Wiener Festwochen reloaded

Wiener Festwochen reloaded

Vergangenes Wochenende schlossen die Wiener Festwochen ihre Pforten. Grund genug, eine subjektive Rückschau unserer Redaktion auf ein Festival zu halten, das unter der Intendanz von Tomas Zierhofer-Kin eine ziemlich radikale Charakterwandlung erfuhr.

Gleich vorweg: Das Spannende an der Neuaufstellung war, dass das Publikum bei vielen Formaten nicht mit frontalem Kunstkonsum befriedigt wurde. Vielmehr war bei einigen Produktionen nicht nur Partizipation, sondern aktives Mitmachen gefragt. Wer sich auf dies einließ und Zeit genug hatte, die unterschiedlichen Angebote wahrzunehmen, kam sicherlich voll auf seine bzw. ihre Kosten.

Agora im Schauspielhaus Wien (Foto: Luca Fuchs)

Eines dieser Formate wurde im Schauspielhaus präsentiert: „Agora“, ein Projekt von Robert Misik und Milo Rau lotete an sieben Abenden gelungen aus, wie ein offener Diskurs zu aktuellen, gesellschaftspolitischen Fragen unter Einbeziehung von Bürgerinnen und Bürgern stattfinden kann. Ein Vortrag von Slavoj Žižek wiederum zog derart viele Menschen an, dass sein Gespräch in mehrere Räume des Bildungszentrums der Arbeiterkammer übertragen werden musste, die mit den Festwochen kooperierte. Hier war weniger das Mitdiskutieren angesagt, sondern vielmehr die Möglichkeit, diesen polarisierenden Philosophen in Wien ohne Ticketkosten zu erleben. Wenige Monate zuvor füllte er – gegen Eintritt – das Burgtheater.

„…struggle of memory against forgetting“ (Foto: ECN)

Das „Performeum“ glänzte neben seinen Performances mit einer Ausstellung, die bei der Documenta in Kassel sofort akzeptiert worden wäre. Hervorzuheben dabei ist „…struggle of memory against forgetting“ der jungen Südafrikanerin Dineo Seshee Bopape. Darin verarbeitete sie Goldfolie, Ziegelsteine, Keramik und getrockneten Lehm und integrierte eine Reihe von alten Plattenspielern und Platten. Darauf zu hören waren Meeresgeräusche sowie der Ruf des Quetzals, einem Vogel, um den sich Freiheitsmythen ranken. Auf kleinen Holztäfelchen waren Jahreszahlen und die Key-Daten von Angriffen auf unterschiedliche, afrikanische Länder und Stämme festgehalten, sowie die Versuche, sich dagegen zur Wehr zu setzen. Wie auch bei den „Gedenksteinen“, die in europäischen Städten, im Boden eingelassen, an Opfer des Nazi-Terrors erinnern, musste man sich auch bei der Installation von Bopape bücken, um die Schrift lesen zu können. Diese Körperhaltung, bei der sich auch unweigerlich das Haupt senkt, ist das Mindeste an Respekt und Ehrerbietung, das die Besuchenden den Opfern dieser Geschehnisse entgegenbringen konnten.

„Permanent Storm for a Tropical Constellation“ (Foto:ECN)

Genauso eindrücklich erlebte man nur einen Raum weiter Marco Montiel-Stotos „Permanent Storm for a Tropical Constellation“. Was sich im Programmheft höchst artifiziell und komplex las, widersprach der Erfahrung vor Ort. Ein von Wasser umgebenes, höchst fragiles Häuschen, eingerichtet mit allerlei Nippes und Erinnerungsstücken, gab Ausblick auf drei Bildschirme. Darauf zu sehen war die Reise auf einem Boot entlang von Baumhäusern in Maracaibo, eine Reise in ein Elendsviertel mit Zwischenstopps und dem eindringlichen Gefühl, sich selbst in einem dieser Häuser zu befinden. Ähnliche Eindrücke evozierte auch Elisabeth Tambwes „Coco na Chanel“, in der das Publikum die afrikanische Lebensweise in einem Vorort einer Millionenstadt hautnah zu spüren bekam.

Congo Na Chanel (c) dig-up Production

Auch die großen Produktionen im Museumsquartier oder dem Theater an der Wien widmeten sich dem Fremden, Unbekannten und vor allem auch der Sichtweise von Fremden auf unsere europäische Kultur. Wie zum Beispiel „Les robots ne connaissent pas le Blues oder die Entführung aus dem Serail“ – einer unglaublich spritzigen, witzigen Kurzfassung von Mozarts Werk, das mithilfe afrikanischer Sänger und Tänzer, zusätzlich zum europäischen Ensemble, einen ganz neuen Dreh erhielt.

Les Robots ne connaissent pas le Blues (c) Knut Klassen

Monika Gintersdorfer gelang diese Aufführung wesentlich besser als „Die selbsternannte Aristokratie“, die nach einem ähnlichen, jedoch literarisch angelegten Prinzip funktionierte. Wobei festzustellen ist, dass auch letztgenannte Produktion dem Applaus nach zu messen, beim Publikum unglaublich gut ankam.

Dieses teilte sich – bei den großen Produktionen – in Festwochenbesuchende, für die diese Zeit schon seit Jahren ein Fixpunkt in ihrem kulturellen Kalender darstellt und auffallend viele junge Menschen. Letztere waren es auch, die so mancher Publikumsflucht von älteren Semestern standhielten und das Ende der Produktionen mit langem Applaus bedachten. So geschehen bei Ishvara des Chinesen Tianzuho Chen, das neben Sitzfleisch auch die Bereitschaft erforderte, sich auf eine junge, trashige Ästhetik einzulassen, in der jede Menge Verweise quer durch mehrere Kulturen angesiedelt waren.

