Mit Geschrei, Hurra und Bösartigkeit in den Untergang

Historisches, Gegenwärtiges und Zukünftiges – all das schwingt in der Volkstheater-Eröffnungsproduktion „Das Narrenschiff“ mit. Die Direktorin Anna Badora startet damit in ihre zweite Saison.

Vom Roman zum Film und nun zum Theaterstück

Der Roman von Katherine Anne Porter, der in einem Zeitraum von über drei Jahrzehnten, von 1932 bis 1962, entstand, wurde in einer Bühnenfassung von Dušan David Pařízek und unter seiner Regie auf die Bühne gebracht. Nur die ältere Generation wird sich an die großen Schauspielerinnen und Schauspieler aus dem gleichnamigen Film noch erinnern.  Simone Signoret, Heinz Rühmann und Oskar Werner verkörperten darin  Hauptrollen. Danach verschwand der Stoff beinahe aus dem kollektiven Literatur-Gedächtnis.

Dušan David Pařízek zeigt abermals seine markante Regiehandschrift

In Wien ist nun erstmals eine Theaterfassung zu sehen, welche die markante Handschrift von Pařízek trägt. Darin bestimmt eine breite, graue Schräge den Bühnenraum. Links und rechts davon sind Schminkspiegel mit Sesseln platziert – Symbole sowohl für die jeweiligen Kabinen, als auch für das Schauspielhandwerk, das hier höchst zeitgeistig zelebriert wird. Die Bühne stammt ebenfalls von Pařízek. Das Ensemble, das zum Teil auch in Doppelrollen schlüpft (Katharina Klar und Seyneb Saleh), bleibt ständig präsent. Bei Pařízek wird nichts zugedeckt und kein herkömmliches Theater gespielt. Vielmehr lässt er, wie auch schon in seinen vorherigen Inszenierungen, den Stoff lustvoll gespielt nacherzählen. Dabei wird jedoch nie die Illusion erzeugt, dass sich auf der Bühne ein Parallel-Universum entwickelt, das die Zusehenden im Grunde nichts angeht. Die Bühne ist und bleibt die Bühne, die Schauspielerinnen und Schauspieler schlüpfen in ihre Charaktere, fungieren aber als Bindeglied zwischen dem Stück und dem Publikum. Das Stück ist ein Text, den es zu erzählen gilt. Möglichst bunt, möglichst emotional, möglichst heutig.

Eine Überfahrt von Mexiko nach Europa

In der Romanvorlage trifft sich eine Dutzendschaft von Menschen auf dem Erste-Klasse-Deck eines deutschen Schiffes, das von Mexiko nach Europa ausläuft. Die Überfahrt findet in der Zwischenkriegszeit statt und die Zusammensetzung der Passagiere spiegelt die Buntheit der westlichen Gesellschaft. Hart zu spüren ist bald ein giftiger Antisemitismus – angeführt vom deutschen Geschäftsmann Siegfried Rieber. Umwerfend, wie noch in jeder Rolle im Volkstheater seit er im Ensemble ist, spielt Rainer Galke diesen unsympathischen Typen. Er mimt jene Leitfigur, die offen gegen die Juden auftritt. In einer Szene nimmt er dabei gedanklich die Judenverfolgung unter der Naziherrschaft vorweg. Währenddessen schaukelt er dabei auf seinen Knien zwei blonde, deutsche Frauen. (Seyneb Saleh als permanent kichernde Lizzi Spöckenkieker und Bettina Ernst als zunehmend lustige Witwe)

Großartige Ensemble-Leistungen

In Porters Roman gibt es keine Figur, welche die Überfahrt charakterlich unbeschadet übersteht. Nach und nach fallen alle Masken, zeigt jeder und jede sein wahres Gesicht. So auch der jüdische Händler Julius Löwenthal. Lukas Holzhausen verwandelt sich in dieser Rolle vom alle Schmach Ertragenden zum in höchster Manier Bissigen und sein Außenseitertum Verteidigenden. In der vergangenen Saison brillierte er als genialer Partner von Rainer Galke im Zwei-Personen-Stück „Alte Meister“. Seinen Dünkel gegenüber den Gois bringt Löwenthal in einem Schreianfall zum Ausdruck. Dabei muss Wilhelm Freytag (Gábor Biedermann) erkennen, dass eine Solidarisierung zwischen Christen und Juden nicht erwünscht ist. In diesem Moment wird die religiöse Herkunft von Freytag nicht nur im übertragenen Sinn zum schwer zu tragenden Gewicht. Symbolisiert der Regisseur doch höchst plakativ diesen Umstand mit einem großen Fisch, den er während des Löwenthal-Angriffes tragen muss.

