Aktuell wie vor 800 Jahren

Aktuell wie vor 800 Jahren

Aktuell wie vor 800 Jahren

Aktuell wie vor 800 Jahren

Aurelia Gruber

„König Johann“ (Foto: Andrea Klem)
Das Surrounding könnte nicht authentischer sein. Die frisch renovierten Kasematten in Wiener Neustadt stammen in ihrem Kern aus dem Mittelalter. Aus jener Zeit, in der der Adel sich in Europa konstituierte und seinen länderübergreifenden Einfluss und seine umfassende Macht in Stellung brachte.
„König Johann“, ein krudes und dramaturgisch etwas verworrenes Frühwerk von Shakespeare, wurde in den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts von Friedrich Dürrenmatt überschrieben und gelangte nur wenige Male zur Aufführung.
Man muss schon eine große Portion Selbstvertrauen haben, sich mit diesem Werk in eine neue Ära zu begeben. Dies tat und tut gerade Anna Maria Krassnigg, ihres Zeichens künstlerische Leiterin und Regisseurin, aber auch Autorin, die gemeinsam mit Christian Mair die wortwiege gründete. In Wien Vielen noch als „Salon5“ bekannt, später dann im Thalhof in Reichenau für 4 Jahre beheimatet, bot man Krassnigg nun die Erstbespielung der historischen Gemäuer in Wiener Neustadt an. Begleitet von einer Reihe literarischer Spürhunde – der despektierliche Ausdruck ist hier anerkennend gemeint – stieß sie auf das Drama „König Johann“, welcher der jüngste Bruder von Richard Löwenherz aus dem Geschlecht der Plantagenets war.

Nicht nur, dass Wiener Neustadt seine erste Prosperität dem Lösegeld verdankte, das in Silber für Richard Löwenherz an den Herzog von Österreich ausbezahlt wurde. In Shakespeares Stück kommt Letzterer sogar leibhaftig vor. Als verkommener Kriegstreiber, der den lukullischen Genüssen mehr zugeneigt war als dem humanistischen Gedanken an Frieden.

Krassnigg inszeniert das Stück als aberwitzigen Ritt eines Ablaufes von innerfamiliären Geschehnissen, bei welchem die Blutsverwandtschaft den Eindruck hinterlässt, sich selbst der größte Feind zu sein. Der Kampf um die Aneignung von Ländereien in Frankreich, sowie ganz England, tritt als Schaulauf von Grausamkeiten, Niedertracht und Verrat in Erscheinung: höchst symbolträchtig auf und um einen verkohlten Catwalk. Hinter diesem hat sich ein riesiges Schlachtross in seiner wildesten Drohgebärde aufgestellt und begleitet das Geschehen damit in Permanenz. (Bühne Andreas Lungenschmid)

„König Johann“ (Foto: Andrea Klem)
„König Johann“ (Foto: Andrea Klem)
Die beiden Gegenspieler König Johann und König Philipp – beide aus dem Geschlecht der Plantagenets – agieren als machthungrige Scheusale, die skrupellos einen Krieg anzetteln, bei dem sie wissen, dass tausende Soldaten ihr Leben lassen müssen. Doch auch die Frauen des Clans, der „mafiose Strukturen“ aufweist, wie Krassnigg das Adelsgeschlecht in einem Interview charakterisierte, kommen nicht wirklich gut weg. Entweder stehen sie kurz davor, nach einem wilden, verbalen Schlagabtausch handgreiflich zu werden. Oder sie versuchen die Männer zu manipulieren, um die Krone für ihre eigene Nachkommenschaft zu sichern.

Wie in einem verrückt gewordenen Lebenskarussell wendet sich das Blatt des Schicksals mehrfach. Dennoch steuert die Familiengeschichte haltlos einem unrühmlichen Ende zu. Horst Schily als König Johann und Jens Ole Schmieder als König Philipp spielen beeindruckend zwei höchst kontrapunktische Herrscher. Ersterer als überheblicher Throninhaber, der sich, selbst entscheidungsschwach, von einem „Bastard“ zu vernunftgetriebenen Entscheidungen überreden lässt. Schily spielt mit einer Attitüde, die einem verschlagenen Herrscher innewohnt, der seine eigene Entscheidungsschwäche durch abgehobenes Gebaren überspielt. Während ganz konträr sich Jens Ole Schmieder durch lautstarke Auftritte und überbordendes Testosteron den Geschehnissen dennoch fatalistisch ausgeliefert sieht, aber letztlich als Glücksritter aus den Wirren der Schicksalsumschwünge hervorgeht. Antoaneta Stereva schuf Kostüme die zwischen Eleganz und schäbiger Abgerissenheit changieren und nicht nur die einzelnen Charaktere betonen, sondern Brücken quer über alle Jahrhunderte ins Heute schlagen.

Mit Niko Lukic wurde ein authentischer „Bastard“ besetzt, der stimmgewaltig seine Jugend und seine Vernunft ins Rennen um den Frieden einzusetzen versucht. Als einziger Unbeugsamer wählt er ein Leben in Freiheit ohne Adelsauszeichnung. Blutbesudelt von den angeordneten Peitschenhieben seiner ehemaligen Geliebten, die er verraten hat, zieht er sich letztlich vom Hof zurück. Petra Staduan, die ihn als Blanka zu ihrem Ehemann auserkoren hatte, rächt sich mit einem rockigen „I put a spell on you“, gesungen in ein blank poliertes 50er-Jahre Mikrofon. Jenem Fluch, mit dem Screamin` Jay Hawkings in eben jenem Jahrzehnt zu Weltruhm gelangte. Christian Mair (Musik) nimmt die markante Bass-Melodie auf und lässt mit ihr unterlegt gleich zu Beginn die verfeindeten Familien auftreten. Petra Staduan kämpft in der Rolle als aufmüpfige und lebenshungrige Blanka – entgegen jeder Etikette – selbstermächtigt für ihre Rechte als Frau.

