Die Mittelschicht geht unter

Bei einem Ausstellungsbesuch ist man in den meisten Fällen mit einer gewissen Vorerfahrung zur Künstlerin oder zum Künstler ausgestattet und gespannt, ob sich diese bestärkt oder ob neue Erfahrungsmomente dazukommen. In der Secession in Wien ist dies im Hauptsaal derzeit aber ganz anders. Dort hat die österreichische Künstlerin Lisl Ponger eine Show mit dem Titel „The vanishing middle class“ zusammengestellt. Diese findet in ihrem eigens dafür errichteten „Museum für fremde und vertraute Kulturen“ abgekürzt MUKUL statt. In mehreren, hintereinander zu betretenden Räumen errichtet die Künstlerin, die sonst für ihre Film- und Fotoproduktion bekannt ist, ein Szenario, das aufzeigen soll, dass sich die Mittelschicht der westlichen Hemisphäre in Auflösung, bzw. im Verschwinden befindet. Ihr Zugang dabei ist jener Blick, den gewöhnlicherweise EthnologInnen auf fremde Völker anwenden, wenn sie deren kulturelle Leistungen komprimiert in völkerkundlichen Museen oder spezialisierten ethnologischen Sammlungen präsentieren. Hauptbestandteil sind, wie schon erwähnt, Räume, die verschiedenen Themenkomplexen gewidmet sind. Darin befinden sich, ordentlich in Schaukästen verpackt, Dinge, die ein Abbild für bestimmte Lebensbereiche darstellen und – wie im Titel schon angekündigt – mit dem Verschwinden ihrer Benutzer – ebenso bedroht sind.

So wandert man entlang der Themenbereiche „Der Aufstieg der westlichen Mittelschicht“, „Die Mittelschicht in Gefahr“, „Vom Spiel nach Regeln zum Ausspielen des Systems“, „Schaustücke für die Nachwelt“ oder „Die aufstrebenden Mittelschichten“ um schließlich in einen Abschlussraum zu gelangen, in welchem großformatige Fotos von Ponger präsentiert werden, die mit dem zuvor Gezeigten in Relation stehen.

Die Wahrnehmung der Besuchenden schwankt dabei beständig zwischen einer Belustigung ob der ironischen Sichtweise auf so manche übliche Lebenspraxis, die sich im Museumskontext als reichlich skurril erweist. Aber auch einer zustimmenden Betroffenheit, wo Entwicklungen des Neoliberalismus aufgezeigt werden, deren Auswirkungen zwar Wirtschaftskrisen und Kapitalverschiebungen ungeahnten Ausmaßes mit sich brachten, denen man im Moment weltweit jedoch weder politisch noch ökonomisch ein korrigierendes Gegengewicht entgegensetzen kann oder will. So wird gleich im allerersten Raum das Feiern von Faschingsfesten näher untersucht, wobei historische Fotos von Faschingsfesten der Secession sowie verschiedene Kopfbedeckungen und Verkleidungen ausgestellt werden. Ganz im Sinne von ethnologischen Untersuchungen, die sich sehr oft ritualisierten Ausnahmezuständen von Völkern widmen. In unmittelbarer Nähe hat die Künstlerin einen Tisch und einen Sessel aus dem Café Prückel mit einem Foto kombiniert, welches das Interieur des beliebten Cafés gegenüber des MAK zeigt. Ponger ist selbst Stammgast in diesem Lokal, das pars pro toto für die Wiener Caféhauskultur steht, in welcher sich KünstlerInnen, Intellektuelle, aber auch Wirtschaftstreibende bis hin zu politisch Aktiven treffen und dabei nicht selten zukunftsbeeinflussende Entscheidungen wälzen. Oder sollte man diesen Satz getreu Pongers Ausstellungskonzept, nachdem ein solches Tun ein kulturhistorischer Bestandteil ist, der dem Untergang geweiht ist, nicht besser gleich in die Vergangenheit setzen? Alleine an diesem kleinen Beispiel lässt sich aufzeigen, dass Pongers Spiel zwischen lustvollem Ausstellungserleben und kritischer Hinterfragung sozio-kultureller Phänomene perfekt funktioniert. Man sollte sich für die Betrachtung der einzelnen Gegenstände, auch wenn sie einem noch so vertraut erscheinen, ruhig Zeit lassen und die Anordnungsreihen ihrer Präsentation Schritt für Schritt aufnehmen. Dabei wird klar, dass die ausgestellten Objekte in eine direkte Bedeutungsinteraktion zueinander treten, die sich quasi wie von selbst aus unserer Kenntnis der jüngsten ökonomischen Krisengeschichte ergeben.

