Vom Schtetl nach New York

Das David Orlowsky-Trio gastierte mit einem Konzert im Nestroyhof Hamakom

Kommt alle mit ins Schtetl! Stopp – umdrehen – auf nach New York! So könnte die Aufforderung des Klarinettisten David Orlowsky an sein Wiener Publikum gelautet haben, als er mit seinem Trio im Nestroyhof Hamakom gastierte. Anlässlich der Dezember-Veranstaltungsreihe „Sam`s Bar“, spielte er dort Klezmer vor ausverkauftem Haus gemeinsam mit Jens-Uwe Popp an der Gitarre und Florian Dohrmann am Bass. Und was für einen!

Das David Orlowsky Trio ist dafür bekannt, Klezmermelodien in einem neuen Gewand zu präsentieren. Da heißt´s für seine Begleiter nicht schrumm, schrumm, schrumm – fiedelt er an seinem Bass oder seiner Gitarre herum, denn Orlowsky fordert von sich und seinem Ensemble erheblich mehr. Perfektion wird von jedem einzelnen der Musiker als selbstverständlich vorausgesetzt, denn ohne diese könnten seine Klezmer-Instrumentierungen gar nicht in Angriff genommen werden. Bei Orlowskys Interpretationen der jüdischen Melodien geht es nämlich musikalisch in die Vollen. Dabei sind die Intros häufig kleine musikalische Kunstwerke an sich, oft nur von der Gitarre oder im Duett mit dem Bass vorgetragen. Seine Eigenkompositionen, wie jene, die der Stadt Istanbul gewidmet ist, können sich gar zu kompakten Sinfonetten entwickeln, die weit mehr als ein Haupt- und ein Nebenthema bereithalten. Dabei erschafft das Trio eine neue musikalische Klezmer-Welt, die man so vorher noch nicht gehört hat – eine Klezmer-Welt mit Wurzeln und Flügeln. Das  Programm, das in Wien gespielt wurde, basiert auf Kompositionen zweier legendärer Klezmer-Klarinettisten, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in New York Stars dieses Genres waren.

Naftule Brandwein beeindruckt auch die heutigen Klarinettisten

Naftule Brandwein und Dave Tarras hießen die beiden Virtuosen, die „in den Vergnügungsstätten der Lower East-Side“ – wie es so schön im Erklärungstext zur vom Trio eingespielten CD heißt  – wahre Triumphe feierten. Brandwein (* 1889 in Przemyślany, Galizien; † 1963 in New York City) war kein Unbescheidener, betitelte er sich doch selbst als „King of Jewish Music“ und das, obwohl er keine Noten lesen konnte. Um ihn ranken sich zahlreiche Anekdoten, wie jene, dass er einst zu Weihnachten über und über mit elektrischen Lichtern bestückt auf die Bühne kam. Da er stark schwitzte, kam es zu einem Kurzschluss, den der Musiker beinahe mit seinem Leben bezahlte. Brandwein schaffte es nicht – ganz im Gegensatz zu seinem Kontrahenten Tarras – auch nach dem Zweiten Weltkrieg im Klezmer-Business erfolgreich zu sein. Seine Auffassung des damals so populären Jazz war die, dass er klingen müsse „wie Klezmer“. Eine wunderbare Kostprobe davon gab es auch am Konzertabend in Wien, neben vielen anderen Stücken des originellen Musikers, die vom Orlowsky-Trio wiederentdeckt wurden.

Brandwein erlebt derzeit eine wahre Renaissance in der Klezmer-Community. So widmete ihm auch der Klarinettist Helmut Eisel eine Aufführungsreihe, die im Rahmen von Familienkonzerten in Deutschland präsentiert werden. Darin ist der Hauptprotagonist Naftule ein genialer Musiker, der aber leider das Notenlesen nie erlernt hat. Eisel und Orlowsky verbindet aber mehr als nur das Bekenntnis zu Naftule Brandwein. Sie spielten gemeinsam in der „Clarinet Gang“ und waren Schüler von Giora Feidman. Jenem Klezmer-Klarinettisten, der international durch seine Mitwirkung bei John Williams oscargekrönter Filmmusik zu Steven Spielbergs Schindlers Liste (gemeinsam mit Itzhak Perlman) bekannt wurde. Er war auch einer jener wichtigen Musikgestalten, die das Klezmer-Spiel in den 70er Jahren wiederbelebten und durch zahlreiche Schüler die heutige Verbreitung und Akzeptanz dieser Musikrichtung einläuteten.

