Für mich hat Kunst immer einen heilsamen Effekt gehabt

Für mich hat Kunst immer einen heilsamen Effekt gehabt

Für mich hat Kunst immer einen heilsamen Effekt gehabt

Von Michaela Preiner

Katharina Reich (Foto: Walter Oberbramberger)
15.
Jänner 2020
KATHARINA REICH wurde 1980 geboren und durchleutet als freischaffende Künstlerin unkonventionell ihr Umfeld. Daraus entwickelt sie interdisziplinäre Arbeiten wie gefilmte Performances, am Körper tragbare Skupturen, Vorträge in der Schnittmenge von Psychologie und Kunst und Podiumsdiskussion mit Interatkionsspielraum etc. Es geht ihr um das Wahrnehmen des Ichs im Gefühl, im Erfühlen.

Seit einigen Jahren fokussiert sie sich vermehrt auf Kooperationen mit unterschiedlichen Netzwerken, die sich mit unterschiedlichen transkulturellen Haltungen beschäftigen. Kunstschaffende, Menschen von Nebenan – die unmittelbaren Nachbarn‐ genauso wie Universitäten, Museen und Galerien oder Off spaces sind Teil ihrer Arbeit. Sie tritt bei Diskussionen auf und bringt unbequeme und schwierige Themen mit Fingerspitzengefühl in den Dialog ein.

Sie hält Vorträge zum Thema der mütterlichen Gewalt an der Tochter, ist als Frauenrechtsaktivistin und freischaffende Künstlerin tätig. Sie ist selbst Betroffene von mütterlicher Gewalt. Reich hat die Gruppe MüGeAnTo gegründet und leitet sie. Ihre Gewalterfahrung verarbeitet sie in ihrem Werk seit 1996.

Wie bist du denn zur Kunst gekommen? Wusstest du schon lange, dass du Künstlerin werden wolltest oder kam das step by step?

Ich war schon in der Volksschule beim Zeichnen die Beste. Vor 10 Jahren hatten wir ein Volksschultreffen und dafür hatten wir ein Buch mitgebracht, dass wir in der Schule gemacht hatten. Als wir das angeschaut haben, haben meine Kolleginnen und Kollegen gesagt: „Das war klar, dass du Künstlerin werden würdest.“ Die anderen haben die Haare als Strich gezeichnet, wenn die Haare zu einem Knödel gebunden waren, dann war es bei ihnen eine Kugel. Bei mir sind noch die feinsten Haare im Detail gezeichnet gewesen oder die Falten und der Stoffwurf bei den Blusen. Es war schon absehbar.“

Gibt es in deiner Familie Künstlerinnen oder Künstler?

Ja schon. Zwar hat niemand auf der Akademie ein Studium abgeschlossen. Es gab aber einen Ur- oder Ururgroßonkel, der angefangen hatte, Malerei zu studieren, aber ihm kam der Erste Weltkrieg in die Quere. Sonst gibt es viele Handwerker und viele Leute aus der Textilbranche. Daraus erkläre ich mir heute die Taktilität, die haptischen Momente und die feinen Arbeiten in meinen Werken. Ich glaube, das sinnliche Ertasten wurde über Generationen weitergegeben. Ich trage die textile, weiche Empfindsamkeit der Stofffabrikantenseite in meiner Familie in mir und die mechanisch-metallische Seite der Uhrmacher. Kurz: Ich bin neugierig auf das Erkunden von Materialien und das daraus Schaffen.

Wenn du deine Kunst beschreiben müsstest – wie würdest du das kurz und bündig tun?

Es gibt zwei Bereiche. Zum einen entwickle ich Kunstwerke über den Dialog – das ist die geistige Ebene. Das andere ist, dass mir die Materialität eine Sicherheit gibt.

Welche Art von Dialog meinst du?

Das kann zum Beispiel ein Dialog mit der Marktstandlerin vom Naschmarkt sein. Ich kenne den Naschmarkt, seit ich ein kleines Mäderl war. Ich bin dort in der Ecke von Wien aufgewachsen. Wenn ich da zum Beispiel mit einer Standlerin über einen Kartoffelhändler rede, dann kommt was über Kartoffeln. Ich kann jetzt für dich als Steirerin eine Brücke nach Graz zur Synagoge schlagen, in der ein großes Mobile von mir hängt. In dieser installatativen Arbeit geht es um Knollenfrüchte und ihre Speicherkapazität. Die Grundidee kam tatsächlich beim Gehen über den Naschmarkt. Man kann die Pflanze oben abschneiden, aber die Knolle hat die Lebensenergie und wird wieder austreiben. Das ist für mich das Sinnbild des Judentums, aber man kann das auch in der frühen Christenverfolgung genauso sehen. Da gab es ja auch starke Widerstände. Auch in diesem Kunstwerk mit dem Titel „verwurzelt“ ist viel Taktilität enthalten. Das Mobile hat viel mit Architektur zu tun, man muss es statisch austarieren, damit es funktioniert. Ich habe es aus Aluminiumrohren gebaut. Das Mobile hat 3,5 Meter Durchmesser und ist 8,5 Meter lang und mit Stahlseilen verbunden. Daran hängen runde Elemente, die ich aus Papiermachée geformt habe. Das alles bewegt sich im Raum. Wir müssen als Menschen im Dialog ja auch beweglich sein. Auf diese Arbeit bin ich heute noch stolz und würde sie auch heute noch so abliefern wie damals. Die raumgreifende Installation „verwurzelt“ ist aus dem Jahr 2005.
Foto und Konzept mit Zeichnung
„verwurzelt“, 2005 • Fotos: Katharina Reich

Gibt es ein bestimmtes Thema, das sich in deiner Kunst durchzieht oder arbeitest du situationsbezogen?

Natürlich gibt es meine Familiengeschichte, aus der ich schöpfe, aber es ist sehr unterschiedlich, in welchen Präzessionen oder Details sie tatsächlich herauskommt. Eigentlich ist das ein trauriger Teil von mir, aber ich habe gelernt, dass ich daraus auch viel Sicherheit herbekomme. Die liegt eigentlich immer unter allem drunter. Ich hatte die Sicherheit im Familienhintergrund nicht, aber übers Greifen, die Haptik, bin ich selbst zur Sicherheit gekommen.

Das Wort helfen kommt bei dir oft vor, wenn man länger mit dir spricht. Hat Kunst auch einen therapeutischen Wert für dich?

Ja klar! Da komme ich selber ja auch her. Ich glaube ohne Kunst wäre viel von dem, was ich heute mache, gar nicht möglich gewesen. Für mich hat Kunst immer einen heilsamen Effekt gehabt. Auch meine Körper- und Schmuckskulpturen haben mir immer Halt gegeben. Wenn es in meiner Familie ohne Halt ganz schlimm war und ich mich ganz elend gefühlt habe, habe ich mir Glasperlen aus einem Schuhkarton ausgeleert und meine Finger darin untertauchen lassen. Das habe ich lange machen können, das Gefühl der Perlen, sie durch die Finger rinnen zu lassen hat mich beruhigt. Ich habe bis heute diese Kiste und bringe es auch nicht übers Herz sie herzuschenken. Ich mache auch nichts damit, aber die Kiste gibt es noch. Die wandert von Wohnung zu Wohnung und von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Vielleicht gibt es irgendwann einmal Kinder, die damit etwas machen.

Hat sich deine Kunst im Laufe der Jahre ideell oder materiell verändert oder sich sukzessive weiterentwickelt?

Ich bin grundsätzlich ein sehr dynamischer Mensch und probiere gerne Neues aus. Die Materialien, die ich verwendet habe, haben sich aus verschiedenen Lebensphasen ergeben. Nehmen wir z.B. die Assemblagen her. Das sind dreidimensionale Collagen, die auch etwas Architektonisches an sich haben. Die habe ich angefangen, weil ich die Plastiktassen, den Abfall unserer Gesellschaft, so ästhetisch gefunden habe. 2001 habe ich damit begonnen und arbeite bis heute fortlaufend noch daran. Meine Großmutter hatte ein Faible für die Vogue. Da waren immer wahnsinnig ästhetische Fotos drin. Sie kam aus einer Textilfabrikanten-Familie und hatte natürlich einen tollen Zugang zu Textilien und tolle, schöne Kleidungsstücke gehabt. Immer wenn sie in Wien war, sind Vogue-Hefte übriggeblieben. Und ich habe es nicht übers Herz gebracht, sie wegzuwerfen, weil sie einfach so schön waren. Die Zeitungsartikel habe ich aus meinem feministischen Erleben heraus schwachsinnig gefunden, aber ich konnte aus den Fotos etwas bauen. Habe sie ausgeschnitten und kleine Welten daraus gebaut. Noch heute baue ich immer wieder kleine Welten.
Assemblagen, seit 2001 laufende Arbeitsserie • Foto: Katharina Reich

Ist dieser Vorgang so etwas wie sich selbst Entwelten und aus der Welt flüchten?

Wenn ich Kunst mache, vergesse ich Raum und Zeit. Ich habe auf meinem Telefon eine Erinnerung für zu Mittag eingerichtet, damit ich nicht aufs Mittagessen vergesse. Denn wenn ich einmal im Tun bin, kann das bis zu 12 Stunden gehen. Ich tauche dann so ein, dass ich Raum, Zeit, alles um mich vergesse. Ich höre nichts mehr. Ich bin ganz bei mir.

Die Assemblagen und die Auftragsarbeit „verwurzelt“ in der Grazer Synagoge sind vom Ansatz her ganz unterschiedlich. Die eine Arbeit ist raumbezogen und in einen sozialen Kontext eingebunden und die anderen Arbeiten stammen aus deinem Innersten, aus dem Wunsch, etwas für dich selbst zu machen. Wie sieht das im Kunstbetrieb für dich aus? Wenn du etwas nur für dich machst, heißt es noch lange nicht, dass das auch jemand kauft. Wie gehst du damit um?

Das ist eine schwierige, gefinkelte Frage. Ich kann Schmuckstücke machen, die gefällig sind, die sich gut verkaufen, aber nicht unbedingt von Herzen kommen würden.

Wie kamst du zum Schmuckststücke-Machen?

Ich habe die Kunstschule Herbststraße gemacht und komme aus einer alten Uhrmacherdynastie. Da war Goldschmieden auch immer so ein bisschen ein Teil davon. Ich bin die, die gesagt hat, Uhrmacherin möchte ich auf keinen Fall werden, aber mit Schmuck hatte ich von Klein an zu tun.

Die Platzpatronen, die wir in meiner Kindheit verwendet haben, hatten Ringe und ich habe die Ringe alle rundherum abgebrochen, bis auf einen. In den habe ich einen Kieselstein hineingesteckt. Der Ring war natürlich einen Kilometer zu groß für meinen kleinen Kinderfinger, aber er war mein erstes konzeptuelles, performatives Schmuckstück.

Was den Verkauf meiner Arbeiten betrifft, probiere ich viel aus, schaue wo sind Leute, wo das hinpasst, wo muss ich mich am wenigsten verbiegen und wo muss sich das Gegenüber am wenigsten verbiegen. Ich mache das schon lange und da bekommt man dann schon auch ein gewisses Gefühl dafür. Ich glaube ganz fest daran, dass authentisch Sein und authentisch Arbeiten langfristig besser wirkt als anbiedern und Gefälliges machen.

