Warum spielt man heute noch Molière?

Das Burgtheater gab dem Regisseur Herbert Fritsch die Ehre und ließ ihn den „eingebildeten Kranken“ von Molière inszenieren. Dies tat er im selben Duktus wie schon im Vorjahr mit der „Schule der Frauen“ am Hamburger Schauspielhaus. Dabei verwendete er die gleiche Grundhaltung, nämlich die der absurden Übertreibung und des gröbsten Klamauks, der einer Bühne zuträglich ist.

„Warum spielt man heute eigentlich noch Molière?“

Diese Frage wird sich Fritsch zu Beginn seiner Arbeit an dem Stück wohl gestellt haben. Eine Antwort darauf bleibt er dem Publikum in Wien schuldig. Wie man es allerdings spielen kann, zeigte er ausgiebig. Das Ergebnis ist zwiespältig. Grobschlächtiger Humor und ein zu langatmiger erster Akt auf der einen Seite, wunderbare Schauspielkunst und ein flotter Schluss mit der richtigen Taktung von Spaßmomenten auf der anderen. Das sind die beiden Pole, zwischen denen die Inszenierung pendelt.


Dabei kommen Fritsch zuallererst nicht seine Regieeinfälle zugute, denn die erschöpfen sich schon nach einer halben Stunde und sind von da ab vorhersehbar. Der Regisseur lässt die Familie des Hypochonders Argan, die ihn umgebenden Ärzte und seine Dienerin Toinette wie Puppen aus einer Commedia dell´Arte-Inszenierung agieren. In grellen, aber passenden Kostümen (Victoria Behr) hampeln sie über die Bühne, tanzen, als ob sie Gliederpuppen wären, purzeln nach ungeschickten Schritten auf den Boden oder tauchen auch einmal ganz unerwartet wie ein Deus ex machina mit viel Rauch aus dem Boden auf. Joachim Meyerhoff als Argan, er spielte auch die Hauptrolle in Hamburg, steckt gleich zu Beginn seinen Kopf aus dem Goldmuschel verbrämten Souffleurkasten und wackelt mit selbigem, dass man meint, Kasperl selbst hätte sich in die Burg verirrt. Gemeinsam mit Markus Meyer in der Rolle von Toinette, Argans Dienstmädchen, präsentieren sich die Hauptdarsteller als ein Duo infernale, das dank seiner hohen Schauspielkunst den Abend zu einem Erlebnis macht. Und dies, obwohl Meyer die Rolle kurzfristig für die verletzte Caroline Peters übernahm. Chapeau Monsieur!

So zeitgeistig das Bühnenbild (ebenfalls Herbert Fritsch) auch ist, so gestrig ist im Grunde die Inszenierung angelegt. Auf dem durch mehrere Wände in die Tiefe gestaffelten Bühnenraum erscheinen wahlweise grellbunte oder schwarz-weiße Projektionen von Röntgenbildern. Diese zeigen Zähne, ein Becken sowie die Knochen von Extremitäten. Immer, wenn sich das Kranke im Hause Argan ausbreitet, wenn es um nichts Anderes als um Körperbefindlichkeiten geht, kommen diese Bilder zum Einsatz. Sonst reichen drei kleine Cembali, um Ort und Zeit zu markieren.

Fritsch inszeniert in einer Art und Weise, wie man sich Molière zu seiner Entstehungszeit, gespielt auf ländlichen Bühnen, gut vorstellen kann. Er macht, bis auf einige Zoten und Witze über den Ärztestand an sich, keinerlei Anstalten, das Geschehen mit der Gegenwart zu verknüpfen und präsentiert eine Kasperliade mit einfachsten Bühnenmitteln. Säße man nicht im Burgtheater, man würde sich wahrlich nicht so sehr den Kopf über die gewählten Stilmittel zerbrechen. Auf einer kleinen Vorstadtbühne könnte man der Regie so manches nachsehen oder vielleicht so manches auch gutheißen, was im großen Haus eher problematisch wirkt. Wie zum Beispiel jene Slapstick-Szene, in welcher Argan gegen ein Cembalo kämpft. Minutenlang versucht er dabei, den Deckel korrekt zu schließen, wobei ihm ständig der Notenständer in die Quere kommt. Man fühlt sich in die Stummfilmzeit versetzt, nur dass während dieser Szene keine Musik läuft, was eigentlich schade ist. So kämpft Meyerhoff nicht nur gegen das Musikinstrument, sondern auch gegen ein größtenteils spaßbefreites Publikum. Die Lacher kann man fast mitzählen. Ein wenig gelöster reagieren die Zuseherinnen und Zuseher in jener Szene, in der sich der Schauspieler einen Gehstock in seine Hose steckt, sodass dessen Griff eine sichtbare Ausbuchtung in seinem Genitalbereich erzeugt. Es gibt genug psychologische Abhandlungen, begonnen von Sigmund Freud, die erklären, warum Späße dieser Art immer funktionieren.