„König Johann“ (Foto: Andrea Klem)

Nina C. Gabriel ereilt nicht nur als Eleonore, Johanns Mutter, ein grausames Schicksal, dem sie erhobenen Hauptes entgegenschreitet. Sie schlüpft auch in die Rolle von „Österreich“ und kommentiert dessen lukullischen Erlebnisse höchst launig während des Treffens, in welchem über das Schicksal der Bürger von Angers entschieden wird. Isabella Wolf tritt sowohl als Constanze auf, der Mutter des Thronfolgers Arthur, als auch als androgyner Kardinal. Mit seinem Bannspruch unterwirft er Philipp und fädelt in weiterer Folge eine neue englische Regentschaft ein. Herzzerreißend bricht sie als Mutter nieder, als sie erfährt, dass ihr Sohn in die Hände der Engländer gefallen ist und berückend und aufklärerisch zugleich erscheint sie als Christus-Nachfolger, der weiß, wie man mit Sog und Druck verführt und zu seinem Ziel kommt.

Julian Waldner verkörpert insgesamt grandios sechs Charaktere. Sein „Bürgervertreter“ mischt sich unter das Publikum und macht diesem klar, dass das, was auf der Bühne verhandelt wird, nicht weniger als jene Zukunft ist, die wir heute Demokratie nennen. Ob als Chatillon oder Pembroke, ob als unglücklicher Arthur, Angouleme oder Mönchlein – mit ihm transportiert Krassnigg in höchstem Maße die Idee, dass ein guter Schauspieler imstande ist, ein Ensemble durch Mehrfachbesetzung numerisch scheinbar aufzumotzen. Die permanenten und oft im Handumdrehen durchgeführten Rollenwechsel, auch von den anderen Mehrfachbesetzungen, sprühen nur so vom Geist eines lebendigen, blutvollen Theatergedankens. Einer Vermittlungsidee großer Stoffe, die durch hervorragende Schauspielende sinnlich erfahrbar und nachvollziehbar wird.

Der Wunsch, dass Theater imstande sein soll ein Nach-Denken anzuregen, dieser Wunsch geht in dieser Inszenierung auf. Denn egal, ob man allen Familienverstrickungen folgen kann oder nicht: Das Spiel um die Ränke der Mächtigen, um Vernunft und Unvernunft und letztlich um eine Bürgerschaft oder ein Volk, das mehr ist als die, die es regieren, hinterlässt starke Eindrücke. Das ist viel, wenn man bedenkt, dass König Johann vor mehr als 800 Jahren verstarb und vermeintlich in unserem Leben keine Rolle mehr spielt.

„König Johann“ (Foto: Andrea Klem)

Die wortwiege zeigt noch bis Anfang April „König Johann“. Vor einzelnen Vorstellungen trifft Anna Maria Krassnigg auf Gäste aus dem In- und Ausland, um mit ihnen über das Thema des diesjährigen Festivals „Bloody Crown“ zu diskutieren.

Alles Infos hier: www.wortwiege.at

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Tiefgründiges und leichte Kost

Tiefgründiges und leichte Kost

Tiefgründiges und leichte Kost

Tiefgründiges und leichte Kost

Michaela Preiner

„Vögel“ (Foto: Karelly Lamprecht)
Das Schauspielhaus Graz wartet derzeit mit zwei gänzlich unterschiedlichen Produktionen auf, die eins klar machen: Unterhaltung im Theater kann tiefgründig, aber auch leicht konsumierbar sein.
Mit „Vögel“ steht ein Drama auf dem Spielplan, das in dieser Saison auch am Akademietheater und am Tiroler Landestheater in Innsbruck gezeigt wird. Das macht deutlich, dass der Stoff, den der Autor Wajdi Mouawad darin verarbeitet, als sehr zeitgeistig empfunden wird.
„Vögel“ (Foto: Karelly Lamprecht)
Der junge Gentechniker Eitan, der aus einer jüdischen Familie stammt, trifft in der Universitätsbibliothek auf Wahida, eine arabischstämmige, junge Frau und verliebt sich ad hoc in sie. Die Eltern Eitans wollen der Verbindung jedoch unter keinen Umständen zustimmen. Bei der Auseinandersetzung mit ihrem Sohn kommt es zu einem Beziehungsbruch, bei dem der junge Mann das Gefühl hat, nicht von diesen Eltern abstammen zu können. Bei einem Gentest, den er heimlich durchführt, muss er feststellen, dass sein Vater nicht der leibliche Sohn seines Großvaters sein kann. Deswegen macht er sich mit seiner Freundin auf den Weg nach Israel, um seine Großmutter zu besuchen und dort das Familiengeheimnis zu lüften.

