Der Dschungel muss jetzt Sprünge machen und nicht nur Schrittchen

Von Michaela Preiner

Corinne Eckenstein (Foto: Franzi Kreis)
04.
September 2019
Ein Gespräch mit Corinne Eckenstein, der künstlerischen Leiterin und Geschäftsführerin des „Dschungel Wien“, über das bevorstehende 15-jährige Bestehen der Theater-Kulturinstitution für Kinder und Jugendliche.

Unser Gespräch findet anlässlich des Termins 15 Jahre Dschungel statt. Das bedeutet, wir halten Rückschau, oder?

Ich würde so sagen: Ich möchte eher Vorschau halten, weil es um Visionen geht und darum, wie es weiter geht. 15 Jahre ist für mich eher ein Zwischenstep, wie eine „mark“ in der Zeitreise des „Theater für junges Publikum“.

Wenn wir trotzdem zurückschauen, möchte ich gerne wissen, sind die Visionen, die Vorhaben aufgegangen, oder war Einiges, das kam, so nicht geplant?

Ich beantworte beide Fragen mit „Ja“ und zwar im positiven Sinne. Ich habe mir kürzlich mein Konzept angesehen, das ich bei meiner Bewerbung eingereicht habe und war erstaunt, dass wirklich jeder Punkt umgesetzt wurde. Mein 4-jähriges EU-Projekt, ein Netzwerk mit Osteuropa, Theaterprojekte an der Peripherie, mehr Vorstellungen für die freien Gruppen, Schwerpunkt Tanz und Diversität, die Theaterwildwerkstätten – die bis hin zu einem Festival ausgebaut werden sollen, bei dem das ganze Haus von den Kindern und Jugendlichen in die Hand genommen werden sollen – das hat sich alles eins zu eins umgesetzt. Und nun kommt das Unerwartete: Es kam noch mehr!

Was kam noch mehr?

Das sind z.B. Koproduktions- und Kooperationsprojekte im internationalen Bereich. Das war der Bereich, der für mich ungewisser war. Ich hatte natürlich meine Kontakte, aber wie lässt sich so etwas überhaupt umsetzen, aufgrund unserer finanziellen Situation, das war die Frage. Einer Situation, die eher schwierig ist, wenn man Sprünge machen möchte und sich entwickeln will. Mit dem, was wir haben, können wir bestenfalls den Status quo erhalten. Aber durch unterwartete Projekte, wie das Brueghel-Projekt „PLAY!“ konnten wir mit dem angebotenen Geld mit der flämischen Kulturabteilung eine Koproduktion mit dem Theater HetPalais in Antwerpen durchführen, die jetzt im Herbst auch auf Tournee nach Belgien, dann auf Festivals nach Frankreich und Holland geht. Ein weiteres Projekt, das auf uns zukam ist ein „Doppelpass-Projekt“. Doppelpass stammt aus Deutschland und erlaubt einer freien Gruppe mit relativ viel Geld eine Koproduktion mit einem festen Haus zu machen, sowie in einem anderen deutschsprachigen Land mit einem zweiten festen Haus zu kooperieren. Wir arbeiten dabei mit der Gruppe „Lovefuckers“ und dem Theater der Jungen Generation Dresden zusammen. Die Gruppe beginnt jetzt an dem Stück zu arbeiten, das im Herbst 2020 seine Uraufführung im Dschungel Wien haben wird. 2021 werden sie eine Koproduktion mit dem Theater der Jungen Generation Dresden machen, die dann wieder bei uns als Gastspiel läuft.

Weiters beginnt Januar 2020 ein 4-jähriges EU-Projekt mit dem Titel „Connectup“, ein internationales Projekt mit 9 verschiedenen Ländern und 14 Theatern in ganz Europa. Daran wurde schon vor 4 Jahren gearbeitet, als ich das Konzept geschrieben hatte. Darin wird der Fokus auf „schwieriges Publikum“ gelegt – sprich Jugendliche aus sozial schwierigen Verhältnissen. Man kontaktierte mich damals, im gegebenen Fall ich würde den Dschungel leiten, in das Projekt einzusteigen. Und so haben wir das gemeinsam entwickelt. Es geht um Inklusion, deswegen ist auch die „Ich bin O.K“-Kompanie dabei, die ich dazugenommen habe. Es werden auch Künstlerinnen und Künstler der Szene eingebunden.

