Der Aufbruch zu neuen, heldenhaft besetzten Ufern in der Kunst

Harun Farocki auf der documenta12

Eines der ungewöhnlichsten Werke auf der documenta12 war die Videoinstallation „Deep play“ von Harun Farocki , welche das Thema Fußballweltmeisterschaft 2006 für eine künstlerische Aufarbeitung heranzog. Auf 12 Monitoren, in zwei Reihen übereinander angeordnet, zeigte Farocki das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft zwischen Frankreich und Italien, wie es auf die Bildschirme über die ganze Welt gesendet wurde.

Farocki, Documenta 12 - Fussball WM 2006

Außerdem waren verschiedene andere, damit zusammenhängende Tätigkeiten oder Umsetzungen von Tätigkeiten, wie die digitale Verarbeitung des Matches zu Videospielen, die graphischen Analysen der Spielzüge, die Bereitschaftstätigkeit der Polizei vor dem Stadion, die akustische Berichterstattung in den Sprecherkabinen und anderes mehr, parallel bildhaft dargestellt. Die Anordnung der Videoinstallation in einem leichten Bogen führte dazu, dass die Installation nicht in ihrer Gesamtheit auf einen Blick für den Betrachter erfassbar war. Eine schöne Metapher der Unfähigkeit des Menschen, die Komplexität eines auf den ersten Blick scheinbar auch noch so banalen Ereignisses zu begreifen. Besonders gelungen war die direkte Aneinanderreihung von emotional geladenen Bildern mit aggressiven, angreifenden und abwehrenden Fußballern auf der einen Seite und einem komplett abstrahiert dargestellten Spielgeschehen durch die Übernahme und Umsetzung des Spielverlaufes in Form eines Computerspieles, basierend auf roten und grünen Spielfiguren, wie bei einem Mensch-ärgere-dich-nicht Spiel. Das Aha-Erlebnis, das sich während der Betrachtung und des Mitverfolgens des Geschehens auf den Videoflächen einstellte, ist alleine aber zu wenig, um die Installation als künstlerische Arbeit auf einer Schau wie der documenta12 durchgehen zu lassen. Vielmehr war für den aufmerksamen Beobachter noch eine weitere Dimension zu bemerken, die sich jedoch unter den Zusehern selbst abspielte. Fasziniert verfolgten permanent eine Menge von Besucherinnen, aber auffällig wesentlich mehr männliche Besucher, das Geschehen auf den Leinwänden. Sie starrten auf die vor über einem Jahr gespielten Szenen auf dem grünen Rasen und einige von ihnen waren offenkundig sehr emotional bei der Sache. Je nach Fanzugehörigkeit verzogen sich die Gesichter bei verschiedenen Szenen zu zustimmendem Lachen oder einer ablehnenden Farocki Documenta 12Grimasse. Obwohl alles nicht nur einmal, sondern in der Nachbearbeitung des Spieles der WM mehrfach immer- und immer wieder gezeigt worden war, übte das abermals und abermals Gezeigte noch immer einen Reiz auf diejenigen aus, die diesem Sport ideell zugetan sind. Hier war kein intellektuelles Grübeln über die Aussage eines Kunstwerkes, kein krampfhaftes Blättern im documenta12-Katalog nach weiteren Erläuterungen zum Dargebotenen zu sehen. Hier spielten sich das Betrachten und die kognitive Umsetzung des Gesehenen auf einer psychologischen Ebene ab, die sich so kaum innerhalb des Kontextes bildender Kunst zeigt. So evozierte diese Arbeit – und zwar sinnlich erfahrbar – zwei gänzlich unterschiedliche Pole in der Besucherrezeption. Während die Installation angesichts dieser künstlerischen Aufarbeitung die Möglichkeit bot, die ansonsten gerade in kunstaffinen Kreisen oft degoutante Haltung gegenüber dem Sport zurückzustellen, war es offenkundig, dass jene Menschen, die dem Fußballsport