Der Regisseur Sandy Lopicic, von dem auch die Musik stammt, lässt die Vorstellung mit einem rhythmisch begleiteten Blitzlichtgewitter von grünen Bibliothekslampen beginnen. Einer gelungenen, metaphorischen Verschränkung der Idee, damit jene Tages- und Nachtabläufe zu visualisieren, die es benötigte, bis sich die beiden Liebenden in der Bibliothek kennenlernten. Mit einem genialen Bühnenbild von Vibeke Andersen, wird zu Beginn ein X- und ein Y als Chromosomenabkürzung bildhaft dargestellt. Die Y-Konstruktion in Form eines Glascontainers, der innen begehbar ist, bekommt im Laufe des Abends noch weitere Bedeutungsebenen. In ihm eingeschlossen wird sich eine zeitlang Eitan befinden, der nach einem Terroranschlag in Israel ins Koma fällt. Später wird darin sein Vater zu sehen sein – wie Eitan ebenfalls in einer lebensbedrohenden Situation.

Der Text kreist um die Frage nach Identitäten innerhalb einer Familie, aber auch um Identitäten, die sich aus einer Volkszugehörigkeit ergeben. Eitans Vater muss erfahren, dass er von jenem Volk abstammt, das er aufs Stärkste verachtet. Sein tragisches Ende darf man wohl als letzte Konsequenz einer Erschütterung ansehen, welche die Grundfesten eines Menschen so ins Wanken bringen können, dass dieser daran zerbrechen kann.

„Vögel“ (Foto: Karelly Lamprecht)
„Vögel“ (Foto: Karelly Lamprecht)
 Mit Rückblenden ins Jahr 1982 zum Massaker von Sabra und Schatila an Palästinensern zeigt der libanesisch-stämmige Autor, der in Kanada lebt, ein besonders grausames Kapitel des Hasses zwischen Arabern und Juden auf. Das Bild, das er dabei verwendet, erinnert an einen Racheengel, der von oben herab nichts als Unheil verkündet. Die unmittelbaren Folgen des Sechstagekrieges von 1967, die für Etgar, den Großvater und die ganze Familie für das weitere Leben ausschlaggebend waren, bringen eine Wende in die Erzählung. Knapp vor Schluss wird die Familiengeschichte von ihrem bis dahin unbekannten Ausgangspunkt völlig überraschend aufgerollt. Mit fatalen Folgen.

Lopicics musikalische Untermalung trägt klangliche Charakterbilder in sich, die sich aus der Mischung von orientalen und okzidentalen Instrumenten ergibt. Auch das ist ein gekonnter, wenngleich sehr subtiler Hinweis auf jene Lebensbausteine, aus welchen Eitans Vater, letztlich aber auch Eitan selbst zusammengesetzt sind. Einem zuweilen langatmigen ersten Teil folgen fulminante, hoch emotionale Bilder und Szenen nach der Pause. Bis hin zum Schlussbild, das den Leichnams des Vaters quer über die Bühne projiziert.

Frieder Langenberger als Eitan und Gerhard Balluch als sein Großvater bestechen mit ihren schauspielerischen Leistungen. Die Emotionalität der Jugend trifft dabei gekonnt und plausibel auf die Abgeklärtheit des Alters. Was den beiden Charakteren an Versöhnungspotential innewohnt, fehlt den Eltern von Eitan komplett. Sowohl Susanne Konstanze Weber als Norah, die Mutter, als auch Mathias Lodd in der Rolle des Vaters, zeigen versteinerte Herzen und verkörpern keine Sympathieträger. Beatrice Frey als Großmutter toppt die beiden in ihrer Gefühlskälte – bis auf einen kurzen emotionalen Ausbruch. Katrija Lehman steht als Wahida sowohl in ihrem Aussehen als auch ihrem Lebenszugang antipodisch der israelischen Soldatin Eden gegenüber, verkörpert von Anna Szandtner, die plötzlich eine unerwartete Empathie mit der jungen Frau empfindet.

Ein Theaterabend mit einigen gelungenen Regieideen, bei dem man trotz aller dramatischer Ereignisse emotional jedoch auf Distanz bleibt.

„Vögel“ (Foto: Karelly Lamprecht)
„Tatortkomissarinnen“ (Foto: Stela)

Ich, Tatortkommissarinnen

Von ganz anderem Kaliber ist die Performance „Ich, Tatortkommissarinnen“ bei der Cora Frost für die Regie verantwortlich zeichnet. Darin treten die Rabtaldirndln gemeinsam mit Julia Gräfe auf, um dem Phänomen der allsontaglichen Tatortausstrahlungen nachzugehen. Nach einem fulminanten Einstieg, bei dem man sich live inmitten einer Messfeier zu Ehren des Heiligen Tatortabends befindet und anstelle von Hostien Erdnussflips auf der Zunge zergehen lassen darf, outen sich die Schauspielerinnen mit ihren jeweiligen Krimi-Vorlieben. Dass sie dabei in die Rolle von Kommissarinnen schlüpfen, versteht sich von selbst. Und dass sie als solche nicht davor zurückschrecken, wie ihre männlichen Kollegen zu schießen und sich im Nahkampf am Boden zu wälzen, auch.

Der späte und unerwartete Auftritt von Cora Frost – die plötzlich singend dem bockenden Kaffeeautomaten entsteigt, kippt die Inszenierung ins Revuehafte. Um die Kottan-ermittelt-Anspielung zu verstehen, muss man aber der Jugend schon entwachsen sein. Dramaturgisch erschließt sich einem nicht wirklich, warum jene Szene, in der ein „Teambuilding-Wochenende“ nachgestellt wird, von der Länge her ausufert und die Damen sich dazu in zartes, rosarotes Tuch kleiden müssen. Diesen Switch nimmt man den Rabtaldirdnln beim besten Willen nicht ab. Julia Gräfe blieb von dieser Verwandlung zum Glück ausgeschlossen.

