Im Tanzschritt von Spanien nach Indien

Im Tanzschritt von Spanien nach Indien

Agudo Dance Company "Silk road" (Fotos: Karolina Miernik)

Jose Agudo stammt aus Andalusien und ist mit der Musik dieses Landes aufgewachsen. Folgerichtig, dass sich der Tänzer in seinem Heimatland dem Flamenco widmete- bis er den zeitgenössischen Tanz entdeckte und schließlich bei Akram Khan Assistenzchoreograf und Probenleiter wurde.

In seinem eigenen Stück „Silk road“ vereint er seine ursprünglichen, tänzerischen Wurzeln mit jenen, die er später kennenlernte und kreiert eine Reise über tausende Kilomieter mithilfe des Tanzes. Den Grund dafür gibt der Tänzer und Choreograf mit der Verwandtschaft des Flamenco und des Kathak an. Jenem indischen Tanzstil, der genauso wie der spanische mit eleganten, fließenden Hand- und Armbewegungen und rhythmisch eindeutigen Mustern und intensiver Fußarbeit aufwartet.

Eingeladen von Impulstanz, agierten an seiner Seite im Akademietheater musikalisch der österreichische Gitarrist Bernhard Schimpelsberger und der Italiener Giuliano Modarelli, der meisterlich an den Percussions performte. Ihre Live-Darbietung wurde streckenweise mit musikalischen Einspielungen unterfüttert, trug aber wesentlich zum Erfolg des Abends bei, der in drei Teile gegliedert war.

Im ersten gab Jose Agudo zwei Flamenco-Choreografien zum Besten, wobei man zu Beginn durch einige seiner Bewegungen, wie dem Hochraffen eines imaginären Flamenco-Rockes, eine weibliche Tanzauslegung zu erkennen vermeinte. Diese wurde auch tatsächlich von einer männlichen Variante abgelöst, bei der sich der Tänzer mit nacktem Oberkörper kunstvoll im Bühnenstreulicht so in Szene zu setzen wusste, dass man dabei sein kraftvolles Muskelspiel bewundern konnte.

Der zweite Teil führte nach Indien und war dem „Kathak“ gewidmet. Einem traditionellen Tanz, der im Norden Indiens und im Punjab getanzt wird. Modarelli eröffnete die Szene mit einer lustvollen, sprachlich bewundernswerten Ausformulierung und Umdeutung der Silben Tiki-Taka in einer Rasanz und Variationsbreite die atemberaubend und humorvoll zugleich waren. Jose Agudo erinnerte in seinem weißen Kostüm an einen indischen Mönch und wusste dementsprechend langsam sein Bewegungsrepertoire auch einzusetzen. Dass sich das tänzerische Geschehen letztlich auch in eine dramatischere Körperarbeit hin wandelte, verschränkte diese zweite Arbeit kunstvoll mit seinem ersten Auftritt.

Im dritten Teil tanzte Kenny Wing Tao Ho an der Seite von Agudo ein pas de deux, in welchem eine ganze Reihe von traditionellen, indischen Bewegungselementen einflossen. Man wurde Zeuge von stilisierten,  handwerklichen Tätigkeiten wie Wäsche waschen oder auch Nähen, erlebte aber auch hoch lyrische Szenen mit den beiden Tänzern. Ein besonderer Reiz von „Silk road“ liegt im häufigen, fließenden Wechsel von kurz determinierten Geschlechterrollen, die sich aber oft rasch auflösen, ins Gegenteil verkehren oder auch unbestimmt bleiben. Das Publikum dankte mit Standing Ovations.

Das Ich und das Du – wer ist wer?

Das Ich und das Du – wer ist wer?

"All nights game" (Foto: Lidia Crisafulli)

Die Bühne ist noch ohne Licht, aber man vernimmt ein leises Geräusch. Irgendjemand wischt an irgendetwas und irgendjemand gibt ab und zu Klopfgeräusche von sich. „Alleyne Dance“, vor 5 Jahren von den Alleyne-Zwillingsschwestern in London gegründet, gastierte mit „A Night`s Game“ bei Impulstanz zwei Mal an einem Abend hintereinander im ausverkauften Odeon.

