Der Teufel gewinnt nicht immer, Gott aber auch nicht

Der Teufel gewinnt nicht immer, Gott aber auch nicht

Der Teufel gewinnt nicht immer, Gott aber auch nicht

Der Teufel gewinnt nicht immer, Gott aber auch nicht

Michaela Preiner

„Meister und Margarita“ (Foto: Horn/Burgtheater)
So einiges, was manchen Kritikern missfällt, fasziniert das Publikum – und umgekehrt. Dies ist sehr gut bei der derzeitigen Inszenierung von „Meister und Margarita“ am Akademietheater zu verfolgen, die nach der Premiere nicht nur positive Kritiken erhielt. Unter der Regie von Tiit Ojasoo und Ene-Liis Semper, die in Tallinn das Theater NO99 betreiben, erlebt das von Michail Bulgakow geschriebene Kultbuch eine Dramatisierung, die es seinem ursprünglichen Kontext, der Sowjetunion der 20er und 30er-Jahre entzieht. Das tut rundum gut und bringt jede Menge neuen Schwung mit sich. In der Interpretation des Regieduos aus Estland ist nichts mehr von der stalinistischen Diktatur spürbar, aber von jener des kapitalistischen Systems sehr wohl.
„Meister und Margarita“ (Foto: Horn/Burgtheater)
Bulgakow, der als Autor vom System drangsaliert und geächtet wurde, arbeitete an diesem Buch über 12 Jahre und hinterließ damit nicht nur ein Stück Selbstreflexion und jede Menge biographische Verweise. In diesem Werk stellt er einige der großen Menschheitsfragen zur Disposition. Woher kommt das Böse, was ist das Gute? Gibt es Barmherzigkeit und wie kann man es persönlich mit der Religion halten?

Ojasoo und Semper, die auch für Bühne und Kostüme verantwortlich zeichnen, versetzen das Geschehen in ein Bürogebäude, in dem die Angestellten einer strengen Hierarchie unterliegen. Besonders das Frauen-Männer-Verhältnis ist – wie man rasch mitbekommt – sehr zu Ungunsten der Frauen aufgestellt. Der Plot will, dass sich in dem offenkundigen Verlagshaus der junge Iwan Unbehaust (Marcel Heuperman) mit der Geschichte von Jesus kritisch auseinandersetzen soll. Während er dem Publikum inbrünstig sein grottenschlechtes Anti-Religions-Gedicht vorträgt, spielt sich im Hintergrund – teilweise auf eine große Leinwand über der Bühne projiziert – ein Kopulationsakt ab. Mit Folgen, wie sich später herausstellen wird.

Der Teufel und seine beiden Begleiter werden gleich bei ihrem ersten Besuch im Medientempel für das Publikum nicht nur durch ihre blutrote Beleuchtung sofort erkennbar. Genauso wie Jesus selbst, der mit blutverschmiertem Haupt, Dornenkrone und Büßerhemd als Reinigungskraft häufige Auftritte absolviert. Dass die Agierenden auf der Bühne diese Charaktere aber nicht durchschauen, wirkt wie eine intelligent eingezogene, weitere Interpretationsebene. Für das Naheliegende ist man blind – oder will es nicht wahrhaben. Oder auch: Gut und Böse sind mitten unter uns – die Entscheidung, wem wir uns zuwenden sollen, wird uns jedoch nicht abgenommen.

Die Spur der menschlichen Verwüstung, die „Woland“ – direkt aus der Hölle gekommen – hinterlässt, ist gewaltig. Entweder sterben die Menschen eines unnatürlichen Todes – wie zum Beispiel durch einen Tramwayunfall am Schwarzenbergplatz, geschickt auf die Leinwand projiziert – oder sie werden verrückt. Norman Hacker beherrscht in der Rolle des Woland nicht nur in seinen mächtigen Auftritten, sondern auch in seiner Abwesenheit das Geschehen. Sein Teufel löst Faszination und Ekel gleichzeitig aus und besticht durch die von ihm ausgehende Kälte und permanente Manipulation der Menschen.

Sein Antipode – Tim Werths als Jeschua – wirkt in den Szenen im Bürogebäude als stiller Beobachter, der sogar einmal eine Slapstick-Nummer mit einem Staubsauger absolviert. Herausragend ist jene Szene, in welcher er in blauem Anzug, ohne Hemd und ohne Socken, sich als Büroangestellter versucht und dabei kläglich scheitert. In Riesenschritten misst er tollpatschig die Büroflucht ab und kommt dabei immer wieder so aus dem Gleichgewicht, dass man permanent fürchtet, ihn stürzen zu sehen. Hier wurde eine eindringliche Metapher geschaffen, die den Wahnsinn des Arbeitens für so manch großes Wirtschaftsunternehmen kondensiert versinnbildlicht.

