Alles, was das Herz begehrt

Nagy Vásárcsarnok, Außenansicht, 2005

Die große Markthalle in Budapest (c) Aktron / Wikimedia Commons

Eines der markantesten Gebäude in Budapest ist die große Markthalle (Nagy Vásárcsarnok), offiziell Zentrale Markthalle (Központi Vásárcsarnok) genannt. Sie befindet sich nur wenige Schritte von der Freiheitsbrücke und der Wirtschaftsuniversität entfernt und ist bestens an den öffentlichen Verkehr angebunden. Das muss sie auch sein, denn wer dort hineingeht, um einzukaufen, kommt garantiert mit vielen Schätzen beladen wieder heraus. Mit 10.000 Quadratmetern ist sie eine der größten Markthallen in Europa und nicht nur wegen ihres lukullischen Angebotes sehenswert.

Auch die Architektur ist beeindruckend und ein typisches Beispiel jener Zeit, in der Ungarn und Österreich ein und denselben Herrscher hatten. Der Austausch der Architekten zwischen Wien und Budapest in der Zeit Kaiser Franz Joseph I, der 1867 auch zum König von Ungarn gekrönt wurde, ist noch heute den beiden Stadtbildern anzusehen. Als in Wien die Ringstraße erbaut wurde, erlebte auch Budapest eine Hausse in der innerstädtischen Bebauung. Was nur wenige wissen: 1897 wurden exakt am selben Tag nicht nur die große Markthalle, sondern auch vier weitere in Budapest eröffnet. Das hat nichts mit einem Zufall zu tun, sondern kam aufgrund einer Weisung des Gesundheitsministeriums der Österreich-Ungarischen Monarchie zustande. Es hatte den bis dahin üblichen, offenen Verkauf von Lebensmitteln direkt von Pferdekarren entlang der Andrasy ut – heute der prächtigsten und teuersten Einkaufsstraße Budapests – und jenen entlang der Donau aus Hygienegründen verboten. Für die Aufrechterhaltung der Nahversorgung der Stadt wurden aus diesem Grund zugleich fünf Markthallen geplant und gebaut, die es heute, nach Renovierungen in den 80er Jahren, alle noch gibt.

Teilansicht der großen Markthalle (c) European Cultural News

Teilansicht der großen Markthalle noch mit der Weihnachtsdekoration, aufgenommen Anfang Jänner 2016 (c) European Cultural News

Die große Markthalle, wie auch die kleineren Schwestern und Brüder, basieren auf einer für damalige Zeiten höchst modernen Stahl-Glas-Konstruktion, wenngleich auch von unterschiedlichen Architekten ausgeführt. Der Grundriss der großen Markthalle, geplant von Samuel Petz, gleicht der einer Kathedrale mit einem Lang- und zwei Seitenschiffen. An den Ecken wurden zusätzlich große Türme aufgezogen. Eröffnet wurde sie in Anwesenheit von Franz Josef I. Ein Zeichen, für wie wichtig diese städtebauliche Maßnahme erachtet wurde.

Genug Geschichte. Wer sich heute in die Markthalle begibt, findet ein breit gefächertes Angebot von Waren vor. In der zentralen, ebenerdigen Halle, die nicht geheizt ist und im Winter die Lebensmittel auch ohne Kühlung wunderbar frisch hält, findet sich alles, was Herz und Magen begehren. Dass die Ungarn und Ungarinnen gerne Fleisch essen, fällt sofort auf. Es gibt unzählige Stände, die Frischfleisch verkaufen. Hauptsächlich Schwein, aber auch jede Menge Geflügel. Vom Huhn bis hin zu Ente und Gans ist alles fein säuberlich aufgeschlichtet. Und nicht nur die Gusto-Stückerln.

Sämtliche Innereien, aber auch Schweine- oder Hühnerbeine, unerlässlich für Suppen und Fonds, aber auch Speck in allen Varianten, bis hin zu Grammeln, oder wie man in Deutschland dazu sagt, Grieben und nicht zu vergessen Gänsefett, werden verkauft. Wer gerne Gänsestopfleber isst, findet hier mehrere Stände, die diese Delikatesse nicht nur bereits fertig als Pasteten in Dosen, sondern auch frisch, meist vakuumiert, anbieten.