Schmuckserie „angst mit liebe ersetzt“, 2019 | foto: thomas gobauer/ bildkonzept: katharina reich

Du hast bei deiner Schmuckproduktion eigene Serien entwickelt.

Grundsätzlich ist es so, dass ich mir jedes Mal ein anderes Material heranziehe und mit dem arbeite. Das Ziel dabei ist immer eine Serie. Ich mache das seit 7 Jahren, jedes Jahr kommt eine Serie heraus. Dabei arbeite ich mir eine Materialidee in einer Experimentalphase zurecht, bis es ganz konkret ist. In einer Serie ging es zum Beispiel ums Ausprobieren, was kann ich an Größe erzeugen, was kann ich hart und gleichzeitig weich bei Textilien machen. Das war die Voraussetzung. In dieser Serie habe ich Textilien gepresst, geknotet und geknüpft, gewickelt, geflochten, sie genäht, zu Quasten geformt. Was mir wichtig ist, ist, dass die Komposition am Ende ganz ästhetisch ist. Wenn es bei mir schon wehtun anfängt, dass ich es nicht hergeben möchte, dann ist eine Arbeit für mich fertig.

Du hast auch eine Serie mit Fahrradketten gefertigt. Die hat etwas mit deiner Zeit als Fahrradbotin zu tun.

Ja, genau. Ich hatte die Idee eine Ausstellung mit Material zu machen, das ich von Freunden bekommen habe, die ich aus meiner Zeit als Radbotin, aber auch aus der Kunstschule gekannt habe. Ich bekam bunte Teile aus Radketten. Ketten sind Teile, die sich sehr schnell abnutzen und es gibt auch bunte Radketten, die auf die entsprechende Länge, die gebraucht wird, gekürzt werden können. Da blieben dann von einem Freund bunte Reste übrig, die er mir geschenkt hat. Von einer Freundin habe ich Stoffreste bekommen, die beim Fertigen ihrer Textilien übriggeblieben sind. Daraus habe ich Kugeln geformt und gewickelt, die dann später in einer Weiterentwicklung noch in die Textilserie eingeflossen sind.

Das bedeutet, wenn man von dir ein Stück Schmuck kauft, hat man auch ein Stück Lebensgeschichte von dir.

Ja, das ist immer wichtig in der Kunst. Da steckt immer ein Stück Geschichte drin. Wenn ich mir im Urlaub etwas kaufe, habe ich ein Stück Urlaub drin. Wenn ich mir eine Katharina Reich kaufe, kaufe ich ein Stück Geschichte und ein Objekt, das einen Hintergrund, einen Inhalt, eine Dichte hat. Ich glaube, das ist etwas Wichtiges.

Würdest du einen Wiedererkennungswert in deinen Arbeiten sehen?

Die Frage würde ich gerne an dich zurückgeben! Vielleicht siehst du etwas?

Du machst ja viele verschiedene Dinge. Du malst, machst Objekte, Schmuck, Fotoarbeiten, Performances, es gibt auch Lyrik. Die bildende Kunst hat sich ja in alle Richtungen hin geöffnet bis hin zur Aussage, dass ein Wiedererkennungswert nicht mehr vorhanden sein muss. Der Wiedererkennungswert kann sich ja auch in einer Idee manifestieren, die dann von einem Künstler oder einer Künstlerin in alle möglichen Richtungen hin ausgeschlachtet wird. Aber wenn ich konkret noch einmal die Frage stelle, woran man deine Kunstwerke im ersten Moment erkennen kann, was würdest du drauf antworten?

Es ist die taktile und haptische Ebene, die hat jede Arbeit. Das ist egal, ob ich eine Performance mache, die auch mit haptischen Objekten arbeitet, die ich baue, und dem Publikum hinstelle, um angegriffen werden zu können. Oder: Wenn ich meine Schmuckobjekte, die ich am Körper trage und die wie kleine Skulpturen sind, führt das regelmäßig bei Ausstellungen dazu, dass ich beobachte, dass Leute diese ausgestellten Skulpturen angreifen und sie mit ihren Händen be-greifen wollen. Dann komme ich daher und schmunzel, worauf es die jeweilige Person reißt, ich aber gleich sage: „Nein, nein! Das soll ja so sein! Wollen Sie das probieren?“ Meine Arbeit erfolgt über diese Grenzüberschreitung und der Lust am Greifen. Das Fühlen, Greifen und Be-greifen hat auch etwas mit Loslassen zu tun. Lassen, loslassen, einlassen.

Das Körperliche an sich ist für dich total wichtig.

Ja, genau.
performance „(un)schuldig, 2019 • Foto: Werner Hartinger

Gibt es Arbeiten, auf die du heute, auch wenn du sie schon länger gemacht hast, noch ganz stolz bist?

Eines ist ein Ring, der in Augform gestaltet ist. Das ist eine ganz frühe Arbeit aus dem Jahr 1997. Er ist aus Edelstahl und von der Seite her bildet er eine Augenform, durch die ich mit dem Finger schlüpfen kann. Die Augform verbindet meine Arbeit immer wieder, kommt seit dem Beginn meiner Arbeit immer wieder vor. Mich freut das immer noch, dass ich schon damals, als ich 16 war, die Form Kopf und Bauch zu verbinden, gefunden habe. Wir haben die Augen, den Mund – das sind elementare Sinnesorgane, die diese Augform haben. Der Mund hat ja auch eine Augform. Und wenn wir als Frauen zwischen unsere Beine schauen, haben wir auch eine Vagina, bwz. die Vulva mit einer Augform. Das sind drei ganz wesentliche, elementare Sinnesinstrumente des weiblichen Körpers. Da bin ich stolz drauf, dass ich das so früh schon begriffen habe. Aber auch die one-minute-drawings machen mir viel Freude. 2017 war ich in Los Angeles und dachte mir: „Verdammt noch mal, ich weiß nicht mehr, ob ich noch zeichnen kann!“ Ich war alleine unterwegs und wenn es zu heiß wurde und ich mir einen Kaffee gegönnt habe, bin ich vor irgendwelchen, lustigen Gegenständen gesessen. Da habe ich dann die Zeit totgeschlagen und da kam mir die Idee zu schauen, ob ich noch zeichnen kann. Denn meine Skills waren eingerostet und ich wollte sie wieder vertiefen. Dann habe ich die Objekte, die vor mir waren, angefangen abzuzeichnen, mit der Prämisse: In einer Minute muss es fertig sein! Ich habe ein Notizbuch gehabt, das aber nicht immer die richtige Größe hatte wie zum Beispiel für ein Glas, das auf eine Seite vom Format her nicht drauf gepasst hat. Aber auf den Zahlbon, da ging es sich aus. Dann habe ich den hergenommen. Beim nächsten Mal habe ich einen Bleistift gezeichnet, den die Serviererin am Tisch vergessen hatte. Und so ist diese, ganz einfache, taktile, schon bildhauerische Arbeit der one-minute-drawings entstanden. Es gibt auch eine Performance, bei der ich das zeige. Das Publikum bringt ein Alltagsobjekt mit wie Brillen, oder einen Schlüsselbund – der ganz schön anstrengend war in einer Minute zu zeichnen. Man kann sich aus einer Schale mit unterschiedlichen Papieren, die von meinen Reisen stammen, das Objekt draufzeichnen lassen. Das letzte Mal hat sich eine Frau, eine Schweizerin, den Schlüsselbund von der Wohnung ihrer Freundin aus Wien zeichnen lassen. Dann waren sie sich nicht sicher, ob sie die Zeichnung ganz lassen würden oder ob die sie halbieren und jede in ihrer Wohnung eine Hälfte aufhängen würden. Das war mir zwar nicht so recht, aber zugleich auch ein richtiger Lernprozess. Für mich ist es elementar, dass die Person, die ein Kunstwerk von mir zu sich nimmt, das auch wertschätzt.
Zeichenperformance „one-minute-drawings“, seit 2017 • Foto: Walter Oberbramberger

Du schreibst auch. Seit wann machst du Lyrik?

Seit 15 Jahren. Ich habe das lange für mich behalten, dass ich Lyrik schreibe. Das kam aus einem Reinigungsprozess heraus. Lyrik ist ein Feld, das etwas exotisch daherkommt. Ich habe lange Rilke verehrt, mag seinen Panther sehr gerne. Ich mag auch den Christian Morgenstern. Das sind große Lyriker, die mir sehr zugetan waren. Irgendwann habe ich rausgefunden, dass ich mich in Gedichten ausdrücken kann, wenn ich Schweres am Herzen hab. Die schüttel` ich in einem absolut reinen Reimschema in 10 Minuten raus. Das geht einfach so. Natürlich arbeite ich dann schon zwei, drei Mal noch drüber, wenn ich merke, dass es noch holpert. Aber mit diesen lyrischen Dingen arbeite ich auch ins Musikalische hinein. Ich singe ja auch in Chören und ich möchte irgendwann auch das Lyrische mit dem Musikalischen verbinden.
axelhaare | titel             28.11.2018                                                                        copyright by katharina reich

die haare in meiner axel haben mich lange beschäftigt
ich find sie bei anderen frauen prall wunderbar mächtig!
doch wie ist das bei mir? ich versuchte es mit wachsen
und hab´s bis auf cirka fünf milimeter gebracht. faxen!
dann hab ich den rasierer genommen und ab damit..
die axel nackig und ich war wieder am glatzigen limit.

auf´s neue plagten mich gedanken, feministin bin ich
da möcht ich axelhaare in meiner axel, am tageslicht
ich habe überlegt, bin ich weniger frau ohne haare da?
hm. schwierige frage, aber irgendwann sagte ich: ja.
ich trag sie seitdem abrasiert und freu mich für frauen,
die ungeniert ihre axelhaare frei wachsend ausbauen.

das ist nun mein sinnbild für meine toleranz in mir.
ich wünsch mir das auf viel umgelegt im jetzt und hier
denn ob axelhaare ja oder nein, es geht um´s frau-sein.
hier unter frauen mit und ohne axelhaaren. ja, herein!
fortschritt ist für mich vielfalt von weiblichkeit und kraft.
ich stehe voll in meinem frau-sein da, im weiblichem saft.

egal ob kringellocke, rothaarig, dunkel, schräg oder hell,
ich mag hören, wer ihr seid und verstehen, einfach grell!
leben heißt sterben, mein selbst braucht andere, existenz.
…das weiß ich zumindest seit krebs. das war die konsequenz.
ich fühle mich selbst, nicht als eine fremde, sondern als frau.
genauso fühle ich mich selber in meinem hier, himmelblau?

Hast du schon etwas veröffentlicht?

Nein, aber das möchte ich gerne. Ein Gedichtband wäre schön. Ich habe ja schon ein paar Hundert, da kann ich schon etwas aussuchen. Von himmelhochjauchzend bis zu Tode betrübt gibt es alles, das ganze menschliche Spektrum. Sie sind sehr persönlich, weiblich, vom Genre her auch feministisch, oft mit viel Augenzwinkern ausgestattet.

Wenn du im Kunstbetrieb etwas verändern wolltest, wo würdest du denn da ansetzen?

In der Fairness mit Frauen. Wir sind sicher bei 50:50 weibliche und männliche Kunstschaffende. Wenn wir aber anschauen wer weltweit oder am österreichischen Galerienmarkt ausgestellt wird und ich sehr wohlwollend bin, sage ich 80:20. Soweit ich weiß, ist die Vertretungsebene aber trotzdem bei 90 Prozent männlich und 10 Prozent weiblich. Wenn ich die Möglichkeit hätte, da etwas zu verändern, wäre das für mich ein großes Anliegen, den Frauenanteil auf 50 Prozent Marktanteil bei Galerien zu bekommen.