„Meister und Margarita“ (Foto: Horn/Burgtheater)
Die Verschränkung der Handlung mit einer zweiten, die Bulgakow geschickt durchführt, bleibt auch in der Inszenierung aufrecht. Und so verwandeln sich einzelne Charaktere aus der Businesswelt im Handumdrehen zu Pontius Pilatus, dessen Geheimdienstchef, aber auch einen Hohepriester. Beeindruckend kommt dabei nicht nur Jeschuas Furcht vor seiner Verurteilung durch Pontius Pilatus über die Bühne. Vor Angst zitternd steht er vor dem sitzenden Pontius und erscheint trotz seiner großen Gestalt wie ein Häufchen Elend. Philipp Hauß vermittelt in der Rolle des römischen Statthalters glaubhaftest dessen Zweifel, aber auch sein unglaublich diplomatisches Geschick, dass Jeschua letztlich nicht vor dem Tod rettet. So surreal bei Bulgakow das Geschehen auch verhandelt wird, so logisch erscheint es auf der Bühne des Akademietheaters. Die Verbindung mit dem Bösen, dem sich die Menschen freiwillig ergeben, haben viele von uns – wenn auch nicht persönlich – so doch aus Film oder Fernsehen so oder so ähnlich schon erfahren. Und auch die große Liebe, die den Meister und Margarita verbindet, können zumindest einige nachvollziehen.

Es sind Momente, wie das erste Aufeinandertreffen der beiden Liebenden, die emotional perfektest in Szene gesetzt werden und unter die Haut gehen. Sowohl Rainer Galke als auch Annamaria Lang vermitteln den Eindruck, sich bei ihrem ersten Treffen ad hoc aus der Realität in die unsterbliche Liebe katapultiert zu haben. Aber auch der Schmerz, der Margarita erfasst hat, als der Meister plötzlich verschwunden ist, greift tief ans Herz. Der Jesus-Vergleich, in welchem Galke als verhöhnter Autor auf einem überdimensional großem Kreuz verharren muss, macht Sinn. Denn sein Lebenswerk, sein Roman über Pontius, wird von Kritikern rundum abgelehnt, auch wenn sie ihn noch gar nicht richtig lesen konnten. Er, der niemandem etwas zuleide getan hat, wird nach dieser Zurückweisung psychisch krank und fühlt sich ausgestoßen und verurteilt. Dass ein so starkes Bild wie dieses kaum getoppt werden kann, erfährt man im zweiten Teil nach der Pause. Zwar weist auch dieser mit einem Höhepunkt auf – einer gefilmten und eingespielten Ballnacht, auf der es zugeht wie bei einer orgiastischen Party eines Swingertreffs. Dennoch ist der zuvor gezeigte Klimax nicht mehr wirklich zu toppen.

Eine religiöse Verklärung, welche die Angestellten, aber auch alle anderen Charaktere bis auf das Höllentrio samt und sonders erfasst, ist herrlich humorig in Szene gesetzt. Ist doch dahinter Jesus zu sehen, der es nicht fassen kann, was die Menschen in rhythmischer Verzückung da gerade vor ihm so treiben. Es sind Momente wie diese, aber auch Einspielungen direkt aus der Hölle, in welcher Woland seine Besucher in Angst und Schrecken versetzt, die den Abend trotz seiner dreieinhalb Stunden sehr kurzweilig erscheinen lassen.

„Meister und Margarita“ (Fotos: Horn/Burgtheater)
Dass das Stück – ähnlich moralisierend wie Hoffmansthals Jedermann – aus heutiger Sicht in seiner letzten Conclusio etwas altbacken erscheint, ist nicht der Regie anzukreiden, außer man hätte einen neuen, inhaltlichen Twist bevorzugt. Die Barmherzigkeit, die Margarita jener jungen Frau zukommen lässt, die zu Beginn in der Kopulationsszene mit ihrem Chef zu sehen war, verweist zumindest auf einen kleinen Funken Menschlichkeit, dem sich der Teufel ergeben muss. Wenngleich auch von Gottes Funken sonst nichts mehr übriggeblieben ist.

Das Spiel um Macht und Geld, um Liebe, Begierde, Erfolg, Misserfolg aber auch Moral und Religion weist so viele unterschiedliche Ebenen auf, dass ein Besuch nicht reicht, um alles erfassen zu können. Eine intelligente und witzige Regie, ein opulentes Bühnenbild, eine ganze Reihe von emotionalen Szenen und wie immer ein bestens disponiertes Ensemble ergeben eine runde, sehr gelungene Inszenierung mit jeder Menge Gesprächsstoff. Das Publikum dankte mit lang anhaltendem Applaus.