Der zu Beginn der Performance nur zart wahrgenommene Geräuschpegel wird nach und nach stärker. Nach einigen Momenten der Ungewissen, wird ein fahler Lichtkegel sichtbar, der auf eine der beiden Schwestern fällt. Die junge Frau sitzt auf einem Sessel und benutzt sich selbst als Percussion-Instrument. Dabei klopft sie auf ihren Oberkörper und ihre Arme, wischt über ihre Oberschenkel und stampft rhythmisch mit den nackten Füßen auf den Boden. Der zarte Anfang steigert sich rasch in eine furiose Darbietung, bei der man den Eindruck einer Frau erhält, die einer wilden Obsession erlegen ist. Ab und zu versucht sie, sich vom Sessel fortzubewegen – vergeblich, ihre Füße tragen sie nicht. Immer wieder rutscht sie auf den Boden, ohne Halt zu finden. Hin und wieder blickt sie ängstlich um sich, hin und wieder befreit sie sich von dieser sichtbaren Angst durch das Versinken in ihre körperlich fordernde, kraftraubende Beschäftigung. Sie gleicht einer Gefangenen, die mit der Beschäftigung mit sich selbst versucht, jene Zeit auszufüllen, die bleischwer auf ihr zu lasten scheint.

Diese dunkle, somnambule Illusion bleibt das ganze Stück über bestehen, auch als die zweite Performerin auf die Bühne kommt. Sie fängt bald schon jenen Stuhl auf, den ihr ihre Schwester quer über die Bühne zuwirft und beginnt mit einer sehr ähnlichen, streckenweise sogar gleichen Choreografie. Auch sie hat zuweilen Schwierigkeiten, sich auf den Beinen zu halten, versucht aber immer wieder mit ihrem Gegenpart Kontakt aufzunehmen.

Was sich genau in diesem dunklen Raum zwischen den beiden Frauen in der einstündigen Performance abspielt, darf sich das Publikum auf weite Strecken selbst überlegen. Dennoch pendelt das Geschehen immer zwischen den möglichen Interpretationen eines Alter-Egos und dem tatsächlichen Spiel, dem tatsächlichen Kampf mit und gegen eine zweite Frau. Dabei nutzen die beiden aus London stammenden Tänzerinnen, die während ihrer Schulzeit Kurzstreckenläuferinnen werden wollten, die gesamte Bühne. Sie laufen in der Diagonale den Raum aus und beweisen mit jeder Menge Bodenkontakt, sowie raschen Dreh- und Hebebewegungen, wie viel Kraft in ihnen steckt. Ein fein abgestimmter Sound trägt wesentlich zur Emotionalisierung des Geschehens bei. Dass dies den beiden gelingt, ist ein wahres Kunststück. Gerade Arbeiten, die keine leicht fassliche Story erzählen, neigen dazu, beim Publikum wenig Emotionen auszulösen.

„A Night`s Game“ funktioniert jedoch anders. Es sind viele Momente, die gezeigt werden, in welchen man sich wiederfinden kann. Einsamkeit, Angst, Wut, Rivalität, aber auch Zusammenhalt und Helfenwollen – all das wird fühlbar und geht unter die Haut. Abgesehen von den vielen synchron getanzten Szenen sind es einzelne, wie jene, die eingangs beschrieben wurde, aber auch eine andere, bei der man den Eindruck erhält, dass sich in der Bühnenmitte eine Eiskunstläuferin um ihre eigene Achse dreht und eine Pirouette nach der anderen absolviert, die stark im Gedächtnis hängen bleiben.

Ist es ein Traum, ist es eine real erlebte Bedrohung, ist es der Kampf gegen das eigene Ich oder gegen eine Rivalin, mit der dann doch höchst lustvoll und lachend im Gleichschritt getanzt wird, was hier gezeigt wird? Auch, oder vielleicht gerade weil sich diese Fragen nicht endgültig beantworten lassen, stellt diese Arbeit von „Alleyne Dance“ einen großen Wurf dar, der vom Publikum zu Recht mit Standing Ovations bedacht wurde. Wie gut, dass den beiden Frauen der Shiftwechsel vom Hochleistungssport hin zur Kunst gelungen ist. Das, was sie hier vermitteln können, ist wesentlich mehr als persönliche Höchstleistungen im Kampf gegen sich und andere zu bringen. Interessant, dass sich letztlich jedoch gerade um diese Thematik herum das dramaturgische Geschehen aufbaute.