„Tatortkomissarinnen“ (Foto: Stela)
Die durchinszenierte Vorstellung, in der nur einmal Julia Gräfe sich beim Publikum einige Antworten abholt, hat nichts mit einer Performance zu tun und erhält damit ein Etikett, dass ihr nicht wirklich passt. Die Mischung aus Theater-Nabelschau und Krimi-Verballhornung hält zwar immer wieder Lacher bereit, bleibt letztlich aber das, was auch der Tatort selbst ist, eine vorkonfektionierte Unterhaltung, die von zufünftigen Amusements rasch wieder überdeckt werden wird. Dennoch empfehlenswert, wenn man einen lockeren Theaterabend genießen möchte.

Auf der Bühne agieren Barbara Carli, Rosa Degen-Gaschinger, Bea Dermond, Julia Gräfner, Gudrun Maier und Susanne Ohner.

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Der Teufel gewinnt nicht immer, Gott aber auch nicht

Der Teufel gewinnt nicht immer, Gott aber auch nicht

Der Teufel gewinnt nicht immer, Gott aber auch nicht

Der Teufel gewinnt nicht immer, Gott aber auch nicht

Michaela Preiner

„Meister und Margarita“ (Foto: Horn/Burgtheater)
So einiges, was manchen Kritikern missfällt, fasziniert das Publikum – und umgekehrt. Dies ist sehr gut bei der derzeitigen Inszenierung von „Meister und Margarita“ am Akademietheater zu verfolgen, die nach der Premiere nicht nur positive Kritiken erhielt. Unter der Regie von Tiit Ojasoo und Ene-Liis Semper, die in Tallinn das Theater NO99 betreiben, erlebt das von Michail Bulgakow geschriebene Kultbuch eine Dramatisierung, die es seinem ursprünglichen Kontext, der Sowjetunion der 20er und 30er-Jahre entzieht. Das tut rundum gut und bringt jede Menge neuen Schwung mit sich. In der Interpretation des Regieduos aus Estland ist nichts mehr von der stalinistischen Diktatur spürbar, aber von jener des kapitalistischen Systems sehr wohl.
„Meister und Margarita“ (Foto: Horn/Burgtheater)
Bulgakow, der als Autor vom System drangsaliert und geächtet wurde, arbeitete an diesem Buch über 12 Jahre und hinterließ damit nicht nur ein Stück Selbstreflexion und jede Menge biographische Verweise. In diesem Werk stellt er einige der großen Menschheitsfragen zur Disposition. Woher kommt das Böse, was ist das Gute? Gibt es Barmherzigkeit und wie kann man es persönlich mit der Religion halten?

Ojasoo und Semper, die auch für Bühne und Kostüme verantwortlich zeichnen, versetzen das Geschehen in ein Bürogebäude, in dem die Angestellten einer strengen Hierarchie unterliegen. Besonders das Frauen-Männer-Verhältnis ist – wie man rasch mitbekommt – sehr zu Ungunsten der Frauen aufgestellt. Der Plot will, dass sich in dem offenkundigen Verlagshaus der junge Iwan Unbehaust (Marcel Heuperman) mit der Geschichte von Jesus kritisch auseinandersetzen soll. Während er dem Publikum inbrünstig sein grottenschlechtes Anti-Religions-Gedicht vorträgt, spielt sich im Hintergrund – teilweise auf eine große Leinwand über der Bühne projiziert – ein Kopulationsakt ab. Mit Folgen, wie sich später herausstellen wird.

Der Teufel und seine beiden Begleiter werden gleich bei ihrem ersten Besuch im Medientempel für das Publikum nicht nur durch ihre blutrote Beleuchtung sofort erkennbar. Genauso wie Jesus selbst, der mit blutverschmiertem Haupt, Dornenkrone und Büßerhemd als Reinigungskraft häufige Auftritte absolviert. Dass die Agierenden auf der Bühne diese Charaktere aber nicht durchschauen, wirkt wie eine intelligent eingezogene, weitere Interpretationsebene. Für das Naheliegende ist man blind – oder will es nicht wahrhaben. Oder auch: Gut und Böse sind mitten unter uns – die Entscheidung, wem wir uns zuwenden sollen, wird uns jedoch nicht abgenommen.

Die Spur der menschlichen Verwüstung, die „Woland“ – direkt aus der Hölle gekommen – hinterlässt, ist gewaltig. Entweder sterben die Menschen eines unnatürlichen Todes – wie zum Beispiel durch einen Tramwayunfall am Schwarzenbergplatz, geschickt auf die Leinwand projiziert – oder sie werden verrückt. Norman Hacker beherrscht in der Rolle des Woland nicht nur in seinen mächtigen Auftritten, sondern auch in seiner Abwesenheit das Geschehen. Sein Teufel löst Faszination und Ekel gleichzeitig aus und besticht durch die von ihm ausgehende Kälte und permanente Manipulation der Menschen.

Sein Antipode – Tim Werths als Jeschua – wirkt in den Szenen im Bürogebäude als stiller Beobachter, der sogar einmal eine Slapstick-Nummer mit einem Staubsauger absolviert. Herausragend ist jene Szene, in welcher er in blauem Anzug, ohne Hemd und ohne Socken, sich als Büroangestellter versucht und dabei kläglich scheitert. In Riesenschritten misst er tollpatschig die Büroflucht ab und kommt dabei immer wieder so aus dem Gleichgewicht, dass man permanent fürchtet, ihn stürzen zu sehen. Hier wurde eine eindringliche Metapher geschaffen, die den Wahnsinn des Arbeitens für so manch großes Wirtschaftsunternehmen kondensiert versinnbildlicht.