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Österreich sollte sich schämen

Österreich sollte sich schämen

Österreich sollte sich schämen

Österreich sollte sich schämen

Michaela Preiner

„Schlammland Gewalt“ (Foto: Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz)
Am Stammtisch, auf dem Bau, im Wettbüro, oder an anderen männerbesetzten Orten kann man die Ansage hören, dass man einen Mann mit nur drei Dingen zufrieden stellen könne: Mit Fressen, Saufen und Beischlaf. Ferdinand Schmalz, jener Autor, der in seinen Stücken wie mit einem Brennglas in die vorzugsweise männliche österreichische Seele schaut, attestiert den Alphatieren jedoch noch ein viertes Plaisir: Macht.
In seinem Stück „Schlammland Gewalt“, schon seit März 2019 am Schauspielhaus in Graz zu sehen, steht zu Beginn eine zeitgeistige Abhandlung über das Patriarchat rund um den „alten weißen Mann“.
„Schlammland Gewalt“ (Foto: Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz)
Es stammt aus einem Buch von Sophie Passmann, in welchem sie die jetzige Rolle der Männer und die hereinbrechenden, gesellschaftlichen Veränderungen untersucht. Darin bezeichnet sie die Männer als jene Spezies, die es nicht glauben kann, dass sich das Blatt der Machtinhabe jemals wenden kann – schon gar nicht jetzt. Vorgetragen wird der Text von Eva Mayer und Clemens Maria Riegler, die danach in mehrere Rollen schlüpfen. Erst im Nachhinein wird man sich bewusst, dass dieses Manifest als Begründung für das herhalten kann, was in der einstündigen Aufführung erzählt wurde. Es ist die Geschichte eines Dorfes in den Alpen, in dem ein Dorfdiktator nicht nur die große Lippe schwingt, sondern alles, was sich gegen ihn aufbäumt, mit Gewalt niederringt. Dabei macht er nicht einmal vor seinem eigenen Sohn halt.

Das Publikum nimmt Platz in einem dunklen Bierzelt, das mit bunten Glühbirnen ausgestattet ist und lässt sich zu Beginn mithilfe der dort platzierten Blasmusik in Stimmung bringen. Es dauert nicht lange, bis diese angesichts der brutalen Ereignisse, die abrollen, kippt. Eine junge Frau, die im Bierzelt vor einer Naturkatastrophe warnt, wird rücksichtslos zum Schweigen gebracht. Der one-day-stand einer anderen bedeutet beinahe ihr Todesurteil und die Affäre des „Dorfprinzen“ kostet ihn letztlich tatsächlich sein Leben. Nicht, dass er von einem Nebenbuhler umgebracht worden wäre. Sein Vater erträgt es nicht, dass „sein eigen Fleisch und Blut“ sich seinem Diktat widersetzt und sich „eine von ganz unten“ genommen hat und bricht ihm in einem Wutausbruch das Genick.

„Schlammland Gewalt“ (Foto: Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz)
„Schlammland Gewalt“ (Foto: Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz)
Und schon hat Schmalz den Finger in eine aktuelle Gesellschaftswunde gelegt. „Mann“ verhält sich so, als wäre er dazu ermächtigt, die Welt und ihre Menschen darin nach seinem Gutdünken zu be- und verurteilen. Liest man die Statistik der ermordeten Frauen in Österreich, erfährt man, dass die Zahl von 19 im Jahr 2014 über die letzten 5 Jahre hinweg kontinuierlich auf die Rekordzahl von 41 im vergangenen Jahr anstieg. Österreich führt außerdem in Europa den traurigen Rekord an, dass der Anteil der weiblichen Getöteten wesentlich höher ist als der männlichen. Schmalz hat sich mit diesem Phänomen intensiv auseinandergesetzt und geht davon aus, dass diese gewalttätigen Ausbrüche viel mit der „Labilität unserer Zeit“ zu tun haben. Mit einer Verunsicherung also, der so mancher Mann nur in Gewaltausbrüchen begegnen kann.

Wie häufig in seinen Stücken, wählt Schmalz aus dem Reich der Kulinarik ein bestimmtes Lebensmittel, das er in seinem Text von mehreren Blickwinkeln her ausgiebig untersucht. In „Schlammland Gewalt“ dreht sich alles um gegrillte Hühner. In seiner ihm eigenen, kunstvollen Sprache, die zwischen Gestrigem und Heutigem changiert, umkreist er dieses Mal das Brathuhn, angefangen von der Marinade, der Abnahme von Spieß bis hin zu dessen Verwesung. Das tut er in so eindringlichen Sätzen, dass man den Grillhendelduft riechen, aber auch das Knacken der Gebeine hören kann. Selbst den Gestank einer Hühner-Verwesung fährt so ein, als würde sich dieser Vorgang direkt vor einem abspielen. Schmalz wäre sicher ein guter Gourmetkritiker, hätte er nicht weitreichendere Botschaften zu verbreiten als rein lukullische. Aber auch sein rhythmischer Textfluss wäre in einem Kulinarik-Hochglanzmagazin wahrscheinlich fehl am Platze.

Natürlich kann die Geschichte des Dorfes, das letztlich unter einer Schlammlawine zur Hälfte begraben wird, im Moment gut in der aktuellen Klimadebatte verortet werden. Man kann die Schlammlawine aber auch als Metapher deuten, welche die jetzigen Gesellschaftsverhältnisse durch äußere Gewalteinwirkung beendet. Einer brachialen Gewalt, die all jenen das „Maul stopft“, die nicht gewillt sind, sich zu verändern. Dass dabei jede Menge menschlicher Kollateralschaden entsteht, muss wohl in Kauf genommen werden.