Joachim Meyerhoff (Argan), Johann Adam Oest (Dr. Purgon) (c) Reinhard Werner Burgtheater

Joachim Meyerhoff (Argan), Johann Adam Oest (Dr. Purgon) (c) Reinhard Werner Burgtheater

Marie-Luise Stockinger (Angélique), Laurence Rupp (Cléanthe), Joachim Meyerhoff (Argan), Ignaz Kirchner (Dr. Diafoirus), Simon Jensen (Thomas Diafoirus) (c) Reinhard Werner Burgtheater

Marie-Luise Stockinger (Angélique), Laurence Rupp (Cléanthe), Joachim Meyerhoff (Argan), Ignaz Kirchner (Dr. Diafoirus), Simon Jensen (Thomas Diafoirus) (c) Reinhard Werner Burgtheater

Der sprachliche Witz, ergötzt sich an körperlichen Despektierlichkeiten rund um Darmbewegungen oder Sexualorgane. So erzählt Argan in seinem Monolog über seine Behandlungen, sein Arzt wäre bemüht, „Abgaswerte auf legale Weise zu senken“. An anderer Stelle lädt Thomas „Diarrhoe“, der Sohn von Argans Arzt, die Tochter Argans zu einer Obduktion einer jungen Frau ein, über die er seine „Vorhaut – äh – einen Vortrag“ halten werde. Luison (Marta Kizyma), Argans jüngere Tochter wird von ihrem Vater Louis-Vuitton genannt, oder Reime werden so zurechtgebogen, dass ihre Grammatik kaum noch zu erkennen ist:

„Der erste hat mich gebort, Sie haben mich erkort.“

Damit möchte Thomas Diafoirus – äh Diarrhoe (Simon Jensen) – sich bei seinem vermeintlich zukünftigen Schwiegervater Argan einschleimen.

Fritsch bleibt trotz all der eingeschobenen, sprachlichen Verballhornungen ganz nah an Molières Text, kürzt nur den Schluss ein wenig, ohne die Aussage desselben jedoch zu verändern. Der eingebildete Kranke, der seine Tochter nicht an deren Liebsten, sondern an einen Arzt verheiraten wollte, um einen solchen im eigenen Haus zu haben, wird schließlich selbst zu einem Doktor der Medizin ernannt. Diese Idee stammt nicht vom Regisseur, sondern ist von Molière selbst.

Die beiden im Originaltext vorgeschriebenen Ballette werden einerseits durch einen kollektiven, choreografierten Auftritt aller Ärzte und Apotheker, sowie eine imitierte Flamenco-Nummer von Toinette ersetzt. Einfach wunderbar, wie Markus Meyer dies umsetzt. Zu Recht gebührt ihm der Zwischenapplaus. Auch bei seinem langen Monolog in dem er erklärt, warum es keiner Medizin bedarf, bleibt er in ständiger Tanzbewegung und brilliert ganz besonder in jener Hoppala-Szene als verkleideter Arzt, in der er den Gummizug seines Bartes nicht mehr findet und so das blonde Haargestrüpp kurzerhand ohne Befestigung auf sein Gesicht auflegt. Einer jener Momente, in dem das Theater nicht bemüht verspaßt, sondern ehrlich witzig wirkt.

Marie-Luise Stockinger als verliebte Tochter Angélique und Dorothee Hartinger als Argans Frau Bélinde verfolgen ihre eigenen Ziele. Was Angélique an ihrem Cléanthe findet, ist, wie bei Verliebten auch im wirklichen Leben, nicht ganz nachvollziehbar. Laurence Rupp verleiht mit Wiener Dialekt dem jungen Mann ein ganz eigenes Profil. Stockinger muss sich im Laufe des Abends immer und immer wieder in der Pose einer zusammengeknickten Puppe malträtieren lassen. Hartinger schraubt ihre Stimme als böse Stiefmutter in eine unangenehme, beinahe dissonante Höhe und markiert somit auf clevere Weise den widerlichen Charakter. Die extra hohen oder extra langen Perücken, die pastellfärbigen Kostüme mit vielen Rüschen und Argans Hose, mit der er mit einem Ruck vermeintlich seinen Hintern freilegt – dass es nur eine optische Täuschung ist, wird ein wenig später klar – sind historisch inspiriert. Im Gegensatz dazu stehen die Plastikmäntel mit Rotem-Kreuz-Aufdruck der Ärzte sowie deren überlange, bedrohlich wirkende Fingernägel. Ignaz Kirchner, Johann Adam Oest und Herrmann Scheidleder, der in einer Doppelrolle auch als Notar Bonnefois unter Gelächter des Publikums als Zwerg auf die Bühne rollt, sind unter ihrer extremen Schminke fast nicht zu erkennen.

Nach dem ästhetischen Schlussbild, in dem sich alle Beteiligten außer Argan als Scherenschnitt präsentieren, darf sich das Ensemble den Applaus beim Ringelreihen um das mittig platzierte Cembalo abholen. Warum wird Molière heute noch gespielt? Die Antwort auf diese Frage bleibt Fritsch zwar schuldig, aber es gelingt ihm mit seiner Inszenierung, diese ans Publikum zu schieben. Was Theater soll, was Theater kann, was Theater darf und was nach wie vor verboten ist – all das sind Themen, die der Regisseur ganz subtil auf den Nachhauseweg mitgibt. Ob man das will, oder nicht.

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