennen. Es ist immer wieder eine große Freude, derart gute Stimmen in Graz hören zu können. Mit Tetiana Miyus gelang eine fantastische Besetzung für Marzelline, deren glockenheller, klarer Sopran heftig umjubelt wurde. Johanna Winkel beeindruckte als Leonore nicht nur stimmlich, sondern auch optisch in der Verwandlung zu einem schlanken, großen Fidelio. Ausgezeichnet auch die Herren, unter anderen Johannes Chum als höchst zerbrechlich wirkender Florestan, Adrian Eröd als Minister, der die politisch motivierte Befreiung des Inhaftierten medienwirksam via Handy sofort verbreitete, Jochen Kupfer als Don Pizarro, welcher seine schauspielerischen Fähigkeiten als gewissenloser Mörder unter Beweis stellte und Thomas Stimmel als Rocco, der trotz einer Verletzung mit ruhig gestelltem Arm seine Partie herausragend sang.

Wie sehr das Konzept der Verschränkung zwischen aktuellem Geschehen und Beethovens Ideen von einer hoffnungsfrohen, besseren Welt funktionierte, konnte man bei jener Chorpassage mehr als deutlich spüren, in welcher die Gefangenen des Fidelio-Chors singen: „Oh welche Lust in freier Luft den Atem leicht zu heben.“ Denn mit der Personalisierung von Fluchtgeschichten war zuvor deutlich geworden, was es bedeutet, in einem freien Land leben zu dürfen, in welchem wir wahrlich alle genug Luft zum Atmen und genügend Ressourcen haben, Verfolgten ein neues Zuhause anzubieten. Zusammengesetzt war der Chor aus Profi-Stimmen verschiedener Grazer Chöre und sangesfreudigen Migrantinnen und Migranten, sodass in ihm 14 Nationen vertreten waren.

Styriarte – „Fidelio“ (Foto: Werner Kmetitsch)

Ein berührender, intensiver Opernabend, der auch verdeutlichte, dass wir dringend Kulturinstitutionen wie die Styriarte brauchen. Denn diese lassen sich weder mundtot machen, noch biedern sie sich dem jeweiligen Regierungsstil an. Vielmehr sorgen sie immer wieder aufs Neue dafür, um dem Versteinern der Herzen unserer Gesellschaft, die sich permanent auf humanitär höchst fragliche Gesetze beruft, die unabdingbar seien, ein wirksames Mittel entgegenzusetzen.

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Clash of the cultures

Clash of the cultures

Clash of the cultures

Von Michaela Preiner

„Wien 1683“ (Foto: Werner Kmetitsch)
02.
Juli 2018

Großer Aufmarsch in der Helmut List Halle beim Styriarte-Konzert „Wien 1683“. Rechts auf der Bühne die Türken – links die Wiener und mittendrin: Michael Dangl.

Der mittlerweile für seine vielen Rezitationskonzerte bekannte Schauspieler führte das Publikum zwischen den einzelnen, musikalischen Stücken zurück ins Jahr 1683. Damals belagerten die Türken Wien bereits zum zweiten Mal – erfolglos, wie die Geschichte zeigte. Aber mit hohen und grausamen Verlusten auf beiden Seiten.

Mit dem Armonico Tributo unter der Leitung von Lorenz Duftschmid und der „Saraband“, der Vladimir Ivanoff vorstand, „kämpften“ zwei Spitzenensembles um die Gunst des Publikums und zeigten auf, wie groß der kulturelle Unterschied auch in der Musik zwischen Orient und Okzident war – und teilweise bis heute auch noch ist.

Das mit europäischen Instrumenten bestückte 12-köpfige Duftschmid-Ensemble (Streichinstrumente, Flöte, Trompeten,  Barockgitarre und Perkussion) stand einem Quintett gegenüber, das mit einer Nay (Rohrflöte), einer Kemençe (Kastenhalslaute), einer Kanun (Kastenzither), Rahmentrommeln und einer Oud (Kurzhalslaute) ausgestattet war.