„Schlammland Gewalt“ (Foto: Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz)
Die Besetzung der verschiedenen Rollen mit nur zwei Personen, funktioniert extrem gut. Dadurch bleibt auch das Schmalz-Diktum bestens erhalten. Die Regisseurin Christina Tscharyiski lässt ihre Protagonistinnen und Protagonisten im kleinen Raum im „Haus 3“ in ständiger Bewegung agieren – mittig, hinter oder direkt neben dem Publikum. Eva Mayer agiert dabei auch als seinem Chef höriger Schnüffler und bringt dies mehrfach in gekonnter Hunde-Imitation zum Ausdruck. Clemens Maria Riegler verwandelt sich durch unterschiedliche Kopfbedeckungen vom scheuen Studierenden hin zu einem testosteronbefeuerten, wutentbrannten Patriarchen. Dass all die unterschiedlichen Charaktere trotz der künstlichen Erzählsprache, in der sie meist zum Leben erweckt werden, so plausibel erscheinen, zeigt die schauspielerische Qualität der beiden Agierenden.

Österreich sollte sich schämen, dass es Autoren wie Ferdinand Schmalz bedarf, die Stücke wie „Schlammland Gewalt“ schreiben müssen. Und es darf sich glücklich schätzen, dass es solche Autoren hat.

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„Wenn Sie sich dafür interessieren“

„Wenn Sie sich dafür interessieren“

"Heldenplatz" (Foto: Karelly Lamprecht)

Es gibt mindestens zwei Arten ein Drama zu inszenieren. Einmal, als versuche man in die Zeit einzutauchen, in der es geschrieben wurde, oder zum anderen so, als würde es gerade brandaktuell geschrieben worden sein. Franz-Xaver Mayr, Jungregisseur, aber bereits an Bühnen wie dem Burgtheater, dem Schauspielhaus Wien oder dem Theater Basel – um nur die größeren zu nennen – tätig, schafft beides zugleich. Seine Interpretation vom „Heldenplatz“ von Thomas Bernhard am Schauspielhaus in Graz bleibt in der Zeit seiner Entstehung, den 80-er-Jahren des vorigen Jahrhunderts, aber mit zwei Regie-Ideen holt er das Stück in unsere Gegenwart.

Die Geschichte um die jüdische Familie eines Mathematikprofessors, der sich wegen der politischen Zustände und dem wiederaufkeimenden Antisemitismus in Wien aus seiner Wohnung in den Tod stürzt, ist in vielen Aussagen aktueller als aktuell. Mayr hebt einige dieser Passagen mithilfe eines Biedermann- und Biederfrau-Chores hervor. Dabei erscheinen Bernhards Tiraden wie jene gegen die Politik, die Fehlbesetzungen an den Hochschulen nach dem Zweiten Weltkrieg und gegen die österreichische Zeitungslandschaft, als hätte er sie für unsere Tage verfasst. Die Idee des Chores funktioniert vor allem deswegen so gut, weil die Hoffnungslosigkeit, die Bösartigkeit, die Beschimpfungen oder die Trostlosigkeit, die in den Texten transportiert werden, keiner einzelnen Person zugeschrieben werden, sondern weil man sie gut als „Stimme des Volkes“ interpretieren kann. Einem Volk, das schon zu Beginn aus einer Loge seinen Unmut über das Bernhard-Stück kundtut Einem Volk, das streckenweise zu stillen Beobachtern degradiert wird, letztlich aber eine tödliche Bedrohung darstellt.

Die zweite Idee, Bernhard aktuell zu inszenieren, geht mit dem mehrfach gestellten Angebot einher: „Wenn Sie sich dafür interessieren!“ Sarah Sophia Meyer macht dieses Angebot dem Publikum schon kurz nach Beginn, nachdem sie das Setting der Uraufführung an der Burg erklärte und den Sturm der Entrüstung, der schon im Vorfeld der Premiere ausgelöst wurde. Ganz einer allumfassenden, literarisch- und sozio-kulturellen Aufklärung verpflichtet, zitiert und verweist sie auf Sekundärliteratur, die das Werk von Bernhard von vielen unterschiedlichen Seiten her beleuchtet. Mit diesem Regieeinfall wird auch klar: Wir befinden uns hier in der post-Bernhard-Ära, in der es nicht mehr nur reicht, seine Stücke nachzuspielen. Vielmehr ist in den Jahren seit der Uraufführung jede Menge an Erkenntnis hinzugewonnen worden, hat sich die politische Landschaft in Österreich verändert und können einige seiner Aussage ohne weiterführende Untersuchungen fehlinterpretiert werden. Fein wäre es gewesen, würden diese Literaturzitate auch im Programmheft auftauchen. Das hätte nicht nur eine schöne Verschränkung ergeben, sondern hätte einen zusätzlichen Mehrwert geboten.

