Die Geschichte der Krabben – oder Äsop im 21. Jahrhundert« Histoire de crevettes » – ou Esope au 21e siècle

Histoire de crevettes (photo: Pauline Kalker)

Das Le-Maillon in Straßburg konnte im Rahmen des Festivals „Giboulées de la marionnette“ mit einer Inszenierung aufwarten, die in jeglicher Hinsicht aus dem Rahmen fiel. „Histoire de crevettes“ oder „Die Geschichte der Krabben“ ist eine Parabel auf das menschliche Leben unserer Zeit, vorgeführt mit – kleinen Crevetten, die zum Teil mit Kostümen oder Accessoires versehen, bewegt werden. Um das Spiel mit dem kleinen Meeresgetier – es handelt sich tatsächlich um ca. 100 Crevetten, die für jede Vorstellung wieder frisch vom Fischmarkt geholt werden – dem Publikum auch sichtbar zu machen, werden die Aktionen der „Crevettenspieler“  live mitgefilmt, und auf eine große Leinwand übertragen. Die menschlichen Akteure bewegen sich zwischen großen Tischen auf der Bühne hin und her. Auf ihnen sind kleine Bühnenbilder aufgebaut, in denen die Krabben von Hand, per Stäbchen oder Fäden geführt, ihre menschliche Seite hervorkehren.

Gleich die ersten beiden Bilder umreißen das Geschehen des Abends wie mit einer großen Klammer. Ein einfacher, schlichter Holzsarg, umgeben von einigen Plastikrosen, macht deutlich, dass wir mitten drin sind, in einer Beerdigungsszenerie. Nach wenigen, eindringlichen Bildsekunden klopft eine Krabbe, mit schwarzem Zylinder ausstaffiert auf das Mikro und macht eine Test-Test-Test-Hörprobe. Ein zweites Tierchen beginnt, mit einem Besen den Boden vor dem Sarg aufzukehren und sich mit dem sich um die Technik bemühenden Leichenbestatter zu unterhalten. Nicht, dass sich das Gespräch nun, wie man erwarten könnte, um den Toten im Sarg handelt, nein, die „Putzfrau“ mokiert sich über ein zeitgenössisches Kunstwerk an der Wand, das ein unglaublicher Staubfänger sei, den man schwer reinigen könne. Die Betroffenheit des Publikums kippt sofort in Fröhlichkeit; was kurzzeitig schwer im Gemüt lag, fliegt nun plötzlich humorig hoch in die Lüfte. Doch noch ehe das Publikum von der Komikwelle in noch höhere Wohlfühlzustände  gespült wird,  kommt ein filmischer Schnitt.  Eine stöhnende, auf einem weißen Krankenhausbett liegende Krabbe ist, nach ihren Atemgeräuschen und den Anfeuerungen der daneben stehenden Hebamme gerade dabei, ein Junges zu gebären. Und tatsächlich, nach wenigen Sekunden, liegt dieses in einer roten Blutlache vor ihr auf dem Bett.

Tod und Leben, der ewige, menschliche Kreislauf ist es, um den sich die Erzählungen und kleinen Eindrücke der Krabbengeschichten drehen. Sie tun dies schonungslos und halten den Menschen im Saal einen Spiegel vor. Die Botschaft, die sie transportieren, ist aber durch die Transformation in diesen Meeresfrüchtezustand viel leichter zu verdauen, als würde man all diese Szenen in realiter mit Schauspielerinnen und Schauspielern drehen. Dass dabei in einigen Szenen tiefschwarzer Humor zum Einsatz kommt, kennzeichnet die dahinter liegende Idee von der allgegenwärtigen Grausamkeit und gleichzeitigen Absurdität des Lebens, die nur ertragen werden kann, wenn sich durch den Einsatz von schwarzem Humor ein Ventil öffnet. So zum Beispiel in jener Szene, in der eine Schlange von wartenden Krabben zu sehen ist, die mit allerhand Hausrat und Kunstgegenständen – wie in der Serie Kitsch und Krempel – darauf warten, ihre Trophäen der Schätzung von Spezialisten zu präsentieren. Als die Kamera nach der Fahrt über die wartenden Kunstliebhaber beim Expertentisch angekommen ist, zoomt sie auf eine Gliederpuppe, die von drei Krabben genau unter die Lupe genommen wird. Wie dann aus dem Gespräch ersichtlich wird, handelt es sich bei „diesem schönen Stück“ um die Leiche eines jungen Mädchens, dessen Wert leider etwas herabzusetzen sei, da sie – „zwischen den Beinen erkennbar – missbraucht wurde“. So schwarz und so trocken der Humor ist, der von der Gruppe „Hotel Modern“ aus Holland hier vorgesetzt wird, so treffen doch viele ihrer Aussagen den Nagel auf den Kopf. Der Besuch im Europapark, in dem eine von drei Krabben sich angesichts des Arc de Triomphe an die Zeit ihrer Verlobung mit ihrem Mann erinnert – „der damals noch nicht im Rollstuhl saß“ – lässt von einer Sekunde auf die andere das Publikum in einer Achterbahn der Gefühle talwärts und wieder hinauffahren. Die männliche Krabbe zeigt auf das daneben aufgebaute „Nazi-Konzentrationslager Auschwitz“, das in Miniatur zu sehen ist, und dessen Schriftzug aufgrund des kleinen Maßstabs schwer zu lesen ist. So wird aus „Arbeit macht frei“, „Arbeit macht Blei“, was dahingehend interpretiert wird, dass Arbeit an sich etwas schwer zu Ertragendes ist und mit Blei dafür die adäquate Metapher gefunden wurde. Lachend wendet sich die Krabbe von den winzigen Baracken ab und verleiht seiner Freude lautstark Ausdruck, einen so schönen Nachmittag schon lange nicht mehr erlebt zu haben.