Ich arbeite selber im solidarischen Bereich mit Frauen. Das ist mir in meiner eigenen und Netzwerkarbeit ganz wichtig und ich arbeite in dem Bereich aber auch mit Männern zusammen, um da etwas dazu beizutragen. Ich kann zwar etwas ankreiden, aber ich muss schon selber meinen Hintern bewegen. Über diese zwei Ebenen und den Kunstunterricht kann ich etwas bewegen. Bei den Kindern kann ich ganz klar Geschlechterkontexte aufbrechen und tue das auch. In einem Workshop war ein kleiner Bub dabei, der stark in Rollenbildern verhaftet war und nichts vom Dritten Geschlecht gehört hatte. Ich habe dann eine Geschichte erzählt, in dem ein Wesen des Dritten Geschlechts vorkam, das war ein gelber Frosch. Da hat der Bub dann gefragt, wie denn das Wesen denn heißen könnte. Das fand ich eine super Frage, und hab die Kinder animiert, gemeinsam eine Antwort zu finden. Dann kamen Aussagen zu Namen, die Buben und Mädchen gleichzeitig haben, aber sie kamen auf die Idee eines Doppelnamens. So wurde das zweigechlechtliche Wesen zu Freda-Tom. Mit Studierenden habe ich einen Schmuckworkshop gemacht, zu dem auch Männer kamen. Ich versuche die klaren, festgefahrenen Rollenaufteilungen beim Arbeiten aufzubrechen. Da kann ich auch konkret Gesellschaft verändern.

kinder mit eigenen arbeiten, 2019 • Foto: Katharina Reich
erwachsene mit selbstportrait, 2019 • Foto: Katharina Reich

Du unterrichtest ja auch und gibst Kurse für Kinder und Erwachsene. Ist das Weitergeben des taktilen Sensoriums für dich auch etwas Wichtiges?

Da ist eine neue Facette für mich entstanden. Das Unterrichten hängt davon ab, welches Setting an Leuten ich habe. Bei Kindern ist es wieder anders. In einem Kurs waren 6-Jährige, die gemeinsam mit 8-Jährigen in einem Kurs auf der Angewandten waren. Die hatten eine Bandbreite an Können und Aufmerksamkeit, aber auch an Nicht-Aufmerksamkeit. Die Kleineren können ganz lange in einem Material bleiben. Aber mit der Aufmerksamkeit, um etwas umzusetzen, hapert es noch. Vielleicht ist das aber auch gut, weil sie noch einen sehr elementaren Zugang haben. Die 8-Jährigen bleiben schon eher dabei, aber die Ursprünglichkeit ist bei ihnen schon ein bisschen weg. Für Erwachsene gab ich einen Zeichenkurs, in dem es um Portraits und Ganzkörpererfassen ging. Da habe ich gesehen, dass es Leute gibt, die ganz weit weg von sich sind und behaupten, dass sie nicht zeichnen könnten. Ich habe einer Dame gesagt, dass ich das nicht glauben würde, weil ich weiß, dass jeder zeichnen kann und ich habe ihr gesagt: „Du wirst ja einen Grund haben, warum du gekommen bist.“ Im Endeffekt hat sie am Ende etwas ganz, ganz Schönes gesagt: „Danke! Ich kann mich jetzt besser fühlen!“. Und da sind wir wieder bei mir. Ich versuche es einfach übers Fühlen, aber auch übers Freilassen und den anderen Raum geben und ihnen vermitteln, dass sie die Kraft in sich haben. Ich schau immer mehr, dass ich die Schülerinnen und Schüler, die ja auch mir einen gewaltigen Teil beibringen, möglichst viel Raum gebe, dass sie sich selbst erfahren können. Ich habe den Erwachsenen gesagt, dass sie sich gegenseitig auch ihre Zeichnungen zeigen sollten. Da hat man dann gesehen, dass ein Ferdinand irrsinnig toll schattieren konnte, aber er hatte Probleme bei Feinheiten mit dem Stift eine genaue Kontur zu ziehen, das war nicht seine Stärke. Die Renate hat mit dem harten Bleistift ganz fein vorzeichnen können, hat dann aber Mut gebraucht, eine Linie mit dem weichen Bleistift nachtzuziehen, um dem dann Tiefe zu geben. Die nächste hat ein wunderbares Porträt mit tollen Haaren gezeichnet. Sowas habe ich noch nicht erlebt. Das war die, die sagte, dass sie nicht zeichnen kann. So hat jeder Mensch Stärken. Ich freue mich, wenn ich diese Stärken mit den Teilnehmenden gemeinsam herausfinden kann. Wenn sie dann rausgehen und eine Arbeit mitnehmen, durch die sie eine neue Fähigkeit an sich entdeckt haben.

Das erinnert mich ein wenig an die mittelalterliche Gewaltenteilung in der Kunst. Einer war spezialisiert auf Landschaften, ein anderer auf Porträts, der Dritte hat die Architektur gezeichnet. Haben sich die Teilnehmenden auch ergänzt oder nur voneinander gelernt?

Ich habe sie dazu angehalten zu schauen. Das mache ich auch bei den Kindern. Wenn ich 12 8 bis 10-Jährige habe, kann ich mich nicht gleichzeitig allen widmen. Dann versuche ich schon, die die flotter sind anzuhalten, den anderen zu helfen. Das gibt ihnen auch Kraft in der Selbstermächtigung. Eigentlich ist für mich das Ziel bei den Kursen, dass die Leute ins Selbstaktive hineinkommen. Ich möchte keine Kurse anbieten, in denen ich Leute jahrzehntelang unterrichte, wie sie es machen sollen. Eigentlich ist es mein Ziel, dass sie dahin kommen, dass sie selbst weitertun und das auch nach außen tragen. Vielleicht kann man so im Endeffekt und im Idealfall die Gesellschaft in einer Form verändern, in dem man den Menschen das, was wir jetzt im System haben, nämlich das Wegbringen von unserer Körperlichkeit, rein mit dem Kopf arbeiten, viel sitzen, viel am Computer sein verändern und Menschen wieder aktivieren. Das ist eine meiner Zielsetzungen. Ich möchte Menschen das Fühlen zeigen.
Ausstellungen u.a.: in Zusammenarbeit mit Lentos/Linz, Kooperation mit MQ/Wien, Ankauf jüdisches Museum Wien / Synagoge Graz, Gemeinschaftsarbeit mit J. Gallauer, G. Gava und T. Gobauer, Vertreten in der Sammlung ITS/Triest, Performanz Kooperation Donaufestival / Krems, Kooperation mit Werk X und den Brutpflegerinnen, Podiumsdiskussion und Ausstellung Akademie der Bildenden Künste / Wien, Arnulf Rainer Museum/ Baden; Sie ist Mitglied bei EOP und Abgängerin der Akademie der Bildenden Künste und der Universität für Angewandte Kunst
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Das Potential, das Theater hat, ist gigantisch.

Das Potential, das Theater hat, ist gigantisch.

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Michaela Preiner

Die Kunst der Nachbarschaft (2018) [Foto: (c) Reinhard Nadrchal/Volkstheater]
Ein Gespräch mit Constance Cauers über das „Junge Volkstheater“
Dass nichts im Leben so bleibt, wie es einmal war, trifft auch auf das Theater zu. Gerade in diesem Bereich jedoch gibt es große Unterschiede in der Erwartungshaltung des Publikums.
Anna Badora hat immerhin das Wagnis gestartet, das Volkstheater von seiner Ausrichtung her umzukrempeln. Dazu gehörte auch massiv die Einbindung der Wiener Bevölkerung. Nicht nur von den Themen der Spielpläne her, die den Zeitgeist widerspiegeln und – spiegelten, sondern eben auch der Intention, das Theater als Erlebnisort zu öffnen. Ein wichtiger Baustein dazu ist „Das Junge Volkstheater“.
Ausblick-nach-oben [Foto: (c) Robert-Polster/Volkstheater] (2015)
„Das Volkstheater soll ein Ort sein, an dem ich sein kann wie ich bin und offen meine Meinung sagen kann.“ Das war der letzte Satz eines Interviews mit Constance Cauers, der Leiterin des „Jungen Volkstheaters“ vor 3 Jahren. Nun haben wir noch einmal nachgefragt und wollten wissen, ob das, was sich Cauers zu Beginn ihrer Arbeit vorgenommen hatte, auch tatsächlich eingetreten ist.

Gleich vorweg: Die Hoffnung, dass die Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern, die in Wien wohnen, rege anhält, hat sich mehr als erfüllt. Über 8000 Menschen wurden in den vergangenen Jahren seit Bestehen des „Jungen Volkstheaters“ mit diesem Format erreicht. Wäre das Volkstheater ein klassisches Unternehmen, würde diese Zahl von „Kunden mit engem Unternehmensbezug“ als beachtlich gelten und eine bestens gepflegte Kundendatenbank darstellen. Mit 50 Institutionen wurde regelmäßig zusammengearbeitet und mit der Volkshilfe Österreich, der Bäckerei Felzl, sowie Amnesty Inernational gab es große Kooperationen.

„Von diesen mehr als 8000 Personen, die bei uns mitarbeiteten, durchlaufen wiederum jährlich 1500 Personen regelmäßig die Programme des Jungen Volkstheaters. Sie sind sozusagen das erweiterte Ensemble des Volkstheaters. Hier steht buchstäblich die Bevölkerung Wiens auf der Bühne“, so Cauers.

All jene, die regelmäßig kommen, ob Kinder, Jugendliche, Berufstätige, Studierende, Asylwerbende oder Seniorinnen und Senioren, zeichnet eines aus: Sie identifizieren sich zutiefst mit dem Haus und fühlen sich mit ihm extrem verbunden.

Constance Cauers [Foto (c) Daniel Kastner/Volkstheater]
Die Summe der einzelnen Teile [Foto (c) Alexi Pelekanos] (2017)
 Im vergangenen Jahr erhielt das Volkstheater einen Zuschuss seitens der Stadt, um ein „Stadtlabor“ zu gründen. Es ist eines von 12 Pilotprojekten der Stadt Wien mit dem Ziel, Kultur zu dezentralisieren, Hochkultur in die Bezirke zu bringen und mithilfe von Exzellenz im Sinne von Profi-KünstlerInnen Potentiale in den Bezirken aufzugreifen. Über den Erfolg dieser Arbeit erzählt die Theaterfrau enthusiastisch und gibt gleichzeitig einen tiefen Einblick über die Sinnhaftigkeit dieser Arbeit:

„In jedem Projekt, das ich gemacht habe, kamen wir an den Punkt, dass wir nicht nur über das Kunstergebnis, das wir gemacht haben, uns über gesellschaftliche Veränderungen austauschten und da auch ziemlich aneinandergeraten sind. Beim ersten Projekt „Ausblick nach oben“ habe ich mich mit einem 15-Jährigen ziemlich gestritten, der sagte: „Wer arbeiten will, bekommt auch eine.“ Ich habe die Meinung vertreten, dass es nicht genug Arbeit für alle gibt. Bei „Die Summe der einzelnen Teile“ war es so, dass wir viel gestritten haben über Individualisierung und die Kraft der Vielen, bei „Silver Surfer“ hat sich zu einem relativ späten Zeitpunkt einer aus der Gruppe geoutet als jemand, der ausländerfeindlich ist. Meine erste Reaktion war: „Mit dem kann ich nicht mehr zusammenarbeiten.“ Dann hat es viele Gespräche gegeben, in denen wir versucht haben, den Konflikt mit ins Stück zu integrieren – es war ja eine Stückentwicklung. Wir haben damals schon gesagt, dass wir mehr von diesen Räumen brauchen, in denen sich Menschen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen auseinandersetzen können. Wo treffe ich, die ich in meiner Blase bin, in der es viele Linke gibt, jemanden der eine andere Gesinnung hat? Wenn ja, dann bin ich jemand, der eher nicht ins Gespräch geht.