Der syrische Musiker Rebal Alkhodari spielte Letztere nicht nur, sondern setzte dem musikalischen Geschehen auch arabische Gesangsglanzlichter auf. Dabei wechselte er nahtlos von der Brust- in die Kopfstimme, in welcher er jene unzähligen Arabesken mit Leichtigkeit wiedergab, die diese Musik so unverwechselbar macht und auszeichnet. Zwischenapplaus nach jeder Darbietung machte klar, wie sehr das Publikum seine Auftritte zu schätzen wusste. Als herausragend im Armonico Tributo Ensemble ist Michael Oman zu nennen, dessen Blockflötenspiel nicht nur virtuos, sondern höchst lebendig und mitreißend war. Es dürfte kein Zufall gewesen sein, dass die österreichische, musikalische Abordnung auf der Bühne der „orientalischen“ zahlenmäßig überlegen war. 

„Wien 1683“ (Foto: Werner Kmetitsch)

Die gekonnte Stückauswahl von Komponisten wie Johann Heinrich Schmelzer, Heinrich Ignaz Franz Biber, Johann Josef Fux, Gazi Giray Han, Ali Ufki und vielen anonym überlieferten Werken aus dem osmanischen Raum pendelte zwischen barocker Fröhlichkeit, kriegerischen Drohgebärden, mittelalterlich nachklingenden Tänzen, Hymnen für den „Propheten Mohamad“, einem barocken Lamento, einem religiösen Klagelied, innig von Alkhodari vorgetragen und vielen anderen mehr.

Das unglaublich breite, musikalische Spektrum, das dadurch abgebildet wurde, zeigte auch gut auf, dass das Abend- und das Morgenland zu dieser Zeit Musik in gänzlich unterschiedlichen Kontexten verwendete. Waren es in unseren Breiten die kaiserlichen und königlichen Höfe, so wurde Musik bei den Osmanen und darüber im arabischen Raum neben Tanzeinlagen zwar auch an den Höfen dargeboten, diente aber nicht der jeweiligen Herrscherverherrlichung, sondern jener Allahs oder seines Propheten. 

Neben all dem prächtigen Ohrenschmaus bekam das Publikum einen höchst anschaulichen Geschichtsunterricht gratis dazugeliefert. Michael Dangls Lesungen aus historischen Überlieferungen benannte nicht nur Zahlen und Fakten, sondern machte die Angst und das Leid, die Feigheit der Herrscher, sowie die Tapferkeit der Bevölkerung und Soldaten emotional nachvollziehbar. Eine kluge, dramaturgische Volte beendete den Abend.

Mit ihr wurde subtil klar gemacht, dass alle Menschen, die auf dieser Welt leben, egal aus welchem Kulturkreis sie auch sind, derselben Conditio humana ausgeliefert sind und sich in der Geburt, dem Tod und dem Vergessen in nichts unterscheiden,  Mit den „Gedanken über die Zeit“ von Paul Fleming (1609-1640) befriedete Dangl den Abend, ohne Sieger oder Besiegte hervorzuheben, zu preisen oder zu verdammen. Eine feinsinnige und noble Geste und nicht zuletzt eine Referenz den Musikern der Saraband gegenüber, die nicht aus dem Reich des „Goldenen Apfels“ stammen, wie die Türken Österreich nannten. 

 

„Wien 1683“ (Foto: Werner Kmetitsch)

