Davonlaufen hilft nicht

„Heute werden sie lauter alte Musik hören“. Diese Anmoderation sprach kein Geringerer als der Komponist Georg Friedrich Haas anlässlich des Konzertes des Klangforum Wien im Rahmen von Wien Modern. Womit die Bezeichnung „alte Musik“ auch schon wieder relativiert werden kann. Nichts Barockes oder noch Älteres war damit gemeint, sondern Stücke von Haas, die er vor vielen Jahren komponiert hatte. „Ich stehe vor so viel eigener Vergangenheit“ machte er dem Publikum noch klar, bevor er daran ging, das erste Stück zu präsentieren – flow and friction, eine kleine Studie für Sechzehnteltonklavier zu vier Händen aus dem Jahr 2001. Haas, der sich mit Obertönen und Mikrotonalität intensiv auseinandersetzt, erklärte dem Publikum den Aufbau des Sechzehnteltonklavieres, eines von weltweit insgesamt fünf, wie man erfahren durfte. Tatsächlich wurde zu Beginn des vorigen Jahrhunderts der Klavierbauer Sauter mit dem Bau eines solchen Klavieres beauftragt, dem noch wenige weitere folgen sollten. Sie werden ausschließlich für mikrotonale Kompositionen verwendet und müssen – je nach Konzert – ihre Reise zum jeweiligen Aufführungsort von Spaichingen in Deutschland aus antreten. Ihr Tonumfang umfasst eine einzige Oktave, aufgrund der Einteilung in Sechzehnteltöne erweitert sich jedoch die Klaviatur um ein paar Tasten. Das bedeutet: Eine längere Klaviatur, die ein viel kleineres Tonspektrum wiedergibt. Florian Müller und Joonas Ahonen, die beiden Pianisten, mussten sich beständig ihren Raum am Klavier erobern. Dabei kam es zu vielen Über- und Untergriffen auf der Tastatur. Das Klangerlebnis, das Haas dabei bot, war ein sehr ungewöhnliches. Von Beginn an meinte man ein völlig verstimmtes Instrument zu hören. Je weiter die Komposition jedoch voranschritt, umso stärker konnte man ein Flirren und Vibrieren wahrnehmen. Die sich ständig unmerklich verändernden ab- und ansteigenden Tonabfolgen kippten ab einem gewissen Punkt in ein harmonisches Gefüge, das einen wahren Glücksturm an Gefühlen auslöste.

Davonlaufen hilft nicht

Mit de terrae fine aus dem selben Jahr setzte der Komponist seine Erfahrungen mit der Mikrotonalität fort. Und bannte sie in ein Solostück für Violine, das Gunde Jäch-Micko spannend und ätherisch schön zugleich spielte. Die persönliche Geschichte von Haas, die hinter diesen Kompositionen steckt, erklärt ihren pessimistischen Grundton. Der Komponist verließ 2000 aufgrund der politischen Situation sein Heimatland Österreich und zog nach Irland. Dort verbrachte er nur ein Jahr, in dem er erkennen musste, dass man „in Österreich zumindest noch den Mund aufmachen kann. In einem fremden Land, wo man Gast ist, ist einem selbst das verwehrt.“ In „de terrae fine“ versuchte er, die Sprache als etwas wiederzugeben, das auch rein melodisch empfunden werden kann. So wie Neugeborene, die den Sinn der Worte noch nicht verstehen, sie aber sehr wohl wahrnehmen. Abermals war das dissonante Dreiviertel-Intervall, dem Haas in mehreren Kompositionen seine Aufmerksamkeit widmet, sowie lang ausgespielte Obertöne, mehrfach hörbar. Emotional schwankte das Stück zwischen Aggressivität und Passivität. Technisch höchst anspruchsvoll meisterte die Solistin sowohl die kraftvollen Passagen als auch jene, in den Zartgefühl angesagt war.

Nächtliches im dunklen Raum

In „wie ein Nachtstück“ für drei Akkordeons von 1990 setzte Haas eine serielle Kompositionstechnik ein. Geschrieben wurde es auf Anregung von Georg Schulz, einem wahren österreichischen Urgestein des Akkordeonspiels. Gemeinsam mit Heidrun Savic und Krassimir Sterev intonierten sie das Stück im völlig abgedunkelten Konzertsaal. Einzig die kleinen Spots für die Musizierenden konnten als kleiner Lichtschein wahrgenommen werden. Im Saal verteilt – Savic war die einzige, die auf der Bühne Platz genommen hatte – verzauberten sie das Publikum mit einem eingangs hauchzarten Klangraum, der sich zusehends in ein sakrales Gebäude – mit orgelähnlicher Akkustik – verwandelte.

Mathematische Schönheit ist etwas Trügerisches

„—Schatten—durch unausdenkliche Wälder“ diesen poetischen Titel trug das letzte Stück des Abends. Dank der Einführung von Haas erfuhr man, dass er zu jener Zeit – 1992 – als das Stück entstand, ganz der Idee verfallen war, dass sich mathematische Prozesse in einer klanglichen Schönheit abbilden ließen. „Wie viele andere Religionen in meinem Leben habe ich auch diese irgendwann einmal fallen lassen müssen“ fügte der Komponist abschließend hinzu. Das dreisätzige Werk ist so aufgebaut, dass der zweite Satz halb so lang wie der erste Satz ist und der dritte wiederum halb so lang wie der zweite. Mit einem Zitat eines kleinen Werkes von Richard Stein, dem Erfinder der Vierteltonnotation, welches im zweiten Satz vorkommt, erwies Haas diesem sonst so wenig erfolgreichen Komponisten seine Referenz. Das Werk, das für zwei Klaviere und zwei SchlagzeugerInnen ausgelegt ist verfällt nach einem überaus zarten Beginn in ein bedrohliches, von Pauken durchdungenes Szenario, das mit Obertönen angereichert ist. Noch eruptiver gestaltete sich der zweite Satz, bei dem zu Beginn nach langen Obertönen harte Trommelschläge und ein beständiges Scharrgeräusch mit der Begleitung des blechernen Beckens wenig Raum für Entspannung bietet. Erst als das Stein´sche Musikzitat aufzutauchen beginnt, setzt eine harmonische Grundstimmung ein. Mit einem Klopfen und Knacken, das immer dichter wird, je länger der letzte Satz andauert, beendet Haas seine Komposition. Die tickende Zeit, die sonst unhörbar alles begleitet, was wir tun, wird in dieser kurzen Passage zur beständigen Bedrohung.

Georg Friedrich Haas, dem dieser Abend zur Gänze gewidmet war, konnte sich hier nicht nur als ein Komponist präsentieren, der mit einer großen Lust am Experimentieren ausstaffiert ist. Vielmehr wurde bei seinen Ausführungen auch ein Mensch sichtbar, der beständig gewillt ist, in seinem Leben dazuzulernen, Fehler zu erkennen, aber Gelungenes auch mit Enthusiasmus zu verteidigen.

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