Ishvara – Foto: Zhang Yan

Aber auch die bereits genannte Produktion „Les robots ne connaissent pas le Blues“ wurde gerade vom jungen Publikum zum Teil mit Standing Ovations bedacht. Gleiches bei „Mondparsifal Alpha 1-8 (Erzmutterz der Abwehrz)“, jenem Auftragswerk an Bernhard Lang und Jonathan Meese, das eingefleischten Wagnerianern Blutsperlen auf die Stirn hätte treiben können. Wer hier jedoch open-minded in die Vorstellung ging, wurde vielfach belohnt. „Battlefield“ vom Duo Brook/Estienne griff wiederum alle Altersschichten ab und servierte ruhiges Erzähltheater entlang eines großen Stoffes.

Energiegeballten Tanz brachte der Brasilianer Bruno Beltrão mit „New Creation: Inoah“ nach Wien. Einem testosterongeschwängerten Werk, in dem sich zeitgenössischer Tanz mit Hip-hop und Street dance innig verschränkte. Lange Applauskaskaden zeigten, wie gut diese Produktion beim altersmäßig sehr gemischten Publikum ankam. Den selben Applauspegel erreichte auch das „Back to back Theatre“, ein Bumerang bei den Wiener Festwochen, der jedes Mal aufs Neue eine große Anhängerschaft anzieht. Der schon hymnischen Berichterstattung zu „Traiskirchen. Das Musical“ muss nichts hinzugefügt werden. Die Akklamationen kamen von Kritik und Publikum gleichermaßen.

BACK TO BACK THEATRE – LADY EATS APPLE (Foto: Krafft Angerer)

Der kleine Ausschnitt aus dem Festwochenprogramm, den unsere Redaktion bewältigte, spiegelte, entgegen anderer medialer Berichterstattung, eine höchst positive Publikumsbefindlichkeit wieder. Vor allem viele junge Menschen nutzten mit Begeisterung das breite Angebot, das ja auch in vielen Teilen gratis konsumiert werden konnte. Das bewirkte offenkundig eine Öffnung hin zu jenen Gesellschaftsschichten, die zwar kultur- und diskursaffin, aber selten mit einem großen Portemonnaie ausgestattet sind.

Nicht nur das finden wir extrem positiv. Auch, dass die neue Leitung der Festwochen es nicht nur wagte, sondern es durchzog, in diesem alteingesessenen Kultursetting neue Positionen aufzuzeigen, die, und das hat Neues auch an sich, auch scheitern können. „Promised Ends: The Slow Arrow of Sorrow and Madness“ von Derrick Ryan Claude Mitchell war, trotz einer klugen Choreografie, wegen seiner Überlänge und vorhersehbaren Erzählstruktur kein wirkliches Highlight. Publikumsunverständnis heimste sich auch „Macaquinhos“ ein, jene Performance, die den Anus ins Rampenlicht setzte und wenig Anreiz für darüber hinausgehenden Diskussionsstoff bot.

Das negative Medienecho, das derzeit auf das Festwochenteam, allen voran Tomas Zierhofer-Kin hereinprasselt, erinnert an den Widerstand, den der Steirische Herbst in seinen ersten Jahren verspürte. Wer meint, dass die Ausgangsbasis heute eine andere als damals sei, irrt. In den ersten Jahren des Steirischen Herbstes wie auch heute bei den Festwochen war und ist es vor allem das arrivierte Bildungsbürgertum, das zum Sturm auf das Neue, Unbekannte und vor allem Provokative ansetzte. Dass der Steirische Herbst in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen feiert, ist einzelnen Persönlichkeiten und der Kulturpolitik zu verdanken, die erkannt haben, dass diese Veranstaltungsreihe für zeitgenössische Kunst im weitesten Sinne weit über seine Grenzen hinaus höchste Anerkennung findet. Und damit Graz international zu einem Avantgardezentrum etablierte. Die vielen Personen aus unterschiedlichen Kontinenten und zugleich auch Bevölkerungsschichten, die in Wien an den Festwochen mitarbeiteten, wird diese Stadt als kunstoffen und risikofreudig in Erinnerung bewahren. Nicht als einen europäischen, heiligen, bewahrenden Kulturgral, in dem Kunst sehr hochschwellig nur zur Erbauung einiger weniger produziert wird. Daran sollte man denken, wenn man den alten Festwochen, so schön und interessant sie auch waren, larmoyant nachtrauert.

Die dunkle Seite der Superhelden

Die dunkle Seite der Superhelden

Was bedeutet es, in Kinshasa zu leben? Was bedeutet es, in Europa geboren zu sein und sich nicht um afrikanische Belange zu kümmern? Haben Menschen aus Afrika überhaupt die Möglichkeit, sich zu artikulieren, gegen Systeme zu rebellieren, die ihnen ihre Lebensgrundlage nehmen? Ist die heutige Kunstproduktion von kolonialistischem Gehabe freizusprechen?