Als dritte, zentrale Komponente, um die sich alles rankt, bleibt das Bernhard-Stück erhalten. Herausragend wird Frau Zittel, Haushälterin und Vertraute von Professor Schuster, von Florian Köhler dargestellt. In hellblauem, knielangem Kleid mit großer, weißer Plastikmasche und Perlenkette versehen, mach diese Besetzung vor allem deswegen Sinn, weil es Köhler mit Leichtigkeit gelingt, von einer Sekunde in die andere in die Rolle des verstorbenen Hausherrn zu schlüpfen, der zu Lebzeiten ein Familientyrann war. Selbstredend, dass die Rückverwandlung in Frau Zittel genauso bravourös von einer Sekunde auf die andere gelingt. Mit der Barcarole (Liebesnacht-Duett) aus der Oper Hoffmanns Erzählungen verweist der Regisseur auch auf eine Liebesbeziehung zwischen Zittl und Professor Schuster und erklärt damit viele ihrer ambivalenten Aussagen über ihren ehemaligen Chef. Raphael Muff spielt das schüchterne Hausmädchen Herta, das sich nicht genug über die Lügen zu ihrer Abstammung wundern kann, die Zittl dem Professor aufgetischt hatte. Antizipierend, ganz auf die Wünsche von ihm zugeschnitten, hatte die Haushälterin die Biografie von Herta zurechtgebogen  – sozial so unterschichtig, dass einem der Atem dabei stockt.

Auch der Bruder des Professors, sowie eine seine Töchter besetzt Mayr mit dem jeweils anderen Geschlecht. Julia Franz Richter verkörpert  Prof. Robert Schuster. Sie gibt einen zarten, alten Mann, der sich aus dem Tagesgeschehen schon lange zurückgenommen hat, sich mit seiner Passivität jedoch nicht von der Anklage des Mitläufertums freisprechen lassen kann. Oliver Chomik schlüpft in die Rolle der wortkargen Tochter Olga, die den Redefluss ihrer Schwester Anna ( Evamaria Salcher) stoisch über sich ergehen lässt. Der Auftritt der Witwe in der letzten Szene wird pompös in Szene gesetzt und evoziert unweigerlich Lacher. Julia Gräfner erscheint in einem schwarzen Kostüm, mit einem Baldachin über ihrem Kopf, den sie selbst, an einer hohen Stange befestigt, über sich trägt. Herrlich, wie schlagartig dieses Kostüm von Michaela Flück all das transportiert, womit dieser Charakter von Bernhard ausgestattet wurde. Ihre Theatralik, welche von der Familie schwer auszuhalten ist, vermischt sich mit einer Trauer, die mehr aus Schein denn als Sein besteht. Die Wahnvorstellungen, unter welchen sie leidet, werden gekonnt visualisiert. Zu Beginn noch subtil –  nehmen die abstrakten Wandprojektionen gegen Ende hinzu an Intensität jedoch zu.

In einem gesonderten Einschub des Chores ist auf einem Transparent eine höchst satirisch-lyrische Zustandsbeschreibung der politischen 80-er-Jahre zu lesen: „In den Waldheimen und Haidern“ prangt aus der Menschengruppe hervor, die kleine, beleuchtet Modelle von Kirchen und alpenländischen Häusern in Händen hält. Aber auch ein Wimpel von Casino-Austria ist gut zu erkennen. Unschwer zu erraten, warum.

Der „Heldenplatz“ in Graz kommt, über 30 Jahre nach seiner Uraufführung, ganz ohne öffentliche Aufregung aus. Aber er zeigt drastisch auf, dass Thomas Bernhards Text nichts an Aktualität verloren hat, sondern geradezu prophetisch angelegt war.

Weitere Termine auf der Homepage des Schausielhaus Graz. https://www.schauspielhaus-graz.com/

Vom „Gstörten Buam“ zum Bundeskanzler

Vom „Gstörten Buam“ zum Bundeskanzler

"Marizza staubt ab" (Foto: Nathan Murrell)

Eine Doppelconference ist es nicht – und doch bringt Regina Hofer in ihrem neuen Kabarett „Marizza staubt ab“ etwas ganz Ähnliches auf die Bühne. Der Unterschied zum herkömmlichen Genre, bei dem sich zwei Personen über gesellschaftliche Themen auf humorige Art und Weise unterhalten ist: Die Kabarettistin schlüpft selbst in zwei Rollen, jene der „Hausperle“ Marizza und ihrer Chefin, einer Frau Doktor, die spezialisiert darauf ist, Menschen den richtigen Platz in ihrem Leben zuzuweisen. Letztere hatte das Glück, in der obersten Reihe der vergangenen Türkis-Blau-Regierung werken zu dürfen.