Der Notenfresser Dave Tarras

Dave Tarras, geboren als Dovid Tarraschuk in einem Dorf in der südlichen Ukraine, das zum ehemaligen Bessarabien gehörte, spielte eine Vielzahl von Platten ein. Dabei bewies er die Fähigkeit, sich  auch in anderen Musikrichtungen auszudrücken, wie zum Beispiel der griechischen oder russischen Volksmusik. Dafür verwendete er, je nachdem, welche Nationalität er musikalisch näher betrachtete, unterschiedliche Pseudonyme seines Namens, die er geschickt der jeweiligen Landessprache anzupassen wusste. Wie Feidman förderte er viele junge Klezmermusiker zu jener Zeit, als diese Musikrichtung gerade aus der Versenkung geholt und zum zweiten Mal wieder richtig populär wurde. Er selbst bezeichnete sich gern als „Notenfresser“ womit er sein unglaublich breit gefächertes Programm veranschaulichen wollte.

Orlowsky spielte zahlreiche Stücke dieser beiden Legenden, die unter dem Titel „Klezmer Kings – a tribute“ sowohl als CD als auch auf Vinyl erschienen sind, als wäre es das Natürlichste auf der Welt. Die Musik, die ihm im Blut zu pulsieren scheint, zeigt sich nicht nur an seinem einfühlsamen Spiel in den leisen, melancholischen Passagen. Dabei schafft er einen zarten, samtweichen, fast nur gehauchten Ton, der an Innigkeit kaum zu überbieten ist. Dort, wo die Lebensfreude überhand nimmt und der Rhythmus zum Tanzen einlädt, ist sein ganzer Körper ist in Bewegung. Kleine Tanzschritte und ein elegant-neckischer Hüftschwung markieren einen ganz persönlichen Stil, von dem man nicht genug bekommen kann. Jens-Uwe Popp steuert mit seinen Gitarrenklängen, die an einigen Stellen flamencohafte Züge annehmen, zum erdigen, aschkenasischen Sound einen sonnigen sephardischen bei. Eine wunderbare Ergänzung, die in dieser Art selten zu hören ist. Florian Dohrmann zupft seinen Bass mit einer Leichtigkeit, als böten ihm die langen Saiten überhaupt keinen Widerstand. Seine „Duette“ mit der Klarinette gehören zum Einprägsamsten des Abends, wohl auch deswegen, weil gerade in ihnen die Menschlichkeit dieser Musik so ausgeprägt fühlbar wird. Die Spielfreude, die das ganze Ensemble erfasste, ist in den Gesichtern der Musiker ablesbar. Stellenweise wünschte man sich eine Tanzfläche, um die eigenen zappelnden Beine in Bewegung zu bringen. Eine virtuos-fulminante Zugabe mit einer kabarettreifen Einlage beendete den Abend in Wien, der vom Publikum enthusiastisch aufgenommen wurde.

Das David Orlowsky Trio beweist, dass Klezmer keine Musikrichtung ist, die in ihren eigenen Formeln erstarrt. Ganz im Gegenteil – die drei Musiker schaffen es, Musik mit Herz und Seele, aber auch einer großen Portion Intelligenz auszustatten. Ein wahrer Ohrenschmaus.

Links:

David Orlowsky Trio

Nestroyhof Hamakom

Previous

Next

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Kommentare werden moderiert. Es kann etwas dauern, bis dein Kommentar angezeigt wird.

Pin It on Pinterest