Chinesische Malerei von Gestern und Heute

Den beiden Chinesen Luo Ping (1733-1799) und Dong Ze (geb. 1955) sind in Europa zwei Ausstellungen gewidmet.

Chinesische Kunst zu zeigen ist chick geworden in Europa. Seit einigen Jahren mehren sich die Ausstellungen zu diesem Thema und zeigen in einer breiten Vielfalt Kunst aus dem Reich der Mitte in verschiedenen Ausformungen, aus verschiedenen Provinzen und aus verschiedensten Epochen. Hoch in der Publikumsgunst stehen Präsentationen zeitgenössischer Künstler, vor allem solcher, die sich mit ihrem Schaffen auf europäisches Kulturgut beziehen und es ist nicht schwer zu erraten, warum diese Vorliebe beim westlichen Museumspublikum festzustellen ist: westliche Bezüge ermöglichen es nämlich, sich einen eigenen Reim auf die gezeigte Kunst zu machen und Vergleiche anzustellen, ohne mit der Tradition der chinesischen Kunst vertraut sein zu müssen. Schwieriger wird es schon, wenn Kunst gezeigt wird, die ihre Wurzeln ganz in der chinesischen Malerei verankert hat, denn wer von uns – bis auf ganz wenige – kennt sich wirklich aus in chinesischer Geschichte, chinesischer Tradition, chinesischer Kunst?

Zurzeit bieten zwei unterschiedliche Ausstellungen mit dennoch denselben Wurzeln die Möglichkeit, sich in chinesische Kunst von Gestern und Heute ein wenig „einzusehen“ und darüber nachzudenken. Im Museum Rietberg in Zürich werden Arbeiten des Künstlers Luo Ping gezeigt, einem Maler, der vor 210 Jahren verstorben ist. Eine historische Schau also, möchte man meinen, gäbe es nicht die Möglichkeit, ihr jene Ausstellung gegenüberzustellen, die von Dong Ze, einem zeitgenössischen, chinesischen Künstler in der Galerie Faeth in Aschaffenburg bestritten wird.

In Europa war es über viele Jahrhunderte, bis zur der Erfindung des Photoapparates, üblich, die realistische Wiedergabe von Natur und Mensch auf Papier oder Leinwand zu versuchen. In China war dies jedoch nicht die Hauptmotivation der Künstler. Vielmehr galt es dort in den letzten Jahrhunderten besonders im Bereich der Tuschemalerei, Empfindungen, Emotionen und Lyrik auf einem Blatt so zu vereinen, dass daraus ein kunstvolles Ganzes wurde. Schon dieser eine Unterschied bewirkt, dass unser Sehverständnis bei der Betrachtung chinesischer Kunst nur teilweise ausreicht, diese adäquat und gebührend zu würdigen. Der geschulte, westliche Kunstkonsument kennt sich aus mit der Entstehung der frühen Malerei in Europa, mit der Entwicklung der Perspektive bis hin zur Entstehung illusionistischer Malereien. Er kennt sämtliche Strömungen des 20. Jahrhunderts und kann auf Anhieb erkennen, ob ein Bild vor 500 Jahren oder im vorigen Jahrhundert gemalt wurde. Sehen Sie sich jedoch einmal die in diesem Artikel gezeigten Bilder das erste Mal an, so kann es schon vorkommen, dass Sie Arbeiten von Dong Ze ins 18. Jahrhundert und wiederum solche von Luo Ping ins 21. Jahrhundert datieren. Nun, zum einen hat dies natürlich mit der erwähnten Unkenntnis zu tun, zum anderen jedoch, und diesen Umstand finde ich wirklich spannend (wer hält Unkenntnis schon für ein interessantes Phänomen?), zum anderen jedoch, ist es unglaublich, wie sehr sich Dong Ze heute noch auf die malerische Tradition seiner Heimat berufen kann ohne jedoch antiquiert zu wirken. Seine Bilder sind entweder kleine „Genreszenen“, also Wiedergaben von privatem Geschehen, oder sie helfen, einen bestimmten, sentimentalen Zustand nachzuvollziehen, indem sie sehr eindrucksvoll ein Geschehen aus der Natur in verknappter Manier auf das Papier oder eine Leinwand bringen.

Original 2009 Tusche,Farbe, Reispapier, 62,0 x 84,0 cm

Original 2009 Tusche,Farbe, Reispapier, 62,0 x 84,0 cm

„Sich gegenseitig ansehen“ zählt zu Dong Ze´s interessantesten Arbeiten, da diese die Kunst des Erzählens mit jener der Reduzierung in der Darstellung aufs Gekonnteste miteinander verbindet. Das Bild zeigt eine Katze, die von einem Stuhl aus auf eine Maus blickt. Diese wiederum hat ein Öllämpchen erklommen, auf welchem sie gerade so die Balance hält, sodass sie selbst nicht herunterfällt, jedoch auch noch keinen festen Stand gefunden hat. Was dem Künstler mit diesem Bild gelungen ist, ist nicht nur mit chinesischen Augen als großartig zu bewundern. Diese östlich geprägte Bewunderung, gespeist aus dem Wissen um die chinesische Malerei, gilt der gekonnten, graphischen Linienführung. Sie äußert sich in der Behandlung der Farbe Rot, die sich sowohl in der kleinen Flamme zeigt, als auch im Bezug des Sessels, auf welchem die Katze gerne zum Sprung ansetzen möchte. Die chinesische Kennerschaft befasst sich bei der Betrachtung des Blattes weiters ausgiebig mit den Schriftzeichen am rechten Rande der Darstellung und wägt ab, ob die Zeilen lyrisch genug verfasst wurden und diese Lyrik wohl auch den Gesamteindruck des Blattes erhöht.