Das Wienerische mutiert zum Spanischen

Wenn Rainer Galke ins österreichische Idiom wechseln soll, dann tut er das nur unter der vorherigen Anweisung von Jürgen Weisert. Dieser sitzt in der ersten Reihe und wird nicht müde, ihm das Dialektale so lange vorzusagen, bis es bei ihm so halbwegs sitzt. In derselben Art verfährt Pařízek auch mit Jan Thümer, der als William Denny seine wienerischen Brocken von Sebastian Klein zugeworfen bekommt. Ein offen präsentierter Realitätsbezug, der vom Publikum höchst willkommen aufgenommen wird.

Körperliche und seelische Leiden

Michael Abendroth als Schiffsarzt Dr. Schumann ist der Einzige, der die Menschen so nimmt, wie sie sind und keine illusorischen oder auch zynischen Vorstellungen von der Welt hat. Seine Kapitulation vor dem unerträglichen gesellschaftlichen Zustand ist eine finale. Von einem Herzleiden heimgesucht, ist er der Erste, der aus dem Leben treten muss. Stefanie Reinsperger bekommt als geheimnisvolle La Condesa ihren großen Auftritt und wechselt beständig zwischen Hochdeutsch und breitem Wienerisch – das in Pařízeks Inszenierung als „Spanisch“ tituliert wird. Ihre Äthersucht sitzt genauso tief wie ihr Verlangen nach Zuneigung, Liebe und Anerkennung. Die Regie gibt ihr dabei breiten Raum, ihre unglaublichen schauspielerischen Künste zu präsentieren.

Das Publikum mutiert zu spanischem Proletariat

Während die erste Hälfte des über dreistündigen Abends einige Längen aufweist, verdichtet sich das Geschehen im zweiten Teil merklich. Das Publikum bleibt dabei keine stumme, zusehende Masse. Vielmehr wird ihm die Rolle der mitreisenden, spanischen Arbeitslosen verpasst. Diese müssen auf dem Zwischendeck unter unmenschlichen Bedingungen dahinvegetieren. Zum Glück darf es, der herkömmlichen Sitzanordnung sei Dank, dabei von seinen bequemen Sitzen aus „denen da oben“ zusehen. Jenen Menschen, die sich vor ihnen ekeln, ihnen menschliche Gefühle absprechen und Angst vor ansteckenden Krankheiten haben, die sie übertragen könnten.  Ein intelligenter Schachzug, der, wie immer bei subversiven Angriffen im Theater, sicher nicht von allen Zusehenden nur verständnisvoll aufgenommen wird.

Erschreckend zeitgeistig

Vieles, was Katherine Anne Porter über die Underdogs schrieb, die von Kuba ausgewiesen wurden, um die Arbeitslosenrate dort zu senken, trifft auf die Flüchtlinge unserer Tage zu. Viele Reaktionen, die von den Erste-Klasse-Passagieren auf der Bühne vorexerziert werden, bestimmen heute bei uns in Europa auch die gesellschaftliche Tagesordnung.

Das-Narrenschiff-von-Katherine-Anne-Porter-Regie-Dušan-David-Pařízek © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das-Narrenschiff-von-Katherine-Anne-Porter-Regie-Dušan-David-Pařízek © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der abschließende Danse macabre, der in den letzten Szenen alle erfasst und die Gesichter des Ensembles zu schwarz-weißen Skeletten umformt, zeigt mehr als deutlich, dass es sich bei dieser Fahrt um eine in den Abgrund handelt. Eine Reise, die nichts und niemanden verschont, egal auf welcher Seite er oder sie auch steht. Die historischen Parallelen, aber vor allem die finale Deutung des Regisseurs machen den Abend nicht nur unglaublich aktuell, sondern vor allem auch zutiefst beängstigend.

Termine auf der Webseite des Volkstheaters.

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