„Congo Na Chanel“ stellt all diese Fragen, ohne Antworten darauf zu geben, aus dem einfachen Grund, weil es keine einfachen Antworten auf diese Fragen gibt. Die in Wien lebende Performerin Elisabeth Bakambamba Tambwe, geboren in Kinshasa und aufgewachsen in Frankreich, setzte ihre Produktion an den Schluss der Wiener Festwochen – in dem stimmigen Ambiente des Performeums. Und sie bot all das auf, womit sie jede einzelne ihrer Performances ausstattet:

Überraschungsmomente, solche des Unbehagens, Augenblicke voll Humor, solche, die sprachlos machen, andere, die neue Erkenntnisse bringen und Eindrücke, die zum Weiterdenken und Diskutieren anregen.

Eine Reise nach Kinshasa – oder doch Dakar?

Gemeinsam mit Pierre Emanuel Finzi, Evandro Luis Pedroni, Sebastijan Gec und Prince Zeka schuf sie für das Publikum mithilfe eines Videos die Illusion einer Reise in ein Viertel von Kinshasa, in dem es keine befestigten Straßen, keine prunkvollen Häuser, keine Geschäfte gibt. Wer danach Lust bekommt, sich diese Stadt – die sich allerdings später als Dakar, die Hauptstadt von Senegal entpuppte – anzusehen, dem ist nicht wirklich zu helfen. Dabei gewinnt man den Eindruck, dass sich der niedrige Lebensstandard, mit dem die Menschen dort zurechtkommen müssen, in absehbarer Zeit nicht verändern wird. In das Video wurden, dank einer Green Box im Raum, immer wieder Live-Auftritte der Performerin und ihrer Crew projiziert.

Tambwe wäre aber nicht Tambwe, hätte sie ihre Produktion nicht dazu genutzt, diese mit einer geballten Ladung Gesellschaftskritik zu versehen. Dabei stellte sie die Frage, ob man sich denn hier in Europa allmorgendlich guten Gewissens in den Spiegel schauen könne, ohne daran zu denken, dass das eigene Wohlergehen auf Kosten der Völker in Afrika zustande kommt. Den kongolesischen Sänger Prince Zeka konfrontierte sie mit dem Vorwurf, warum er sich denn nicht in seinen Songs zu den politisch unhaltbaren Umständen in seinem Land äußert. Nicht zuletzt machte sie klar, dass der europäische Contemporary-dance-circus längst kolonialistische Formen angenommen hat, mit welchen er sich gute Tänzer aus Afrika holt, um sie nach einem Tourjahr, völlig ihrer Mitte beraubt, gnadenlos wieder auszuspucken und fallenzulassen.

Congo Na Chanel (c) dig-up Production

Das hässliche Afrika

In ihrem Kostüm, das eine völlig deformierte und hässliche Figur zeigte, ließ Tambwe Assoziationen zu einem Afrika zu, das seine – zumindest soziale – Schönheit längst verloren hat. Drei Leinwandhelden – Superman, Batman und The Flash – waren die gesamte Performance über präsent, beobachteten das Treiben zwischen ihr, dem Publikum, dem Sänger, einem Conférencier und einer Übersetzerin und griffen an jenem Punkt in das Geschehen ein, in dem Tambwe von ihrem Kollegen Prince Zeka schließlich Rebellion einforderte. Besitzergreifend zogen die drei ihre Bahnen so durch die Zusehenden, dass diese an die Ränder der Raumes gedrängt wurden. Körperliche Ausgrenzung und Zurückdrängung, die man am eigenen Leib erfährt, und sei es auch nur während der kurzen Zeit einer Performance, bewirkt mehr als so mancher akademische Diskurs über die Besitznahme öffentlichen Raumes, oder auch eines ganzen Landes durch – die Gestalten machten es deutlich – den Westen. Ob Tambwe damit Multis meinte, vom Westen gesteuerte, politische Einflussnahme oder schlicht die Infiltration des westlichen, neoliberalen Lebensstils bleibt offen. Man darf sich aussuchen, was man mag, oder auch andere Assoziationen damit verbinden.

Genauso deutungsoffen war ihr Auftritt, den sie als amorphes Wesen unter einer schwarzen Plastikplane absolvierte. „I love abstract forms in my shows“, erklärte sie an späterer Stelle diese bedrohlich wirkende Szenerie, mit dem Zusatz, dass das Publikum sich dabei denken könne, was es wolle. Dennoch bleiben ihre Settings extrem kontextual und evozieren Gedankengänge, die sich um ihr Hauptthema drehen – die politische, wirtschaftliche und soziale Einflussnahme des Westens auf Afrika. Oder mit weniger Schönsprech ausgestattet: Die Ausbeutung der Länder und Demütigung der verschiedenen Völker Afrikas. Nicht vor hundert oder zweihundert Jahren, sondern heute mehr denn je.

Afrika, du Schöne!

Die Schlussverwandlung, durch die sich Elisabeth Tambwe als hübsche Frau in einem weit schwingenden, weißen Rock zeigen durfte, wurde nach wenigen Augenblicken wieder düster eingefärbt. Während sie zu Beginn zögerlich, dann aber immer lustvoller begann, sich im Kreis zu drehen, formierte sich die männliche Bedrohung. Mit ihrer perpetuierten Ansage „I dont want, I dont want“, während die Superhelden immer näher an sie heranrückten, verstärkte sich ununterbrochen das Gefühl von Erniedrigung, das von den drei Männern ausging. Und tatsächlich endete die Performance damit, dass sie Tambwe mit harrschem „back-back“-Geschrei und körperlicher Nahbedrohung von ihrer Bühne ins Off verdrängten. Das Letzte, was Unterdrücker jeder Couleur brauchen können ist Selbstbestimmung und Freiheit.