„Meister und Margarita“ (Foto: Horn/Burgtheater)
Die Verschränkung der Handlung mit einer zweiten, die Bulgakow geschickt durchführt, bleibt auch in der Inszenierung aufrecht. Und so verwandeln sich einzelne Charaktere aus der Businesswelt im Handumdrehen zu Pontius Pilatus, dessen Geheimdienstchef, aber auch einen Hohepriester. Beeindruckend kommt dabei nicht nur Jeschuas Furcht vor seiner Verurteilung durch Pontius Pilatus über die Bühne. Vor Angst zitternd steht er vor dem sitzenden Pontius und erscheint trotz seiner großen Gestalt wie ein Häufchen Elend. Philipp Hauß vermittelt in der Rolle des römischen Statthalters glaubhaftest dessen Zweifel, aber auch sein unglaublich diplomatisches Geschick, dass Jeschua letztlich nicht vor dem Tod rettet. So surreal bei Bulgakow das Geschehen auch verhandelt wird, so logisch erscheint es auf der Bühne des Akademietheaters. Die Verbindung mit dem Bösen, dem sich die Menschen freiwillig ergeben, haben viele von uns – wenn auch nicht persönlich – so doch aus Film oder Fernsehen so oder so ähnlich schon erfahren. Und auch die große Liebe, die den Meister und Margarita verbindet, können zumindest einige nachvollziehen.

Es sind Momente, wie das erste Aufeinandertreffen der beiden Liebenden, die emotional perfektest in Szene gesetzt werden und unter die Haut gehen. Sowohl Rainer Galke als auch Annamaria Lang vermitteln den Eindruck, sich bei ihrem ersten Treffen ad hoc aus der Realität in die unsterbliche Liebe katapultiert zu haben. Aber auch der Schmerz, der Margarita erfasst hat, als der Meister plötzlich verschwunden ist, greift tief ans Herz. Der Jesus-Vergleich, in welchem Galke als verhöhnter Autor auf einem überdimensional großem Kreuz verharren muss, macht Sinn. Denn sein Lebenswerk, sein Roman über Pontius, wird von Kritikern rundum abgelehnt, auch wenn sie ihn noch gar nicht richtig lesen konnten. Er, der niemandem etwas zuleide getan hat, wird nach dieser Zurückweisung psychisch krank und fühlt sich ausgestoßen und verurteilt. Dass ein so starkes Bild wie dieses kaum getoppt werden kann, erfährt man im zweiten Teil nach der Pause. Zwar weist auch dieser mit einem Höhepunkt auf – einer gefilmten und eingespielten Ballnacht, auf der es zugeht wie bei einer orgiastischen Party eines Swingertreffs. Dennoch ist der zuvor gezeigte Klimax nicht mehr wirklich zu toppen.

Eine religiöse Verklärung, welche die Angestellten, aber auch alle anderen Charaktere bis auf das Höllentrio samt und sonders erfasst, ist herrlich humorig in Szene gesetzt. Ist doch dahinter Jesus zu sehen, der es nicht fassen kann, was die Menschen in rhythmischer Verzückung da gerade vor ihm so treiben. Es sind Momente wie diese, aber auch Einspielungen direkt aus der Hölle, in welcher Woland seine Besucher in Angst und Schrecken versetzt, die den Abend trotz seiner dreieinhalb Stunden sehr kurzweilig erscheinen lassen.

„Meister und Margarita“ (Fotos: Horn/Burgtheater)
Dass das Stück – ähnlich moralisierend wie Hoffmansthals Jedermann – aus heutiger Sicht in seiner letzten Conclusio etwas altbacken erscheint, ist nicht der Regie anzukreiden, außer man hätte einen neuen, inhaltlichen Twist bevorzugt. Die Barmherzigkeit, die Margarita jener jungen Frau zukommen lässt, die zu Beginn in der Kopulationsszene mit ihrem Chef zu sehen war, verweist zumindest auf einen kleinen Funken Menschlichkeit, dem sich der Teufel ergeben muss. Wenngleich auch von Gottes Funken sonst nichts mehr übriggeblieben ist.

Das Spiel um Macht und Geld, um Liebe, Begierde, Erfolg, Misserfolg aber auch Moral und Religion weist so viele unterschiedliche Ebenen auf, dass ein Besuch nicht reicht, um alles erfassen zu können. Eine intelligente und witzige Regie, ein opulentes Bühnenbild, eine ganze Reihe von emotionalen Szenen und wie immer ein bestens disponiertes Ensemble ergeben eine runde, sehr gelungene Inszenierung mit jeder Menge Gesprächsstoff. Das Publikum dankte mit lang anhaltendem Applaus.

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Österreich sollte sich schämen

