Chill-out im Lebens-Film

Reise auf dem Boot - Ososphere - Foto: Michaela Preiner

Reise auf dem Boot - Ososphere - Foto: Michaela Preiner

Die alte Stadtlandschaft zieht in gemäßigtem Tempo an uns vorbei, die Sonne scheint hell an diesem schönen Herbstmittag. In den Ohren grollt Donner und Regenprasseln zischt nebenbei durch die Lautsprecher. Wir sitzen in einem Ausflugsboot, das normalerweise eine Runde von einer Stunde rund um die Ile – also die Insel – der Stadt Straßburg dreht und in dem man über Kopfhörer die Sehenswürdigkeiten und historischen Begebenheiten der Stadt erfahren kann.

Doch dieses Mal ist es ganz anders. Anstatt der Bankreihen, die sich normalerweise in den Booten befinden, ist dieses leer, nur mit vielen orangefarbigen Rettungskissen bestückt. Die ungefähr 30 Passagiere haben sich darauf nach Lust und Laune niedergelassen, manche liegen, manche lümmeln, manche sitzen aufrecht und lauschen der Soundinstallation, die uns über 2 Stunden lang begleitet. Im hinteren Teil des Bootes, aber doch mitten unter uns, haben der Komponist und seine Helfer ihre Computer und andere Gerätschaften aufgebaut, aus denen sie Klangwelten entstehen lassen, die genau für diese Fahrt konzipiert wurden.

Als wir das Museumsviertel hinter uns gelassen haben, ebbt der nur hörbare Regen ab und andere Klänge begleiten uns für eine kurze Weile, um danach wiederum von anderen abgelöst zu werden. Im Viertelstundentakt geschieht dies im Durchschnitt und erzeugt eine Musikuntermalung, die für die vorbeiziehenden Häuser, Menschen, Autos, Busse, aber auch noch blühenden Uferböschungen, alten, leer stehenden Bootshäusern abgestimmt ist. Wir nähern uns den europäischen Institutionen und die elektronische Musik bekommt beinahe einen folkloristischen Charakter. Wenig später,– wir gleiten gerade am Landeplatz für die großen Passagierschiffe vorbei, die vom Rhein einen Abstecher nach Straßburg machen, ziehen rechts von uns fliegende Schwäne vorbei. Ihre Hälse sind lange vorgereckt, die Flügel schlagen seltsamerweise im selben pace wie die Musik, die uns einhüllt und die alles, was wir sehen, als filmische Kulisse erscheinen lässt. Die Einfahrt in Richtung des Bassins beim Rive-Etoile ist atemberaubend, die Musik unterstützt diese Kulisse durch wenige, prägnante Gitarrenriffs, die sich immer und immer wieder wiederholen. Die alten, unbenutzten Lagerhäuser kontrastieren mit dem neu gebauten Kinocenter, das sich wie ein grünes Alien langsam hinter den Bachsteinfassaden hervorschiebt. Die Aufschrift des neu gebauten Mediathek André-Malraux akzentuiert im Vorbeifahren auf besondere Art den kubischen Bau, von dem einige architektonische Elemente alufärbig blitzen und schimmern. Auf der Brücke, unter der wir durchfahren, gehen drei Mädchen mit Rucksäcken – im Takt unserer E-Gitarreneispielung und kurz danach, als diese langsam verstummt – tönt das Folgetonhorn eines Polizeifahrzeuges bis in unser Boot; ein unabgesprochenes, zusätzliches Kompositionselement, das so nur an diesem Tag wahrgenommen werden kann. In der bald darauf folgenden Schleuse wandelt sich der Sound in Echolottöne unterschiedlicher Höhe und hebt uns langsam mit auf die richtige Ebene des Kanals, um darauf weiter cruisen zu können. Die Sonne blitzt durch unser Glasdach, zwei junge Mädchen mit langen, schwarzen Haaren haben es sich links und rechts vom Kapitän bequem gemacht und stecken ihre Nasen in die milde Herbstsonne. Sie genießen die ruhige, heitere Stimmung und fungieren unfreiwillig oder vielleicht doch auch freiwillig, als kurzfristige Hauptdarstellerinnen in dieser Aufführung, in der sich Fiktion und Wirklichkeit vermischt. Chillig, so würde meine Tochter sagen und ich würde ihr recht geben. Der Komponist Francois-Eudes Chanfrault hat alles Register gezogen, um die zwei Stunden so mit Musik zu füllen, dass diese alles, was um ihr herum geschieht in ihren Bann zieht und umgekehrt. Filmmusik at it`s best, möchte man sagen, für eine Inszenierung, in der wir selbst mitspielen, ohne es vorher gewusst zu haben. Wir nähern uns wieder dem Museumsviertel und es beginnt wieder akustisch zu regnen und zu donnern. Die Sonne scheint schön an diesem Herbstmittag. Merci bien – L´Ososphère.

Erlebt anlässlich von Ososphère – einem Festival für elektronische Kunst in Straßburg, am 3. Okbober 2009.

Link Komponist: https://francois.eudes.free.fr/

Ososphere-Online: https://www.ososphere.org/2009/

Previous

Next

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.

Pin It on Pinterest