Dalip Kryezius Bildwelten und ihre Interpretationen

Der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard erklärte  in einem Interview, dass es aus seiner Sicht absolut notwendig sei zu wissen, was sich im Leben eines Schriftstellers ereigne, um dessen Werk besser beurteilen zu können. Ich kann ihm hier nur beipflichten und seine Aussage auf alle Künstler, nicht nur Schriftsteller ausweiten, denn – Kunst fällt nicht vom Himmel, sie wird von Menschen gemacht. Und Menschen die Kunst machen, können dies tun, weil sie in ihrem Leben Erfahrungen gesammelt haben. Aus diesem Grunde sind Künstler – im Gegensatz zu Sportlern, z.B. – oft in höheren Lebensjahren produktiver, stringenter, authentischer. Erfahrungen bilden den Geist und ermöglichen es Künstlern, sich in ihrem Ausdruck noch zu steigern, ohne dabei dem Körper einen ständigen Attribut zollen zu müssen.

Dalip Kryeziu - "Kopf"

Dalip Kryeziu - "Kopf"

Auch Dalip Kryezius Bilder und Skulpturen wollen entsprechend gesehen werden, will man ihnen ganz gerecht werden, nämlich mit dem Hintergrund seiner bisherigen Biographie. Kunst lebt von der Tiefe ihrer Aussagekraft. Lassen Sie mich ein kleines Beispiel geben: Wir sind tag-täglich von einer wahren Bilderflut umgeben. Ich meine jedoch gar nicht, die bewegten TV-Bilder, sondern allein jene Reize, denen wir im Internet, in den Printmedien oder auf großen Plakaten ausgesetzt sind,  gleichen schon alleine einem Bilder-Tsunami. Was können wir davon memorieren? Wie viele dieser Bilder könnten wir  bewusst vor unserem inneren  Auge visualisieren, wenn uns jemand danach fragen würde? Am ehesten gelänge dies noch mit  Werbeplakaten, Annoncierungen für bestimmte Produkte, oder Werbung mit Prominenten,  aber auch diese „Bilder“ bleiben uns – bis auf ganz wenige Ausnahmen – nur mittelfristig im Gedächtnis hängen.

Werden wir – und damit meine ich Menschen, die sich grundsätzlich für Kunst interessieren – jedoch nach einem bestimmten Künstler gefragt, wie z.B. Gustav Klimt, so fällt uns ad hoc sein „Kuss“ ein. Jenes Werk, in welchem ein Paar eng umschlungen in einem goldenen Prunkgewand kniend, von der Welt völlig entrückt scheint.  Warum nun ist Werbung etwas, was uns nur kurzfristig beschäftigt, Kunst – wenn wir das Beispiel Klimt nehmen – jedoch Zeit unseres Lebens? Weil Kunst häufig mehrdimensional angelegt ist und nicht wie das Marketing eindimensional auf einen unmittelbaren Kaufreiz spekuliert, sondern sich in mehreren Ebenen mit einem Thema beschäftigt. Unsere Biographie, unsere Erlebnisse,  unsere  Erwartungen und unsere momentane Befindlichkeit haben eine exorbitante Bedeutung für den Dialog und die Interpretation von und mit Kunst. Genauso, wie wir ein Buch, das wir nach vielen Jahren zum zweiten Mal lesen unter Umständen anders interpretieren, uns andere Aussagen ins Auge stechen wie beim ersten Lesedurchgang, ergeht es uns, bei mehrmaliger Rezeption von Bildern, Skulpturen oder Videokunst.

Aber nicht nur diese Mehrdimensionalität, die in unserem eigenen Sein angelegt ist, unterscheidet Kunst von der profanen Bilderwelt des Marketings. Auch der Künstler selbst – wie im Falle Dalip Kryezius – behält schon während der Konzipierung mehrere Ebenen seines Werkes im Auge. Welche Botschaft bzw. Aussage soll transportiert werden? Welche „Geschichte“ soll erzählt werden? Welche Bildgröße passt zu diesen Intentionen? Wie hoch soll der Abstraktionsgrad sein, der das Kunstwerk schließlich auszeichnet? Soll ein persönliches Erlebnis geschildert oder eine Metapher gefunden werden?  Alle diese Fragen ergeben schon ein komplexes Feld, in welchem sich ein Künstler und sein Kunstwerk schließlich bewegt und seinen Platz findet, auch wenn er sich diese Fragen im Laufe seiner Arbeit vielleicht nicht immer bewusst stellt, sondern aus sich heraus eher intuitiv oder unbewusst bereits Lösungen gefunden hat, die er oder sie repliziert und abwandelt, hundert- oder sogar tausendfach. Besonders jedoch die Möglichkeit, ein Kunstwerk durch schichtweises Abtragen von Bedeutungen mehrfach zu interpretieren, macht seinen wirklichen Wert aus, und ist auch wichtiger Gradmesser seiner Qualität.

In diesem Sinne macht Dalip Kryeziu Kunst von hoher Qualität. Seine Bilder sprechen nicht eine, sondern viele Sprachen, seine Skulpturen geben nicht einen, sondern vielerlei Anreiz zu Deutungen, ermüden nicht, veralten nicht und prägen sich unwiderruflich in unser Gedächtnis ein, auch wenn wir sie nur bei einer einzigen Ausstellung gesehen haben. Jemand, der Dalips Bilder einmal in geballter Form erlebt hat, entweder in seinem Atelier oder bei einer seiner Ausstellungen, wird in der Lage sein, ein Bild von ihm, dass solitär in einer anderen Umgebung hängt, sofort als ein Werk von Dalip zu erkennen. Diese Wiedererkennbarkeit – wenn sie so wollen dieses „Markenzeichen“ – ist ein weiteres Kriterium für gute Kunst.