Was sich Pauline Kalker, Herman Helle, Arlène Hoornweg, Arthur Sauer und Ineke Kruizinga mit ihrer Krabbengeschichte ausgedacht haben, ist, großes Betroffenheitstheater so zu verpacken, dass die Spielzeit von einer Stunde zu kurz erscheint. In über 30 kurzen Sequenzen breitet „Hotel Modern“ ein Kaleidoskop unseres täglichen Lebens vor uns aus, angefangen von den Zuständen in einer Autowerkstatt, einem Operationssaal oder einem Restaurant, bis hin zur Mondlandung, einer Teufelsaustreibung oder einem Liebesakt im Doppelbett. Ihr Theater spielt sich auf mehreren Ebenen gleichzeitig ab. Nicht nur, dass wie in den Fabeln von Äsop hier die Tierwelt menschliche Züge trägt, sondern das Spiel, die Agitation mit den Krabben ist, wendet man seinen Blick von der Leinwand auf die Spieler, parallel mitzuverfolgen. Die Scheinwelt des allgegenwärtigen Mediums Film führt sich mit einem Augenschlag von uns ad absurdum. Schöner und subtiler kann Medienkritik wohl nicht präsentiert werden. Großen Anteil am Gelingen hat Arthur Sauer, seines Zeichens Komponist, denn er begleitet das Stück über mit Live-Einspielungen und Liveacts, welche die akustische Untermalung der Szenerie bieten. Dass die hoch technisiert ausgestattete Bühne angesichts der eindrucksvollen Szenen auf der Leinwand dennoch in den Hintergrund tritt, ist dem Phänomen der großen, bewegten Bilder geschuldet. Wobei wieder bewiesen wäre: Der Mensch, das Augentier, will getäuscht werden! Ein großer, zeitgeistiger als zeitgeistig verpackter Theaterabend, der Schwarz und Weiß so nebeneinander präsentiert, dass einem dabei schwindlig werden könnte.

Histoire de crevettes (photo: Pauline Kalker)


Dans le cadre du festival « Giboulées de la Marionnette », Le-Maillon  à Strasbourg a proposé une production qui a – dans tous les sens du terme – débordé du cadre !
« Histoire de crevettes » est une parabole de la vie humaine de nos jours – mimée par de petites crevettes animées, en partie costumées et « accessoirisées ». Pour rendre le jeu des petits fruits de mer visible pour le public –  il s’agit véritablement d’une centaine de crevettes que l’on achète pour chaque représentation au marché aux poissons –  l’action des « crevettistes » est filmée en direct et projetée sur grand écran. Les acteurs « humains » se déplacent entre plusieurs grandes tables sur la scène. Sur les tables on a installé de petits décors dans lesquels les crevettes, animées par des bâtonnets ou des fils font sortir leur coté humain.