Gänseleberpastete in der Markthalle in Budapest (c) European Cultural News

Gänseleberpastete in der Markthalle in Budapest (c) European Cultural News

Ungarn ist neben Frankreich eines jener Länder, in denen dieses Nahrungssmittel eine lange kulinarische Tradition aufweist, ja mehr noch: Ein nicht unerheblicher Anteil der ungarischen Produktion wird sogar nach Frankreich exportiert. Rindfleisch ist auch zu finden, wenngleich seltener, aber von sehr schöner Qualität. Auffallend ist natürlich die große Palette an unterschiedlichen getrockneten Würsten. Salami in jeder Ausführung, aber, wenngleich nur an wenigen Ständen, auch frische Brat-, Leber- und Blutwürste und ein bereits fertig gewürztes Brät, mit dem man wunderbar Gemüse und Kartoffel füllen kann. Wer sich so etwas kauft, der muss schon in Budapest selbst eine Küche benutzen dürfen oder besitzen, denn diese frischen Würste sind für einen weiten Transport leider ungeeignet. In eine Thermostasche verstaut, ausgestattet mit Cooling-Packs, überstehen diese aber zumindest in der kalten Jahreszeit eine Fahrt bis nach Wien.

Neben Fleisch gibt es eine wunderbare Auswahl an Obst und Gemüse. Wobei die vielen Arten von Paprika, begonnen vom Frische-Angebot, bis hin zu den getrockneten Schoten, im wahrsten Sinn des Wortes ins Auge stechen.

Parika scharf und frisch (c) Markthalle Budapest (c) European Cultural News

Parika scharf und frisch (c) Markthalle Budapest (c) European Cultural News

Ob von der Decke oder den Tischen der Buden hängend, oder auch so aufgebaut, dass man direkt mit der Nase drauf stößt – an rotem, ungarischem Paprika kommt man nicht vorbei. Und kann diesen auch fein pulverisiert in den unterschiedlichsten Geschmacksrichtungen in kleinen Säckchen oder Dosen mitnehmen. Ein unerlässliches Gewürz in der ungarischen Küche, das nicht nur Gulasch oder Pörkölt seinen unvergleichlichen Geschmack verleiht. Auch im Liptauer ist er zu finden. Wer diesen einmal frisch kaufen möchte, der kann dies an einem der großen Stände nahe des Haupteingangs tun.

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Dort gibt es nicht nur frischen Liptauer, der in kleine Plastikbehälter für die Kundschaft abgepackt wird, sondern auch bröseligen Topfen – unerlässlich für eines der Nationalgerichte –Topfen-Haluschka (túrós csusza). Beim selben Stand gibt es eine wahre Spezialität, die man sich wirklich nicht entgehen lassen sollte, wenn man gerne kocht. In Plastikkübeln stehen dort, fein nebeneinander gereiht, fertiger Powidl, Hagebuttenmark, eingekochte Kirschen und eine Art Marillenröster.

Powidl, einkochte Marillen und Kirschen und Hagebuttenmark (c) European Cultural News

Powidl, einkochte Marillen und Kirschen und Hagebuttenmark (c) European Cultural News

Unerlässlich für Mehlspeisen, wer sich aber die Backarbeit nicht antun möchte, der kreiert daraus köstliche Desserts mit Joghurt, Rahm oder Eis. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Weil wir schon bei den süßen Naschereien angelangt sind: Selbstverständlich gibt es auch hier viel Lokales wie Mohn- oder Nussbeugerl, frisches Germgebäck, bei unserem Besuch im Jänner auch noch jede Menge Kekse, Torten und Kuchen.

Noch ein kleiner Tipp für Feinspitze: Wer genau schaut, der findet an einigen Ständen russischen Kaviar. Nicht nur die üblichen Varianten sind zu finden, sondern auch der viel mildere, weil weniger gesalzene Malossol findet seine Abnehmer – zu Preisen, von denen man westlich von Ungarn nur träumen kann. Ein wohl martkhistorisches Überbleibsel aus Zeiten, in denen der Kommunismus vom Ural bis zur Donau die besser betuchtere Bevölkerung mit diesem Luxus versorgte.