verbunden sind, die Präsentation mit großem Wohlwollen ob der wieder erlebbaren Momente und der zusätzlichen Informationen zu diesem Großereignis aufnahmen und – ihrer Emotionalität ungefiltert freien Lauf ließen. Farocki Documenta 12 - Bildschirme zum Thema FussballDoch nicht nur der Ansatz, ein Geschehen von verschiedenen Ebenen aus aufzuzeigen und damit Quer- und gedankliche Weiterverbindungen zu ermöglichen, sowie die Einbindung der Besucherreaktionen und die Ansprache an tief verwurzelte und doch jederzeit abrufbare und wieder und wieder zu nachzuempfindenden Gefühle war das Spektakuläre an dieser Arbeit. Vielmehr war es die Grundthematik selbst, Sport, Fußball, zur Verarbeitung in einem künstlerischen Kontext heranzuziehen. Peter Sloterdijk hat in einer im Fernsehen ausgestrahlten Rede, in der es über Heldenbilder in der Geschichte ging aufgezeigt, dass es von der Antike an in der Kunst ein Generalthema gab, welches heute völlig vernachlässigt ist: nämlich die Darstellung des heroischen Sportlers, seinen Kampf, seinen Siegeswillen, sein Leid, seine Niederlage und seinen Sieg. Sloterdijk zeigte sich verwundert, dass die zeitgenössische Kunst dieses Thema, das de facto nach wie vor unsere Gesellschaft so durchdringt und emotionalisiert wie kaum ein anderes, nicht oder kaum aufnimmt. Dies sei umso verwunderlicher, als unsere zeitgenössischen Sportler direkte Nachfahren der antiken Helden oder späteren, christlichen Märtyrer seien, deren heldenhafte Taten und Werke über Generationen weiter gegeben und zu Mythen verarbeitet wurden, die sich in den einzelnen Gesellschaften tiefenpsychologisch verankerten. Was Sloterdijk jedoch in seiner Rede nicht ansprach ist, dass die Kunst- genauer jene während der Nazizeit -in der Darstellung von Heros und Sport einen sehr unrühmlichen Beitrag zu diesem Thema geleistet hat. Innerhalb des Mörderregimes galt der Sport als Leit- und Vorbild für gesellschaftlich anerkanntes Handeln und war nicht unerheblich daran beteiligt, die Massen zu verführen. Regimetreue Künstler wie z.B. Arno Breker, nahmen die Darstellung von heldenhaften Siegern mit gestählten Körpern dankbar in ihr opportunes Schaffen auf und brüsteten sich gerade in ihrer stilistischen Umsetzung, antiken Vorbildern nahe zu kommen oder diese sogar zu übertreffen. So kann es eigentlich nicht verwundern, dass sich in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg niemand innerhalb der Künstlerriege sonderlich veranlasst sah, sich den Sport als künstlerisches Thema anzueignen. Nun aber hat es jetzt in unserer Zeit aber den Anschein, als ob das tiefsitzende Trauma, oder die Unfähigkeit zu trauern, wie es die Mitscherlichs in ihrer psychoanalytischen Arbeit über die Kriegsgeneration ausgearbeitet haben, sich langsam aufzulösen beginnt. Hitler verliert in Slapstickfilmen jüngsten Datums sein bislang unangetastetes Heroengrauen und Sport kann langsam wieder in künstlerische Gefäße gegossen werden, ohne dass sich darin ein ungesunder, reaktionärer Fusel zusammenbraut. Das war das wirklich berauschende an „Deep play“ von Harun Farocki.Kunstvolle Grüße

Ihre Michaela Preiner

(c) Fotos –

Bild 1  © Courtesy the artist / Greene Naftali Gallery, New York Videostills – Deep Play, 2007 Mehrkanal-Videoinstallation | multiplex video installation Farbe, Ton | colour, sound, Loop

Bild 2 und 3

Installationsansicht / exhibition view: Photos: Julia Zimmermann / documenta GmbH

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