Österreich sollte sich schämen

Österreich sollte sich schämen

Österreich sollte sich schämen

Michaela Preiner

„Schlammland Gewalt“ (Foto: Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz)
Am Stammtisch, auf dem Bau, im Wettbüro, oder an anderen männerbesetzten Orten kann man die Ansage hören, dass man einen Mann mit nur drei Dingen zufrieden stellen könne: Mit Fressen, Saufen und Beischlaf. Ferdinand Schmalz, jener Autor, der in seinen Stücken wie mit einem Brennglas in die vorzugsweise männliche österreichische Seele schaut, attestiert den Alphatieren jedoch noch ein viertes Plaisir: Macht.
In seinem Stück „Schlammland Gewalt“, schon seit März 2019 am Schauspielhaus in Graz zu sehen, steht zu Beginn eine zeitgeistige Abhandlung über das Patriarchat rund um den „alten weißen Mann“.
„Schlammland Gewalt“ (Foto: Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz)
Es stammt aus einem Buch von Sophie Passmann, in welchem sie die jetzige Rolle der Männer und die hereinbrechenden, gesellschaftlichen Veränderungen untersucht. Darin bezeichnet sie die Männer als jene Spezies, die es nicht glauben kann, dass sich das Blatt der Machtinhabe jemals wenden kann – schon gar nicht jetzt. Vorgetragen wird der Text von Eva Mayer und Clemens Maria Riegler, die danach in mehrere Rollen schlüpfen. Erst im Nachhinein wird man sich bewusst, dass dieses Manifest als Begründung für das herhalten kann, was in der einstündigen Aufführung erzählt wurde. Es ist die Geschichte eines Dorfes in den Alpen, in dem ein Dorfdiktator nicht nur die große Lippe schwingt, sondern alles, was sich gegen ihn aufbäumt, mit Gewalt niederringt. Dabei macht er nicht einmal vor seinem eigenen Sohn halt.

Das Publikum nimmt Platz in einem dunklen Bierzelt, das mit bunten Glühbirnen ausgestattet ist und lässt sich zu Beginn mithilfe der dort platzierten Blasmusik in Stimmung bringen. Es dauert nicht lange, bis diese angesichts der brutalen Ereignisse, die abrollen, kippt. Eine junge Frau, die im Bierzelt vor einer Naturkatastrophe warnt, wird rücksichtslos zum Schweigen gebracht. Der one-day-stand einer anderen bedeutet beinahe ihr Todesurteil und die Affäre des „Dorfprinzen“ kostet ihn letztlich tatsächlich sein Leben. Nicht, dass er von einem Nebenbuhler umgebracht worden wäre. Sein Vater erträgt es nicht, dass „sein eigen Fleisch und Blut“ sich seinem Diktat widersetzt und sich „eine von ganz unten“ genommen hat und bricht ihm in einem Wutausbruch das Genick.

„Schlammland Gewalt“ (Foto: Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz)
„Schlammland Gewalt“ (Foto: Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz)
Und schon hat Schmalz den Finger in eine aktuelle Gesellschaftswunde gelegt. „Mann“ verhält sich so, als wäre er dazu ermächtigt, die Welt und ihre Menschen darin nach seinem Gutdünken zu be- und verurteilen. Liest man die Statistik der ermordeten Frauen in Österreich, erfährt man, dass die Zahl von 19 im Jahr 2014 über die letzten 5 Jahre hinweg kontinuierlich auf die Rekordzahl von 41 im vergangenen Jahr anstieg. Österreich führt außerdem in Europa den traurigen Rekord an, dass der Anteil der weiblichen Getöteten wesentlich höher ist als der männlichen. Schmalz hat sich mit diesem Phänomen intensiv auseinandergesetzt und geht davon aus, dass diese gewalttätigen Ausbrüche viel mit der „Labilität unserer Zeit“ zu tun haben. Mit einer Verunsicherung also, der so mancher Mann nur in Gewaltausbrüchen begegnen kann.

Wie häufig in seinen Stücken, wählt Schmalz aus dem Reich der Kulinarik ein bestimmtes Lebensmittel, das er in seinem Text von mehreren Blickwinkeln her ausgiebig untersucht. In „Schlammland Gewalt“ dreht sich alles um gegrillte Hühner. In seiner ihm eigenen, kunstvollen Sprache, die zwischen Gestrigem und Heutigem changiert, umkreist er dieses Mal das Brathuhn, angefangen von der Marinade, der Abnahme von Spieß bis hin zu dessen Verwesung. Das tut er in so eindringlichen Sätzen, dass man den Grillhendelduft riechen, aber auch das Knacken der Gebeine hören kann. Selbst den Gestank einer Hühner-Verwesung fährt so ein, als würde sich dieser Vorgang direkt vor einem abspielen. Schmalz wäre sicher ein guter Gourmetkritiker, hätte er nicht weitreichendere Botschaften zu verbreiten als rein lukullische. Aber auch sein rhythmischer Textfluss wäre in einem Kulinarik-Hochglanzmagazin wahrscheinlich fehl am Platze.

Natürlich kann die Geschichte des Dorfes, das letztlich unter einer Schlammlawine zur Hälfte begraben wird, im Moment gut in der aktuellen Klimadebatte verortet werden. Man kann die Schlammlawine aber auch als Metapher deuten, welche die jetzigen Gesellschaftsverhältnisse durch äußere Gewalteinwirkung beendet. Einer brachialen Gewalt, die all jenen das „Maul stopft“, die nicht gewillt sind, sich zu verändern. Dass dabei jede Menge menschlicher Kollateralschaden entsteht, muss wohl in Kauf genommen werden.

„Schlammland Gewalt“ (Foto: Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz)
Die Besetzung der verschiedenen Rollen mit nur zwei Personen, funktioniert extrem gut. Dadurch bleibt auch das Schmalz-Diktum bestens erhalten. Die Regisseurin Christina Tscharyiski lässt ihre Protagonistinnen und Protagonisten im kleinen Raum im „Haus 3“ in ständiger Bewegung agieren – mittig, hinter oder direkt neben dem Publikum. Eva Mayer agiert dabei auch als seinem Chef höriger Schnüffler und bringt dies mehrfach in gekonnter Hunde-Imitation zum Ausdruck. Clemens Maria Riegler verwandelt sich durch unterschiedliche Kopfbedeckungen vom scheuen Studierenden hin zu einem testosteronbefeuerten, wutentbrannten Patriarchen. Dass all die unterschiedlichen Charaktere trotz der künstlichen Erzählsprache, in der sie meist zum Leben erweckt werden, so plausibel erscheinen, zeigt die schauspielerische Qualität der beiden Agierenden.