Dann verfolgten wir die Idee des „Raunens“. Wir gingen davon aus, dass so viel geraunt wird, aber wir nie zusammenkommen, um zu sagen, hier ist der Raum, in dem wir uns über Kunst darüber unterhalten können. Deswegen haben wir unser Stadtlabor „Raunen“ genannt. Wir wollten dazu einladen, dass sich Menschen mit einem Thema auseinandersetzen, von dem sie glauben, sich überhaupt nicht identifizieren zu können. Jemand, der in einer 30-jährigen Beziehung ist, kann sich z.B. einmal das Konzept der Poly-Armorie anschauen, oder jemand, der sagt: „Für mich ist Sicherheit das Wichtigste auf der Welt“, kommt zusammen mit Leuten, die ihren Besitz verkauft haben und um die Welt gereist sind. Jung mit Alt, Alteingesessene mit Neuzugezogenen usw. Am ersten Eröffnungswochende des Stadtlabors sind Alt und Jung aufeinander getroffen. Das Wunderbare dabei war das Feedback vor allem der älteren Damen, die gesagt haben, dass sie lang nicht mehr so glücklich gewesen waren. In diesem Raum wurde nicht diskutiert, sondern wir haben uns auf die Gemeinsamkeit konzentriert. Eine Frau war 60, die daneben 24 – und die hatten die Gemeinsamkeit: „Wir wollen tanzen.“ Das hat sie nicht nur total glücklich gemacht, sondern auch Potentiale freigesetzt, die vorher gar nicht da waren. Sie waren sehr angstbesetzt als sie kamen im Sinne von: „Oh Gott, tanzen! Da werden jetzt die jungen Mädels ganz wunderbar ihren Po schwingen und ich trau mich das nicht.“ Zum Schluss haben ältere Ladies auf dem Stuhl getanzt. Das Feedback hat mir gezeigt, was man mit solchen Räumen eigentlich in Gang setzen kann. Räume, in denen man Erfahrungen gemeinsam machen kann.

Constance Cauers – Leiterin des Jungen Volkstheaters [ Foto: www.lupispuma.com/ Volkstheater]
Randale und Liebe [Foto: (c) Daniel Kastner/Volkstheater]

Beim „Labor der Entscheidungen“, das wir gemeinsam mit WienXtra gemacht haben, haben wir das Turbotheater aus Kärnten eingeladen, ein Format zu entwickeln, das wie ein Entscheidungslabor funktioniert hat. Dort sollten Räume geöffnet werden, in welchen wir überprüfen: Was ist eine Entscheidung? Wie oft und wie viele Entscheidungen muss ich überhaupt treffen? Wie wichtig sind die Entscheidungen, die ich treffe? Wo kann ich überall mitentscheiden? Wenn ich frei entscheiden könnte, was wäre meine Entscheidung und welche Konsequenzen ziehen diese Entscheidungen nach sich? Das Labor war der reine Wahnsinn. Wir haben festgestellt, wie genial das ist, wenn wir Jugendlichen einen Raum geben, um mitzumachen, oder auch nicht, unabhängig vom schulischen Bereich, in dem sie ständig zu irgendwas gezwungen werden.

Dann passierte Folgendes: Im Rahmen eines Prozesses wurde die Frage aufgeworfen, dürfen Homosexuelle in meiner Stadt leben? 80% der Kinder haben sich auf das Feld „nein“ gestellt. Mein Mitarbeiter, der homosexuell ist, ist aufgestanden und hat die Stimme erhoben und fing an zu weinen, weil er so ergriffen war. Er hat gesagt: „Leute, ich bin schwul. Wenn ich jetzt bei euch in der Klasse wäre, würde ich nicht mehr in die Schule kommen. Überlegt euch jetzt mal, was ihr da gerade gesagt habt.“ Ich glaube, dieser Moment, der vielleicht durch Jux und Tollerei hervorgerufen wurde, also in der diese eine bestimmte Entscheidung getroffen wurde, hatte eine unmittelbare Auswirkung. Das ging dann noch weiter – die LehrerInnen in den Schulen, die sehr betroffen waren, haben da noch weiter mit den Jugendlichen darüber geredet und auch der Mitarbeiter ist noch einmal direkt in die Schule, in die Klasse gegangen. Dort hat er in einem zweistündigen Gespräch viele Fragen der Kinder zu seiner Biographie beantwortet, mit dem Ergebnis, dass sich am Ende alle, die sich gegen Homosexuelle ausgesprochen hatten, umentschieden.

Die Aussage der Lehrenden, dass die Kinder nicht gut Deutsch könnten, lasse ich nicht gelten. Ich glaube schon, dass das was mit der Kultur zu tun hat, aber die Tatsache, dass sowas aufgebrochen ist, passiert ist und die Verknüpfung vom Raunen ums Schwulsein hergestellt wurde und dann jemanden zu haben, der es wirklich ist – diese Verknüpfung ist so das erste Mal passiert und da ploppte für mich eine Blase auf und der Gedanke: Theater ist ja das letzte Refugium, in dem diese Dinge der Gesellschaft verhandelt werden können, und Menschen spielerisch Erfahrungshorizonte erhalten können. Dieses Potential ist eigentlich unfassbar. Theater kann ein Ort sein, in dem wir Begegnungen initiieren können, die sonst nicht stattfinden würden und anhand derer wir gemeinsam wachsen können.

 Im Prinzip geht es dabei aber immer um die Fragen: Was ist Persönlichkeit und wodurch entsteht sie? In unserer Zeit ist es so wichtig, Haltung zu zeigen. Um die Möglichkeit, sich selbst zu reflektieren braucht es auch die Möglichkeit zu sagen, ich stehe dafür, weil… Ich glaube, dass Räume, in welchen wir das lernen können, zunehmend verschwinden. Am selben Tag, an dem ich mit Jugendlichen in einem Labor saß, in dem die Frage gestellt wurde, was Junge und Mädchen ist und die sagten: Ist ja ganz klar, Penis Junge, Scheide Mädchen und nie was von genderfluid gehört haben, wurde in Irland die Homo-Ehe erlaubt. Das zeigt: „Auf der einen Ebene passiert was und auf der anderen stagnieren wir, ja finden Rückschritte statt. Da wurde uns bewusst, dass wir mit spielerischen Formaten im Theater Räume eröffnen, in dem sowas stattfinden kann.“

Cauers ist jemand, dem Langfristigkeit besonders am Herzen liegt.

„Für mich sind diese Arbeiten, ja alles, was ich jemals am Theater getan habe, immer langfristig angelegt. Der Bereich „Audience development“, aber auch die Einbeziehung von Bürgerinnen und Bürgern – alles was man da macht, hat nur Sinn, wenn du sagst: Ich meine das ernst, ich interessiere mich für euch und nicht nur, weil ich dem Theater eine Zahl bringen muss, sondern weil mich Leben interessiert. Wenn auch nur ein Mensch merkt, dass das nicht so ist, funktioniert das nicht. Ernst nehmen bedeutet, dafür sorgen und verantwortlich sein, dass ich diese Leute nicht verarsche. Ich will nicht sagen: Da stellt euch alle auf, dann haben wir am Ende 5 Jahre Badora einen schönen Chor. Nein! Wenn ich das sage, dann meine ich das auch so. Ich komme nicht aus einer Bildungsbürgertumfamilie und für mich war das Theater ein Rettungsanker. Etwas, was ich gefunden hab, von dem ich gedacht hab, da ist so viel Verbindung drin zu anderen, aber auch zu mir selbst, zu Menschen, die was über Liebe, Freude, Angst, Trauer, Tod gesagt haben – und darin kann man sich ein Stück weit fallen lassen. Das ist mein Antrieb, das weiterzugeben.“

Sicherlich sind es aber auch ganz persönliche Geschichten, die Cauers deutlich machten, dass die Arbeit des Jungen Volkstheaters direkte Auswirkungen auf Menschen und deren weiteren Lebenslauf hat. Wie zum Beispiel jene des Flüchtlings Tarik. Er kam aus Syrien und war jener Junge, mit dem sie sich wegen der Arbeitswilligkeit gestritten hatte.

„Er sagte, er wollte nicht zu den Flüchtlingen gehören, die sich nicht genug angestrengt haben. Er konnte bei der ersten Zusammenarbeit nur gebrochen Deutsch, hat uns aber in den letzten 4 Jahren begleitet und hat bei fast Allem vom „Jungen Volkstheater“ mitgemacht.

  Vor Kurzem war ich in der Uni und hatte einen kleinen Einführungsvortrag für den Studiengang Theater-, Film- und Medienwissenschaft. Da sah ich ihn in der ersten Reihe sitzen, diesen Jungen, mit dem ich vor 4 Jahren gearbeitet habe und der mich dort anschaut und anlächelt. Jetzt studiert er Theater- Film- und Medienwissenschaften. Da musste ich heulen und war weg, zu sehen, wie viel sich in einem Leben ändern kann, weil er sich so angestrengt hat. Außerdem ist er in einen dementsprechenden Freundeskreis eingebunden. Das wäre alles nie passiert, wenn er nicht mitgemacht hätte. Unsere Inszenierungen sind und waren immer offen für alle Kulturen. Tarik ist so mitgegangen, ohne dass es thematisiert wurde.“

Raunen. Klang der Stadt – #1 (Claudia Bosse) [Foto: (c) Daniel Kastner/Volkstheater]
Die Summe der einzelnen Teile [Foto (c) Alexi Pelekanos] (2017)
Dass es schon neue Pläne für neue Formate gibt, ist klar. Auch darin geht es um die Möglichkeit der Perspektivenveränderung. Es geht darum, sich an andere Sichtweisen anzunähern, nicht darum, sie zu akzeptieren. Zumindest aber darum, den anderen verstehen zu können.

„Wenn wir uns nicht austauschen, bleiben wir in unseren „Raunenkästen“. Die Rechten raunen über die Linken, die Alteingesessenen über die Hinzugekommenen, kommen aber nicht in den Dialog. Deshalb brauchen wir gute KünstlerInnnen, die auf provozierende Art und Weise Erfahrungen vermitteln, an denen wir uns reiben können. Das ist ja eigentlich der Ursprung von Theater. Wir schauen uns etwas an, und entweder fährt es bei uns rein oder es geht uns total gegen den Strich.“

Ich glaube, je mehr wir mögliche Räume, wie die, die wir aufgezeigt haben, verschließen und den Menschen nicht die Möglichkeit geben wahrgenommen zu werden, mit all dem was sie brauchen und sich wünschen, umso schräger wird die Situation hier. Ich lade Leute ein, um zu partizipieren. Ich sage, auch du bist Teil des Volkstheaters. Wenn du bei uns mitmachst, findest du für das, was du denkst, eine Bühne. Im Sinne von – führt euch auf, empört euch, äußert euch. Es ist schwer zu sagen, wie es weitergehen wird nach dem Juni 2020.“

Im nächsten Jahr übernimmt Kay Voges die Direktion des Volkstheaters. Es ist nicht wirklich vorstellbar, dass diese Arbeit der vergangenen 4 Jahre und der restlichen verbleibenden Monate mit seiner Hausübernahme Geschichte sein soll. Dann gäbe es zumindest großen Erklärungsbedarf gegenüber all jenen, denen das Volkstheater durch die direkte partizipative Arbeit ans Herz gewachsen ist.