Das europäische Kunstverständnis hingegen freut sich in aller erster Linie über die Darstellung an sich. Über die Erfassung und Wiedergabe eines einzigen Augenblickes, der sich in Sekundenschnelle wandelt, und so nicht wieder kommt. Ich finde die Idee lustig und auch interessant, zwei Seinsebenen – jene der lebendigen Katze, gegenüber jener der auf einer Wandrolle gemalten Maus – miteinander verschränkt zu finden. Mein westlicher Blick kann sich nicht genug am chinesischen Schriftbild ergötzen, an den vielen, verschiedenen Zeichen, die mir völlig unleserlich erscheinen und wahrscheinlich auf immer auch unleserlich bleiben werden.

Original 2005 Tusche, Farbe, Reispapier, 68,0 x 68,5 cm

Original 2005 Tusche, Farbe, Reispapier, 68,0 x 68,5 cm

Ein weiteres Beispiel, das Blatt „roter Wind“ zeigt wiederum, wie sehr Dong Ze sich für unser Kunstverständnis in die abstrakte Darstellung von Naturphänomenen begeben kann. Nicht ein Geschehen liegt hier zugrunde, das ausführlich erzählt werden will, sondern Dong Ze widmet sich der künstlerischen Übersetzung eines Naturphänomens. Meine Interpretation des Bildes hängt in diesem Fall direkt mit der Übersetzung seines Titels zusammen. Läge diese nicht vor, würden wahrscheinlich bei 30 unterschiedlichen Betrachtern auch 30 unterschiedliche Interpretationen zustande kommen. So aber bin ich froh, einen literarischen Hinweis vorzufinden, der mich auf die richtige interpretatorische Spur führen kann. Die, wie von einem Windhauch gesetzten graphischen, hellen Linien, mit ihrem Widerpart, dem breiten, roten, kurzen Pinselstrich, verlangen zwar Einfühlungsvermögen, aber sind keine unlösbaren Aufgaben, was eine intuitive Erfassung des Geschehens anlangt. Was mir jedoch wiederum verborgen bleibt, ist der Inhalt der Schriftzeichen auf der rechten Bildseite. Ich weiß nicht, ob es sich um ein historisches Zitat handelt, oder ob sich die Farbe Rot unter Umständen auch als Sinnbild für den Kommunismus in China in den geschriebenen Worten wiederfindet. Also weiß ich auch nicht, ob das Rot im Bild wiederum ein übersetztes, politisches Zitat sein soll oder ob es sich um ein optisches Phänomen handelt, welches der Künstler auf diese Weise ausgedrückt hat.

Aber wie, um zum angekündigten Vergleich der beiden Künstler zu kommen, sehen Bilder von Luo Ping aus und welche Herausforderungen stellen diese an uns, bei ihrer näheren Betrachtung?

Luo Ping (1733–1799) und Jiang Shiquan (1725–1785) Ameisen Datiert 1774 Aus 'Insekten, Vögel und Tiere' Album mit 10 Blättern, Tusche und Farben auf Papier, 20,6 x 27,5 cm Palastmuseum, Beijing

Luo Ping (1733–1799) und Jiang Shiquan (1725–1785) Ameisen Datiert 1774 Aus 'Insekten, Vögel und Tiere' Album mit 10 Blättern, Tusche und Farben auf Papier, 20,6 x 27,5 cm Palastmuseum, Beijing

Ohne Ihnen gleich vorweg den Titel dieses Bildes mitzuteilen, stelle ich jetzt einmal direkt die Frage an Sie: was sehen Sie auf diesem Blatt, oder was glauben Sie zu sehen? Ist es für Sie möglich, sich in das „Geschehen“ einzufühlen, ohne einen Hinweis darauf zu erhalten, was Luo Ping hier aus seiner persönlichen Sicht wiedergegeben hat? Nun, ich kann mir vorstellen, dass es Ihnen ähnlich ergeht, wie es mir erging, und lüfte mit dem Titel das Geheimnis des Blattes: „Ameisen“ heißt es schlicht und einfach und ist, hat man den Titel einmal vernommen, auch gar nicht mehr anders auszulegen. Mir war es nach dieser Information schlagartig möglich zu sehen, wie der Künstler auf das krabbelnde Geschehen unter ihm blickte. Wie es ihm gelang, mit ganz wenigen Pinselstrichen ein Naturschauspiel wiederzugeben, welches sich im Kleinen abspielt, ohne nach künstlerischer Umsetzung zu schreien. Und doch hat gerade dies der Künstler getan. Hat sich künstlerisch intensiv damit auseinandergesetzt, denn, und so viel ist klar, auch die lyrischen Zeilen über den winzigen Krabbeltierchen, sind mit Bedacht bewusst ausgewählt und genauso und nicht anders zu Papier gebracht worden. Luo Pings Ameisen sind ein optisches Substrat all jener Beobachtungsmomente, die er brauchte, um mit wenigen Pinselstrichen zu dieser Wiedergabe zu gelangen. Wie im Blatt „Sich gegenseitig ansehen“ von Dong Ze ist auch hier ein Moment festgehalten, der zwar nicht exakt so, jedoch in einer anderen, abgewandelten Art und Weise jederzeit von Menschen auf der ganzen Welt beobachtet werden kann. Somit handelt es sich in ganz besonderer Weise um kontemplative Bilder die versuchen, zum Kern eines Geschehens vorzudringen und anhand ihrer fokussierten, brennglasartigen Wiedergabe auf das dahinter liegende Lebensphänomen aufmerksam zu machen.