Es gibt tausende und abertausende Künstler und Künstlerinnen, die sich mit Malerei beschäftigen. Und davon sind tausende und abertausende verwechselbar. Egal ob Stadtansichten, Landschaften, realistische Portraits oder auch abstrakte Farbfelder – fast immer mangelt es an einer einzigartigen Wiedererkennbarkeit im Werk, fast immer ist gerade diese Absenz ein Argument, dass es sich hier nur um epigonenhaftes Arbeiten handelt. Um ein Werk also, dass sich an große Vorbilder anlehnt und diese zu kopieren versucht, oder gar in einer unausgereiften Phase des Probierens stecken geblieben ist. Von Dalip Kryezius Kunstwerken kann dies nicht behauptet werden. Seine Köpfe, egal ob in kleinem oder großen Format, egal ob noch bildlich lesbar oder schon beinahe völlig abstrakt aufgelöst, tragen seine starke, künstlerische Handschrift mit ihrem hohen Wiedererkennungswert. Seine additiven Bildkompositionen tun dies ebenfalls. Auch darauf tauchen sie auf, seine Köpfe, seine abstrahierten Menschen und Tiere. Sein Schaffen spielt sich innerhalb einer großen Farbpallette ab und doch gibt es einige Farben, die sich immer wieder wie ein Leitmotiv quer durch sein Werk ziehen. Das sind zum Beispiel verschiedene Töne von Blau und Grün. Oft in einer hellen und dunklen Schattierung nebeneinandergesetzt, werden sie so als Farben erkannt, die von Dalips Palette stammen.

Je intensiver man sich mit Kunst auseinandersetzt, je intensiver man sich mit einem Werk beschäftigt, umso genauer wird man gewisse Konstanten darin entdecken können und auch Abweichungen von denselben. Bei Dalip Kryeziu ist es auffällig, dass sich in seinen frühen Bildern der Hintergrund oft als solcher zu erkennen gab. Farbflächen, groß ausgeführt, trennten unterschiedliche Figuren, gaben ihnen Tiefe, vermittelten eine Art Raumgefühl. Im Laufe der Jahre verschwanden diese optisch- illusionistischen Anhaltspunkte zugunsten einer die ganze Fläche überziehenden Darstellung. Seine Köpfe füllen nun die Leinwände von oben bis unten, von links bis rechts, werden sogar noch teilweise von den Grenzen der Leinwand beschnitten. Aber nicht immer, es gibt durchaus noch Reminiszenzen an frühe Arbeiten, wenngleich auch in Abwandlung. Dalip Kryezius Darstellungen sind Gedankensplitter aus seinem Erlebten. Es sind Zusammenfassungen, Substrate aus seiner Biographie einerseits, aber auch Antworten auf formale Herausforderungen in der zeitgenössischen Malerei.

Dalip Kryeziu - "Vater"

Dalip Kryeziu - "Großmutter"

Die Frage, ob Malerei heute ein adäquates Mittel in der Kunst darstellt, muss sich jeder Künstler, der auf diesem Gebiet arbeitet stellen. Tut er dies nicht, gerät er oder sie schnell in seichtes Fahrwasser. Dalip Kryeziu hat sich bewusst für das Medium Malerei entschieden, weil sie für ihn die adäquate Antwort auf die nach wie vor aus westlicher Sicht rezessive Lebensweise seiner Heimat darstellt, in der es in großen Teilen noch nicht einmal eine geordnete Stromversorgung gibt.  „In unserem Land ist Kunst, die man nicht angreifen kann, schwer zu positionieren.“ Der Kosovo ist geprägt von alten Traditionen wie dem extremen Zusammenhalt in Familien, die sich bis heute erhalten haben und kann nicht verglichen werden mit dem, was sich in den entwickelten Ländern zeigt. Kommunikation funktioniert noch immer von Mund zu Mund, abends hat die Petroleumlampe noch nicht völlig ausgedient. Dalip Kryeziu hat in dieser Atmosphäre seine Kindheit verbracht und hat die Auswirkungen des Kosovokrieges in der eigenen Familie hautnah erlebt. Diese Lebensweise und diese Lebensgeschichte haben ihn geprägt und beeinflusst und doch ist er angekommen in der zentraleuropäischen Realität und ihrem gänzlich anderen Gesellschaftsentwurf. Das Spannungsverhältnis zwischen diesen beiden äußerst unterschiedlichen, soziokulturellen Umfeldern spiegelt sich in der Kunst von Dalip Kryeziu wieder und macht einen Großteil seiner Einzigartigkeit aus.

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1 Kommentar

  1. Eine sehr gute und treffende Beschreibung zu der Person des Künstlers und auch zu den Arbeiten. Ihm liegt eine große Zukunft zu Füßen. Ich habe einmal, leider nur einmal mit ihm zusammen gearbeitet bei der Herstellung einer Original-Lithographie (Steindruck). Hierbei konnte ich seine intensive und auch sehr ernsthafte Arbeit kennen lernen, er intensiviert alle sein Können auch in dieser Arbeit, es ist nicht nur eine Grafik, sondern ein Gemälde auf Stein.

    Mit besten Wünschen

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