Der Abend beginnt romantisch-naiv mit einem Rückblick auf das bewegte Leben von Marizza, das sie erzählt, während sie die Staubfetzen auf der Bühne entfernt. Ihr erster Beruf als Zirkustänzerin wurde schlagartig obsolet, nachdem ihr Mann, der Direktor des Wanderzirkusses, in einer Löwen-Verkleidung beim Sprung durch einen Feuerreif starb. Alleine die launige Schilderung dieses tragischen Ereignisses beschert dem Publikum einen Lacher nach dem anderen. Als sie aber danach die Bühne für ihre Chefin räumt, die in Seminar-Attitüde eine psychologishe Grobeinteilung des Publikums in Zwanghafte, Depressive, Hysteriker und Narzissten vornimmt, kommt man aus dem Amusement nicht mehr heraus.

Die gedanklichen Volten, die Frau Dr. anschließend Zusammenhang mit der ehemaligen Regierungsbesetzung vollzieht, sind schier atemberaubend. Die von ihr erfolgreich durchgeführte Wandlung eines „gestörten Bubens“ hin zu einem österreichischen Kanzler mag man noch etwas skeptisch verfolgen. Das Hinaufhieven des ehemaligen Innenministers auf ein Pferd hingegen, mit dem all seine Minderwertigkeitskomplexe wie weggeblasen schienen, stellt sich dann schon als eine strategische Meisterleistung der Beraterin dar.

„Marizza staubt ab!“ (Foto: Nathan Murrell)

Regina Hofer, ausgebildete Fachärztin für Psychiatrie ist auch Psychoanalytikerin, Gruppenpsychoanalytikerin und Supervisorin. Zwar hausiert sie mit ihrem Wissen nicht in ihrem Kabarett, dass sie aber über eine enorme Menschenkenntnis und eine überbordende Intelligenz verfügt, steht außer Frage. Der Grundgedanke, dass eine intelligente Frau Strippenzieherin hinter den Regierungsverantwortlichen ist, ist köstlich und ermutigend zugleich. Was diese an strategisch-intellektuellen Volten vollführt, gleicht Marizza mit ihrer überbordenden Lebensfreude und Sangeslust locker aus. Der dramaturgisch gekonnt in die Länge gezogene Schlussapplaus, der dem Publikum nicht lästig wird, sondern ein letztes, wonniges feel-good-Erlebnis beschert, beendet den Abend adäquat.

Eine Komödie, in der der Irrsinn fröhliche Urstände feiert

Eine Komödie, in der der Irrsinn fröhliche Urstände feiert

Eine Komödie, in der der Irrsinn fröhliche Urstände feiert

Eine Komödie, in der der Irrsinn fröhliche Urstände feiert

Michaela Preiner

„Der nackte Wahnsinn (Noises Off)“ – Foto: (c) Matthias Horn / Burgtheater
„Du legst auf und nimmst die Sardinen mit!“ So schallt es stimmgewaltig vom Balkon in Richtung Burgtheaterbühne. Dort probt Sophie (von Kessel) ihren ersten Auftritt für das Stück „Der nackte Wahnsinn“ von Michael Frayn. Martin, den Regisseur, gespielt von Norman Hacker, hält es nicht länger auf seinem Beobachtungsposten. Schnellen Schrittes durchquert er die Gänge, während er immer wieder seine Regieanweisung brüllend wiederholt und landet schließlich im Parterre. Von dort aus dirigiert er nun das Geschehen des ersten Aktes nah an der Bühne.
„Der nackte Wahnsinn (Noises Off)“ – Foto: (c) Matthias Horn / Burgtheater
Martin Kušej inszenierte das Stück als sein letztes am Münchner Residenztheater und übernahm es zu Silvester 2019/20 an die Burg. Wer meint, bei dieser atemberaubenden Komödie könne man nichts falsch machen, irrt. Was der Text an vermeintlich wenig Tiefgründigem und Nonsensgespicktem hergibt, gilt es durch geschickte Regie und schauspielerische Leistung auszugleichen oder zu betonen. Beides ist Kušej gelungen.

Glaubt man zu Beginn beinahe, sich in einem falschen Theater zu befinden, so Burgtheater-untauglich und seicht beginnt die Farce, weiß man am Schluss, warum es hier doch gut aufgehoben ist. Michael Frayn lieferte damit ein Meisterstück mit mehreren Interpretationsebenen ab, die bis hin zur philosophischen Fragestellung rund um die Selbst- und Fremdbestimmung und den Schein und Sein des Lebens geht. Seine Charaktere, darauf bedacht, auf der Bühne eine gute Figur zu machen, gleiten im Laufe des Geschehens in ein Chaos, das sie nicht mehr beherrschen können und verlieren darin nicht nur die Kontrolle, sondern einige von ihnen auch ihr Gesicht. Frayn beherrscht dabei die Kunst des intellektuellen Understatements perfekt und überlässt erweiterte Deutungen den Zusehenden, so sie dazu willens sind. Abgesehen von diesem aufregenden Text und dem Bühnenbild, gestaltet von Annette Murschetz, das „sauteuer war, aber billig aussieht“, wie der Regisseur moniert, ist es das Ensemble, das den Abend zu einem Glücksfall macht.