Österreich sollte sich schämen, dass es Autoren wie Ferdinand Schmalz bedarf, die Stücke wie „Schlammland Gewalt“ schreiben müssen. Und es darf sich glücklich schätzen, dass es solche Autoren hat.

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„Wenn Sie sich dafür interessieren“

„Wenn Sie sich dafür interessieren“

"Heldenplatz" (Foto: Karelly Lamprecht)

Es gibt mindestens zwei Arten ein Drama zu inszenieren. Einmal, als versuche man in die Zeit einzutauchen, in der es geschrieben wurde, oder zum anderen so, als würde es gerade brandaktuell geschrieben worden sein. Franz-Xaver Mayr, Jungregisseur, aber bereits an Bühnen wie dem Burgtheater, dem Schauspielhaus Wien oder dem Theater Basel – um nur die größeren zu nennen – tätig, schafft beides zugleich. Seine Interpretation vom „Heldenplatz“ von Thomas Bernhard am Schauspielhaus in Graz bleibt in der Zeit seiner Entstehung, den 80-er-Jahren des vorigen Jahrhunderts, aber mit zwei Regie-Ideen holt er das Stück in unsere Gegenwart.

Die Geschichte um die jüdische Familie eines Mathematikprofessors, der sich wegen der politischen Zustände und dem wiederaufkeimenden Antisemitismus in Wien aus seiner Wohnung in den Tod stürzt, ist in vielen Aussagen aktueller als aktuell. Mayr hebt einige dieser Passagen mithilfe eines Biedermann- und Biederfrau-Chores hervor. Dabei erscheinen Bernhards Tiraden wie jene gegen die Politik, die Fehlbesetzungen an den Hochschulen nach dem Zweiten Weltkrieg und gegen die österreichische Zeitungslandschaft, als hätte er sie für unsere Tage verfasst. Die Idee des Chores funktioniert vor allem deswegen so gut, weil die Hoffnungslosigkeit, die Bösartigkeit, die Beschimpfungen oder die Trostlosigkeit, die in den Texten transportiert werden, keiner einzelnen Person zugeschrieben werden, sondern weil man sie gut als „Stimme des Volkes“ interpretieren kann. Einem Volk, das schon zu Beginn aus einer Loge seinen Unmut über das Bernhard-Stück kundtut Einem Volk, das streckenweise zu stillen Beobachtern degradiert wird, letztlich aber eine tödliche Bedrohung darstellt.

Die zweite Idee, Bernhard aktuell zu inszenieren, geht mit dem mehrfach gestellten Angebot einher: „Wenn Sie sich dafür interessieren!“ Sarah Sophia Meyer macht dieses Angebot dem Publikum schon kurz nach Beginn, nachdem sie das Setting der Uraufführung an der Burg erklärte und den Sturm der Entrüstung, der schon im Vorfeld der Premiere ausgelöst wurde. Ganz einer allumfassenden, literarisch- und sozio-kulturellen Aufklärung verpflichtet, zitiert und verweist sie auf Sekundärliteratur, die das Werk von Bernhard von vielen unterschiedlichen Seiten her beleuchtet. Mit diesem Regieeinfall wird auch klar: Wir befinden uns hier in der post-Bernhard-Ära, in der es nicht mehr nur reicht, seine Stücke nachzuspielen. Vielmehr ist in den Jahren seit der Uraufführung jede Menge an Erkenntnis hinzugewonnen worden, hat sich die politische Landschaft in Österreich verändert und können einige seiner Aussage ohne weiterführende Untersuchungen fehlinterpretiert werden. Fein wäre es gewesen, würden diese Literaturzitate auch im Programmheft auftauchen. Das hätte nicht nur eine schöne Verschränkung ergeben, sondern hätte einen zusätzlichen Mehrwert geboten.

Als dritte, zentrale Komponente, um die sich alles rankt, bleibt das Bernhard-Stück erhalten. Herausragend wird Frau Zittel, Haushälterin und Vertraute von Professor Schuster, von Florian Köhler dargestellt. In hellblauem, knielangem Kleid mit großer, weißer Plastikmasche und Perlenkette versehen, mach diese Besetzung vor allem deswegen Sinn, weil es Köhler mit Leichtigkeit gelingt, von einer Sekunde in die andere in die Rolle des verstorbenen Hausherrn zu schlüpfen, der zu Lebzeiten ein Familientyrann war. Selbstredend, dass die Rückverwandlung in Frau Zittel genauso bravourös von einer Sekunde auf die andere gelingt. Mit der Barcarole (Liebesnacht-Duett) aus der Oper Hoffmanns Erzählungen verweist der Regisseur auch auf eine Liebesbeziehung zwischen Zittl und Professor Schuster und erklärt damit viele ihrer ambivalenten Aussagen über ihren ehemaligen Chef. Raphael Muff spielt das schüchterne Hausmädchen Herta, das sich nicht genug über die Lügen zu ihrer Abstammung wundern kann, die Zittl dem Professor aufgetischt hatte. Antizipierend, ganz auf die Wünsche von ihm zugeschnitten, hatte die Haushälterin die Biografie von Herta zurechtgebogen  – sozial so unterschichtig, dass einem der Atem dabei stockt.