Im Souterrain befindet sich seit Kurzem eine Aldi-Filiale, einige Stände mit einer weiteren Spezialität: Eingelegtem Gemüse, das kunstvoll geschichtet, die Kundschaft aus seinen Gläsern anlacht.

Eingelegtes Gemüse in der Markthalle Budapest (c) European Cultural News

Eingelegtes Gemüse in der Markthalle Budapest (c) European Cultural News

Die Fischstände sollte man morgens besuchen, am Nachmittag haben alle, bis auf zwei, schon geschlossen. Und wer Lust hat, kauft sich zur Erinnerung noch ein kleines Mitbringsel für die Küche. Kleine Gulaschkessel, zum Anrichten auf dem Tisch, oder hölzerne Kochlöffel mit Smiley-Branding erinnern auch noch nach Jahren an den Besuch der Markthalle.

Im ersten Stock, in einem schmalen Gang, der rund um die Markthalle verläuft und einen guten Ausblick auf die Stände darunter bietet, werden neben kitschigen, touristisch ausgelegten Handwerksprodukten auch schöne Stickerein und Lederwaren angeboten. Wer suchet, der findet, ist hier die Devise. Wir fanden Gefallen

Perlenbestickte Armbänder aus der Markthalle Budapest (c) European Cultural News

Perlenbestickte Armbänder aus der Markthalle Budapest (c) European Cultural News

an perlenbestickten Haarreifen und Armbändern, die eine der Frauen vor Ort stickte. Wen nach all den zur Schau gestellten Köstlichkeiten der Hunger überkommt, der kann im ersten Stock auch an einigen der Ständen warme Mahlzeiten erwerben. Haute cuisine wird hier nicht angeboten, wer das erwartet, ist hier fehl am Platz. Was hier gekocht wird, ist mit ungarischer Hausmannskost gut umschrieben. Pörkölt – zu deutsch Gulasch, Gulyas – zu deutsch Gulaschsuppe, Kohlrouladen in unterschiedlichen Varianten und vor allem jede nur erdenkliche Art von gebratenen Würsten mit verschiedenen Beilagen, aber auch süß gefüllte Palatschinken. Schön, dass sich Döner und Pizza hier noch nicht ausbreiten konnten. Muße darf man sich bei der Konsumation allerdings nicht erwarten. Der Andrang ist riesig, der Gang mit den schmalen Tischen und hohen barhocker-ähnlichen Stühlen selbst schmal, aber wenn man keine Platzangst hat, dann darf man sich die Gerichte mitten im Trubel der vielen Touristen, hier auch schmecken lassen.

Wer die große Markthalle in Budapest öfter besucht, der kennt bald auch die Gesichter der Verkäuferinnen und Verkäufer. Eine hohe Fluktuation gibt es hier nicht wirklich. Schließlich sind viele Stände auch schon seit Jahrzehnten in Familienbesitz. Auch wenn es in einigen Artikeln im Internet heißt, dass das Angebot dieser Markthalle überteuert sei und auf Touristen ausgerichtet: Unser Eindruck, aus der Sicht von kulinarisch interessierten Menschen und Viel-Kochern ist der einer großen und qualitativ sehr guten Auswahl, zu Preisen, die unter dem österreichischen Niveau liegen. Und last, but not least: Wo sonst als auf Märkten und in Markthallen kann man mittlerweile Lebensmittel in jeder erdenklichen Maß- und Gewichtseinheit noch offen erwerben?

Fazit: Sehens- verkostens- und kaufenswert!

Wer mehr über die Markthallen von Budapest erfahren will, findet hier einen sehr informativen Artikel auf Englisch, der nicht nur die Geschichte, sondern auch die heutige Nutzung der fünf Hallen sehr gut beschreibt.

Hier finden sich, ebenfalls auf Englisch, Videos, Termine und das Angebot einer 4-stündigen Führung und Verkostung in der großen Markthalle.

Hier ein Artikel über die Kaffeehäuser in Budapest: Kaffehäuser in Budapest: Ein Wintermärchen

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