Luo Ping (1733–1799) Am Lotosteich Undatiert Aus 'Landschaften, Blumen und Pflanzen' Album mit 10 Blättern, Tusche und Farben auf Papier, 24,2 x 31,6 cm Museum Shanghai

Luo Ping (1733–1799) Am Lotosteich Undatiert Aus 'Landschaften, Blumen und Pflanzen' Album mit 10 Blättern, Tusche und Farben auf Papier, 24,2 x 31,6 cm Museum Shanghai

Das Blatt „Am Lotosteich“ wiederum, bräuchte eigentlich keine Beschreibung, denn es ist uns möglich, diese optische Information auch ohne Titel richtig einzureihen und zu interpretieren. Im linken, unteren Bildeck ist ganz klein ein Menschenpaar erkennbar. Ein Mann, mit dem Rücken zum Betrachter dargestellt und eine Frau, die jenen anblickt und einen großen Fächer in ihrer rechten Hand hält. Neben einem architektonischen Gebilde, welches vom rechten, unteren Bildrand leicht ansteigend zum linken verläuft, ist das Blatt mit bunten Farblecken übersät, die jedoch gut als Seerosen erkennbar bleiben. Die Schriftzeichen, die einen direkten Bezug zum Bild aufweisen, werden mit dem roten Siegel des Künstlers abgeschlossen, dessen Platzierung ebenso als wichtiges Stilelement wahrgenommen wird, wie es auch ganz bewusst als solches vom Künstler gesetzt wurde. Die Ausgewogenheit und Harmonie in der Komposition des Blattes ist spürbar und unbestritten, die zweite Ebene, die Erläuterung der geschriebenen Zeilen jedoch, bleibt mir auch hier wieder verborgen.

Was ich daraus folgere und auch zugleich in Zusammenhang mit den Bildern von Dong Ze setze ist, dass es sich bei der chinesischen Malerei, welche sich an der Geschichte orientiert, um philosophische Werke handelt. Um Arbeiten, die aufgrund der Naturbeobachtung generelle Fragen, vielleicht aber sogar auch Antworten zu unserem Dasein stellen und geben. Egal ob es sich dabei um die Wiedergabe eines Geschehens oder die bildliche Umsetzung eines Gefühls handelt, welches vor einigen hundert Jahren den Künstler beeindruckt hat oder welches, wie im Fall Dong Ze, diesen heute dazu veranlasst, ein Bild daraus zu fertigen.

Was bleibt, um diese Kunstwerke in ihrer Gesamtheit zu erfassen, ist in den beiden konkreten Fällen entweder ein Gang ins Museum nach Zürich, welcher dazu genutzt werden sollte, sich all das an Literatur und Informationen zu besorgen, was begleitend angeboten wird, oder, wie im anderen Falle, der Galerie Faeth einen Besuch zu widmen. Wenn Sie dies tun, haben Sie, mit Glück, auch schon einmal die Gelegenheit, den Künstler persönlich kennenzulernen oder zumindest mit dem Galeriebesitzer über die Bilder zu sprechen, die einen faszinierenden Einblick in die Gedankenwelt von Dong Ze bieten. Sollte es Ihnen in der kurzen, verbleibenden Ausstellungszeit nicht mehr möglich sein nach Aschaffenburg zu fahren, so sei Ihnen diese Galerie dennoch besonders ans Herz gelegt. Denn dort können Sie das ganze Jahr über Arbeiten von chinesischen Künstlern und Künstlerinnen erkunden, sei es in der jeweiligen, aktuellen Ausstellung oder sei es auch aus dem Fundus der Galerie. Würde die Galerie Faeth in Berlin ihren Sitz haben, wäre sie wahrscheinlich in dem Medien omnipräsent, so bleibt sie nach wie vor ein Geheimtipp, den ich Ihnen wärmstens empfehle.

Links: Galerie Faeth
Museum Rietberg

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1 Kommentar

  1. Seltsamerweise ist ein Hauch bzw. Klecks von roter Farbe in Verbindung mit schwarzer chinesischer Schrift eine vorzügliche Kombination. Und so ist es auch bei diesen Kunstwerken.

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