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Im tiefsten Elend glücklich

Im tiefsten Elend glücklich

Im tiefsten Elend glücklich

Von Michaela Preiner

Christopher Hinterhuber (Foto: Nancy Horowitz)
01.
Juli 2018
Felix Austria, unter diesem Generalthema steht das diesjährige Styriarte-Festival und beweist damit, dass Politik und gesellschaftliches Leben sich in der Musik nur bedingt widerspiegeln.
Ein Paradekonzert im Hinblick auf diese These präsentierte das „Philharmonic Five“-Ensemble in der ersten Festivalwoche im Stefaniensaal. „Kaiserwalzer“, so der Titel, gab Einblicke in das musikalische Geschehen der 10er- und 20-er Jahre des vorigen Jahrhunderts.
Genauer gesagt, in die Konzerte des „Vereins für musikalische Privataufführungen“, der 1918 gegründet wurde, um zeitgenössische Musik zur Aufführung zu bringen. Die Idee dazu hatte Arnold Schönberg, der auch zum Präsidenten des Vereins in den Vorstand gewählt worden war.
Das „Philharmonic Five“-Ensemble besteht aus Streicher-Solisten und -Solistinnen der Wiener Philharmoniker und dem Pianisten Christopher Hinterhuber, der für die künstlerische Leitung verantwortlich zeichnet. Ergänzend zu diesem Ensemble war der Abend mit Flöte, Klarinette, Kontrabass, Harmonium und Schlagwerk bestückt. Auf diese Weise war es möglich, ein breites Spektrum an Musik zu spielen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts komponiert worden war. Auch wenn die „Lieder eines fahrenden Gesellen“ von Gustav Mahler schon zuvor entstanden waren – in der Bearbeitung von Arnold Schönberg erhielten sie erst 1920 ihren orchestralen Kammermusikklang.
„Ludwig Mittelhammer“ (Fotos: Daniel Fuchs)

Der Solist dafür war DIE Entdeckung des Abends schlechthin – Ludwig Mittelhammer (geb. 1988 in München). Sein klarer und geschmeidiger Bariton beeindruckte gleich von Beginn an genauso, wie sein nobler, schauspielerischer Einsatz. Mit sparsamen Gesten, aber umso ausdrucksstärkerer Mimik machte er die Leiden und Glücksszustände nachvollziehbar, die der junge Mann in diesem Liederzyklus durchlebt. Selten hat man die Gelegenheit, h eine junge Stimme wie diese zu hören, die absolut keinerlei Wünsche offenlässt und das Verlangen evoziert, sofort in den Terminkalender des Sängers zu schauen, um ihn weiter live verfolgen zu können. https://www.ludwig-mittelhammer.de/schedule

Das weitere Programm wies einige Raritäten auf, wie Julius Bittners Tänze aus Österreich, die Christopher Hinterhuber klug vor Bartoks Volkstänze, Sz. 56 erklingen ließ. Auch Josef Labors „Allegretto grazioso“ aus dem Quintett für Klavier, Klarinette und Streichtrio in D, op. 11, gehörte dazu. Ein Stück, dessen Klang sich wie Samt und Seide in die Gehörgänge einschlich und das von Debussys „Syrinx“ für Flöte Solo abgelöst wurde. Dabei konnte man den Eindruck gewinnen, als ob schwerelose, schillernde Tonblasen sich aus der Flöte von Silvia Careddu lösten, die dann durch den Saal schwebten.

Einzig Alban Bergs atonale „Vier Stücke, op. 5“ wiesen in dem Konzert auf den kommenden, großen Umbruch hin, den Schönberg mit seiner 12-Ton-Musik ausformulierte. Die dunkle Serie Bergs kann mit kurzen Einaktern verglichen werden, die, kaum motivisch ausgebreitet, schon wieder verklingen.

Wie sehr die Arrangements Schönbergs auch mit Humor unterfüttert sind, bewies schließlich das Finale, der „Kaiserwalzer“ op. 437 von Johann Strauss Sohn. Allen Österreicherinnen und Österreichern hinlänglich aus dem Neujahrskonzert bekannt, überraschte hier der Beginn, in dem unüberhörbar keine elegante Gesellschaft das Tanzbein schwang, sondern Holzschuhe tragende Frauen und Männer. Erst mit Einsetzen des Hauptthemas entwickelte sich jene Eleganz, für die dieser Walzer bekannt ist. Mit der Zugabe des Walzers „Im Krapfenwaldl“, ebenfalls allseits bekannt durch seine Kuckucks- und Vogelstimmen, verabschiedete sich das Ensemble auf höchst launige Weise vom Publikum.

„Philharmonic Five“ (Foto: Mato Johannik)
Bedenkt man den Ersten Weltkrieg zwischen 1914 und 1918 und die Auflösung der Monarchie, das Leid, das mit dem Kriegsgeschehen in die Welt gekommen war und das österreichische Selbstverständnis in seinen Grundfesten erschütterte, bleibt nur festzustellen: Felix Austria, dass es dir gelangt, diese traumatischen Jahre in Musik zu ertränken, die nichts, aber auch schon gar nichts davon hören lässt, was deine Menschen in diesen Jahren erleiden mussten.
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