Die Vergangenheit lässt sich nicht abschütteln

Die Gräuel des Naziterrors auf die Bühne zu bringen, auf eine Opernbühne noch dazu, ist eine spezielle Herausforderung. Nicht nur, dass die Musik dafür erst in einer adäquaten Form erklingen muss, auch die Geschichte selbst muss authentisch sein und zutiefst berühren. Und das ohne Kitsch oder falsches Pathos. „Die Passagierin“ ist ein viel zu wenig bekanntes Meisterwerk, welches in den 60er Jahren von Mieczyslaw Weinberg vertont wurde.

Die Passagierin Foto Oper Frankfurt (c) Barbara Aumüller

Die Passagierin Foto Oper Frankfurt (c) Barbara Aumüller

Das Libretto von Alexander Medwedew wurde nach einem Roman von Zofia Posmysz verfasst. Posmysz, die als politische Gefangene selbst in Auschwitz und Ravensbrück interniert war, erinnert in ihrem Buch aus dem Jahr 1962 an reale Personen. Das Liebespaar Marta und Tadeusz, die darin vorkommen, hat es tatsächlich gegeben. Weinberg beendete seine Partitur 1968 in der Sowjetunion, in die er während des Krieges geflohen war. Die Oper, die im Rahmen der Wiener Festwochen im Theater an der Wien leider nur zwei Mal gezeigt wurde, war eine Übernahme einer Aufführung der Frankfurter Oper. Inszeniert wurde sie von Anselm Weber, der sich der Herausforderung zu stellen hatte, dem Publikum zumindest eine Ahnung davon zu vermitteln, was in einem Lager wie Auschwitz geschehen war und welche Nachwirkungen das Grauen noch Jahrzehnte später in den Menschen hervorrief. Katja Haß setzte in ihrem herausragenden Bühnenbild die beiden schwierigen, räumlichen Situationen, zwischen denen zwei Erzählstränge permanent wechseln, plausibel um. Sowohl der Passagierdampfer als auch die Situation im Lager in Auschwitz konnten durch die Drehbühne innerhalb weniger Augenblicke visualisiert werden.

Die Geschichte zeigt, wie sich das deutsche Wach- und Aufsichtspersonal von Auschwitz noch während seines Dienstes in dem Lager von jeder Schuld freispricht. „Wir führen ja nur Befehle aus“ ist an einer Stelle zu hören. Darüber hinaus wir aber auch die Solidarität unter den gefangenen Frauen deutlich, sowie die Ausnahmen dieses Zusammenhaltes durch eine Denunziantin. Die Erlebnisse der Häftlinge haben in Lisa, einer ehemaligen KZ-Wärterin tiefe Spuren hinterlassen. Das Zusammentreffen mit Marta, einer ihrer ehemaligen Gefangenen, auf einem Schiff, mit dem sie gemeinsam nach Brasilien fahren, entlarvt schließlich ihre Vergangenheit, die sie vor ihrem Mann verbergen wollte.

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Mieczyslaw Weinberg, der seine jüdische Familie ebenfalls im Krieg verlor, verwendete nicht nur ein Libretto mit mehreren Sprachen – Deutsch, Polnisch, Englisch, Jüdisch, sondern auch unterschiedliche musikalische Stilmittel. Steht er in einigen Passagen der zweiten Wiener Schule nahe, besonders in jenen, in welchen sich das deutsche Ehepaar Walter und Lisa über das Geschehen in Auschwitz unterhalten, lässt er an anderen Stellen das Dur und Mollgefüge durchblitzen.

Während die Bläser und Schlagwerker den Streit zwischen Walter und seiner Frau zu Beginn heftig unterstützen und damit scharfe, laute Klänge erzeugen, wird Marta in ihren Arien meist nur mit leisen Geigenmelodien begleitet. Als Lisa, die mit ihrem Mädchennamen Franz hieß, das erste Mal auf dem KZ-Hof auftritt, spielt das Orchester eine höchst schräge Fassung des Volksliedes „O du lieber Augustin“, eine direkte Anspielung auf jene sagenumwobene Wiener Gestalt, die betrunken eine Nacht in einem Massengrab verbrachte, dem er ohne Schaden genommen zu haben, lebend entstieg.

Das Gebet einer Christin im Lager lehnt sich wiederum stark an orthodoxe Gesänge an. Weinberg scheute sich auch nicht, die Melodie des bekannten Chansons „padam, padam, padam“ von Edith Piaf zu verwenden. Er verwendet sie für jenen Walzer, den der Lagerkommandant von Tadeusz, der Musiker ist, unbedingt hören möchte. Dass diese Melodie von Norbert Glanzberg stammt, ist sicher kein Zufall. Glanzberg, jüdischer Abstammung, musste von den Nazis nach Frankreich fliehen und überlebte den Krieg als U-Boot untergebracht, auch bei Piaf selbst. In vielen Momenten illustriert die Musik das Geschehen direkt – so unterstreichen laute Percussion-Schläge und scharfe Bläser auch jene Momente, in welchen jüdische Häftlinge von ihren Kameradinnen getrennt und ins Gas geschickt werden. Bei einer Soiree auf dem Dampfer tanzen die Passagiere zu Jazz, der von einer kleinen Combo direkt auf der Bühne gespielt wird.

Anselm Weber stellt in den Schiffs-Szenen die ehemalige Wärterin Lisa, gekleidet in bunten 60er-Jahre Kleidern, Marta ganz in Schwarz gegenüber. Walter bekommt die Seelenpein seiner Frau nur am Rande mit – er ist damit beschäftigt, sich mittels Lektüre seine Informationen über den Krieg zu holen und schreitet mit einem Buch in der Hand durch Zeit und Raum. Vergessen ist weder für die Opfer noch für die Täter möglich. Für die einen wird es zur Pflicht, das Gedenken an die Leidensgenossinnen und –genossen aufrecht zu erhalten, für die anderen wird ihre Mithilfe im unmenschlichen System zur lebenslangen Gewissensplage.

Das Ensemble, allen voran Tanja Ariane Baumgartner (Lisa), Peter Marsh (Walter), Sara Jakubiak (Marta) und Tadeusz (Brian Mulligan) war bestens disponiert. Christoph Gedschold am Dirigentenpult leitete das Frankfurter Opern- und Museumsorchester sicher und einfühlsam zugleich durch die vielen schwierigen musikalischen Passagen. Ein Abend, den Wien dem scheidenden Intendanten Markus Hinterhäuser zu verdanken hat, der dieses Werk zu Recht als ein zentrales in der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts ansieht.

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