Dazu kommt auch ein SHIFT-Projekt in Koproduktion mit dem diverCITYLAB und der Choreografin Magda Chowaniec. Dieses Stück machen wir an der Peripherie unter dem Titel „Medeas Töchter“. Darin geht es um die Sichtbarkeit von jungen Frauen vor allem mit Migrationshintergrund. Es findet im Mai statt und wird eine Reise durch Wien sein. Im 10. Bezirk gibt es eine Halle, die „Ausreisehalle“ heißt. Die stammt noch aus der Zeit von früher, wo die Leute ausreisen „wollten“. Das Schild hängt heute noch so da – und das war unser Ausgangspunkt, dass alle die jungen Frauen der nun 2. und 3. Generation beschließen, auszureisen. Unsere Reise geht bis zum Vienna International Center. Dort gibt es einen Ort innerhalb der Hochhäuser, der wie ein Amphitheater aussieht. Sie kommen da in eine Welt, in die sie nicht gehören. Von dort nehmen sie einen Bus und fahren weg. Das Publikum reist mit diesen Töchtern Medeas mit. Rapperin EsRAP und Slampoetin Yasmo erarbeiten mit den gecasteten junge Frauen Slam-Poetry und Rap, um mit ihnen gemeinsam eine Art Textpartitur zu erstellen.

Theaterwild-Festival 2018 (Foto: Laurent Ziegler)
Sujet Pip. (c) Rainer Berson (2)
Vorschau „Medeas-Töchter“ by Olivia Mrzyglod
Play (Foto: Rainer Berson)

Wie hat sich denn die Zusammenarbeit mit den Schulen entwickelt?

Wir haben ein starkes, festes Klientel. Was sich total verstärkt hat, sind die Partnerschulen und vor allem die Partnerklassen. Die Zahl hat sich würde ich sagen verdreifacht, weil die Schulen jetzt wesentlich weiter vorausplanen. Der zweite, wichtige Punkt sind die Kulturpatenschaften, die wir von Beginn an anboten. Mir war es von Anfang an ein großes Anliegen, dass jedes Kind die Möglichkeit hat Kunst und Kultur zu genießen, denn Kunst ist nichts Elitäres, sondern Teil unserer geistigen Nahrung, die auch den Kindern zusteht.

Gibt es etwas, was emotional extrem berührend war?

Ja, das war das letztjährige Theaterwild Festival, das der Frage nach den Rollenklischees von Buben und Mädchen nachging. Wie komplex das war und auf welchem Niveau die Kinder und Jugendlichen über dieses Thema miteinander diskutiert haben, war unglaublich. Ich hatte das Gefühl, es sind lauter Feministen und Feministinnen hier angetreten..Auch was um das Festival und die Produktion passiert ist, war sehr emotional. Wir hatten eine Ausstellung, in der junge Flüchtlinge zu diesem Thema zu Wort kamen. Und das wider jedes Klischee, was junge Männer und Frauen zu diesem Thema sagen.

Ein junger Iraker sagte zu mir: „Männer und Frauen sind gleich, weil im Tod sind alle Menschen gleich“. Da wusste ich, der hat mehr kapiert als viele andere – da braucht man auch nicht länger zu diskutieren.

Wenn wir über Visionen sprechen, welche sind denn für den Dschungel wichtig?