„If you want, you can make a selfie with me!“, holte Prince Zeka am Ende der Performance das Publikum wieder zurück ins sorgenfreie Festivaldasein. Es war eine Aufforderung, der viele gerne nachkamen. Wirkte sie doch reinigend, ablenkend und erlösend von einer zuvor bedrohlichen und verwirrenden Situation, die ohne nackten Zeigefinger dennoch einen Berg an Betroffenheit auslöste. Dass die rasch geschossenen Selbstbildnisse auch noch in Jahren einen Erinnerungseffekt auslösen werden, der viel mehr enthält als ein lustiges Grinsen mit einem afrikanischen Sänger, das wird vielen Selfie-isten vielleicht erst viel später bewusst werden und ist zu hoffen. Das Unbewusste siegt oft.

Das Konzentrat eines Weltepos

Das Konzentrat eines Weltepos

Die Kurzfassung eines epischen, literarischen Stoffes kann man auf zweierlei Art beurteilen. In der ersten freut man sich über ein knappes Surrogat, von dem auch Wenigleser oder Menschen mit wenig Zeit zum Bücherlesen den Kern der Sache mitbekommen können. Im zweiten Fall setzt man die Beurteilungslatte höher an und spricht von einer Essenz, in der das Wesentliche so zusammengefasst ist, dass auch das Verständnis für das Werk selbst ein tieferes sein kann.

Letzteres trifft auf die Produktion „Mahabharata“ zu, die derzeit noch an drei Tagen unter dem Titel „Battlefield“ bei den Wiener Festwochen zu sehen ist. Die Fassung ist eine auf eine Stunde und 10 Minuten gekürzte Version jener Produktion, die 1985 in Avignon mit 11 Stunden – inklusive 2 Stunden Pause – zur Aufführung gelangte. Regie führte damals wie heute Peter Brook, seines Zeichens Vordenker des zeitgenössischen Theaters und Films. Die Geschichte basiert auf dem Indischen Epos Mahabharata, die der französische Autor Jean-Claude Carrière 1990 im Goldmann Verlag herausbrachte.

Battlefield (Foto: Caroline Moreau)

Kürzen, kürzen, kürzen

Brook, heute 92-jährig, ging über die Jahre gemeinsam mit Marie-Hélène Estienne an den Stoff wie jemand heran, der auf der Suche nach jenem Nucleus ist, der nicht mehr weiter gekürzt werden kann. Aus den ursprünglichen 12 Stunden wurden erst 6, dann drei und jetzt eben besagte Kurzfassung mit 70 Minuten. Dabei verliert der Mythos jedoch nicht jenes erzählerische Kolorit, das für Indien so typisch ist. Wie aber so oft, hält sich Brook nicht an ein ländertypisches Cast, sondern lässt  Menschen unterschiedlichster Herkunft und Hautfarbe in die verschiedenen Rollen schlüpfen. Womit er auch andeutet, dass er die Geschichten und Legenden, die sich  um zwei Herrscherfamilien ranken, weltumspannend sieht. Bunte Fliesdecken markieren in seinem Setting auf der Bühne die einzelnen Charaktere, die trotz Mehrfachbesetzungen somit leicht wiedererkannt werden. Einige wenige Requisiten, wie aufgestellte Holzspeere an den Wänden, lassen das gewalttätige Umfeld, in dem sich die Erzählungen entfalten, spürbar werden.

Sean O´Callaghan verkörpert Dritarashta, jenen blinden König, der all seine Söhne und Enkelkinder im Krieg gegen seinen Neffen Yudishtira verloren hat. Das Publikum liebte aber vor allem seine Interpretation eines naiven aber lebenslustigen Wurmes, der sich sputen will, um die Straße vor einem herannahenden Gespann zu verlassen, das ihn überfahren und damit seinen sicheren Tod bedeuten würde. Carole Karemera (Belgierin mit ruandischen Wurzeln) spielt Yudishtiras weise Mutter, die ein großes Geheimnis mit sich trägt, das ihrem Sohn eine zusätzliche Lebensbürde auflastet.

Fabeln und Legenden mit tiefen Lebensweisheiten

Der Großvater (Ery Nzaramba – britischer Schauspieler mit ruandischen Wurzeln) soll dem jungen Yudishtira, der siegreich aus dem Kampf hervorgegangen ist, aber aufgrund des hohen Blutzolls die Regentschaft nicht übernehmen will, helfen. Dies tut er, in dem er ihm mehrere Fabeln erzählt. Darin werden so große Menschheitsthemen wie Schuld, Gerechtigkeit, Liebe, Hass und Wahrheit angesprochen.

In der Geschichte der Schlange, die ein Kind zu Tode biss, wird die Frage nach der Verantwortung aufgeworfen. Das Reptil – dargestellt durch den am Boden sitzenden Jared Mc Neill – weist jede Schuld von sich und schiebt diese an den Tod selbst weiter. Dieser wiederum verweist auf die Zeit, welche letztlich die Schuld alleinig dem Schicksal anlastet. Es sind genau diese Fragen, die wir uns selbst bei einem Unglück stellen und auf die wir meist keine Antwort finden, die in dieser jahrtausende alten Geschichte aufgeworfen werden.

Bei der Fabel um eine schutzsuchende Taube und einen Falken wiederum wird Machtanspruch verhandelt – ein allzeit brennend aktuelles Thema und mit der Figur des sich beeilenden Wurmes nehmen Brook und Estienne eine Geschichte von schier unzähligen aus dem Epos heraus, in der exemplarisch auf die Schwächsten in unserer Gesellschaft und ihr Anrecht auf Leben verwiesen wird.

