Das wilde Tier Eifersucht

Nikolaus Büchel

Nikolaus Büchel Foto: ©Sopra Arts

Zuerst sind es die Männer, die leiden. Danach die Frauen. In der Produktion „Die Kreutzersonate“ nach Leo Tolstoi fließt viel Theaterblut. Das aber an besonders empfindlichen Stellen. Wenn Nikolaus Büchel als der Gattenmörder Posdnyschew das Messer entlang der gut sichtbaren Wölbung seiner weißen Unterhose ansetzt und sich diese nach einem langsamen Schnitt blutrot färbt, halten nicht nur die Männer im Saal kurz den Atem an.

Doch bevor in der Kreutzersonate – Tolstoi benannte das Stück nach Beethovens Sonate für Geige und Klavier – der vor Eifersucht um den Verstand gebrachte Ehemann gänzlich in seinem Blutrausch versinkt, darf er Tiraden um Tiraden wider die körperliche Liebe loswerden. Das Tier im Menschen, gegen das er ohne Unterlass wettert, bricht dennoch am Ende unkontrolliert aus ihm und er ersticht seine Frau. Die von Büchel nach einer Novelle des russischen Literaturgiganten adaptierte Bühnenfassung kann brisanter nicht sein. Nicht nur, weil das Stück als subtiler Beitrag zur aktuellen Debatte des freien Willens angesehen werden kann. Sondern auch, weil wöchentliche Zeitungsberichte von Tötungsdelikten, nach welchen Ehemänner aus Eifersucht ihre Frauen ermordeten, einen immer wieder fassungslos den Kopf über diese Taten schütteln lassen. Tolstoi beschrieb entlang der Geschichte des Ehepaares Posdnyschew psychologisch tiefgründig, welche Mechanismen Männer zu Raubtieren werden lassen und wie es möglich ist, dass sie ihre Frauen auf die brutalste Art und Weise ums Leben bringen. Obwohl man – hat man sich schlau gemacht – weiß wie das Stück ausgeht, gelingt es Büchel Minute für Minute mehr das Publikum in seinen Bann zu ziehen und auf das Unausweichliche hin zu spielen. Dass der Theatermann nicht nur ein guter Schauspieler, sondern ein ebenso guter Regisseur ist, der weiß, dass mit kleinsten Gesten und Requisiten große Wirkung zu erzielen ist, zeigt er mehrfach an diesem Abend. Das Spiel mit dem Kleid seiner Frau, das er sich im Verlauf des Stückes anzieht, aber vor allem der Einsatz der irdenen Teetassen, deren Bedeutungsebene sich von Beginn der Stückes bis zu dessen Ende komplett verkehrt, könnte eindringlicher nicht sein. Von der freundschaftlichen Geste ans Publikum, dem am Anfang warmer Tee serviert wird, bis hin zu den mit Blut gefüllten Tassen, die sich über den im Blutrausch rasenden Ehemann ergießen, sind sie Symbol für den Zustand der Ehe, über die der Mörder eingangs in unverbindlichem Plauderton Auskunft gibt.

Posdnyschew, der seine eigene Tat verflucht und offenkundig dabei ist, seinen Verstand zu verlieren, schiebt sein Verhalten einzig der menschlichen Triebhaftigkeit zu. Der Geschlechtstrieb, so erklärt er den Zuschauerinnen,der Männer und Frauen zu Ehepaaren werden lässt, obwohl sie sich überhaupt nichts zu sagen haben, wird von ihm als Auslöser seiner eigenen verfluchten Geschichte angesehen. Als unausweichliche Macht, der er nichts entgegenzusetzen hat. Als Dämon, der jegliche Reflexionsfähigkeit außer Kraft setzt und letztendlich das unmenschliche Handeln bestimmt, in welchem das Leben der eigenen Ehefrau ausgelöscht wird. Als Tier – sozusagen als ein „es“ dass abgekoppelt vom Willen agiert, diesen beherrscht und auslöscht. Die immer wiederkehrenden Summlaute, die Büchel von sich gibt, einzelne Schrittabfolgen, die noch nachträglich eine Gefängniszelle markieren, die der Mörder 11 Monate lang bewohnte, die Verringerung der Erzähllautstärke ausgerechnet an jenen Stellen, in denen Posdnyschew seine wildeste Raserei wiedergibt, all das sind meisterliche Stilmittel, die den psychischen Zustand der Figur trefflichst als krank beschreiben. Die ermordete Ehefrau – als Menetekel oder Erinnerungszerrbild von Jürgen Messensee in einem Großformat interpretiert – wird als Mensch charakterisiert, dessen größter Fehler es im Leben wohl war, in ihrem Klavierbegleiter eine verwandte Seele gefunden zu haben. Auch noch nach ihrem Tod gibt ihr Ehemann unumwunden zu, niemals in ihr Inneres geblickt zu haben, sie kein einziges Mal verstanden und auch die gemeinsamen Kinder nicht als Freude, sondern als immense Belastung empfunden zu haben. Seine Eheanalyse – zumal von ihm immer generalisiert dargeboten – kann als harter Tobak für Jungverliebte gelten und mag für diese als überzogen erscheinen. Aber dennoch wissen all jene, die schon auf einige Lebensjahrzehnte zurückblicken können, dass tatsächlich bei einem Großteil der Ehepaare und solchen, die es einmal waren, das Nichtverstehen des anderen an der Tagesordnung steht. Trotz aller Schuldzuweisung an die unsägliche Triebhaftigkeit bleibt es dem Mörder jedoch nicht erspart, seine Tat zu bereuen und an ihr zu leiden, vielleicht sogar zugrunde zu gehen. Der taktweise Einsatz der Musik – live von Antonia Rankersberger auf der Geige dargeboten und von Paul Gulda, wenngleich auch nur vom Band begleitet, lässt erahnen, dass die beiden Eheleute in zwei verschiedenen Welten beheimatet waren. In zwei Parallelwelten möchte man sagen, die einzig im Akt der körperlichen Vereinigung Berührungspunkte fanden. Nikolaus Büchel versteht es auch, dem Publikum genau an jener Stelle Lacher zu entlocken, die als die schrecklichste der Novelle gelten kann. Dann nämlich, als Posdnyschew nach seiner Tat von seiner Schwägerin ans Sterbebett seiner Frau gerufen wird. „Gehört sich das so?“ frägt er sich in einem Zustand, in welchem ein Teil seines Bewusstseins schon dabei ist auszublenden, was er gerade getan hat. Die absurde Frage nach der Etikette post einer Bluttat ermöglicht den Zuseherinnen die Angespanntheit ihrer Gefühle in einem Lachen loszuwerden und Platz und Raum in ihrem Aufnahmevermögen zu schaffen, um das Ende der Geschichte zu erfahren. Einer Geschichte, die für Tausende Frauen brutale Wirklichkeit war, ist und sein wird. Einer Geschichte, in der Nikolaus Büchel all jenen Tätern eine Stimme verleiht, die da waren sind und sein werden. Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht.

Das Gastspiel des Austro-Liechtensteiners im Schauspielhaus Wien zählte neben „Bridge.Eine Komödie“ von Gustav Ernst zu den beiden „Openern der Saison“, bevor das Haus in der Porzellangasse ab Oktober mit Eigenproduktionen in die Vollen greift.

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