Wohliger Gruselschauer fühlt sich anders an

Wohliger Gruselschauer fühlt sich anders an

Maria Metsalu "Mademoiselle x" (Foto: Alan Proosa)

Im Rahmen von 8:tension, der Nachwuchs-Performance-Reihe von Impulstanz, präsentierte Maria Metsalu aus Estland ihre Arbeit „Mademoiselle X“ in den Hofstallungen des MQ.
Grundlage ihrer Performance ist die Beschäftigung mit Horrorfilmen und so schlüpft die junge Tänzerin in die Rolle einer vermeintlich Untoten. Flankiert wird sie von zwei Puppen, die Leichen darstellen sollen. In der Raummitte ist ein Bassin angebracht, das mit Theaterblut gefüllt ist und in dem sich die Performerin gleich zu Beginn in Liegeposition befindet.

Nach und nach entsteigt sie dem roten Nass und dreht ihre Runden, in Tuchfühlung mit dem Publikum, das zum Teil eine gehörige Portion vom roten Wasser abbekommt. Danach folgen Aktionen mit brennenden Kerzen, die sich die junge Frau zwischen ihre Zehen, in ihren Mund und ihr Geschlechtsteil steckt und mit Trockeneis, das sie behandschuht in das Bassin wirft, um das wallende Nebelschauspiel dann zu fotografieren. Nicht zu vergessen das Herausziehen diverser Ketten aus ihrer Vagina, die sie sich danach über ihren Oberkörper hängt. Sobald diese Szenen absolviert wurden, verschwindet Metsalu durch eine Tür ins Freie, um kurz danach wieder in den Saal zu kommen und das Schauspiel von vorne beginnen zu lassen.

Dass sie sich dabei in einem Zustand befindet, der als ewiger Kreislauf bezeichnet werden kann, aus dem sie nicht imstande ist, sich zu lösen, wird dabei klar. Man mag wohlwollend diese Wiederholungen in vielfacher Hinsicht metaphorisch deuten. Kritischer gesehen, schrumpft die Arbeit jedoch auf ein Drittel ihrer Dauer und hinterlässt weder eine wohlige Gänsehaut, noch den Anreiz, länger über das Präsentierte nachzudenken.

Was ich von den anderen lernte

Was ich von den anderen lernte

Frédéric Gies ist eine Ausnahme im Tanzbusiness. Einer jener raren Tänzer und Choreografen, die sich  bewusst sind, dass ihre Arbeit von verschiedenen Tänzerinnen und Tänzern vor ihnen beeinflusst wurde. Darüber hinaus versteckt Gies  dieses Wissen aber nicht schamhaft, sondern breitet es vor seinem Publikum aus, um ihm einen Einblick in seinen künstlerischen Werdegang zu gewähren.

In seiner Performance „walk + talk“, die im MUMOK während des Impuls-Tanz-Festivals stattfand, tut er nicht genau das, was der Titel verkündet. Denn in der guten Stunde geht der Künstler nicht ruhig vor dem Publikum auf und ab, sondern er tanzt und spricht währenddessen. Ein sehr atemberaubendes Unterfangen. Wer dies nicht glaubt, möge selbst einige wenige Tanzschritte absolvieren und währenddessen sprechen.

Mit meist grazilen Bewegungen, die Arme oft hoch – oder seitlich vom Körper gestreckt, mit einer Mischung aus klassischen und zeitgenössischen Ballett-Schritten, tanzt er durch den Raum und erinnert sich an seine wesentlichen, für seinen Lebensweg wichtigen Vorbilder, die er nur beim Vornamen nennt. Dominique (Bagouet) ist eines davon, Olivia und Bernard, die mit Bagouet tanzten, sind andere. Dazu kommen noch Julia, Allister und Kristina, sowie ein ungenannter Freund, den der Techno-Begeisterte in einem Club in Berlin kennenlernte.

Frédéric Gies „walk + talk“ (Foto: Thomas Zamolo)


Von Letzterem fühlte er sich derart angezogen, dass er mit diesem nach dem Kennenlernen, das er sehr minutiös beschreibt, so als könne er sich noch genau an jede Minute daran erinnern, dessen Geschlechtsteil mit beiden Händen umfasst und in der Hitze der Techno-Nacht auf diese Weise tanzt.

Der vollbärtige Tänzer, bekleidet mit einem schwarzen Leinen-Damen-Sommerkleid, schafft nicht nur eine Öffnung seiner Tanzdramaturgie zum Publikum hin, er lässt es auch intensiv an seinen Emotionen teilhaben. Dennoch bleibt einiges offen interpretierbar, vor allem die Unterschiedlichkeit der verschiedenen Tanzstile. Erahnen kann man sie, da Gies tatsächlich neue Bewegungsformen in seine Choreografie einfließen lässt, sobald er über eine andere Tanzbegegnung spricht. Er verbindet jedoch dies alles so gekonnt zu einem fließenden Ganzen, dass man meint, dass nichts von dem, was er zeigt, „Geborgtes Formenvokabular“ ist.