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Klavierspielen bedeutet viel mehr, als nur die Tasten zu drücken

Klavierspielen bedeutet viel mehr, als nur die Tasten zu drücken

Klavierspielen bedeutet viel mehr, als nur die Tasten zu drücken

Von Michaela Preiner

Peter Bence
01.
November 2019
Peter Bence füllt derzeit rund um den Globus die Konzerthallen. Wie kaum ein zweiter Pianist hat er innerhalb kurzer Zeit einen kometenhaften Aufstieg erlebt. Nach der Veröffentlichung einer Interpretation von Michael Jacksons „Bad“ ging sein Video auf den Social Meda-Kanälen ab wie die Post und erreichte innerhalb kurzer Zeit Millionen Likes. Gerechnet hat der sympathische junge Pianist aus Ungarn nicht wirklich damit. Obwohl seine Karriere zumindest zum Teil geschickt geplant war. Als „schnellster Klavierspieler der Welt“ brach er 2012 den vorigen Rekord und spielte 765 Anschläge in einer Minute. Was nicht künstlerisch, sondern rein technisch angelegt war, wurde jedoch von Millionen Menschen wahrgenommen und damit war die erste Stufe auf dem Weg zur internationalen Bekanntheit erklommen.
In den letzten Jahren hat er eine ganze Anzahl von Videos online gestellt, in denen er mit den selbst arrangierten Songs zu sehen ist. Er benützt dabei immer neue Locations, mit unterschiedlichen Klavieren. Die Leidenschaft, mit der er spielt, ist zu seinem Markenzeichen geworden. Und die Verwendung einer Loop-Maschine, die er während seines Spiels zusätzlich bedient. Selten sieht man Pianisten, mit so einem intensiven Körpereinsatz und selten springt der Funke der Freude, die er beim Spielen hat, so schnell aufs Publikum über wie bei Peter Bence.

Heute trainiert er nicht mehr die Geschwindigkeit seiner Finger, um sich mit anderen für das Guinness Buch der Rekorde zu messen. Vielmehr verwöhnt er sein Publikum nicht nur mit den bekannten Hits, sondern auch mit eigenen Kompositionen. Demnächst soll eine CD mit diesen Songs erscheinen, was Bence als weiteren, wichtigen Schritt seiner Karriere ansieht.

Das folgende Gespräch führten wir im Oktober 2019, wenige Tage vor seinem Auftritt in Graz.

Peter, Sie kommen gerade aus den USA zurück, leben Sie dort noch?

Nein, ich lebte dort 3 Jahre lang, während meiner Studienzeit. Meine aktuelle Tour nach Amerika dauerte 1 Woche und ich gab dort 4 Konzerte in Boston, New York, Philadelphia und Washington. Nächstes Jahr werden es noch mehr werden.

Ihre Karriere ist sehr interessant, weil sie ja ursprünglich klassischen Klavierunterricht hatten.

Ja, das stimmt. Ich begann sehr früh, schon mit 5 Klavier, zu lernen und hörte damit auf, als ich mit der Highschool fertig war, mit 18/19. Das bedeutet, dass ich während meines Lebens bisher hauptsächlich Klassik gelernt und gespielt habe.

Gibt es Musiker in Ihrer Familie?

Ja, meine Eltern studierten Musik und spielen es als Hobby. Mein Ururgroßvater war ein Geiger und der Gründer der hiesigen Musikschule. Ein Onkel ist ein Percussion-Lehrer. Der Cousin meines Vaters ist Klavierlehrer. Musik war bei mir zuhause immer überall.

Ich höre oft, dass die Musik, die man als Kind gehört hat, einen großen Einfluss auf die spätere Karriere hatte.

Ja, das kann ich sehr unterstreichen. Auch was den Geschmack und die Bildung des Gehirns anlangt, um für Musik offen zu sein, ist es sehr wichtig, was und welche Art von Musik man in seinen frühen Jahren hört. Da sind es die Eltern, die einen mit ihrem Musikgeschmack bilden. Das hat einen großen Einfluss auf die eigene Entwicklung.

Wie kam die Wende hin zur Popmusik?

Als ich noch Teenager war, begann ich Filmmusik, vor allem jene von John Williams, zu hören. Ich war ein großer Fan von Star Wars und hörte viel Musik von dem Komponisten. Filmmusik eröffnete mit eine andere Sicht auf viele Dinge. Zu der Zeit begann ich auch Michael Jackson zu hören. Er hat so viele Menschen inspiriert und hatte so einen großen Einfluss, dass ich mir dachte: Vielleicht kann ich die großartige Grundlage der klassischen Musik nützen. Aber ich wollte ein wenig experimentieren und auch versuchen, meine eigene Stimme zu finden – als Komponist, als Performer. Ich wusste, dass es so viele klassische Pianisten gibt, die außerordentlich talentiert sind und der Wettbewerb enorm ist. Da gibt es nur ganz wenig Platz, um da herausragend zu sein, denn meistens spielt man dieselben Stücke immer und immer wieder, vielleicht noch mit einer anderen Interpretation. Ich wollte aber komplett anders sein.

Ihre Karriere scheint sehr gut geplant zu sein.

Auf der einen Seite ist sie natürlich geplant. Ich wusste schon früh, was ich tun wollte und ich hielt daran fest, es zu tun.

Was heißt in diesem Zusammenhang früh?

ich Filmkomponist werden, weil ich so inspiriert war. Deswegen begann ich auch Filmmusik zu studieren in Berkley, Boston und hatte eine Karriere in dieser Richtung im Sinn. Aber es geschah etwas, als ich 22, 23 Jahre alt war. Ich musste ich zurück nach Ungarn. Ich hatte zwar ein Stipendium, aber es war extrem teuer, in Boston zu leben. Aus dem Grund brauchte ich eine kleine Pause. Das war die Zeit, als ich begann, an einigen Videos hier zu arbeiten. Außerdem lernte ich meinen Manager kennen. Ich befand mich damals in einer Art Krise. Ich wusste nicht genau, was ich tun sollte. Es schien mir unmöglich, eine Karriere nur mit Musik zu machen, davon leben zu können. Ich hatte Berkley noch nicht beendet, deswegen arbeitete ich an diesen Videos. Nach ungefähr 2 Jahren – es war 2015, als das Arrangement von Michael Jacksons „Bad“ viral ging, ging es mit der Bekanntheit in der Öffentlichkeit richtig los.

Wie viele Follower hatten Sie damals schon?

Nicht viele, ein paar Tausend auf FB, das war es und vielleicht 1000 Subscriber auf Youtube. Der Zuwachs geschah ganz schnell, über Nacht und er vergrößerte sich exponentiell. Ich hatte 100.000 Ende November damals und jetzt haben wir 7,6 Millionen.

Hatten Sie da nicht einen „wow!“-Effekt?

Ja klar! Ich habe das nie erwartet. Natürlich habe ich die Videos gemacht, um mehr Publikum zu erreichen, aber es war wirklich ein „Wow-Faktor“. Aber man gewöhnt sich an Dinge und mein Mindset ist so, dass ich immer an das nächste Projekt denke. Woran werden wir in den nächsten Wochen und Monaten arbeiten? Und deswegen ist mein Fokus immer auf das Kommende gerichtet.

Wie viele Leute arbeiten denn an Ihren Videos mit?

Sie werden es nicht glauben! Es steht keine große Crew dahinter. Die meisten Videos haben nur wir beide produziert, Sebastian (der Manager von Peter Bence) und ich. Natürlich brauchen wir Stunden, um das Licht richtig zu positionieren und herauszufinden, wie das Video dann aussehen wird usw. Aber wir wollten die meisten Videos bewusst sehr einfach halten. Allerdings wir haben noch einige Projekte vor und experimentieren viel. Vielleicht haben Sie auch das Beatles-Cover auf dem Boot gesehen, das war aufwendiger.

Sie benutzen verschiedene Klaviere bei den Aufnahmen. Warum eigentlich?

Wir suchen immer neue Locations fürs Aufnehmen. Ich möchte nicht immer dasselbe machen, das wird schnell langweilig. Für „Thunderstruck“ haben wir diese nette, blaue Wand gefunden. Da hatte ich sofort das Gefühl, das braucht ein schönes, weißes Klavier. Dann hatten wir die Herausforderung, eines zu finden. Meistens mieten wir die Klaviere für den Dreh.

Das heißt, Sie suchen die Klaviere aus ästhetischen Gründen aus.

Ja, obwohl wir die Videos einfach halten und sie oft aus einem einzigen Take bestehen, möchten wir sie doch ansprechend gestalten.

Welche Songs suchen Sie sich für Ihre Coverversionen aus?

Das Wichtigste für mich ist, dass ich den jeweiligen Song wirklich liebe, ja richtiggehend verliebt in ihn bin. Das muss sein. Dann muss es ein Song sein, der zu transformieren ist. Das Arrangement kann eine Herausforderung sein, aber zumindest sollte der Song in die Sprache des Klaviers übersetzbar sein. Es gibt so viele Songs – zum Beispiel von Bruno Mars – von denen man sagt, ich liebe diesen Song sehr, aber es wäre unmöglich, so einen für Klavier zu adaptieren. Die Struktur der Melodie und des Rhythmus und das Arrangement selbst macht es unmöglich, so etwas auf Klavier zu spielen. Es ist normalerweise ein Prozess, bei dem ich frage: Hört sich das am Klavier gut an? Das ist mein Hauptziel. Es muss am Klavier einfach genial klingen.

Sie haben einen sehr speziellen Sound, denn es hört sich so an, als wären Sie ein ganzes Orchester.

Ich wollte mich nicht limitieren und es ist eine interessante Herausforderung als Arrangeur und Komponist für mich. Deswegen kam ich auf die Idee des „The awesome piano“ – das Album, das herauskommen wird. Was man dort hört, sind 100% Pioano-Sounds. Natürlich ist Technik dabei, weil man Sounds mixen muss, damit es richtig gut klingt. Dann benütze ich auch eine Loop-Station, um den Sound aufzubauen. Aber die Idee ist: Klavierspielen bedeutet viel mehr als nur die Tasten zu drücken und ich wollte zeigen, dass das Klavier ein total cooles Instrument ist. Das ist so etwas wie eine Mission für mich. Es sollte populärer sein und nicht langweilig. Es macht mich sehr glücklich, wenn mir Leute eine Message schreiben, dass Kinder Klavier lernen, weil sie das so cool finden.

Mit dem Klavier Percussion-Sounds zu machen oder Loops zu integrieren, haben Sie aber nicht im Studium gelernt.

Nein, überhaupt nicht, in keiner einzigen Stunde! Als ich klein war, wollte ich Schlagzeug lernen, aber ich hatte nicht die Zeit dazu. Jetzt setze ich das Percussion-Element aber auch ein.