„Der nackte Wahnsinn (Noises Off)“ – Foto: (c) Matthias Horn / Burgtheater
„Der nackte Wahnsinn (Noises Off)“ – Foto: (c) Matthias Horn / Burgtheater
Sophie von Kessel glänzt als Frau Klacker in einer charakterlichen Verwandlung, die sich über die drei Akte hinzieht. Darin entwickelt sie sich von einer mittelmäßig motivierten Schauspielerin hin zu einer psychisch angeschlagenen Trinkerin, der man nicht nur ihre seelischen, sondern auch körperlich zugefügten Blessuren ansehen kann. Ihr Kontrapart, Roger Trampelmann alias Till Firit versucht trotz aller Feindseligkeiten und Intrigen, die sich während des Stückes aufbauen und sich ins schier Unendliche steigern, auf der Bühne dennoch ein Profi zu bleiben. Schwer möglich, wenn es dahinter zugeht wie in einem Affenstall.

Frayns versah seine Charaktere mit tiefgründigen Seelen-Einblicken, in welchen es nur allzu sehr menschelt. Eifersucht, Hass, Neid bilden schon im zweiten Akt ein unheilige Mengenlage, die sich bis ins Finale noch furios steigert. Dass es dabei zu höchst witzigen Einlagen kommt, liegt bei diesem Genre auf der Hand.

Großartig, wie dabei Thomas Loibl als Franz Xaver-Hötz seine Hosen runterlässt und so die Treppe in den ersten Stock des Hauses nach oben hüpft. (Kostüme Heide Kastler) Als Steuerflüchtling darf er sich mit seiner Frau, dargestellt von Katharina Pichler, in seiner Immobilie eigentlich nicht blicken lassen und evoziert dadurch jede Menge Verstrickungen. Auch wie er sich immer wieder Taschentücher in die Nase stopfen muss, weil er vor lauter empathischer Anteilnahme an Grausamkeiten daraus zu bluten beginnt, ist einfach nur köstlich. Mit Loibl wurde diese Rolle ideal besetzt, steht doch seine stattliche Erscheinung, durch ein zusätzliches, großes Gebiss noch verstärkt, in direktem Widerspruch zu seiner zarten Seelenbesaitung.

„Der nackte Wahnsinn (Noises Off)“ – Foto: (c) Matthias Horn / Burgtheater
„Der nackte Wahnsinn (Noises Off)“ – Foto: (c) Matthias Horn / Burgtheater
„Der nackte Wahnsinn (Noises Off)“ – Foto: (c) Matthias Horn / Burgtheater
Genija Rykova, die als amouröses Abenteuer von Till die Szenerie in schwarzer Bikini-Unterwäsche belebt, hält man von Beginn bis zum Ende in jedem Augenblick wirklich für so dumm, wie es ihr die Rolle vorschreibt. Daran kann man erkennen, wie hoch ihre schauspielerische Leistung hier ist.

Paul Wolff-Plottegg erfüllt herzerwärmend den Part des Alkoholikers, der einen Einbrecher gibt und seine Kolleginnen und Kollegen bei jeder Vorstellung in Angst und Schrecken versetzt, wenn er nicht rechtzeitig gesichtet wurde. Dieser Mann, der seine seelische Verletzbarkeit offen zur Schau trägt, ist der einzige Charakter, der den Irrsinn, der sich ausbreitet, ohne weitere Blessuren übersteht. Ein wunderbarer, dramaturgischer Kniff, das Positive am Menschsein ausgerechnet an einem stillen Alkoholiker festzumachen, der den Wirren des Alltags komplett entrückt zu sein scheint.

Mit der Regieassistentin Mechthild (Deleila Piasko und Herrn Klemt, einem Inspizient, (Arthur Klemt) wird die Crew, die sich nach der Premiere auf Österreich-Tournee begeben muss, vervollständigt. Mit ihnen bietet Frayn einen kleinen Einblick hinter die Kulissen des Theateralltags und erklärt Berufsfelder, für die man ganz spezielle Persönlichkeitsprofile vorweisen sollte, um sie schad- und klaglos an der eigenen Psyche ausführen zu können.

„Der nackte Wahnsinn (noises off)“, so der gesamte Stücktitel, ist ein Glücksfall für die Burg und könnte sich zu einem Dauerbrenner entwickeln. Die kleinen Österreich-Adaptionen, welche Kušej vorgenommen hat, angefangen von Hinweisen auf das diesjährige Jubiläum der Salzburger Festspiele bis hin zu einem eleganten Seitenhieb auf die Wiener Festwochen oder der Verballhornung des Namens eines Wiener Feuilletonisten, trägt zusätzlich zur Publikumsakzeptanz bei, die sich in langem Applaus äußerte.