Mit Steve Cohen, der zuvor schon im Museum Leopold zu sehen war, verbindet ihn letztlich auch das rigorose Coming-out seiner sexuellen Präferenz, die er offen anspricht.

Walk + talk“, ein Format, das Philipp Gemacher zuerst in Wien zeigte, erweist sich als lustvolle Nachhilfestunde im Bereich zeitgenössischer Tanz. 

Das Recht auf Freiheit und Provokation

Das Recht auf Freiheit und Provokation

Das Recht auf Freiheit und Provokation

Das Recht auf Freiheit und Provokation

Michaela Preiner

Steven Cohen – „Taste“ (Foto: Pierre Planchenaut)
Der wohl bekannteste südafrikanische Performancekünstler, der 2006 auf Einladung der Kunsthalle Wien mehrere Tage hier performte und bei Impulstanz im Juli seine Show „Put your heart under your feet — and walk“ zeigte, gliedert seine zweite, in dieser Saison gezeigte Arbeit „Taste“ in drei Teile. Gezeigt wurde diese im Museum Leopold. Die beiden ersten Teile sind reine Filmeinspielungen.
Zu Beginn wird man im Kapitel „Good Taste“ Zeuge der rituellen Handlung Ningyo Kuyo in Japan, bei der Puppen, die man nicht mehr haben möchte, verbrannt werden.
Dies in Begleitung von Gebeten, da man in Japan der Meinung ist, dass auch Puppen eine Seele haben. Steven Cohen überblendet das Geschehen mit einer eigenen Choreografie in einem verspiegelten Tempel, in dem er selbst als lebende Puppe agiert. Als solche präsentiert er sich als menschliches Hybrid, das nur aus Beinen und Armen besteht und durch eine geschickte Spiegelung reizvolle Körperansichten bereithält. In einem kurzen Zwischenschnitt blendet er vor einer Verbrennungsszene ein Hakenkreuz ein und evoziert damit sofort die massenhafte Vernichtung von politischen, religiösen und ethnischen Gegnern unter den Nazis. Dass kurz darauf ein aufgemalter oder eintätowierter Davidstern auf seinem kahlen Schädel zu sehen ist, macht schlagartig klar, dass sich dieser Hinweis auch auf die jüdische Abstammung des Künstlers bezieht.
Steven Cohen – „Taste“ (Fotos: Pierre Planchenaut)
In der zweiten Filmeinspielung „Bad Taste“ verfolgt man eine Performance, die Cohen 2013 vor dem Palais Chaillot inszenierte. Halb nackt, seinen Penis mit einem weißen Stoff nur zum Teil ummantelt, hat er daran eine Stoffleine montiert, die mit einem lebenden Hahn verbunden ist. Auch er selbst trägt Federn auf dem Kopf und an den Handschuhen und mutiert dadurch zu einer auffallenden, menschlichen Hahn-Kunstfigur, die zwangsläufig im öffentlichen Raum provoziert. Das Palais Chaillot wird von insgesamt vier Kulturinstitutionen genutzt, von Museen genauso wie von einem Theater und trägt eine markante Außenaufschrift. Dabei ist sinngemäß zu lesen, dass der Mensch ständig erschafft, ohne dass es ihm bewusst ist, dass aber das Schaffen des Künstlers ein bewusstes ist, welches sein ganzes Sein beeinflusst.

Der Hahn steht in Frankreich für das Symbol der Freiheit – und war nach der Revolution sogar mehrere Jahrzehnte auf der französischen Fahne verewigt. In Cohens Interpretation steht dieser sowohl für den Freiheitsgedanken der Kunst, als auch für das männliche Geschlechtsteil, das im Englischen ja auch mit „cock“ – Hahn bezeichnet wird. Die Freiheit, die hier eingefordert wird, bezieht sich zum einen auf die Kunstproduktion, zum anderen aber auch auf das Mensch-Sein an sich, egal welche sexuelle Präferenz damit verbunden ist.

Beides wurde durch eine Verhaftung während der Aufführung negiert und ein halbes Jahr später auch gerichtlich verurteilt. Wenngleich in einem salomonischen Urteil, bei dem keine Strafe ausgesprochen wurde.

