Ein Märchen wie aus 1001 Nacht

Ein Flaschengeist, das wäre etwas! Einfach drei Mal an der Lampe reiben, und schon ist er da. Im alten Bagdad, jener Stadt, in der man in friedlichen Zeiten noch unbeschwert über den Basar schlenderte, konnte man mit Glück eine Lampe erstehen, in der sich so ein dienstbarer Bote befand. Zumindest über Umwege.

Wie das ging, erzählt die neue Produktion des Theater der Jugend. In „Die automatische Prinzessin“ mit dem Untertitel „Fantastische Fabeln aus 1001 Nacht“ erleben die Schwestern Shadiyyah und Mabubah ein Abenteuer nach dem anderen. Unter der Regie von Henry Mason, der zugleich auch Autor des Stückes ist, dürfen sie in einem höchst fantasievollen Bühnenbild (Michaela Mandel) vom Basar auf ein Schiff wechseln, von dort auf eine Insel verschleppt werden, ins Meer eintauchen, in eine Schlangenhöhle klettern und, und, und. Dabei entpuppt sich ein alter Campingbus als unglaublich wandelbares Requisit. Er mutiert vom Auto zur Basarbude und vom Prinzengemach zum Höhleneingang.

Ganz nach der Erzählweise von 1001 Nacht schuf Mason mit Versatzstücken aus diesem arabisch-indisch-persischen Klassiker ein Kaleidoskop von verschiedenen Geschichten, die höchst kunstvoll ineinander verwoben sind. Dabei verströmen die farbenprächtigen und zugleich witzigen Kostüme von Anna Katharina Jaritz mehr als nur einen Hauch orientalischer Romantik. Alleine das Bühnenbild und die Kostüme sind einen Besuch der Vorstellung wert. Sie sind reinstes Augenfutter, von dem man nicht genug bekommen kann.

Die beiden Schwestern, die sich durch einen Zauber in Männer verwandelten, werden von Sandra Lipp und Claudia Kainberger gespielt. Wobei sie, wie auch alle anderen des Ensembles, in Mehrfachrollen zu sehen sind. So spielt Lipp zum allgemeinen Gaudium auch Prinzessin Bahar Banu, eine völlig ausgeflippte, männerringende und –bezwingende junge Kampfwütige. Wie sie einen Verehrer nach dem anderen mit ihren Sportkünsten flachlegt, erheitert das junge Publikum sehr. Kainberger wiederum hat ihren großen Auftritt in einer Schlangenhöhlen-Szene, in der sie auch die Wunderlampe mit jenem Dschinn findet, der ihr von da weg helfend zur Seite steht.

Christian Graf als Subaah, der Dschinn (c) Rita Newman

Christian Graf als Subaah, der Dschinn (c) Rita Newman

Christian Graf ist in dieser Rolle einfach umwerfend. Mit einem Hauch von Travestie-Gehabe, das ihn unglaublich sympathisch macht, tänzelt er ihm gelben Fransen-Tanzkleid beständig um Mabubah und hat die Lacher auf seiner Seite. Er bietet dem fest entschlossenen Mädchen, das getrennt von seiner Familie wieder zu seiner Mutter, Schwester und zu ihrem Vater zurück möchte, einen Widerpart, der die Leichtigkeit des Lebens verkörpert. Seine Bonmots, wie die Antwort auf die Frage, ob er sich denn auch in andere Wesen verwandeln könnte, „ja klar, zum Beispiel Gin-Tonic!“ oder „Sofa, so good!“, in dem er auf Baba, den Vater verweist, der in ein Sofa verwandelt wurde, sind gerade wegen ihrer Subtilität einfach grandios. Auch als völlig unerschrockene Mutter der beiden Schwestern, die ihren Kindern alles zutraut, macht er eine gute Figur. Sein bzw. ihr Auftritt auf einem „fliegenden Teppich“ mit darauf überkreuzten Fake-Beinen unterbricht die Spannung des Geschehens auf höchst humorige Art und Weise.

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Der Subtext, in dem die Überzeugung transportiert wird, dass Mädchen und Frauen dem männlichen Geschlecht in nichts nachstehen und ihre Unterdrückung reine Willkür ist, kommt nicht mit dem pädagogischen Zeigefinger daher. Eingebettet in das turbulente Geschehen, das dem Ensemble ungezählte Rollenwechsel abverlangt, sind die Unternehmungen der beiden Kinder, die darauf abzielen, ein freies und unabhängiges Leben führen zu können, völlig plausibel. Stefan Rosenthal und Frank Engelhardt ergänzen nicht nur mit ihren Interpretationen der dicken Latifaa oder des sprechenden Baba-Sofas ihre Kolleginngen und ihren Kollegen Christian Graf wunderbar. Auch als Palastbote und Palastwachenkommandant – mit Kelimtaschen auf dem Kopf – tragen sie wesentlich dazu bei, das junge Publikum köstlichst zu unterhalten.

„Die automatische Prinzessin“ entführt in eine versunkene Welt ohne elektronische Gadgets, die so kraftvoll und pur wirkt, wie ihre schillernden Charaktere. Die Inszenierung macht Lust, selbst Abenteuer zu erleben und sei es auch nur beim Schmökern in den Geschichten von 1001 Nacht.

Weitere Informationen und Termine auf der Seite des Theater der Jugend.

 

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