Haben Sie schon Filmmusik geschrieben?

Nein, nur während des Studiums etwas sehr Kleines, aber ich bin ehrlich gesagt noch nicht zu mehr gekommen. Wenn sich vielleicht einmal die Gelegenheit in Zukunft ergibt, um Musik für einen Film zu machen, klar, würde ich das gerne machen. Meine Philosophie ist aber: Ich tue das, was ich liebe jeden Tag und schaue, wo es mich hinführt. Ich habe keine großen Pläne mehr, wie ich sie vielleicht noch vor 2 Jahren hatte. Ich mache einfach die Dinge, von denen ich denke, dass sie richtig sind.

Gibt es Herausforderungen oder Ziele bei bestimmten Songs, die Sie covern möchten, aber auch bestimmten Gründen noch nicht gemacht haben?

Viele Menschen möchten die „Bohemian Rhapsody“, aber ich kann das nicht. Sollte ich das tatsächlich machen, könnte ich nichts Neues hinzufügen. Sie ist ja schon perfekt. Ich würde sie mit dem Klavier nur ruinieren.

Was üben Sie denn jetzt gerade?

Meistens übe ich neue Songs und arbeite am Finish für mein eigenes Album. Es wird viele Songs von mir beinhalten und das ist für mich sehr aufregend. Ich habe noch nichts von meiner eigenen Musik veröffentlicht – na vielleicht 1 oder 2. Ich hoffe, dass ich den Wechsel schaffe und meine Follower und jene, die gerne haben, was ich mache, meine eigenen Songs auch lieben werden. Ich werde einige von diesen Songs in den Konzerten spielen. Leute, die dort hinkommen, hören diese Songs vor allen anderen.

Wie viele Songs haben die schon?

Zu viele, vielleicht 100! Aber ich werde nur 10 nehmen, die ich Wert, aufgenommen zu werden.

Fallen Ihnen die Kompositionen leicht ein?

Ja, schon. Aber normalerweise muss ich an diesen Ideen noch viel arbeiten. Einige klingen fast klassisch, einige in einer Mischung aus Klassik mit ein wenig Jazz, andere mit Loopings und Percussion.

Spielen Sie auch Jazz?

Ich studierte ein wenig Jazz. Aber das ist nicht meine Sprache. Ich halte mich da eher fern.

Spielen Sie selbst eigentlich noch Klassik?

Ja, für mich selbst schon. Ich spiele hauptsächlich Bach, um mein Gehirn frisch und fit zu halten. Ich höre auch viel Klassik und lasse mich gerne davon inspirieren.

Die Tourdaten von Peter Bence finden Sie hier:
https://peterbence.com/#concerts

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Der Dschungel muss jetzt Sprünge machen und nicht nur Schrittchen

Der Dschungel muss jetzt Sprünge machen und nicht nur Schrittchen

Der Dschungel muss jetzt Sprünge machen und nicht nur Schrittchen

Von Michaela Preiner

Corinne Eckenstein (Foto: Franzi Kreis)
04.
September 2019
Ein Gespräch mit Corinne Eckenstein, der künstlerischen Leiterin und Geschäftsführerin des „Dschungel Wien“, über das bevorstehende 15-jährige Bestehen der Theater-Kulturinstitution für Kinder und Jugendliche.

Unser Gespräch findet anlässlich des Termins 15 Jahre Dschungel statt. Das bedeutet, wir halten Rückschau, oder?

Ich würde so sagen: Ich möchte eher Vorschau halten, weil es um Visionen geht und darum, wie es weiter geht. 15 Jahre ist für mich eher ein Zwischenstep, wie eine „mark“ in der Zeitreise des „Theater für junges Publikum“.

Wenn wir trotzdem zurückschauen, möchte ich gerne wissen, sind die Visionen, die Vorhaben aufgegangen, oder war Einiges, das kam, so nicht geplant?

Ich beantworte beide Fragen mit „Ja“ und zwar im positiven Sinne. Ich habe mir kürzlich mein Konzept angesehen, das ich bei meiner Bewerbung eingereicht habe und war erstaunt, dass wirklich jeder Punkt umgesetzt wurde. Mein 4-jähriges EU-Projekt, ein Netzwerk mit Osteuropa, Theaterprojekte an der Peripherie, mehr Vorstellungen für die freien Gruppen, Schwerpunkt Tanz und Diversität, die Theaterwildwerkstätten – die bis hin zu einem Festival ausgebaut werden sollen, bei dem das ganze Haus von den Kindern und Jugendlichen in die Hand genommen werden sollen – das hat sich alles eins zu eins umgesetzt. Und nun kommt das Unerwartete: Es kam noch mehr!

Was kam noch mehr?

Das sind z.B. Koproduktions- und Kooperationsprojekte im internationalen Bereich. Das war der Bereich, der für mich ungewisser war. Ich hatte natürlich meine Kontakte, aber wie lässt sich so etwas überhaupt umsetzen, aufgrund unserer finanziellen Situation, das war die Frage. Einer Situation, die eher schwierig ist, wenn man Sprünge machen möchte und sich entwickeln will. Mit dem, was wir haben, können wir bestenfalls den Status quo erhalten. Aber durch unterwartete Projekte, wie das Brueghel-Projekt „PLAY!“ konnten wir mit dem angebotenen Geld mit der flämischen Kulturabteilung eine Koproduktion mit dem Theater HetPalais in Antwerpen durchführen, die jetzt im Herbst auch auf Tournee nach Belgien, dann auf Festivals nach Frankreich und Holland geht. Ein weiteres Projekt, das auf uns zukam ist ein „Doppelpass-Projekt“. Doppelpass stammt aus Deutschland und erlaubt einer freien Gruppe mit relativ viel Geld eine Koproduktion mit einem festen Haus zu machen, sowie in einem anderen deutschsprachigen Land mit einem zweiten festen Haus zu kooperieren. Wir arbeiten dabei mit der Gruppe „Lovefuckers“ und dem Theater der Jungen Generation Dresden zusammen. Die Gruppe beginnt jetzt an dem Stück zu arbeiten, das im Herbst 2020 seine Uraufführung im Dschungel Wien haben wird. 2021 werden sie eine Koproduktion mit dem Theater der Jungen Generation Dresden machen, die dann wieder bei uns als Gastspiel läuft.

Weiters beginnt Januar 2020 ein 4-jähriges EU-Projekt mit dem Titel „Connectup“, ein internationales Projekt mit 9 verschiedenen Ländern und 14 Theatern in ganz Europa. Daran wurde schon vor 4 Jahren gearbeitet, als ich das Konzept geschrieben hatte. Darin wird der Fokus auf „schwieriges Publikum“ gelegt – sprich Jugendliche aus sozial schwierigen Verhältnissen. Man kontaktierte mich damals, im gegebenen Fall ich würde den Dschungel leiten, in das Projekt einzusteigen. Und so haben wir das gemeinsam entwickelt. Es geht um Inklusion, deswegen ist auch die „Ich bin O.K“-Kompanie dabei, die ich dazugenommen habe. Es werden auch Künstlerinnen und Künstler der Szene eingebunden.

Dazu kommt auch ein SHIFT-Projekt in Koproduktion mit dem diverCITYLAB und der Choreografin Magda Chowaniec. Dieses Stück machen wir an der Peripherie unter dem Titel „Medeas Töchter“. Darin geht es um die Sichtbarkeit von jungen Frauen vor allem mit Migrationshintergrund. Es findet im Mai statt und wird eine Reise durch Wien sein. Im 10. Bezirk gibt es eine Halle, die „Ausreisehalle“ heißt. Die stammt noch aus der Zeit von früher, wo die Leute ausreisen „wollten“. Das Schild hängt heute noch so da – und das war unser Ausgangspunkt, dass alle die jungen Frauen der nun 2. und 3. Generation beschließen, auszureisen. Unsere Reise geht bis zum Vienna International Center. Dort gibt es einen Ort innerhalb der Hochhäuser, der wie ein Amphitheater aussieht. Sie kommen da in eine Welt, in die sie nicht gehören. Von dort nehmen sie einen Bus und fahren weg. Das Publikum reist mit diesen Töchtern Medeas mit. Rapperin EsRAP und Slampoetin Yasmo erarbeiten mit den gecasteten junge Frauen Slam-Poetry und Rap, um mit ihnen gemeinsam eine Art Textpartitur zu erstellen.

Theaterwild-Festival 2018 (Foto: Laurent Ziegler)
Sujet Pip. (c) Rainer Berson (2)
Vorschau „Medeas-Töchter“ by Olivia Mrzyglod
Play (Foto: Rainer Berson)

Wie hat sich denn die Zusammenarbeit mit den Schulen entwickelt?

Wir haben ein starkes, festes Klientel. Was sich total verstärkt hat, sind die Partnerschulen und vor allem die Partnerklassen. Die Zahl hat sich würde ich sagen verdreifacht, weil die Schulen jetzt wesentlich weiter vorausplanen. Der zweite, wichtige Punkt sind die Kulturpatenschaften, die wir von Beginn an anboten. Mir war es von Anfang an ein großes Anliegen, dass jedes Kind die Möglichkeit hat Kunst und Kultur zu genießen, denn Kunst ist nichts Elitäres, sondern Teil unserer geistigen Nahrung, die auch den Kindern zusteht.

Gibt es etwas, was emotional extrem berührend war?

Ja, das war das letztjährige Theaterwild Festival, das der Frage nach den Rollenklischees von Buben und Mädchen nachging. Wie komplex das war und auf welchem Niveau die Kinder und Jugendlichen über dieses Thema miteinander diskutiert haben, war unglaublich. Ich hatte das Gefühl, es sind lauter Feministen und Feministinnen hier angetreten..Auch was um das Festival und die Produktion passiert ist, war sehr emotional. Wir hatten eine Ausstellung, in der junge Flüchtlinge zu diesem Thema zu Wort kamen. Und das wider jedes Klischee, was junge Männer und Frauen zu diesem Thema sagen.

Ein junger Iraker sagte zu mir: „Männer und Frauen sind gleich, weil im Tod sind alle Menschen gleich“. Da wusste ich, der hat mehr kapiert als viele andere – da braucht man auch nicht länger zu diskutieren.

Wenn wir über Visionen sprechen, welche sind denn für den Dschungel wichtig?

Unter Vision verstehe ich etwas Positives, etwas mit Entwicklung und Erweiterung zu tun hat. Das hängt mit dem banalen Faktor Geld zusammen: Wir brauchen mehr Geld, um adäquat arbeiten zu können und den Künstlerinnen und Künstlern ein fair pay anbieten zu können. Wir sind jetzt an dem Punkt angekommen, wo wir an eine Grenze gestoßen sind, dies aus unseren eigenen Ressourcen ab zu decken. Wir machen auch Drittmittelakquisition, damit wir überhaupt Produktionen auf die Beine stellen können. Sei es eine Koproduktion mit einer freien Gruppe oder den Try-Out-Wettbewerb, bei dem die Gewinnerproduktion ausproduziert wird und dadurch Nachwuchs gefördert wird oder eben die internationalen Projekte wie das EU-Projekt in das wir auch Geld investieren müssen, damit wir es überhaupt machen können. Durch unsere niedrigen Eintrittspreise kommt nicht genug Geld rein. Die Preise können wir aber nicht erhöhen, denn das stünde im Widerspruch zu dem, was wir sein sollen: Ein finanziell niederschwelliges Theater, aber nicht künstlerisch niederschwellig. Ich finde, wir sind im Moment mit den Gruppen so gut aufgestellt, dass es jetzt an der Zeit ist, den Künstlerinnen und Künstlern und dem Dschungel Wien die Möglichkeit zu geben, Sprünge zu machen und nicht nur Schrittchen.