Seinen dritten Performance-Teil, schlicht „Taste“ übertitelt, lieferte Cohen im Untergeschoss des Museum Leopold live ab. Dabei trat er in einem für ihn typischen, glamourhaften Outfit aus, das die Künstlichkeit seiner Figur noch verstärkt. Die Vorderansicht imitiert ein bodenlanges Abendkleid, der Rückenteil lässt aber den Blick auf viel nackte Haut zu. Auf seinem Kopf trägt er einen überdimensionierten Davidstern und geht nach einem kurzen Intro rasch auf Konfrontationskurs mit seinem Publikum. Nachdem er die Zusehenden mit Krachern, die nacheinander automatisch an seinem Rocksaum gezündet werden, erschreckte, presste er eine schwarze Flüssigkeit in eine Leibflasche, so als würde das Nass aus seinen Gedärmen kommen, um es anschließen genüsslich zu trinken. Seinen Abgang quittierten die Anwesenden mit freundlichem Applaus.

Steven Cohen – „Taste“ (Fotos: Pierre Planchenaut)
Der Performer ist davon überzeugt, dass man sich an „Taste“ lange Zeit erinnern werde. Ob das wirklich so ist, wird sich zeigen. Das Schockpotential, das er dabei für sein Publikum bereithielt, war nicht allzu hoch Vielleicht, weil vieles, was den Blutdruck nach oben treiben sollte, so oder so ähnlich schon vor vielen Jahren zu sehen war. Vor allem in Wien. Denn in den 60er-Jahren waren die Wiener Aktionisten mit Rudolf Schwarzkogler oder Günther Brus – um nur zwei von ihnen zu nennen – auch nicht zimperlich, was die Zurschaustellung von Genitalien, Blut oder Fäkalien betraf.

Dennoch ist seine Arbeit sehenswert und spiegelt im performativen Bereich jenen Zeitgeist wider, der Queere und Transgender-Menschen dazu antreibt, extrem offensiv mit ihrer Sexualität umzugehen. Das Kämpfen um das Recht auf Freiheit scheint immer mit Gewaltakten verbunden zu sein. Selbst, wenn dieser Kampf, wie bei Steven Cohen, letztlich auch ein großes Stück, gegen sich selbst gerichtet erscheint.

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Mitmachen oder ausgestoßen werden

Mitmachen oder ausgestoßen werden

Hungry sharks! Hungry sharks! Es ist nicht das erste Mal, dass die Truppe um Valentin Alfery nach einer ihrer Aufführungen vom Publikum lautstark skandierend auf die Bühne zurückgeholt wird. Dabei handelte es sich nicht um einen dance-battle an dem Alfery und seine Kolleginnen und Kollegen teilgenommen haben. Zu hören waren die Ovationen nach der Präsentation ihrer Performance „Hidden in plain side“ im Rahmen von Impulstanz im Arsenal.

Urban und Street dance mit Sinnebenen

Obwohl sich die Aufführung eine Stunde nach hinten verschob, reagierte das Publikum nicht ungehalten. „Die wollte ich unbedingt sehen“, oder „alles andere ist mir wurscht, Hauptsache ich habe dafür Karten bekommen“, waren nur zwei von mehreren Pro-Hungry-sharks-Statements, die man in der Warteschleife zum Einlass hören konnte. Tatsächlich haben die Tänzerinnen und Tänzer österreichweit schon eine schöne Fangemeinde. Dies mag vor allem auch daran liegen, dass sie nicht vom zeitgenössischen Tanz auf die Bühnen gestiegen sind, sondern aus dem Urban dance kommen.

Das Interessante an den Choreografien von Valentin Alfery, der sich früher Valentin Knuffelbunt nannte, ist, dass er anders als beim Street oder Urban dance seine Choreografien mit einer Sinnebene auflädt. Zu erkennen war das schon bei seinen beiden vorherigen Arbeiten, Fomo und Anthropozän. „Hidden in plain sight“ schon 2016 im brut uraufgeführt, hat einen anderen drive als seine Vorgänger.

Der ewig gleiche Trott

Hungry Sharks – Hidden in Plain Sight  (c) Erli Grünzweil

Darin treten die insgesamt sechs Tänzer und zwei Tänzerinnen in einer minutiös durchkomponierten Choreografie auf, in der nichts, aber auch schon gar nichts dem Zufall überlassen wird. Darf es auch nicht, denn sonst würde der Plot nicht zu vermitteln sein. Bei ihm handelt es sich um die Darstellung einer Arbeitswelt, in der die Menschen wie Zahnrädchen ineinander ihre Verrichtungen absolvieren. Immer schön nach Schema F.