Unter Vision verstehe ich etwas Positives, etwas mit Entwicklung und Erweiterung zu tun hat. Das hängt mit dem banalen Faktor Geld zusammen: Wir brauchen mehr Geld, um adäquat arbeiten zu können und den Künstlerinnen und Künstlern ein fair pay anbieten zu können. Wir sind jetzt an dem Punkt angekommen, wo wir an eine Grenze gestoßen sind, dies aus unseren eigenen Ressourcen ab zu decken. Wir machen auch Drittmittelakquisition, damit wir überhaupt Produktionen auf die Beine stellen können. Sei es eine Koproduktion mit einer freien Gruppe oder den Try-Out-Wettbewerb, bei dem die Gewinnerproduktion ausproduziert wird und dadurch Nachwuchs gefördert wird oder eben die internationalen Projekte wie das EU-Projekt in das wir auch Geld investieren müssen, damit wir es überhaupt machen können. Durch unsere niedrigen Eintrittspreise kommt nicht genug Geld rein. Die Preise können wir aber nicht erhöhen, denn das stünde im Widerspruch zu dem, was wir sein sollen: Ein finanziell niederschwelliges Theater, aber nicht künstlerisch niederschwellig. Ich finde, wir sind im Moment mit den Gruppen so gut aufgestellt, dass es jetzt an der Zeit ist, den Künstlerinnen und Künstlern und dem Dschungel Wien die Möglichkeit zu geben, Sprünge zu machen und nicht nur Schrittchen.

Merken die Kinder und Jugendlichen die politische Veränderung, die derzeit rund um die Welt vonstatten gehen?

Für Kinder sind die Dinge, die sie unmittelbar erleben wichtig. Das Gefühl, wo gehöre ich hin, was steht mir zu, die Frage nach Identität – und zwar in jeglicher Hinsicht – Herkunft, Geschlecht, soziale Zugehörigkeit. Das ist das, was sie unmittelbar tag-täglich erleben. Wenn es in der Schule plötzlich wieder Noten gibt, müssen sie sich damit auseinandersetzen. Sie sind ja die, die die Wirkungen direkt zu spüren bekommen. Deshalb hab ich hier 3 junge Frauen, denen es um die Sache geht, auf dem Plakat. Emma González, Greta Thunberg und Malala, da hat der Dschungel eine ganz wichtige Haltung. Das bekommen wir auch von den Lehrenden widergespiegelt. Vielleicht ist es das, was mich am meisten berührt: Sie danken uns, dass wir so ein starkes, gesellschaftspolitisches Anliegen haben und dass sich das hier ganz klar vermittelt. Es ist für mich ein starkes Anliegen, eine andere Sichtweise und vor allem einen Ort zu zeigen, an dem Diversität wirklich gelebt wird. Ich will zeigen, dass hier Menschen anders denken, dass Künstler und Künstlerinnen anders denken. Hier gibt es eine Vision, die eine andere Realität schafft. Unser Spielzeitmotto ist „Unsere Zukunft passt auf keine Fahne“, ich verwehre mich gegen die eine menschenunwürdigen Politik. Die geht im Endeffekt immer auf Kosten der Kinder. Dem Egoismus muss etwas entgegengesetzt werden. Auch hier sind die Theaterwildwerkstätten so ein starkes, wichtiges Zeichen. Die sind jetzt schon so voll, dass wir gar nicht wissen, wie und wo wir alle unterbringen und wir platzen eigentlich aus allen Nähten.

Ich blicke positiv zurück. Schwierigkeiten gibt es immer wieder und ich sehe vor allem die freien Gruppen kämpfen. Auch weil ich es selbst 26 Jahre als freie Künstlerin und Regisseurin erlebt habe, dass man vor allem im Theaterbereich für junges Publikum finanziell schlechter gestellt ist als jemand in der freien Szene. Diese Ungleicheit, ganz abgesehen davon, ob generell zu wenig Geld da ist für die freien Künstlerinnen und Künstler, geht für mich gar nicht. Wir machen mehr als nur Theater – wir machen Bildung. Dieser Aspekt wird ja gar nicht abgedeckt, den müssen wir selber abdecken. Er wird aber als Teil der Aufgabe gesehen. Wir versuchen überall Geld aufzutreiben, um diese Arbeit zu leisten. Ich frage mich nur, wie lange die Künstlerinnen und Künstlerinnen das noch mittragen. Man kann nicht nur darüber reden, dass fair pay wichtig ist. Wenn diese Arbeit nicht für Kinder und Jugendliche wäre, würde ich sie nicht machen.

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