Merken die Kinder und Jugendlichen die politische Veränderung, die derzeit rund um die Welt vonstatten gehen?

Für Kinder sind die Dinge, die sie unmittelbar erleben wichtig. Das Gefühl, wo gehöre ich hin, was steht mir zu, die Frage nach Identität – und zwar in jeglicher Hinsicht – Herkunft, Geschlecht, soziale Zugehörigkeit. Das ist das, was sie unmittelbar tag-täglich erleben. Wenn es in der Schule plötzlich wieder Noten gibt, müssen sie sich damit auseinandersetzen. Sie sind ja die, die die Wirkungen direkt zu spüren bekommen. Deshalb hab ich hier 3 junge Frauen, denen es um die Sache geht, auf dem Plakat. Emma González, Greta Thunberg und Malala, da hat der Dschungel eine ganz wichtige Haltung. Das bekommen wir auch von den Lehrenden widergespiegelt. Vielleicht ist es das, was mich am meisten berührt: Sie danken uns, dass wir so ein starkes, gesellschaftspolitisches Anliegen haben und dass sich das hier ganz klar vermittelt. Es ist für mich ein starkes Anliegen, eine andere Sichtweise und vor allem einen Ort zu zeigen, an dem Diversität wirklich gelebt wird. Ich will zeigen, dass hier Menschen anders denken, dass Künstler und Künstlerinnen anders denken. Hier gibt es eine Vision, die eine andere Realität schafft. Unser Spielzeitmotto ist „Unsere Zukunft passt auf keine Fahne“, ich verwehre mich gegen die eine menschenunwürdigen Politik. Die geht im Endeffekt immer auf Kosten der Kinder. Dem Egoismus muss etwas entgegengesetzt werden. Auch hier sind die Theaterwildwerkstätten so ein starkes, wichtiges Zeichen. Die sind jetzt schon so voll, dass wir gar nicht wissen, wie und wo wir alle unterbringen und wir platzen eigentlich aus allen Nähten.

Ich blicke positiv zurück. Schwierigkeiten gibt es immer wieder und ich sehe vor allem die freien Gruppen kämpfen. Auch weil ich es selbst 26 Jahre als freie Künstlerin und Regisseurin erlebt habe, dass man vor allem im Theaterbereich für junges Publikum finanziell schlechter gestellt ist als jemand in der freien Szene. Diese Ungleicheit, ganz abgesehen davon, ob generell zu wenig Geld da ist für die freien Künstlerinnen und Künstler, geht für mich gar nicht. Wir machen mehr als nur Theater – wir machen Bildung. Dieser Aspekt wird ja gar nicht abgedeckt, den müssen wir selber abdecken. Er wird aber als Teil der Aufgabe gesehen. Wir versuchen überall Geld aufzutreiben, um diese Arbeit zu leisten. Ich frage mich nur, wie lange die Künstlerinnen und Künstlerinnen das noch mittragen. Man kann nicht nur darüber reden, dass fair pay wichtig ist. Wenn diese Arbeit nicht für Kinder und Jugendliche wäre, würde ich sie nicht machen.

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Meditation und Solarpower

Meditation und Solarpower

Golo Pilz, ein Yogi und Solar-Pionier der ersten Stunde, besuchte anlässlich der Filmpräsentation „Frauen in Weiß“ von Koschka Hetzer-Molden den Thalhof in Reichenau. Im Gespräch gab er nicht nur einen Einblick in die Energie-Projekte der spirituellen Gemeinschaft der Brahma Kumaris. Er sprach auch über den Gesellschaftswandel und das Kali-Yuga.

Wenn man sich einen Yogi vorstellen soll, so denken wohl die meisten an einen asketischen Menschen mit entrücktem Blick, fernab unseres turbulenten Lebens. Golo Pilz ist anders. Der Yogi aus der Brahma Kumaris, der Kurzform für die Brahma Kumaris World Spiritual University, einer spirituellen Gemeinschaft aus Indien, mit mehreren hunderttausend Mitgliedern, strahlt zwar die Ruhe aus, die Yogis durchaus eigen ist. Aber er steht mehr als mit beiden Beinen im Leben, ist er doch verantwortlich für Projekte rund um saubere, erneuerbare Energie.

1985 kam der gelernte Zimmermann das erste Mal nach Indien und fühlte sich sofort „coming home“, wie er es selbst ausdrückt. Was er aber auch rasch mitbekam, war die große Armut, die Abholzung der Wälder und Stromausfälle. Wie sehr sein erster Besuch sein Leben verändern würde, hätte sich der heute 58-Jährige nicht gedacht. Und wie sehr sein Können und Wissen Einfluss auf die Entwicklung dieser religiösen Gemeinschaft und weit darüber hinaus haben würde, war ihm damals auch noch nicht bewusst.

Brahma Kumaris ist die weltweit größte Organisation, die von Frauen geführt wird. Mit der 1916 geborenen Dadi Janki steht ihr eine Frau vor, die der Gemeinschaft seit ihren Anfängen 1937 angehört. „Frauen machen den spirituellen Pfad weicher und leichter, sie haben mehr Empathie. Gerade in einer Zeit, die von Männern dominiert wird, ist das sehr gut! Die spirituelle „Shakti -Kraft“, die von den Frauen ausgeht, wird sehr hoch gehalten“, weiß Pilz im Interview zu berichten. Und ganz offenkundig ist die kontinuierlich-weibliche Leitung auch wirtschaftlich ein Erfolgsgarant. Der stete Zulauf an Schülerinnen und Schülern und die solide Geschäftsgebarung trugen Früchte. Heute gibt es Brahma Kumaris-Zentren auf allen Kontinenten, in 110 Ländern mit derzeit rund 1 Million Studenten. Das Headquarter liegt in Mount Abu in Rajasthan und ist Ausgangspunkt nicht nur einer spirituellen Bewegung, sondern mittlerweile auch einer ökologischen.
Hier kommt Golo Pilz ins Spiel, jener Mann, der seiner Heimat den Rücken kehrte, die Brücken zu ihr aber nie abbrach. Sein technisches Verständnis und der Wille, seine spirituelle Heimat technisch aufzurüsten, machten ihn zu einem Vorreiter auf dem Gebiet der erneuerbaren Energie. Mit Hilfe von Spenden entstand unter seiner Leitung in Mount Abu eine Forschungseinrichtung, die sich der Stromversorgung in Indien widmete. Im Laufe der Jahre wurden so neben zahlreichenStromversorgungs-Einrichtungen auch Solar-Küchen und Warmwasser-Versorgungen für zehntausende Menschen errichtet. Mit „India One“ wurde nun ein Vorzeigeprojekt gebaut, das eine Stromleistung von 1 Megawatt aufweist.“Damit kann eine kleine Ortschaft mit 500 bis 1000 Häusern versorgt werden, je nachdem, wie sorgsam mit dem Strom umgegangen wird.“

India One

Der innovative, technische Ansatz und vor allem die Tatsache, dass diese Einrichtungen in einem Land auf die Beine gestellt wurden, in dem immer noch große Armut herrscht, erweckte großes, internationales Interesse. Und so fliegt der allseits anerkannte Solarenergie-Spezialist heute von einer Klimakonferenz zur nächsten und vernetzt sich mit all jenen, die unsere Welt mit sauberer Energie versorgen möchten. Seine Ideen für eine lebenswertere Zukunft enden aber längst nicht bei der Stromproduktion. „Im Moment starten wir gerade eine Kampagne, Plastik aus unseren Zentren wegzubekommen. Und für die vielen Flugreisen haben wir uns eine CO2-Ausstoß-Kompensation überlegt.“

Erstaunlich ist, dass es ihm trotz eines vollen Terminkalenders und dem häufigen Wechseln von einem Kontinent zum nächsten gelingt, eine Balance zwischen seiner Spiritualität und den „Brücken nach außen“ zu halten. Während seiner „kraftvollen“ Meditationszeiten morgens und abends tankt er so viel Energie, dass dies für seine profanen Unternehmungen locker reicht. „Derzeit befinden wir uns im Kali-Yuga, an dessem Ende der Übergang von einem alten in ein neues Zeitalter steht. Das geht allerdings mit Geburtswehen einher. Wie die Menschheit derzeit lebt, ist nicht mehr zukunftsträchtig, aber ein Licht am Ende des Tunnels ist bereits sichtbar.“

Golo Pilz spricht von seinen technischen Projekten mit genauso viel Enthusiasmus wie über jene Zukunftsvision, die er und die Menschen der Brahma Kumaris in sich tragen und nach außen leben.
„Wenn wir eine positive Vision haben, dann können wir diese auch tatsächlich umsetzen. Jetzt ist eine spirituelle Lösung notwendig. Die Menschen haben viel kreatives Potential und Gedanken sind Energie, die sich ganz praktisch auf unsere Realität auswirken. Mit unseren Gedanken beeinflussen wir nicht nur uns, sondern auch unsere Familie, unsere Freunde ja die gesamte Umwelt. Wenn wir unsere innere Lampe einschalten, können wir diese Welt zu einer liebevollen und friedvollen machen.“

Links:
www.eco.brahmakumaris.org
www.brahmakumaris.org
www.india-one.net

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Der Traum als Erfahrung, Vision und Erkenntnis

Der Traum als Erfahrung, Vision und Erkenntnis

Jörg Weinhöl (Foto: Werner Kmetitsch)

Der Choreograf und Tänzer Jörg Weinöhl legt mit Ende dieser Saison sein Amt als Ballettdirektor der Grazer Oper zurück. Er ist in Stuttgart groß geworden und hat dort bei einem Gastspiel des Hamburger Balletts John Neumeiers „Sommernachtstraum“ kennengelernt. Neumeiers Sommernachtstraum-Interpretation, die der damalige Leiter des Hamburger Balletts an der Hamburger Staatsoper schuf, ist Weinöhl, wie er sagte „tief innerlich bewusst geblieben“.

In diesem Gespräch erzählt er über seine Idee, den Sommernachtstraum nachzuträumen, aber er spricht auch über den Einfluss von Martin Schläpfer und den Grund seiner Auszeit in der kommenden Saison.

Warum haben Sie sich den Sommernachtstraum als letzte Arbeit an der Oper Graz ausgesucht?

Es war mein expliziter Vorschlag, schon als wir in der Planungsphase für das Haus steckten. Ich wollte den Sommernachtstraum nur in einer Zeit machen, in der das Publikum in eine laue Sommernacht entlassen werden kann. Die Arbeit von John Neumeier war eine Initialzündung für mich. Dort wird aber die Geschichte komplett linear erzählt, deswegen war mir klar, dass wir einen anderen Zugang dazu finden mussten.

Möchten Sie das Publikum ganz und gar verzaubern, oder hat die Grundlage für den Abend, Shakespeares Text, für Sie vielleicht sogar zeitgenössische Komponenten?