Battlefield (Foto: Pascal Victor ArtComArt)

Es sind Szenen wie diese, die den Abend reich machen. Weder prunkvolle Gewänder noch ein berauschendes Bühnenbild tragen die Legenden von einer Lebensweisheit zur nächsten. Das Publikum wird dabei zu einer Zuhörerschaft, die, wie das bei guten Erzählern der Fall ist, an dessen Lippen hängt. Dabei beschränkt sich die Darstellung auf Auf- und Abgänge, sowie Dialoge oder Monologe, in welchen nur an wenigen Stellen die Charaktere selbst ein wenig Farbe bekommen. Wie ein langer, ruhiger Fluss reiht sich so eine Begebenheit an die nächste. Die Szenenwechsel werden von Toshi Tsuchitori begleitet, der auf seiner Trommel stimmige Überleitungen anbietet.

Mit dieser jüngsten „Battlefield“-Produktion verweisen Brook und Estienne nicht nur auf große Themen der Menschheit, die heute, wie vor über 2000 Jahren noch immer Gültigkeit haben. Vielmehr greifen sie auf eine der ursprünglichen Funktionen des Theaters zurück, nämlich der Vermittlung von Lebensweisheiten. „Für Brook und seine langjährige Mitarbeiterin Marie-Hélène Estienne sind es die Fragen nach Verantwortung, Schuld und Vergebung in einer von Konflikten und Kriegen zerrütteten Zeit, die aus Battlefield eine Parabel für die Gegenwart machen. Diese Fragen richten sich in erster Linie an Trump, Putin, Erdogan und Assad, aber auch an alle anderen Staatsoberhäupter dieser Welt.“, ist als Anteaser auf der Homepage der Wiener Festwochen zu lesen. Die nun schon jahrzehntelange Beschäftigung von Brook und Estienne mit dem Thema zeigt auch, dass es beiden ein offenkundiges Anliegen ist, die Essenz von Mahabharata in „Battlefield“ weiterzugeben.

Lang anhaltender Applaus  bei der Premiere zeigte die große Zustimmung des Wiener Publikums.

Ein großer Theaterstoff

Ein großer Theaterstoff

Bei dieser Vorstellung ist alles anders, nichts so, wie man es als geübter Theaterfan kennt. Das „Back to Back Theatre“ das 2012 mit „Ganesha Versus the Third Reich“ bei den Festwochen zu beeindrucken wusste, gastierte wieder in Wien. Aufgeführt wurde die Inszenierung im Theater an der Wien. Dort wurde das Publikum nicht wie sonst auf die Zuschauerplätze gebeten, sondern gleich auf die Bühne.

Der Zugang erfolgte durch die langen, verwinkelten Flure über eine Türe, durch die man sich erst durchzwängen musste – einer aufblasbaren Konstruktion sei Dank. Und schon war man mitten drin im eigenen Geburtsvorgang, dem bald darauf die Erschaffung unserer Welt folgen sollte. Das Publikum, ausstaffiert mit Kopfhörern, durfte ganz nah am Geschehen der Welterschaffung beiwohnen.

Lady eats apple (Foto: Nurith Wagner-Strauss)

Als Hauptdarsteller agiert – wie kann es anders sein – Gott, der erst einmal zu tun hat, all die Gattungen zu erschaffen, bis endlich der Mensch an die Reihe kommt, Adam und Eva. Von ihm gewarnt, wie es in der Genesis nachzulesen ist, essen die beiden von der verbotenen Frucht – einer Erdbeere! sic! – die Vertreibung aus dem Paradies folgt auf dem Fuße. Der bis dahin schwarze Vorhang, der alles verdunkelte, fällt – und wie nach dem Urknall und plötzlich erscheint alles hell und weiß – durch einen nun weißen Vorhang, der alles über- und umspannt. Aber noch sind wir lange nicht im Hier und Jetzt angekommen.

Dem Regisseur Bruce Gladwin gelingt mit der nun anschließenden Szene ein Schachzug. Denn er setzt nach der Paradiesvertreibung sofort Erzählungen über Nahtoderfahrungen. Die zuvor dunkle Umgebung und das blendende Weiß, das die Nacht ablöst, das alles passt gut zu der Gedankenvolte, in der die Vertreibung aus dem Paradies  mit einer Nahtoderfahrung gleichgesetzt wird. Aber auch bei diesem Status bleibt es nicht, auch dieser Zustand ist einer, der sich verändert.

Lady eats Apple (Foto: Nurith Wagner-Strauss)

Nachdem auch der weiße Vorhang gefallen ist, öffnet sich der Blick auf den Zuschauerraum des Theaters. Dort arbeiten nun auf den oberen Rängen Adam und Eva und alle anderen aus dem Ensemble und putzen im Schweiße ihres Angesichts die Reihen. So oder so ähnlich stand es ja auch im Alten Testament. Nun, nach all der intelligent vermittelten Mythologie leider doch in unserer Welt angekommen, wird dem Publikum viel über den Alltag jener Personen vermittelt, die mit ihrem mentalen Handycap die Hauptrollen spielen. Ihr Traum, Auto zu fahren, bleibt ihnen verwehrt. Sich selbst aber zu ernähren, mit dem eigenen Willen zu arbeiten, funktioniert. Die körperliche Nähe, die sie gegenseitig suchen, wird geradeheraus angesprochen. „Zeig mir deine Genitalien“, fordert an einer Stelle Sarah Mainwaring ihren Partner auf, der sie anschließend auch einlädt, mit ihm nach Hause zu gehen, denn dort gibt es zumindest eine Couch. Sie tun dies, obwohl ihnen zuvor gesagt wurde, dass ihre Beziehung nicht passend ist. Welch wunderbare Selbstbestimmung hinweg über alle gesellschaftlichen Regeln und Konventionen.