Les deux premiers tableaux annoncent tout de suite l’action de la soirée. Un simple cercueil en bois entouré de roses en plastique montre que nous nous trouvons en plein milieu d’un enterrement. Après quelques instants visuels très intenses, une crevette, un haut-de-forme noir sur la tête, tapote sur le micro pour faire un test-test-test-son. Une deuxième bestiole  commence à balayer le sol devant le cercueil tout en conversant avec l’employé des pompes funèbres chargé de la technique. Mais contrairement à toute attente, la conversation n’a rien à voir avec le mort dans le cercueil, loin de là ! La « femme de ménage » se moque d’une œuvre d’art contemporaine accrochée au mur, qui, à son avis, n’est qu’un nid à poussière incroyable, pratiquement impossible à nettoyer. Le public, au début consterné par la scène bascule illico dans la gaieté. Ce qui peu de temps auparavant avait été pesant, virevolte joyeusement dans les airs. Mais avant que la vague humoristique puisse emporter le public dans les plus hautes sphères du bien être, on « coupe » ! Une crevette gémit sur un lit d’hôpital tout blanc. D’après ses bruits de respiration et les encouragements de la sage-femme à coté d’elle, la crevette est sur le point d’accoucher d’un petit. Et en effet, peu de temps après, le bébé est devant elle sur le lit – dans une mare de sang.
La vie et la mort ! Les récits et les petites histoires de crevettes tournent autour de ce cercle humain qui se répète éternellement. Elles  n’épargnent rien ni personne et mettent un miroir sous le nez des femmes et des hommes dans la salle. Le message qui leur est destiné, une fois transformé en « état de crustacés » est néanmoins beaucoup plus facile à digérer que si tout cela était réellement joué par des actrices et acteurs. Quelques scènes débordant d’humour plus noir que noir illustrent à la perfection l’idée de la cruauté de la vie qui est omniprésente et en même temps son absurdité qui n’est supportable qu’en ouvrant une soupape grâce à l’humour noir justement. Un bel exemple est la scène où on voit des crevettes, portant toutes sortes d’objets d’art et d’autres bricoles – comme dans la série kitch et bric à brac  – qui font la queue pour soumettre leurs trophées à un expert qui doit les expertiser.  Quand la caméra, après avoir balayé rapidement la foule des amateurs d’art, arrive enfin à la table des experts, elle filme une poupée articulée en gros plan qui est méticuleusement inspectée par trois crevettes. Il ressort de la conversation que cette « belle pièce » est en fait le cadavre d’une jeune fille, dont la valeur est à amoindrir, car, comme c’est facile à constater entre ses jambes, on a abusé d’elle.

Autant l’humour de la troupe hollandaise « Hotel Modern » est noir et grinçant, autant beaucoup de leurs messages font « mouche ». La scène de la visite du « Parc Europe », où, en voyant l’Arc de Triomphe, l’une des trois crevettes se souvient de ses fiançailles avec son mari, du temps où il n’était pas encore en chaise roulante, fait faire le grand huit des sentiments dans les deux sens au public à une vitesse vertigineuse. La crevette masculine montre le camp de concentration d’Auschwitz construit par les nazis en miniature. L’inscription minuscule est du coup très difficilement déchiffrable et le légendaire « Arbeit macht frei » (le travail rend libre) devient « Arbeit macht Blei (le travail fait du plomb). L’Interprétation qui s’impose est celle que le travail est quelque chose de si difficile à supporter que  le plomb semble être la métaphore adéquate. La crevette se détourne des minuscules baraquements avec un grand éclat de rire en affirmant à qui veut l’entendre que ça fait longtemps qu’elle n’a pas passé une après-midi aussi agréable.
Ce que Pauline Kalker, Herman Helle, Arlène Hoornweg, Arthur Sauer et Ineke Kruizinga ont imaginé avec leur histoire de crevettes, c’est de tourner du grand « théâtre de consternation » de telle sorte, que l’heure que dure le spectacle passe en un clin d’œil. En 30 brèves séquences « Hotel Modern » déplie un caléidoscope de notre vie quotidien devant nous : Commençant par les évènements dans un garage en passant par une salle d’opération ou un restaurant, jusqu’à l’alunissage, un acte d’exorcisme et un acte d’amour dans un lit double – tout y passe ! Le théâtre se passe à plusieurs niveaux en même temps. Non seulement que le monde animal – tout comme dans les fables d’Esope – montre des traits humains, mais on peut également suivre l’animation des crevettes en détournant le regard de l’écran pour observer directement les animateurs. Le monde fictif du média « film » devient d’un seul coup, et par lui-même, absurde. On peut difficilement imaginer une critique des médias  plus belle ou plus subtile.

Une belle part de la réussite du spectacle peut être attribué à Arthur Sauer, compositeur à ses heures, car il accompagne la représentation en direct, entre autres avec des « Liveacts » qui constituent l’illustration sonore du spectacle. Les scènes impressionnantes projetées sur l’écran et le phénomène des immenses images animées font presque oublier la véritable scène qui est pourtant d’une très haute technicité. Ce qui prouve une fois de plus que l’homme, dominé par son coté visuel, demande à être trompé !

Une grande soirée de théâtre dans l’air du temps, emballé dans un esprit contemporain qui présente le noir et le blanc côte à côte – tant et si bien qu’on en a le vertige !

Texte traduit de l’allemand par Andrea Isker

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