Das große Thema der Arbeit ist das Träumen und die Frage: Wie wäre es, wenn wir den Sommernachtstraum nochmal nachträumen? Der Aspekt des Träumens ist zwar essentiell, aber die Frage, dass Träumen in ganz andere Bereiche gehen kann, ist darin ebenso wichtig. Im Stück gibt es ja keine fließenden, sondern abrupte Übergänge. Diese Qualität, übergangslos in andere Bilder zu gehen, die reizt mich sehr. Vor allem sind die Figuren nicht in einem großen Weltenganzen aufgehoben, sondern sie sind auf der Suche nach sich. Und hier spielt ein anderes, wichtiges Thema für meine Arbeit eine Rolle: Die Natur. Alle Beteiligten gehen ja in den Wald und machen dort Erfahrungen, nach welchen sie nicht mehr einfach so zurückgehen können. Die Protagonisten werden ganz stark von den Erfahrungen im Wald beeinflusst.

Bárbara Flora (Titania), Simon van Heddegem (Oberon) Foto:© Leszek Januszewski

Das heißt, sie werden in ihrer Fassung von den Träumen nachhaltig beeinflusst. Sprechen Sie von einem großen Traum, oder von vielen, einzelnen Träumen?

Es ist ein großer Traum, den wir nachträumen wollen. Shakespeare hat dafür ja eine kongeniale Sprache geschaffen. Das andere ist die unglaublich faszinierende Musik von Mendelssohn. Als ich in der Vorbereitung über der Partitur saß, dache ich immer: Das ist wirklich ein Genie gewesen! Ich bekomme regelmäßig Gänsehaut, auch bei den Bühnenproben, wenn das Notturno gespielt wird.  Mendelsohns Musik muss man auch einen Atem geben, denn jede Komposition steht da für eine eigene Welt. An dem Abend geht es auch darum, wie man diese musikalischen Aussagen verbinden kann und was eigentlich in den Zwischenräumen passiert. Ich habe ganz bewusst noch andere Musik hinzugefügt.

Welche?

Das Lied „Die Götter Griechenlands“ von Franz Schubert, den 2. Satz aus dem Klavierkonzert von Mozart Nr. 23. und von Brahms den fünfstimmigen A-Capella-Chor „Die Waldesnacht“. Der ist für mich wie ein Destillat dessen, was die Figuren im Wald erlebt haben. Und dann „Tous les mêmes“ des belgischen Sängers Stromae und „Immer wieder geht die Sonne auf“ von Udo Jürgens. Diese Dramaturgie der Musik gibt dem Mendelssohn noch mal die Möglichkeit, ganz anders in seiner Kraft zu strahlen.

Der Traum wird ja zunehmend aus unserer heutigen Gesellschaft verbannt. Wenn man sagt: „Du bist ein Träumer“, so hat das schon einen negativen Beigeschmack. Auf der anderen Seite hat seit Freud die Traumdeutung einen ganz zentralen Platz in der Psychoanalyse. Sie sprechen aber von einer Wandlung im Traum. Von etwas, aus dem man anders herauskommt, als man hineinging. Steht der Traum in Ihrer Interpretation vielleicht auch für etwas Anderes?

Ja, ich glaube, das sind so etwas wie Erkenntnismomente. Wenn ich in der Traumdeutung oder der Psychoanalyse über einen Traum gesprochen habe, so waren das immer Erkenntnisse. Ich würde Traum als Erfahrung, aber auch als Vision bezeichnen. Auch ich brauche meine Träume und Visionen, sonst würde es nicht zu so einem Abend kommen. Ein anderer Aspekt ist auch das Spielen, das kindliche Spielen. Für die Kinder ist der Rasen plötzlich das große, weite Meer, oder der Baum eine Palme. Diese Kraft gilt es auch für uns erwachsene Menschen wieder wachzurufen. Mendelssohn, der die Ouvertüre mit 16 geschrieben hat, hatte sicher auch Träume und ging einen eigenen Weg. Bei dieser künstlerischen Aufgabe ging es auch um die Frage: Wie begegnen wir diesen Werken? Nachspielen im Schauspiel ist etwas anderes, weil die Sprache anders zur Geltung kommt. Auch deswegen geht es mir nicht um die lineare Erzählung, sondern um das Thema des Traums.

Im Lauf der Arbeit hat sich für mich auch klar herauskristallisiert, dass der Abend auch einen Untertitel haben muss. Der heißt jetzt: „Sommernacht, geträumt. Ein Tanzspiel frei nach Motiven von William Shakespeares Sommernachtstraum“.

Inwiefern dirigiert Shakespeares Sprache auch Ihre Choreografie? Die Musik von Mendelsohn ist ja nicht mit Sprache unterlegt. Fließt Shakespears Diktum dennoch in die Arbeit ein?

Erstens gibt es eine Gemeinsamkeit zwischen dem Text und der Choreografie: Das ist die große Präzision, die große Genauigkeit. Es gibt an diesem Abend keine beliebige Bewegung. Jede Bewegung hat einen Sinn. Nicht in der Form, dass sie vom Publikum rückübersetzt werden muss, aber dass die Tänzer genau wissen, was sie machen und tanzen. Das zieht sich allgemein durch meine Arbeit. Es gibt kleine, humorvolle Stellen wie im Tanz der Elfen. Die kommen einmal zur Bühnenrampe vor und verziehen dann den Mund und machen sich in gewisser Weise über den Gesang lustig. Gleichzeitig geht es ja um die Wortlautbildung. Das ist ganz wichtig. Das andere ist die Arbeit mit den Protagonisten, bei der mit wenigen Bewegungen die jeweilige Figur charakterisiert werden soll. Dafür muss man den Shakespeare genau lesen und studieren und dann aber auch alles loslassen und schauen, was bleibt, um daraus dann die Bewegungen zu entwickeln, gemeinsam mit der Musik.

Ich habe zum ersten Mal mit der Dramaturgin Yvonne Gebauer zusammengearbeitet und mit ihr eine Partnerin gefunden, mit der ich ganz genau jede kleine Situation angeschaut habe. Das hat mich ganz stark in dieser Arbeit beeinflusst und unterstützt.

Die Udo Jürgens-Melodie steht an jener Stelle, an der alle den Wald wieder verlassen. Das ist ein Erkenntnismoment, aus der sich die Frage entwickelt: Wie geht man aus so einer Nacht eigentlich hervor? Wie geht man in etwas weiter von dem man weiß, dass man in das, was es vorher war, nicht mehr zurückgehen kann? Auch in die Konvention und Form, die es gab.

Würden Sie diese, Ihre letzte Produktion in diesem Haus als Ihren choreografischen Höhepunkt bezeichnen?

Ich habe im „Sommernachtstraum, geträumt“ viel, viel freier gearbeitet und mir liegt diese Arbeit tatsächlich ganz stark am Herzen. Nach „Meine Seele hört im Sehen“ dachte ich: Da ist mir jetzt etwas gelungen! Zugleich aber musste ich mich auch fragen, Wie mach ich das jetzt im Sommernachtstraum? Es ist eine schöne Arbeit mit dem Anspruch von mir, dem Publikum etwas Schönes als letztes Geschenk zu geben.


Chris Wang, Marina Schmied, Fabio Toraldo, Kana Imagawa, Daniel Myers, Astrid Julen © Laurent Ziegler

Wie würden Sie denn in aller Kürze Ihren eigenen, choreografischen Stil bezeichnen? Wenn Sie dafür in einem Lift nur die kurze Zeit einer Fahrt zwischen einigen Stockwerken zur Verfügung hätten?

Ich würde erzählen, dass Musik und die Stille eine wesentliche Grundlage meiner Arbeit ist und dass ich gemeinsam mit den Tanzkünstlerinnen und -künstlern die Bewegungen aus den Gesten des Alltags entwickle. Und zwar so, dass dann irgendwann die Gesten völlig verschwinden, aber eine Grundlage bilden. Und dann würde ich sagen, dass das jeweilige Thema, um das ich kreise, wesentlich ist.

Sie haben ja auch eine prägende Zeit mit Martin Schläpfer erlebt. Was war denn der wichtigste Impetus, den Sie von ihm mitbekommen haben?

Das eine ist das Vertrauen, das er mir in unserer Zusammenarbeit in der Entwicklung der tänzerischen Rollen geschenkt hat. Das andere aber auch die große Fürsorge und die Gewissenhaftigkeit, die man braucht, um für die Tanzkunst zu arbeiten, die er vermittelt hat. Ich glaube, dass ich von Null auf Hundert hier in die Position gehen konnte, Ballettdirektor zu werden – ich hatte ja vorher nur immer eine Garderobe und niemals ein Büro – hat sehr viel damit zu tun, dass ich die Arbeit von Martin unbewusst sehr genau beobachtet habe und mit ihm drei Neuanfänge erleben konnte. In Bern, in Mainz und in Düsseldorf. Das eine ist sein künstlerisches Arbeiten, aber das andere sind die Rahmenbedingungen, die er schafft und für die Tänzerinnen und Tänzer gesorgt hat.

Es gibt bei mir viele Situationen, in denen ich mir still denke: Ja genau Martin, das hast du mir gezeigt! Ich weiß, du hast es so gemacht, aber wie entscheide ich mich jetzt? Was noch dazukommt ist sein unermüdliches Schaffen, das mich beeinflusst hat . Wenn ein Tag hier am Haus 12 Stunden hat, dann gehe ich zwar müde, aber erfüllt nach Hause.

Wo geht denn Ihre weitere Reise hin?

In die Schweiz. Dadurch, dass ich mich relativ spät entschlossen habe, hier nicht mehr zu bleiben, gehe ich in ein Jahr, in dem ich eine Pause habe, um in Ruhe drüber nachzudenken, was alles gelungen ist, was alles war und wie ich gerne weiterarbeiten möchte. Es gibt derzeit noch keine künstlerischen Projekte und keine Perspektive, wie es weitergehen könnte. Ich muss sagen, dass mich die Arbeit als Ballettdirektor sehr erfüllt. Da gibt es keinen Bereich, von dem ich sagen könnte: Den möchte ich nicht machen. Ich finde es eine tolle Aufgabe. Es ist hier am Haus ja auch alles gut organisiert. Ich bin gerne Ballettdirektor und habe das Gefühl, dass wir hier in Graz etwas geschaffen haben, das vom Publikum bewusst wahrgenommen und geschätzt wird.

Was erwarten Sie sich von Ihrer bewusst gewählten Auszeit?

Ich erwarte mir von der Auszeit, dass etwas Neues kommen kann. Was immer dieses Neue auch ist. Wenn man so tief in den Abläufen des Alltages drin ist, kann das Neue nicht entstehen. Wenn ich etwas wirklich üben, lernen und vorbereiten möchte, sollte es in dieser Berufung weitergehen, dann: Wie kann ich mir im täglichen Geschäft Momente schaffen, in denen ich neue Inspirationen bekommen kann. Ich glaube, dass das eine Technik ist. Als Tänzer war es für mich kein Problem, wenn ich in der Kreativphase war, woanders hinzufahren und mir Stücke anzuschauen. Aber wenn ich als Ballettdirektor an einem Stück arbeite, kann ich das nicht mehr. Dann wird sogar eine Opernpremiere hier im Haus zur Qual, weil dann der Kopf die ganze Zeit woanders ist und ich mich fast schäme, weil ich nicht richtig in der Aufführung drin sitze. Ich möchte in der Auszeit auch verstehen, was alles gelungen ist und wo und wie es weitergehen könnte.

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