In einem dramatischen Finale, bei dem auch die Rettung „zu den Wiener Festwochen“ gerufen werden muss, werden die Schauspielerinnen, die Schauspieler und das Publikum unbarmherzig mit dem Tod konfrontiert. Mit dem eigenen und dem der anderen.

„Lady Eats Apple“ präsentierte sich als eine ruhige Mischung aus mythologischer Erzählung und heutigem Alltagsgeschehen. Der Fokus auf Menschen mit besonderen Bedürfnissen artete in dieser feinfühligen Produktion überhaupt nicht in eine sensationsgeile oder mitleidheischende Nummer aus. Vielmehr vermittelte das Stück die Idee, dass ein Leben trotz intellektueller Beeinträchtigung eines sein kann, in dem niemand versteckt werden muss und Respekt und Aufmerksamkeit diesen Menschen gegenüber sie in ihrer Lebensqualität enorm bestärken können.

Das Paradies ist verloren, aber es liegt an uns selbst, was wir während unserer eigenen Lebensspanne aus unserer Welt machen.

24 Stunden Tanz

24 Stunden Tanz

Ein großer, leerer Raum, umspannt von einer verglasten Obergade, durch die man das Außen sehen kann. Auf der einen Seite die Spitze einer hohen Pappel, auf der anderen Seite das Ende eines Telegrafenmastes. Dazwischen himmelbesetzter Raum bei Tag und sternenübersäter in der Nacht.

Das ist jenes Szenarium, in dem zehn Tänzer – ausschließlich Männer – eine Stunde lang das tun, was sie zu ihrem Beruf gemacht haben. Tanzen. Ein feiner Lichtstrahl, der im Laufe der Vorführung seine Position vom rechten hin zum linken Bühnenabschnitt verändert, markiert den Sonnenverlauf. Die Dunkelheit zu Beginn, die sich im Laufe der Vorführung aufhellt, stellt sich wieder ein, als die Sterne zu flimmern beginnen und verschwindet abermals bei „Tagesanbruch“. Ein Tag, 24 Stunden sind es wohl, die Bruno Beltrão mit seiner Grupo de Rua, mit dieser Lichtinszenierung (Renato Machado) markiert.

„New Creation: Inoah“ ist der Titel dafür. In den Vorankündigungen war noch von einem Laufband zu lesen, auf welchem die Tänzer über 4 km im Laufe der Inszenierung abspulen würden, doch kurzfristige Änderungen ließen dieses Sportgerät außen vor. Geschadet hat es dieser Choreografie überhaupt nicht.

Ein Tag im Tanzstudio

Beltrãos Tänzer agieren nach einer unglaublich komplexen Choreografie. Dabei wundert man sich, wie es überhaupt möglich ist, sich die enorme Vielfalt an raschen Bewegungsabfolgen zu merken, die gezeigt werden. Und was für Bewegungsabfolgen das sind! Der mittlerweile auf der ganzen Welt bekannte, brasilianische Choreograf lässt darin eine ganze Reihe von Tanzstilen miteinander verschmelzen. Formationen aus Hip-Hop und Streetdance treffen auf zeitgenössischen Bühnentanz. Harte Rempeleien und Bewegungsmuster aus Sportarten wie Kick-Boxen oder Basketball vermischen sich mit immer wiederkehrenden Zuckungen von Händen oder Armen. Repetitionen, die nicht dechiffrierbar sind, aber auf einen Code hinweisen, den die Männer untereinander verstehen.

Immer wieder geraten sie mit Bodychecks aneinander oder schleudern ihre Körper gegenseitig weg, ohne auf den sofort danach einsetzenden Aufprall des Gegenübers zu achten. Ausstaffiert mit Kleidern oder zumindest Röcken in unterschiedlichen, gedämpften Farben und festen, zum Teil knöchelhohen Turnschuhen, vermitteln sie jedoch nicht eine Sekunde Weiblichkeit. Vielmehr meint man, das Testosteron bis in die letzte Reihe der Halle G im Museumsquartier zu riechen.

Tempo, Tempo, Tempo

Die Tänzer treten in kurzen Soli auf, auch zu zweit, dritt oder viert, oder aber alle 10 Mann gleichzeitig. Es ist ein beständiger Wechsel, ein temporeiches Kommen und Gehen, das von elektronischen Klängen (Felipe Storino) bis hin zu Geräuschen wie einem Donnergrollen unterfüttert werden. An einer Stelle meint man Stimmen einer skandierenden Menge zu hören, die sich wieder entfernt. Eine Soundkulisse, die so vielfältig ist, wie ein Tag sie zufällig mit sich bringen kann.

 

New Creation Inoah von Bruno Beltrao (c) Karla Kalife

Bei ihren rasanten Auftritten ducken sich die Männer, fallen, weichen einander aus, kullern über die Bühne in allen nur möglichen Varianten, die man sich vorstellen oder vielmehr nicht vorstellen kann. Sie rollen sich dabei über über ihre Schulterblätter ab, wippen zusammengekrümmt im Duett hintereinander auf ihren Rücken, wie zwei soeben verlassene, leere Schaukelstühle. Sie springen vom Boden wie fliehende Insekten, laufen auf allen Vieren quer über die Bühne, wirbeln um ihre eigene Achse.