Erreicht wird das durch eine Addition von Bewegungsabläufen. Eine Tänzerin beginnt mit einer kurzen Choreografie, die sich bald wiederholt. Nach und nach kommen die anderen dazu und verweben ihre eigenen Tanzschritte mit den schon bestehenden der anderen. So lange, bis ein dichtes Netz entstanden ist, das in einer Endlosschleife wiederholt werden könnte.

Am Anfang tanzen Mustapha Ajdour, Valentin Alfery, Farah Deen, Patrick Gutensohn, Olivia Mitterhuemer, Manuel Pölzl, Diego de la Rosa und Moritz Steinwender in einem großen Quadrat, das am Boden mit schwarzen Linien markiert ist. Noch zweimal werden sie die gleiche Choreografie anschließen, jedes Mal jedoch auf einem noch komprimierteren Feld. Das letzte Quadrat ist nur mehr so groß, dass die 8 Personen stehend nebeneinander darin Platz haben.

Wer nicht dazu passt, wird ausgestoßen

Zu erkennen ist dabei eine kleine Gesellschaft junger Menschen, wie sie sich millionenfach in Firmen, Büros, Behörden usw. rund um den Erdball befinden. Alle, die darin arbeiten, tun dies nach einem vorgegebenen Plan, Tag für Tag und immer wieder dasselbe. Kleine Reibereien zwischen Frauen und Männern kommen darin ebenso vor wie kurze, gegenseitige Aufmunterungen unter den Männern. Neuankömmlinge werden nur geduldet, wenn sie sich in das vorgegebene Arbeitsmuster einfügen. Schön aufgezeigt wird dieser Mechanismus in einer Szene, in welcher sich einer der Tänzer ein kleines Solo mit anderen moves erlaubt, als die anderen es in ihrem Repertoire haben. Schon nach wenigen Augenblicken wird er ausgestoßen, muss die Tanzfläche verlassen.

Immer wieder schiebt Alfery Szenen ein, in welchen die Frauen und Männer in unterschiedlichen Gruppen raschen Schrittes aneinander vorbeigehen, ohne sich dabei zu beachten. Der Weg ins und vom Büro kann nicht eindringlicher beschrieben werden. Während gegen Ende das Endlosspiel um den Arbeitstrott weitergetanzt wird, marschiert Valentin Alfery wie ferngesteuert über die Bühne. Hin und zurück, hin und zurück, wobei ihn eine Kollegin an den beiden gegenüberliegenden Außenpunkten des imaginären Quadrats jedes Mal wieder umdreht, um ihn auf Schiene zu bringen.

Es sind nicht nur die Repetitionen, die klarmachen, dass es sich um immer wieder kehrende Arbeitsabläufe handelt. Es sind auch die Bewegungen an sich, kantig, ruckartig, wie von Robotern gesteuert, die das aufzeigen. Wenn alle in einer Reihe, die sich ständig erneuert, ihre Bewegungen zeigen, meint man sogar, Fließbandarbeitern zuzusehen.

Ein höchst illustrativer Sound

Hungry Sharks – Hidden in Plain Sight  (c) Erli Grünzweil

Maßgeblich für den Erfolg verantwortlich ist auch Patrick Gutensohn, der die Musik schuf. Von einem leisen, eher bedrohlichen Sound, mit flüsternden Stimmen unterlegt, entwickelt sich die auditive Untermalung hin zu einem dichten Teppich mit ganz klar strukturiertem Rhythmus. Die einzelnen Szenen spiegeln sich auch in der Variabilität der Musik wieder, die ganz zum Schluss leise ausfadet.

„Hidden in plain sight“ – also gut sichtbar versteckt – ist sicher noch so manch andere Szenerie, die sich wahrscheinlich erst beim öfteren Ansehen der Choreografie zeigt. Es ist ein höchst komplexes Stück mit großen Anforderungen an die Tanzenden, das beim Publikum zu Recht heftigen Applaus erntete. Valentin Alfery hat sich mit seinen „Hungry sharks“ in den letzten drei Jahren einen ganz eigenen Platz im Tanzgeschehen in Österreich erarbeitet. Einen Platz, den er mit niemandem teilen muss. Das ist eine enorme Leistung, zu der wir herzlich gratulieren.

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