So wird ein „Emergency evacuation kit“, das von den Lehman Brothers nach 9/11 an seine Mitarbeiter verteilt wurde, zum skurrilen, nutzlosen Objekt, ja sogar zu einem den Untergang dieser Bank beschwörenden Menetekel. Gerade der Blick aus unserer Gegenwart in unsere unmittelbare Vergangenheit wird immer wieder dafür benützt, um die rasante wirtschaftliche Entwicklung mit ihren Fehlrichtungen aufzuzeigen. Golfbälle mit den Logos von Banken versehen, Briefe und Briefmarken aus Steuerparadiesen, oder auch ein österreichisches Banken-Brettspiel aus den 70er Jahren verweisen darauf, dass die Erwirtschaftung von Kapital längst losgelöst von einer Waren produzierenden Gesellschaft zu einer eigenständigen Finanzdienstleistungsgesellschaft mutierte, deren Nachteil darin liegt, dass nur wenige von ihr profitieren können. Nichts davon kommt aber säuerlich-moralistisch daher, vielmehr ist es die enorm kreative Darstellung dieses Phänomens, die es ermöglicht, eine betrachtende Metaebene einzunehmen, die nicht in reinen Betroffenheitsgefühlen stecken bleibt. Wobei man sich selbstverständlich auch permanent der Fragestellung ausgesetzt sieht, ob nicht die, die zuletzt lachen, dies am besten tun. Im Bewusstsein, dass das Lachen zwischen dem Ponger´schen Museumsuniversum beileibe nicht das Letzte ist kann einem dabei das Lachen schon einmal im Hals stecken bleiben.

Mit Gipsabdrücken, sogenannten „Lebendabgüssen“ von vanishing people setzt die Künstlerin ein emotional aufwühlendes Highlight. Mit diesen Objekten wird der Transfer ins eigene Lebensumfeld offenkundig und bleibt wie ein unentwirrbarer Knäuel im Gedankenkonstrukt um die eigene Zukunft hängen. Da gerieren sich auch die Aufzählungen einer Reihe von Protestbewegungen nur als Randbemerkungen zum allgemeinen Untergangsszenario, das noch dazu eine Endlosschleife findet. In den letzten Schaukästen verweist Ponger auf die neuen, aufstrebenden Wirtschaftsmächte, vor allem auch auf das Geschehen in China, in welchem sich die Entwicklung des Westens zu wiederholen scheint.

Mit der „Sonderausstellung“ innerhalb des MUKUL, im letzten Raum, die sich „Wild places“ betitelt, verweist Ponger wiederum in ironischer Art und Weise in ihren großformatigen, konstruierten Fotos, auf die Rolle von KünstlerInnen im ethnographischen Umfeld. Als eines jener Highlights, die sich auch als direkten Bezug zur zuvor gezeigten vanishing people Präsentation erweist, kann jenes Bild bezeichnet werden, in welchem Ponger selbst sitzend von hinten fotografiert wurde. Eingehüllt in einen bunt bedruckten Mantel mit dem in Österreich allseits bekannten Meinl-Logo blickt sie in eine gemalte afrikanische Landschaft, aus der ihr schwarze Lastenträger entgegenkommen. Pointierter kann Ponger ihre eigene Rolle als Künstlerin, deren Hauptinteresse in der Konstruierung von kulturellen Identitäten liegt, nicht aufzeigen.

Ganz Aufmerksame erkennen auch noch jene Schmiererei, die sich an einer Außenwand des MUKUL befindet. Dort verweist der Schriftzug „Nieder mit dem Neo-Imperialismus“ auf die schon länger in Gang gesetzte Debatte um die Berechtigung von ethnologischen Museen. Damit greift die Künstlerin etwaigen – wenngleich auch nur konstruierten Angriffen gleich selbst voraus und macht jede Kritik aus dieser Ecke hinfällig.

Mit diesem institutionskritischen Hinweis gelingt Lisl Ponger ein Spiel im Spiel im Spiel. Die Ausstellung wäre wunderbar zur allgemeinen Erheiterung einsetzbar, wäre der Inhalt nicht dermaßen brandheiß, dass er uns permanent auch abseits des Ausstellungsbesuches, unter unseren Nägeln brennt. Das politische Statement selbst, welches diese Präsentation darstellt, ist unübersehbar, wenngleich wahrscheinlich von bestimmten wirtschaftliche Interessen Vertretenden wenig erwünscht.

Die Ausstellung begleitet ein Katalog mit informativen Texten von James Clifford, Yvette Mutumba und Tim Sharp. Letzterer untersucht den Aufstieg und Fall der Mittelschichten von England und den USA und zitiert dabei aktuelle Literatur, in der auf die Ungleichverteilung von Land und Kapital sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart erhellend hingewiesen wird.
Sehenswert!

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