An einer Stelle beginnen die Tänzer zu sprechen, sich über das, was ihre Kollegen auf der Bühne machen, zu unterhalten. Man versteht ihre Worte nicht, aber kann sich vorstellen, dass sie sich kritisieren, Vorschläge einbringen, kommentieren. Es herrscht ein permanentes Mit- und Gegeneinander, das sich von einem Moment auf den anderen ändert.

Alb- oder Wunschtraum

Als sich der Nachthimmel zeigt, haben alle die Bühne verlassen. Die Männer stehen im Dunkel, bis zwei von ihnen gebückt vor an den Bühnenrand kommen. Mit nacktem Oberkörper versuchen sie sich beim Posieren gegenseitig zu übertreffen. So als ob sie an einer Mister Universum-Show teilnehmen würden. Kurz darauf agieren sie wie Roboter und zeigen keinerlei Gefühlsregungen, als einer von ihnen auf dem Boden hingestreckt liegen bleibt. Weder der Sieger noch der Besiegte haben Freude an dem Kampf, der gerade hinter ihnen liegt. Ein Albtraum, der sich beim Herannahen des neuen Tages verflüchtigt. Oder zeigte die Szene ganz in traumdeuterischer Interpretation vielmehr einen Wunschtraum? Nicht tanzen, sondern Muskeln spielen lassen, bis der Gegner aufgibt?

Abermals beginnt das Tanzspektakel von Neuem. Nur jetzt noch wilder, noch schneller, noch atemberaubender, so als würde das am Tag zuvor Trainierte nun noch besser, noch exakter, noch perfekter sitzen. Nach dem völlig unerwarteten Ende, markiert nur durch ein plötzliches Licht-Aus, reagierte das Publikums begeistert, mit lang anhaltendem Applaus.

„New Creation: Inoah“ verweigert eine herkömmliche Erzählstruktur, oder besser – verschleiert sie. Denn vorhanden ist sie trotz aller enigmatischer Darstellung ja dennoch. Zugleich weist die Produktion eine bislang nicht gesehene Tanzästhetik auf, die hauptsächlich auf Geschwindigkeit, Kraft und Teamgeist setzt. Bruno Beltrão dekliniert dabei das männliche Prinzip im Tanz auf neue Art und Weise durch. Er scheut sich nicht, Stereotype zu bedienen, auch wenn er sie zugleich mit gendergerechten Kostümen konterkariert. Rivalität, das Gerangel um den besten Platz in der Gruppe, die Stilisierung des männlichen Körpers sind ein Teil dieses „In-Szene-Setzen“, in dem Reflexion, Poesie und Langsamkeit keinen Platz haben. Zugleich zeigt es eine Momentaufnahme, in der die Befindlichkeit, die zwischen dieser brasilianischen Männergruppe herrscht, gespiegelt wird. Wenn man will,  könnte man dies als Metapher einer rauen Außenwelt interpretieren, in der das Recht des Stärkeren nach wie vor als oberstes Prinzip gilt. Das Stück ist ein starkes Bekenntnis zu einer ausschließlichen, männlichen Tanzpräsenz die förmlich nach einem weiblichen Pendantabend schreit.

Migration und Hühnersuppe haben viel miteinander zu tun

Migration und Hühnersuppe haben viel miteinander zu tun

Als Agora wurde in der griechischen Antike nicht nur der zentrale Marktplatz einer Stadt bezeichnet. Sie war auch der Ort, an dem Gerichtsverfahren stattfanden und sich vor allem die Athener Bürger zum Dialog versammelten, um dort politische Entscheidungen zu treffen. Heute haben unsere Parlamente die Stelle der Agora übernommen, jedoch so, dass immer mehr Bürger das Gefühl haben, dass die Agora, wie sie sich im 19. und 20. Jahrhundert herausgebildet haben, nicht mehr adäquat ist.

Das kann man sowohl an den Stammtischen als auch in den akademischen Diskussionen über Postdemokratie, Liquid Democracy oder anderen partizipativen Modellen hören.

Agora im Schauspielhaus Wien (Foto: Luca Fuchs)

Die Idee, die Agora zurück in die Öffentlichkeit zu holen, ist seit mehreren Jahren integraler Bestandteil der darstellenden Kunst geworden. In Wien gezeigt wurde – unter anderen – bei den Festwochen 2014 das Gerichtsstück „Please Continue (Hamlet)“, welches eine Gerichtsverhandlung simulierte, in der das Publikum in die Rolle der Geschworenen schlüpften. Wie man daraus erkennen kann, starteten Experimente zum öffentlichen, politischen Diskurs, nicht erst in diesem Jahr bei den Wiener Festwochen.

Ein Format von Milo Rau und Robert Misik

Für das diesjährige Programm haben Milo Rau und Robert Misik die Idee der Agora für das Wiener Publikum mit zum Teil theatralischen Mitteln konzipiert. Im Schauspielhaus im 9. Bezirk, das man nicht gerade als den zentralsten Ort Wiens bezeichnen kann. Dennoch nutzten zahlreiche Bürger und Bürgerinnen an insgesamt sieben Spielabenden die Gelegenheit, sich aktiv am Meinungsaustausch über verschiedene politische Themen zu informieren und auch zu artikulieren.

