Jenny und die Faszination des Zirkus

Anlässlich des Kultursommerauftaktes in der Seestadt Aspern zeigte die Puppenspielerin Rebekah Wild ihr allerneuestes Stück für Kinder ab 4 Jahren mit dem Titel „Die Seiltänzerin“. Poetisch, einfühlsam, lustig und mit viel Freiraum zum Selberdenken.

Raus aus der U-Bahn, ein kleiner Rundblick. Keine Ahnung wo ich jetzt hingehen soll. Dann ein klärender Anruf. Tatsächlich sind es nur geschätzte 200 Meter bis zur „Fabrik in der Seestadt“, so nennt sich der kleine Bau auf dem ehemaligen Rollfeld, in dem das Kinderstück gezeigt wird. Es ist mein erster Besuch des neuen Stadtteils, dementsprechend orientierungslos bin ich noch. Bei der „Fabrik“ angekommen sehe ich eine Kindergartengruppe, die geduldig im Schatten auf Einlass wartet.

Die „Fabrik in der Seestadt“ ist eine richtige Black box, wunderbar für Aufführungen wie diese geeignet. Am Boden vor der Bühne gibt es weiche Pölster auf denen es sich die Kleinen gemütlich machen. Dann tritt Rebekah Wild gemeinsam mit Nene Lazaric auf. Sie erzählen woher sie kommen und wie lange es braucht, wenn sie nach Hause reisen. Schon ist der Bogen nach Neuseeland gespannt. Dem Heimatland von Rebekah Wild, die seit einigen Jahren in Wien lebt. Sie ist international als Puppenspielerin unterwegs, deren Künste nicht nur im Kindertheater gefragt sind.

Und dann geht es richtig los. Nene Lazaric verwandelt sich in einen Zirkusdirektor mit Zylinder und Bart, versteht sich. Und Wild stellt sich an die Seite von Jenny, jenem kleinen Mädchen, das der erste Zirkusbesuch so verzauberte, dass sie sich von da an nichts mehr sehnlichster wünschte als auch im Zirkus Kunststücke zu machen. Jenny folgt dabei fortwährend ihrem Herzen und lernt auf große Gerüste zu klettern und mit Stelzen zu gehen. Sehr zum Missfallen des Zirkusdirektors, der ihr zu verstehen gibt, dass das viel zu gefährlich für sie sei. Schon sind die Kinder auf seiner Seite und rufen während Jennys waghalsiger Turnübungen immer wieder: „Komm da runter, das ist viel zu gefährlich!“ Einen besseren Beweis gibt es nicht um zu zeigen, wie gut das Stück bei den Kindern ankommt. Hannah Marshall sorgte mit ihrer Musik dafür, dass sich in Windeseile das Zirkusflair im Theaterraum verbreitete.

Immer wieder muss Jenny sich den Vorstellungen des besorgten Zirkusdirektors beugen, aber ihr Entdeckergeist und ihr Bewegungsdrang sind so groß, dass sie von ihrem Traum nicht ablässt. Ein rosaroter Luftballon und eine rosarote Schleife sind kleine Attribute, die Jennys Kindlichkeit illustrieren und bezaubernd in Szene gesetzt werden. Eine Verfolgungsjagd, bei der Jenny dem ständig maßregelnden Herrn auf Stelzen davonläuft, löst wahre Lachanfälle bei den Kindern aus.

Die Zeit vergeht und aus dem kleinen Rotschopf wird eine elegante junge Frau in rotem Samtkleid. Nun ist sie groß genug, um tatsächlich im Zirkus aufzutreten. Nicht als Akrobatin, aber immerhin als Zauberin. Die Kinder staunen über wandernde Tüchlein und sich vermehrende Silberringe und sehen, dass der Traum vom kleinen Mädchen Wirklichkeit geworden ist. Ein großes, blaues Band, das Lazaric zum Schwingen bringt, läutet das Ende der Geschichte ein. Noch aber hat Jenny ja gar nicht auf einem Seil getanzt! „Ich glaube, da fehlt noch was in der Geschichte“, erklärt Wild ihrem staunenden Publikum und assistiert Jenny bei ihrem allerletzten Kunststück auf dem Seil.

Die Kinder waren in der knappen Stunde keinen Moment unaufmerksam. Vielmehr fieberten sie mit den Abenteuern des kleinen Mädchens aus Neuseeland mit. Die Erwachsenen spüren vielleicht, dass sich hinter dieser Geschichte noch ein Geheimnis verbirgt. Dass dabei etwas nicht ausgesprochen wird, was aber dennoch vorhanden ist. Rebekah Wild wollte das Stück schon vor 25 Jahren, als sie noch in Neuseeland lebte, zur Aufführung bringen. Während der Arbeit daran erfuhr sie, dass es die kleine Jenny tatsächlich gegeben hatte. 150 Jahre zuvor war sie die erste Zauberin, die mit einem Zirkus das Land bereiste. Nur 19-jährig starb das Mädchen in ihrem Zirkuswagen, als ein Fluss über die Ufer trat und sie darin ertrank. In jenem Fluss, der in der Erzählung von Wild auch eine Rolle spielte. „Ich glaube, Jenny wollte, dass ihre Geschichte noch einmal erzählt wird“, erklärte die sympathische Künstlerin in einem Gespräch nach der Vorstellung. Dass sie selbst 25 Jahre brauchte, um diese dann tatsächlich auf die Bühne zu bringen, kann man gut nachvollziehen. „It was a little bit spooky“, mit dieser Untertreibung bringt sie jenen Schock zum Ausdruck, der ihr für eine lange Zeit die Kraft raubte, das Stück zu Ende zu arbeiten und aufzuführen.

„Die Seiltänzerin“ ist lebendig gewordene Poesie über den Zirkus und über den Traum eines kleinen Mädchens. Es ist ein Mutmach-Stück in dem die Kleinen lernen können, was passiert, wenn man ein Ziel beharrlich verfolgt. Und es ist eine Hommage an jene Jenny, die vielleicht noch viel mehr Menschen ein selbstbestimmtes Leben vorzeigen hätte können, wäre ihr das Schicksal gut gesinnt gewesen.

Das Wild Theatre wird das Stück ab Herbst in Wien zeigen. Infos hier: http://www.wildtheatre.net/wild-theatre-productions/seiltanzerin.html

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