Nähere Informationen: Webseite Burgtheater

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Eine Telefonzelle wird zum Angstfaktor

Eine Telefonzelle wird zum Angstfaktor

Eine Telefonzelle wird zum Angstfaktor

Eine Telefonzelle wird zum Angstfaktor

Michaela Preiner

„This is what happened in the Telephone Booth“ (Foto: Barbara Palffy)
Bestimmend steht sie da. Nicht ganz mittig im Raum, aber einnehmend. Bedrohlich gelb und orangerot leuchtet sie aus ihrem Inneren. Die Lettern Telefono prangen an ihrem oberen Rand. Die Telefonzelle ist und bleibt das einzige Raumelement in der neuen Produktion des Off-Theaters von Ernst Kurt Weigel „This is what happened in the Telephone Booth“. (Ausstattung Devi Saha) Das „Tanz.Schau.Spiel“ berichtet über ein traumatisches Kindheitserlebnis und dessen Folgen für die Tänzerin Leonie Wahl.
„This is what happened in the Telephone Booth“ (Foto: Barbara Palffy)
​Nach den ersten Schweizer Jahren zog sie mit Schwester und Mutter in ein kleines, italienisches Dorf, um einen Bauernhof zu bewirtschaften. Ein Telefon im Haus gab es nicht, von Handys träumte noch niemand. Und so war eine Telefonzelle jenes Mittel zur Außenkommunikation, das zugleich auch schicksalsbestimmend für Leonie werden sollte.

Nach einem Telefonat der Mutter mit ihrem Freund kam diese völlig verstört und mit einem schizophrenen Schub aus der Zelle. Ereignisse wie diese sind für Erwachsene schwer zu verdauen. Für Kinder gar nicht. Und so befand sich Leonie plötzlich in einer Situation, in der die Welt auf dem Kopf stand. Einer Situation, in der sich die Rollen verkehrten und nichts mehr so war wie zuvor.

Gemeinsam mit Hannah Timbrell, Kajetan Dick, Gerald Walsberger und Michael Welz lässt sie in tänzerischer Form das Publikum am Gefühls-Tsunamie, der dabei ausgelöst wurde, teilhaben. Ein Arzt-Patienten-Gespräch, das man mithört, hält eine gute und eine schlechte Nachricht bereit. Die gute, dass die Krankheit der Mutter nicht tödlich ist und die schlechte, dass sie ab sofort ein Vampir sein würde. Diese Metapher steht für ein besonderes Mutter-Tochter-Verhältnis, in welchem das Kind als etwas angesehen wird, das man im wahrsten Sinne des Wortes „besitzt“. Sichtbar wird dies in einer Szene, in der Leonie zwischen der Mutter und ihrer Schwester hin- und hergezerrt wird, ohne sich wirksam dagegen wehren zu können.

„This is what happened in the Telephone Booth“ (Foto: Barbara Palffy)
„This is what happened in the Telephone Booth“ (Foto: Barbara Palffy)
„Ich will da nicht hinein! Ich habe das Grauen gesehen“, ist ein Satz, den Kajetan Dick stellvertretend für die beiden Mädchen und die Mutter öfter zitiert. Tatsächlich kommen alle, die sich in die Telefonzelle begeben, als Zombies, zumindest aber psychisch komplett verändert, aus ihr wieder heraus.

Im Bewegungsrepertoire markiert die Tänzerin sich selbst, ihre Mutter, ihre Schwester und ihren Vater mit wiedererkennbaren Mustern. Intensiver Bodenkontakt mit Drehungen, Rollen und akrobatischen Bewegungselementen werden abwechselnd als Soli oder auch von allen Ensemblemitgliedern getanzt. Eine Gruppenchoreografie, begleitet nur durch eigenes rhythmisches Stampfen und Singen, gleitet nach und nach ins Orgiastische ab. Tamara Stern steuert vom Bühnenrand aus ein vokales Geschehen bei, das zwischen Geräuschen wie Flattern, Klappern, Krächzen, Schnattern und feinen, gesanglichen Passagen oszilliert und die Performance zum Teil mit einer starken Spannung auflädt. (Soundscapes ASFAST)

Leonie Wahl erzählt in ihrem Programmtext, dass aktive und passive Kunsterfahrung das Leben von Menschen verändern kann. Ihr Stück ist sicher zu einem großen Teil therapeutisch erfahrbar und greift damit auch auf den Ursprung von Tanz und Theater zurück, in dem durch orgiastische Momente eine Katharsis eintreten konnte.

„This is what happened in the Telephone Booth“ (Foto: Günter Macho)
„This is what happened in the Telephone Booth“ ist zugleich aber auch eine Aufforderung an das Publikum, sich seinen eigenen traumatischen Erfahrungen – seinen eigenen Telefonzellen – zu stellen. Gelänge es, diese so aufzuarbeiten, dass sie sich durch einen kreativen Prozess in eine Erfahrung verwandeln, die das weitere Leben nicht mehr nur negativ beeinflusst, dürfte man Wahl doppelt gratulieren.
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