Zu Beginn und auch am Schluss wurde das Diskussionsgeschehen mit je einer Szene eingerahmt, in welcher Vassilissa Reznikoff, Simon Bauer und Steffen Link, Ensemblemitglieder des Schauspielhauses, die Vox populi wiedergaben. Breit gefächert, von Stammtischparolen bis hin zu persönlichen Statements, die den Rückzug aus jeglichem politischen Engagement signalisierten, reichte hier die Palette.

Diskussionsimpulse kamen von interessanten Gästen

Robert Misik – Agora im Schauspielhaus Wien (Foto: Luca Fuchs)

Die Grundidee von Robert Misik war, mit möglichst vielen Menschen ins Gespräch zu kommen und der Frage nachzugehen, in welcher Gesellschaft wir leben wollen.

Dafür hatte er für jeden Abend andere Gäste aus Publizistik, Politik und Gesellschaft eingeladen, mit kurzen Impulsvorträgen die Diskussionsthemen anstießen. Der Abend des 7. Juni war von der Integrationsdebatte geprägt, da Melisa Erkurt, Journalistin bei „dasbiber“ einen Input aus ihrer persönlichen Erfahrung als Migrantin aus Bosnien in den 1990er Jahren vorgab.

Dabei beschrieb sie ihre Gefühle als Pubertierende, die neben den üblichen Problemen heranwachsender Jugendlicher zusätzlich von der Ablehnung und Ausgrenzung durch die Mehrheitsgesellschaft in Wien geprägt waren. Die Beeinflussbarkeit und Offenheit für Anerkennung in dieser Lebensumbruchsphase, aber auch für jede Art von Radikalisierung, zeigt sich ihr heute in den vielfältigen Schulprojekten an sogenannten Schwerpunktschulen, in denen sie mitwirkt.

Die anschließende Diskussion war sichtlich vom Willen zum Zusammenleben und der Frage geprägt, was die Zivilgesellschaft tun könne, um die Migration gelingen zu lassen. Als Mittel der Wahl kristallisierte sich, quer durch beinahe alle Beiträge, der persönliche Kontakt zu Migrantinnen und Migranten als Schlüssel eines guten Miteinanders heraus. Erich Fenninger (Bundesgeschäftsführer der Volkshilfe) und Andreas Minnich (ÖVP Wirtschafts- und Kulturstadtrat aus Klosterneuburg) brachten ebenso ihre Erfahrungen und persönlichen Erlebnisse mit Flüchtlingen in die Diskussion ein und fundierten manch ein Gefühl mit Fakten, was der Veranstaltung sichtlich guttat.

Stefan Petzner alias Spin-Doctor des Abends

Über politische Taktiken und Machtspiele gab Stefan Petzner als Spin-Doktor Auskunft und zeigte auf, dass Ausländerinnen und Ausländer für jeden Wahlkampfmanager ein dankbares Thema sind, da man mit ihnen alle Ängste, Sorgen und Nöte kanalisieren kann. Sein Rezept gegen eine weitere Aufschaukelung von Angst: Man müsse mehr positive Geschichten von zivilbürgerlichem Engagement liefern. Storytelling für die eigene Sache müsse stärker in den Vordergrund treten, denn den vielen negativen Geschichten könne nur mit mehr positiven Integrationsbeispielen ihre verheerende Wirkung genommen werden, so die Meinung des Ex-Wahlkampfmanagers der FPÖ und BZÖ.

Die Hühnersuppenanekdote

Wir wirkungsvoll dies sein kann, zeigte eine Hühnersuppenanekdote auf, die sicherlich allen an diesem Abend Anwesenden in Erinnerung bleiben wird. Dabei erzählte eine Großmutter, wie sich ihr der eklatante Unterschied zwischen der arabisch geprägten Kultur und unserer westlichen an der Behandlung einer simplen Hühnersuppe zeigte. Und dass es letztlich nicht darauf ankommt, das Trennende in den Vordergrund zu stellen, sondern vielmehr darauf, den anderen zu verstehen und letztlich auch dessen Handlungsweisen versucht zu tolerieren. Ganz nebenbei bestätigte diese Marokkanisch-Österreichische Küchengeschichte die These des anwesenden Moderators, Coachs und Psychiaters August Ruhs, dass bei jeder und jedem von uns auch ein ablehnender Teil gegenüber dem Anderen in der Brust schlägt. Die Art, wie mit diesem Schatten umgegangen wird, macht den Unterschied, ob plumper Rassismus und Ausländerfeindlichkeit entsteht, oder ob ein reflexiver, rationaler Umgang mit diesem Thema vorherrscht.

Agora ist ein Format, welches das Bedürfnis nach Teilhabe und Mitbestimmung im demokratischen Prozess unterstützt. Wenn sich Spitzenpolitikerinnen und -politiker die Zeit nähmen, diese Veranstaltungsreihe zu besuchen und ihre Lehren daraus zu ziehen, dann wäre dies sicher ein Schritt in die richtige Richtung, die österreichische Diskussionskultur im öffentlichen Raum zu fördern. In sachlicher, unaufgeregter und äußerst respektvoller Form wurden die Meinungen, Standpunkte und auch Fragen präsentiert, und um Lösungsansätze gerungen. Es bleibt zu hoffen, dass sich dieses Format tatsächlich stärker außerhalb der Kunstszene etabliert und sich die Zivilgesellschaft häufiger in möglichst vielen Agoren zum Meinungsaustausch trifft.

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