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Auch der Bruder des Professors, sowie eine seine Töchter besetzt Mayr mit dem jeweils anderen Geschlecht. Julia Franz Richter verkörpert  Prof. Robert Schuster. Sie gibt einen zarten, alten Mann, der sich aus dem Tagesgeschehen schon lange zurückgenommen hat, sich mit seiner Passivität jedoch nicht von der Anklage des Mitläufertums freisprechen lassen kann. Oliver Chomik schlüpft in die Rolle der wortkargen Tochter Olga, die den Redefluss ihrer Schwester Anna ( Evamaria Salcher) stoisch über sich ergehen lässt. Der Auftritt der Witwe in der letzten Szene wird pompös in Szene gesetzt und evoziert unweigerlich Lacher. Julia Gräfner erscheint in einem schwarzen Kostüm, mit einem Baldachin über ihrem Kopf, den sie selbst, an einer hohen Stange befestigt, über sich trägt. Herrlich, wie schlagartig dieses Kostüm von Michaela Flück all das transportiert, womit dieser Charakter von Bernhard ausgestattet wurde. Ihre Theatralik, welche von der Familie schwer auszuhalten ist, vermischt sich mit einer Trauer, die mehr aus Schein denn als Sein besteht. Die Wahnvorstellungen, unter welchen sie leidet, werden gekonnt visualisiert. Zu Beginn noch subtil –  nehmen die abstrakten Wandprojektionen gegen Ende hinzu an Intensität jedoch zu.

In einem gesonderten Einschub des Chores ist auf einem Transparent eine höchst satirisch-lyrische Zustandsbeschreibung der politischen 80-er-Jahre zu lesen: „In den Waldheimen und Haidern“ prangt aus der Menschengruppe hervor, die kleine, beleuchtet Modelle von Kirchen und alpenländischen Häusern in Händen hält. Aber auch ein Wimpel von Casino-Austria ist gut zu erkennen. Unschwer zu erraten, warum.

Der „Heldenplatz“ in Graz kommt, über 30 Jahre nach seiner Uraufführung, ganz ohne öffentliche Aufregung aus. Aber er zeigt drastisch auf, dass Thomas Bernhards Text nichts an Aktualität verloren hat, sondern geradezu prophetisch angelegt war.

Weitere Termine auf der Homepage des Schausielhaus Graz. https://www.schauspielhaus-graz.com/

Vom „Gstörten Buam“ zum Bundeskanzler

Vom „Gstörten Buam“ zum Bundeskanzler

"Marizza staubt ab" (Foto: Nathan Murrell)

Eine Doppelconference ist es nicht – und doch bringt Regina Hofer in ihrem neuen Kabarett „Marizza staubt ab“ etwas ganz Ähnliches auf die Bühne. Der Unterschied zum herkömmlichen Genre, bei dem sich zwei Personen über gesellschaftliche Themen auf humorige Art und Weise unterhalten ist: Die Kabarettistin schlüpft selbst in zwei Rollen, jene der „Hausperle“ Marizza und ihrer Chefin, einer Frau Doktor, die spezialisiert darauf ist, Menschen den richtigen Platz in ihrem Leben zuzuweisen. Letztere hatte das Glück, in der obersten Reihe der vergangenen Türkis-Blau-Regierung werken zu dürfen.

Der Abend beginnt romantisch-naiv mit einem Rückblick auf das bewegte Leben von Marizza, das sie erzählt, während sie die Staubfetzen auf der Bühne entfernt. Ihr erster Beruf als Zirkustänzerin wurde schlagartig obsolet, nachdem ihr Mann, der Direktor des Wanderzirkusses, in einer Löwen-Verkleidung beim Sprung durch einen Feuerreif starb. Alleine die launige Schilderung dieses tragischen Ereignisses beschert dem Publikum einen Lacher nach dem anderen. Als sie aber danach die Bühne für ihre Chefin räumt, die in Seminar-Attitüde eine psychologishe Grobeinteilung des Publikums in Zwanghafte, Depressive, Hysteriker und Narzissten vornimmt, kommt man aus dem Amusement nicht mehr heraus.

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Die gedanklichen Volten, die Frau Dr. anschließend Zusammenhang mit der ehemaligen Regierungsbesetzung vollzieht, sind schier atemberaubend. Die von ihr erfolgreich durchgeführte Wandlung eines „gestörten Bubens“ hin zu einem österreichischen Kanzler mag man noch etwas skeptisch verfolgen. Das Hinaufhieven des ehemaligen Innenministers auf ein Pferd hingegen, mit dem all seine Minderwertigkeitskomplexe wie weggeblasen schienen, stellt sich dann schon als eine strategische Meisterleistung der Beraterin dar.

„Marizza staubt ab!“ (Foto: Nathan Murrell)

Regina Hofer, ausgebildete Fachärztin für Psychiatrie ist auch Psychoanalytikerin, Gruppenpsychoanalytikerin und Supervisorin. Zwar hausiert sie mit ihrem Wissen nicht in ihrem Kabarett, dass sie aber über eine enorme Menschenkenntnis und eine überbordende Intelligenz verfügt, steht außer Frage. Der Grundgedanke, dass eine intelligente Frau Strippenzieherin hinter den Regierungsverantwortlichen ist, ist köstlich und ermutigend zugleich. Was diese an strategisch-intellektuellen Volten vollführt, gleicht Marizza mit ihrer überbordenden Lebensfreude und Sangeslust locker aus. Der dramaturgisch gekonnt in die Länge gezogene Schlussapplaus, der dem Publikum nicht lästig wird, sondern ein letztes, wonniges feel-good-Erlebnis beschert, beendet den Abend adäquat.

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